Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1904-02-26 · Heft 8 (26.2.1904) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 8 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2692297-2692358-2692366--00741-2695164
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 8. Reiches zu durchbrechen. Er wies alle Universitäten an. die Aufnahmegesuche von Juden nach Möglichkeit zu bewilligen und erklärte sogar in einem Erlasse, daß der eingeführte Prozentsatz auf Gewerbeschulen keine Anwendung finden dürfe. Petersburg. 140 jüdische- Aerzte haben sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. Afrika. Marokko. Die Befürchtungen, die man wegen eines Angriffs auf das Judenquartier von Marrakesch-hegte, waren zum Glück nicht in vollem Maße begründet: der Angriff'konnte abgeschlagen werden. Dennoch ist die Lage dcr Juden wie in Marrakesch, so auch in Fez und Mequiiie'-, äußerst beunruhigend, da infolge der anhaltenden Unruhen die Preise der Lebensmittel ungewöhnlich hoch sind. Die Zahl der Juden in diesen 3 Gemeinden beläuft sich aus zirka 30600. Die reicheren Juden von Fez zeigen sich sehr wohltätig, sind aber trotz Anspannung aller Kräfte nicht imstande, dem Notstände zu steuern. Die Miance Jsraelite Universelle hat 5000'Frs. zu Unterstützungen übermittelt. Was die ganz herabgekommenen Flüchtlinge aus Stat betrifft, so hat die Miance ihnen inder Sitzung vom 3. 'Februar 10000 Frs. bewilligt und konnte noch 10 000 Frs. hinzufügen, die ihr von einem befreundeten Wohltäter für denselben Zweck übergeben wurden. Personalien. Frankfurt a. M. Am 22. Februar beging Alfred Geiger seinen jiebzigjährigenGeb u r t s t a g. Ganz seinem Wesen entsprechend, flüchtete sich der Jubilar für einige Tage ans Frankfurt, um nicht Gegenstand von Ovationen zu werden. Ties konnte jedoch nicht verhiirdern, daß dem hochverdienten Manne von vielen Seiten tvarme Glückwunschschreiben und eine Fülle von kunstvoll ausgeführten Wressen übersandt wurden. Alfred Geiger, ein Glied der berühmten Frankfurter Gelehrtenfamilie dieses Namens, ist als Sohn des scharfsinnigen Dajan, Grammatikers und geistvollen Liturgisten, Rabbi Salomon Michel Geiger, Verfasser des Tihre Koheleth am 6. War 1834 in Frankfurt geboren. Im Jahre 1846 hatte der talentvolle Knabe bereits die katholische Selektaschnle mit Progymnasium absolviert, während er in das Studium der hebräische» und talmudischen Literatur von seinem gelehrien Vater selbst eingesiihrt wurde. Um sich im kausmännischen Berufe, dein sich Geiger gewidmet hatte, weiter zu bilden, ging er nach London und Liverpool. Bereits 1816 hatte Geiger die Gabelsbergische Stenographie erlernt und gewann ein solch, großes Interesse für diese Diszivlin. daß er später zum bahnbrechenden Forscher auf die'cm Gebiete geworden ist. Die hervorragenden Verdienste Geigers als Wegweiser in der Stenoaraphiekunst. insbesondere seine Uebertragungen des Gabelsberischen Systems aus 'die englische und französische Sprache, sein Wirken als Direktor des von ihm 1858 mitbegriindeten Stenographischen Instituts, seine -selbstlose Lehrtätigkeit, seine schriftstelleci chen Arbeiten aupbiefem Gebiete (u. a. sein Compendium der Gabelsbergische» Stenographie und sein deutsches Lehrbuch der Stenographie), haben anläßlich seines 50jährigen Stenographenjubiläums 20. Februar 1897 von den großen Stenographenverbänden und Instituten Teutsck-lands durch Ehrcndiplome und Ernenüung zum Ehrenmitglied gebührende Anerkennung gefunden. Auch als Schriftsteller und langjähriger Mitarbeiter der „Franks. Ztg." hat sich Geiger einen ehrenvollen Namen gesichert. Die Geschichte der Sprachwissenschaft verdankt Geiger die Herausgabe der Werke aus dem Nachlasse seines Bruders, des berühmten Philosophen und Sprachforschers Lazarus Geiger, dessen Cntwickelung'geschichte der Menschheit, insbesondere „Ursprung und Entwickelung der menschlichen Sprache und Vernunft" von grundlegender Bedeutung geworden sind. Hier soll aber in erster Reihe aus Geigers. Tätigkeit im Dienste gemeinnütziger Bestrebun-en hingew-'e'en werden. Neben seiner tatkräftigen Mitarbeit an vielen interkonfessionellen Vereinen seiner Vaterstadt, u. a. an dem Friedensverein, an denc Verein zur Abwehr des Antisemitismus, an dem Tierschutzverein nsw. usw., entfaltet Geiger eine hingehende und eminent segensreiche Tätigkeit für zahlreiche Vereine und Institutionen, religiöse und humanitäre, innerhalb der Jubenheit im "In- und Auslände. Als eins der geachtesten Mitglieder der jüdischen Gemeinde Frankfurts, innerhalb welcher er das konservctire Prinzip mit Autorität vertritt, ist Msred Geiger Vorsitzender verschiedener Institutionen, wie des Vereins „Talmud-Thora", in welchem er religiöse Vorträge hält, des Vereins „Gegenseitigkeit", des Zentralvereins für die Interessen der jüdischen Gemeinden u. dgl. Auch 'ist Geiger Geschäftsführer des Vereins zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina, Mitbegründer und Geschäftsführer des Vereins „Lemaan Zion", Schriftführer und Kassierer der Religionsschulen der jüdischen Gemeinde, Vorsitzender des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, Vorsitzender der von ihm selbst^ begründeten Haushaltungsschule, Frankfurter Jsraelitisckes Familienblatt. Mitglied des Komitees für jüdische Taubstumme in Deutschland, Vorstandsmitglied und Mitbegründer des Frankfurter Hilssvereins usw. Alle diese Vereine und Anstalten wären, dies darf ohne Uebertreibung gesagt werden, ohne die beispiellose Arbeitskraft Geigers nicht ans jene Höhe der Entwickelung angelangt, aus welcher sie tatsächlich stehen. Frankfurt a. M. Der auch in weiteren Kreisen bekannte und allgemein beliebte Gärtner Rosenthal begeht am 1. März cr. die Feier seiner fünfundzwanzigsährigen Tätigkeit im Hause der Freifrau von Rothschild; wir wünschen dem Jubilar zu seinem Ehrentage viel Glück. Berlin. Der Kaufmann Hugo Hecht hat den Kommerzienrattitel erhalten. — Herr Hugo Heilmann, Berlin und Herr Stadtrat Milch in Breslau wurde der rote Adlerorden IV. Klaffe verliehen. Pankow. Herr Sanitätsrat vr. Max Schäfer, hier ist zum Mitgliede der hiesigen Ortsschulkommission gewählt worden. — Trotz seiner geringen jüdischen Einwohnerzahl hat das 26«>00 Seelen zählende Pankow vier Juden im ehrenamtlichen Kommunaldienste, nämlich: Professor Dr. Mendel, Sanitätsrat Dr. Schäfer. Waisenhausdireklor Grunwald und vr. meä Fischer. . München» den 22. Febr. Am Mittwoch wurde 0r. med. Alfred Sternfeld int israelitischen Friedhofe dem Schoße der Erde übergeben. Es war eine große Trauerkundgebung, zu der sich mit dem Gros der Münchner Aerzteschast Trauergäste aus allen Schichten der Bevölkerung eingesunden hätten. Unter anderen waren zugegen Reichsrat Oberlandesgerichtspräsident v. Thcleniann. Oberlandcsgerichtsrnt Grimm. Professoren und Privatdozenten der Universität, Akademievrofeffor Seitz. mehrere Militäiärzte. darunter die Oberstabsärzte Dr. Schrauth und Dr Fruth, die Hoftäte Dr. Cramer, Dr. Goßniann. Dr Walther und Dr Wolfinger. Deputationen des Aerztlichen Vereins und des Bezirksärztlichen Vereins München. desZertralvereins deutscher und des Vereins bayerischer Zahnärzte, sowie der medizinischen Gesellschaft .Isis". Rabbiner Dr. Werner gab in der hoch anerkennenden Gedächmisrede einen anschaulichen Rückblick auf ein nur kurzes, aber höchst, verdienstvolles Leben voll Arbeit und Segen. Nürnberg, 19. Febr. Außerordentlich stark war gestern die Beteiligung bei der Beerdigung des Herrn Kaufmanns Salomon Forchheimer. Nach der Rede des Herrn Rabbiners Dr. Ziemlich, welcher die edlen Eigenschaften des Tahingeschiedenen rühmte und u. a. erwähnte, daß derselbe vor einigen Jahren Tausende rumänischer Flüchtlinge bei ihrer Durchreise durch Paffau auf seine Kosten gespeist hatte, ergriff Herr Rechtsrat Fleischmann das Wort, den Verlust betonend, den der städtische Armenpflegschaftsrat durch den Tod erlitten hat. Es wohnten u. a. der Beerdigung bei: Herr Kommerzienrat - Soldan namens der Handels- und Gewerbekammer von Mittelftanken sowie des Vorstandes des Handelsvertragsvereins, Herr Kaufmann Jlmg im Austrage der israelitischen Kultusgemeinde, zu deren Berwaltungsmitgliedern der Verstorbene zählte. Herr Regicrungsrat Michal im Aufträge des Nürnberger Wohltätigleits- und Wärmstubenvereins, dessen opferwilliges Vorstandsmitglied Forchheimer war, Herr Direkior Leonhardty namens der Bayer. Holzindustrie - Berufsgenossenschast. Die fteisinnige Partei vertrat Herr Justizrath Beckh. Der Verein der bayerischen Holzintereffenten hatte Herrn Direktor Schmidt von München beauftragt, am Grabe des Mitbegründers und Vorstandsmitgliedes des Vereins zu sprechen. Herr Zeltler von Paffau sprach im Namen des hiesigen kausmännischen Personals der Firma sowie des technischen Personals und der Arbeiter des Sägewerks Stromlänge bei Paffau. wobei er hcrvorhob. daß der Dahingeschiedene das Ideal eines Prinzipals, eines Arbeitgeoers gewesen. Herr Lehrer Strauß war von der Heimatsgemeinde des Verstorbenen. Welbhausen. abgeordnet, um für die vielen Wohltätigkeitsakte, welche der Dahingeschiedene ohne Unterschied der Konfession seiner Geburtsstätte angedeihen ließ, zu danken. Herr Kaufmann Xaver Jakob sprach im Namen des Bayerischen Wald-Vereins und einer Reihe von Sektionen dieses Vereins sowie einer Anzahl Holz- und Tristarbeiter aus dem Bayerischen Walde, wobei er betonte, daß Tausende von Händen im Bayerischen Walde, durch Forchheimer Beschäftigung gefunden hätten. Krotoschin. (Vorstandswahlen der jüdischen Gemeinde.) Da bei der im Oktober v. I vollzogenen Wahl von Mitgliedern des Vorstandes der hiesigen jüdischen Gemeinde ein Versehen vorgekommen war, wegen dessen die Bestätigung der damals gewählten Personen seitens der Königlichen Regierung nicht erfolgt ist. fand gestern eine nochmalige Wahl statt. Hierbei wurden die Kaufleüte A. Grünspach. Moritz Wagner und Stephan Ruhmann zu Vorstandsmitgliedern und 1. Neumark und W. Katzenellenbogen zu stellvertretenden Vorstandsmitgliedern gewählt. Budapest. Der Frau Nathan Stein, geb. Katharina Schwab, Präsidentin des Pester Israel:ti'chen Knaben-Waisenhauses, ist von Kaiser Franz Joseph „in Anerkennung ihrer Verdienste aus dem Geb'ele der Wohllätigkeit" das goldene Berdlenstkrenz mir der Krone verliehen worden. Petersburg. Dem Fräulein Minna Semaitis, einer Glaubensgenossin, ist der Stanislaus-Orden 2. Klasse verliehen worden. _Leite 8. Jüdische Frühlingsgedanken. ii.*) . . . Denk brau, was Amalek Dir tat. . . Gestürzt war die Pharaonenmacht, gelöst die Ketten, die die Jakobsfamille in Sklavenbanden hielt, und nicht im mutigen Streite für ihre Menschenrechte, nicht im blutigen Kampfe mit ihren Zwingherren, sondern in ihren Häusern, welche das Zeichen der Gottesweihe an der Schwelle trugen, hatte der Ruf zur Freiheit die „sechsmalhunderttausend Männer", getroffen. Und wie die Erlösung aus der Knechtschaft, die unmittelbare, nicht zu verkennende, allmächtige Waltung Gottes war, also stand diese große Auswanderung unter der speziellen Vorsehung und Leitung Gottes. Seine Führung eine Wolkensäule, seine Leuchte eine Feuersäule, sein Brot Man, sein Trunk der nimmer versiegende Mirjams-Born, sein Weg durch das Meer, das zur Mauer erstarrt, seinen Verfolgern aber zum Flutengrabe geworden. Da ahnten die Völker und beugten sich vor der Macht des göttlichen Waltens. „. . . . Angst hatte Philisteas Bewohner ergriffen, Edoms Fürsten erschrecken, Moabs Große erfaßt Beben, Bewohner Kanaans vergehen in Furcht." Mer ein Volk eilte zum Kampf gegen Israel herbei, ein Volk, dessen Urahn Esan und an dessen Wiege gesprochen: „In deinem Schwerte finde deinen Lebensberuf". — Dieses Volk, Amalek, zückte sein Schwert ge^en das friedlich seines Weges ziehende Heer unkriegerischer Männer, wehrloser Frauen, schwacher Kinder. Was trieb Amalek zu diesem Kampfe? Noch hatte Israel nicht die Gotteslehre am Sinai empsangen, noch nannte es nicht das Land sein Eigentum, das von „Milch und Honig" fleußt, nicht Religionshader, nicht Desitzesstreben konnte also Esaus Mannen den Kricgerstahl in die Faust gepreßt haben. Nicht Rassenhaß konnte das Enkelvolk Esaus, das ja auch Sem seinen Ahn nannte, zum Kriege gereizt haben. Und doch dürfte es keinen tiefgreifenderen Unterschied geben, als die Weltstellung Israels und Amaleks. Wie „Gott" es war, der uns in unserem Blute ersterbend zu neuem Lebeu erweckte, also soll auch fortan durch das Volks- und Staatsleben des Jakobs- Stammes die Herrschaft Gottes aus Erden proklamiert werden. Er allein unsere Stütze, unsere Kraft, aus Ihn nur bauen wir, die Treue zu Seinem Gesetz ist unser Palcidium, die Verwirflichung dieses Gesetzes die höchste nationale Aufgabe, und der Verrat an diesem Gesetze Vaterlandsverrat, und Amatek?!-Das Schwert war die Grundlage seiner Existenz, der blutige Lorbeer sein Ideal, Pyramiden aus Menschenleichen sein Ruhm. Es begriff deshalb, daß Israel, das wehrloss, aber durch Gottes besondere Waltung von dem Joche des allmächtigen Egyptens befreite Volk in die Weltgeschichte ein Element hineintragin wird, welchem die Gewalt zum Opfer fallen mußte. Wenn die Ideen des Rechts, der unverlierbaren Menschenwürde, des Gottergehorsanis Egypten zu überwältigen vermochten — dann war es geschehen um alle Nationen, die in der Vergötterung der Mcnschenmacht die Basis ihres Bestandes suchten und auf Gewalt und List den Bau ihres Staates errichtete». Darum trat Amalek Israel entgegenund griff es an. . . . Der Kampf ist noch nicht beendet, so lange man sich für den Purpur der Gewalt begeistert, so lange noch dem kühnen Eroberer Kränze ge. flochten werden, so lange der rücksichtslosen Gewalt die Völker Throne erbauen — so lange lebt noch Amalek, so lange mag es wohl „geschwächt" erscheinen, so lange mögen wohl üuch andere Prinzipien unter ihm zur Geltung kommen, — es aber führt mit gewaffneter Faust die Herrschaft im Kreise der Völker und zwingt die Nationen, in das Joch seines über gemordete Menschenleiber dahinziehenden Triumphwagens. -Und doch ist unser Sieg gewiß, die zu Gott gehobene Moseshand wird sich zuletzt doch stärker erweisen, als die geballte Esausfaust, aber „nicht die Moseshände entscheiden über Sieg und Niederlage, sondern die Gesinnung und bas Herz *> Bergt. Nr. 6.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.