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Neue jüdische Presse · 1904-02-26 · Heft 8 (26.2.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 8 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 / .. Frankfurter Israelitisches,Famtzlenblatt. . - Rr- 8. Israels" (R. Haschono P. HL) Uns predigt Parschat Sochor, daß wir vor allem in unserem eigenen Kreise keiner Amalek.'-Gesimiung Raum geben, nicht unser Sein auf 'Macht und Besitz gründen, auf niemanden hoffen als auf Gott, und nichts fürchten als . die Sünde; dann werden wir die Lenzesbringer sein, und'wenn einstens auch, dem Schwachen Kraft, auch dem Starken Demut» ist — wenn keine Zähre mehr rinnt von der Gewalt erpreßt — wenn auch der gekrönte Erdcnsohn in Wahrheit sich beugt vor Gott — wenn nicht mehr das Einzelglück als ein Nichts geachtet wird —wenn die Staaten gebaut sind auf Recht und Liebe und Wahrheit — dann ist der Menschheitsfrühling gekommen. Mehr Licht. (Zmn' Purimfeste.) „ES gibt ein Volk, zerstreut unter allen Nationen, verschieden an Sprachen und Sitten, ein kleines winziges Völkchen im Reiche des Königs. Die Gesetze des Königs halten sie nicht," so lautet die Anklage jenes persischen Günstlings Hanian höhnisch und ironisierend aus das jüdische Volk hinweisend, bestrebt es in den Äugen, seines Königs und Herrn als treulos und verräterisch hinzustellen. Wir soMen meinen, dieser Vorwurf wäre gerade in damaliger Zeit am persischen Hose am wenigsten am Platze gewesen. Wie ehrlich und vom hellsten Patriotismus erfüllt waren die Bestrebungen der damaligen Juden, sich den persischen Hof- und allgemeinen Sitten anzupassen und wie gut hatten sie es fertig gebracht! — Das Buch Esther läßt sie uns hoffähig an der Tafel des Königs erscheinen. Es mußte also etwas anderes sein, was jener Judenfeind bezwecken, mit seiner Ironie geißeln wollte. Wir werden es verstehen, wenn wir das Buch erst lociter lesen. ' . ' Nach dem Sturze dieses Parvenües Haman verfielen auch rasch feine durch Lug und Trug erhalle trotzdem „Aur bemauscliwausom“. Sein Glaube, sein Licht ist nicht erloschen und wird nie verlöschen," so lange es einen Vater im Himmel gibt und so ist Israel mit seinem Thoralichte, je dunkler die Umgebung war, in die es zeitweilig zurückgebrängt war, am jeweiligen Morgen der ihm erschien, in hellerem Glanze erstanden. -Solange Israel seinem Lichte folgt, gerät es kn keinen Sumpf, Häman, dieses Vorbild aller Judenfeinde, wußte das und suchte den Glauben Israels zu verleumden. Israel hatte gesündigt, durch Vernachlässigung der Pstege seines Lichtes, indem es nach der Gunst fremder Völker buhlte, und wurde oder sollte bestraft werben durch Verlöschung seines Thoralichtes. Doch wenn die Menschen nicht hüten, was Göttlich ist, — gehen die Menschen zu Grunde, das Göttliche bleibt unangetastete Israel tat Buße, weinte und fastete — Haman fiel und die Juden hatten „Licht, Freude und Wonne und Pracht". Immer noch kämpft das Licht mit der Dunkelheit, die Wahrheit mit der Lüge! Was Goithe, der deutsche Geistesheld, mit seinen Worten „Mehr Licht, mehr Licht" gewünscht und herbeigesehnt, seit Jahrtausenden 'ist es die Ausgabe des jüdischen Volkes, „mehr Licht" zu schaffen. Für uns Juden kann der Ausspruch Goethe's nicht neu sein, aber wir verstehen ihn. Die Zeit wird kommen, ivo die ganze Welt es verstehen lernt, alles im Lichte der Wahrheit zu sehen, ohne geblendet zu werden. Joseph Sänger. Erzählung von Jacob Levh. lFortsetzung.j . trotztendie Ausrottung der Juden beabsichtigenden Ausnahmegesetze der herdienten Vergessenheit anheim. Israel war gerettet und als Ausdruck fiir diese Rettung. berichtet uns. unser Buch - Esther: „La - Jehudim hoiso auro simcho sossaun wifcor," „Da.hatten die Juden wieder Licht, Freude und Wonne und Pracht." Dieser bezeichnende Vers macht uns klar,' was Haman wollte: „Aurob," sagen unsere Weisen, „su Thauroh“. Haman war einer jener Dunkelmänner, dir nie alle werben, seine Spitze richtete sich nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen ihr Gesetz. War doch die „Thauroh" die unmittelbare, unschuldige Veranlassung gewesen für den von Haman den Juden gegenüber geäußerten Haß, denn ihr Verbot „Tu sollst Dich vor einem anderen Gotte, nicht beugen," hatte es dem Mordechai unmöglich gemacht, dem. Befehle des Königs, sich vor dem mir einem Zelem geschmückten Haman zu beugen, zu Befolgen. Weit, weit müssen, wir zurückgehen, wollen wir Liesen Hatz gegen unfere Thora, der schon so alt ist, wie das jüdische Volk, selbst, verstehen und begreifen. - .. Me unser Stammvater Abraham zu seiner Zeit als einzelnes Individuum, mit seinem Gottcsglauben einer ganzen Welt gegenüber, isoliert gegenüber stand, so steht Israel, seine Nachkommen, einer ganzen Welt hocherhaben, aber auch unverstanden in Isolierung gegenüber. - Israels Pflicht und Berus war und ist cs, durch Las Ihm gewordene Thoralicht, allen anderen Völkern der Erde beispielgebend boranzuleuchten, der Welt so Len Weg zeigend zur höchsten menschlichen Vollkommenheit. Israel hat bis heute nicht verstanden, diesen Zweck zu erreichen, hauptsächlich deshalb, weil es selbst unverstanden geblieben, well man nicht anerkennt^ Las Gute, das Israel der Welt gebracht und sich bestrebt in alleen was Israel tut. Böses zu scheu. Wie Las Licht des Tages der Dunkelheit der Nacht weichen muß, so mußte das Licht des Geistes Ler .Dunkelheit weichen, während des ganzen Laufes der Geschichte. Israel getreten und gelnechtet wurle hinterdunklen Ghettomauern vergraben, aber es Nach weiteren Mitteilungen über den bevorstehenden Kongreß in Basel wurde die Versammlung geschlossen. Levko, dem sich Berg augeschlossen hatte, fragte ihn: „Nun, Herr Doktor, dürfen wir Sic' jetzt zu den Unsrigen zählen?" „Nein, Herr Levko, der heutige Abend konnte mich noch nicht, zum Zionisten machen. Aber ich hätte einige Fragen, deren Beantwortung mir speziell von Ihnen erwünscht wäre. Wollen Sie mir noch ein halbes Stündchen in einem- Caflschenken?" Levko war einverstanden und Bald saßen die Herren in einein Cafe an einein Tischchen, allein. »Herr Levko. Ich muß vorausschicken, daß ich die Idee eines jüdischen Staates, in dem die armen und unterdrückten Juden sicher und menschenwürdig existieren können, erhaben finde. Aber bei uns ist die Religion mit dem Leben so innig verbunden, daß ein jüdischer Staat ohne Religion, ohne Sabbatfeier, ohne rituelles Leben nicht denkbar ist, sonst hört er eben auf, ein jüdischer Staat zu sein. . Glauben Sie nun, daß die Zionistensührcr, die nur zum Tell hebräisch lesen können, die größtenteils der Religion, dem rituellen Leben entfteindet sind, unsere Csra und Nehemia sein werden? Wo bleibt die Tradition von dem unmittelbaren göttlichen Eingreifen'? Sie sehen, daß ich über den Zionismus nachdenke, wenn ich ihn auch für eine Utopie halte." . Levko schwieg eine Weile, dann sagte er mit Nachdruck. „Sie wollen auf eut Wunder warten, kennen Sie denn Gottes Wege? Ist es nicht schon ein Wunder, daß Männer, die, wie Sie bestätigen, der jüdischen Religion ganz entfremdet sind, die Fahne des Judentums entfalten und die Armen, Unterdrückten mit neuer Hoffnung erfüllen! Unter den jetzigen Führern wird kein Esra sein, aber die Vorsehung bedient sich dieser Männer, um das.schlummernde Samenkorn zu wecken, damit alle bereit sind, wenn die Zell da ist." . „Was haben diese Leute denn bis jetzt Positives geleistet?" „Das fragen Sie? Diese Leute hallen den Mut, öffentlich äuszusprechcn, daß 'sie stolz auf ihr Judentum sind. Diese Leute zeigen der Welt, daß die Juden Ehrgefühl haben, daß sie sich, nicht treten und knechten zu lassen brauchen, wenn sie voranschreiten." Cr fuhr mit fanatischem Ausdruck in den Augen fort: „Vielleicht macht Gott noch . einige Regierungen antisemitisch. Wenn dann Lie Schläge noch brutaler kommen, werden auch die gebildeten westeuropäischen Juden zionistisch" „Die Schlage, die Verfolgungen waren oft grau» sam, es ist uns noch kein Retter entstanden!" „Kleinmütiger, wir sind noch da, wo sind unsere Unterdrücker? Bis der kommt, der. uns nach Zion führt, mögen noch 'tausend Jahre vergehen, vielleicht aber wächst er unter den Kindern heran, die ich unterrichte. Wer kennt Golles Wege!" Berg fragte staunend: „Welche Kinder unterrichten Sie denn?" . „Den Kindern der armen Russen erteile ich Unterricht im Hebräischen." . „Sind die Eltern dieser Kinder auch Zionisten?" sagte Berg lächelnd. „Diese Leute waren Zionisten, bevor die Bewegung diesen Namen hatte. Sie sollten nur hören, mit welchem Interesse sie mich jede Woche nach Neuigkeiten von Erez Jisroel.fragen. Früher hatten sie nur Sehnsucht, dort zu sterben, jetzt haben sie aber auch das Verlangen, dort zu leben." Berg, den Levko 'mehr interessierte, als der' Zionismus, fragte weiter: „Sehen Sie denn die Russen regelmäßig?" ' „Ich halte ihnen Vorträge aus dem Midrasch, aus dem Talmud," sagte er kurz und erhob sich. Berg betrachtete bewundernd die schmächtige Gestalt des Idlssen, der still, in der Verborgenheit, seine Landsleute und bereu Kinder unterrichtete. Es stieg eine Zlhnüng in ihm auf, 'von einer Welt, die er nicht kannte, von einer ihm ganz fremden Kultur. „Herr Levko, es würde mich freuen, öfter mit Ihnen zusammen sein zu dürfen, ich möchte so manches von Ihnen lernen." Levko erwiderte: „Unsere Wege gehen zu. weit auseinander und ich bin zu sehr beschäftigt, aber trotzdem — ich sehe Sie wieder." Händeschüttelnb trennten sich die Beiden. — Berg war. ein häufiger und gern gesehener Gast bei Doktor Lcesers und war auch mit sich im Klaren darüber, daß die schöne Tochter der Magnet war, der ihn anzog. Er hatte einen unwiderstehlichen Trieb, das Mädchen durch seine Spötteleien über das, was ihr heilig war, zu reizen und dadurch zu schlagfertigen Erwiderungen zu zwingen; wenn sie. sich aber verletzt abwandte, wurde er erbittert über sich selbst, um bei nächster Gelegenheit dann doch wieder, bei: Freigeist zu spielen. . Das Blld der Griechin verblaßte langsam in ihm, obgleich er durch die Art Regina's immer von Neuem daran erinnert würde. Er liebte Regina. Wer wenn er in ihr ruhiges, .klares Auge blickte, hielt ihn eine eigene Scheu ab, ihr seine Liebe zu gestehen. m Der Spätsommer war gekommen 'und mit ihm die Gerichtsserien, die Berg zu einer größeren Fußreise durch Tirol benutzte. Auf der Heimreise durch den Schwarzwald kommend, hatte er das Vergnügen, Herrn Meyer in Baden-Baden zu treffen. - Mit nngeheuchelter Freude reichte er ihm hie Hand und erkundigte sich nach seinem Erfinden. Meyer nickte herablassend. „Es geht mir gottlob gut, ich befinde mich hier zur Nachkur, zur Stärkung meiner Nerven." „Ihr Aussehen ist ein vorzügliches, einer eigentlichen Kur bedürfen Sie ivohl nicht mehr?" „Das nicht, aber haben Sie nicht von Herrn Doktor Friedheim gehört? Rothschild, der von mir vernommen hat, trug die ganzen Kosten meiner Krankheit und stellte auch die Mittel für den Sommerausenthalt zu meiner Verfügung. Ich darf's erzählen, denn.wenn er die jüdische Wissenschaft in ihren Vertretern ehrt, ehrt er sich selbst." Berg war durch die Weise, wie sein Jncögnito gewahrt wurde, in die heiterste Laune versetzt und lud Meyer zu einer Flasche Wern ein. „Glauben Sie nur nicht, Herr Doktor, daß ich hier sin einem beständigen Dolce sar niente lebe.' Ich arbeite einen Vortrag für den Literaturverein aus, über den. die Gemeinde die. unerquickliche Szene bei Ihren: Purimscherz vergessen >oll." „Wer daran denkt doch 'Niemand mehr; die Erörterungen an den Diskussionsabenben hasten nicht länger im Gedächtnis wie flüchtige Gespräche." „Gewiß, ich sagte auch gleich zu meiner Frau, dem Doktor Berg darf man nicht verübeln, wenn in seinem.Vortrage Jrrtümer Vorkommen, er ist doch kein Fachgelehrter wie unsereins." . Berg war starr. „Na, ich sehe, daß Sie wieder ganz hergestellt sind. An Ihrem Vortragsabend gedenke ich übrigens nicht zu fehlen." Er verabschiedete sich in freundlicher Weise von Meyer und. reiste weiter. — Er kam sonnengebräunt nach Hguse und sein-erster Besuch galt der Familie Leeser.- Ludwig sprang ihm mit einem Freudenschrei entgegen und führte ihn in das Wohnzimmer, wo Regina mit einer Handarbeit beschäftigt war. '7 " - ' '" -c „Sie treffen uns allein," sagte sie nach der ersten Begrüßung, „unsere Mein sind bei 7 einer armen Frau, deren Mann gestern beerdigt wurde." „Immer im Dienste der Nächstenliebe," meinte er, sich ffetzenb, „wahrlich, das ist ein gesegnetes Leben." .. ■ Ludwig rief: „Herr Doktor, ich habe auch jetzt eine Freimarkensammlung, die muß ich Ihnen zeigen." \ '' ' -

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