Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 7 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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a|ft!i.;ui.»i M.fffw;»i ,.i^uh. 1 Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 7. Hlogau. Der Sohn des Amtsg erichtsrats i H r L n k e l erhiett als einziger seines Gymnasiums - die Kais er Prämie .Deutschlands Seemacht" mit l der Inschrift: Im Allerhöchsten Aufträge zur Erinnc-ung an Kaisers Geburtstag d 27. 1. 04 ] dem Ober-Primaner Günter Frankel in Anerkennung , seines Fleißes und seiner Strebsamkest überreicht von \ Dir. Dr. Altenburg." , Krojaukk Kaufmann Moritz Cohn wurde . zum Ralsmann emstimniig wiedergewählt. Budapest. In Jglü starb kürzlich der dortige , Bürger Joses Feigenbaum; in seinem Testamente hat! er Ä)000 Kronen zu wohltätigen Zwecken für Ver- ' eine ohne Unterschied der Konfession hinterlas,en. Noch Lei Lebzesten hat Feigenbaum zum Baue der . israelitischen Schule in Iglo'20 000 Kronen gespendet und auch die Erbauung der Jglüer Synagoge ist der Munifizenz des Verstorbenen zu verdanken. Budapest. Ein streng religiöser, ftommer und guter Jude, ein Vater der Armen und Förderer Mer religiösen Institutionen, die mit dem traditionellen Leben des Judentums im Zusammenhänge stehen, R. Samuel Münz ist nach langem Leiden im 69. Jahre seines tatenreichen Lebens am Sabbate Parschath Jithro verschieden. Schon die Tatsache, daß R. Samuel Münz als Galizianer in der Pester Gemeinde volle 42 Jahre als Synagogen- ' Vorsteher und volle 36 Jahre als Ehewra Kadischa Vorsteher segensreich wirke, legt Zeugnis ab, daß ein sehr verdienstvoller Mann uns entrissen worden ist. Podwoloczyska (Galizien). Bei der am 5. ds. in dem hiesigen. Gemeindeamte stattgefundenen Gemeinderatssitzung wurde der hiesige sehr verdienstvolle in allen Schichten der hiesigen Bevölkerung beliebte Bürgermeister Dr. Salomon Dawid einstimmig zum Ehrenbürger der Stadt Podwoloczyska ernannt.. Aoustaatiuopel. Ein jüdischer Pascha., Me türkische Regierung hat Herrn Jakob Bey Nehcmias, ersten Dolmetsch an der, hiesigen Ottomanischen Bank, zum Pascha ernannt. von Anhängern, und . heute ist es nur noch die 4006 Seelen zählende Sabbatianer-Sekte in Salonik, die von seinem Dasein Zeugnis äblegt. Stratzburg t. Elk. Der Zionistische Verein Straßburg i. E., hielt kür.sich im Saale des Hotel Pseisfer am Bahnhofsplah eine Vereinsversammlung ab. Dabei hielt Fräulein Anna Drcifus aus Schlettstadt einen kurzen aber lehrreichen Vortrag über „Me Lage der Israeliten in Rußland". Fräulein Dreifus, die längere Jahre als Lehrerin und Erzieherin in Rußland tätig war, schilderte in ergreifenden Worten, die trostlose Lage der Jsraeltten in der Stadt Wilna, wo sie sich 2 Jahre aufgehalten hat. Bei 150000 Einwohnern hat Wilna 100000 Israeliten. Von diesen 100000 befinden sich nur einige Tausend in guten, zusammen etwa die Hälfte in erträglichen Vcrhältnifsey; die übri-en 50000 sind dem äußersten Elend preisgegeben. Viele 8—lOköpfige Familien wohnen in Kellern, die in einem einzigen, nur wenige Quadratmeter großen Raume bestehen, und in denen das Wasser' an den Wänden herabläuft und aus dem Boden Wasserlachen entstehen. Bei jedem Schritt möchte man laut ausschreien, wenn man an. di.fe Stätten des Elends kommt. Man kann den Leuten nicht 'Faulhrtt vorwerfen; viele davon sind Schneider, Schuster, Wasserträger und Fabrikarbeiter. Dabei sind die Lcbensbedingungen durchaus nicht billig; ein Pfund (nach unserem Gewicht % Pfunds Brod kostet 12 Pfennig. Auf die Ausländer macht dcr Anblick dieses, Massenelends einen schrecklichen Eindruck. 'Hier sieht man ein Weib mit nacktem Säuglina, dort einen Greis halbverhun' ert. dort einen im rüstigsten Alter, der zu betteln gezwun en ist, weil er keine Arbeit findet. Die Unterrichts- Verhältnisse liegen sehr im argen, an den höheren Schulen werden Israeliten nur in sehr beschränkter Zahl ausgenommen, daneben bestehen allerdings geheime Schulen, von denen die Polizei keine Ahnung hat. Fräulein Dreifus schloß mit einem warmen Appell, kein Opfer zu scheuen, um das Ziel 'des Zionismus, diesen Aermsten in Palästina eine Heimstätte bereiten zu können, zu verwirklichen. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Im Verein .Montefiore" spricht am kommenden . Mittwoch 9 Uhr Abends Herr Tr. Jacob Meyer über „Rembrandt". Zur Erläuterung des Vortrages gelangt eine Anzahl von Reproduktionen der Hauptwerke Rembrandts kostenlos zur Verteilung. Der Vortrag findet wie stets im Lokale der Suppenanstalt, Theobaldstraße 5, statt. Gaste haben freien Zutritt. Frankfnrt tu M. Der Verein Gumpertzsches Siechen haus hielt letzten Montag unter dem Vor. sitze des Herrn Charles Hallgarten in der Frankfurt- Loge seine Generalversammlung ab. Der Geschäftsbericht für .das Jahr 1903 hebt hervor, daß Frcisrau Mathilde v. Rothschild beabsichtigt» auf dem Terrain der Anstalt zum Andenken an ihre verstorbene Tochter ein Haus für weibliche Sieche zu errichten und dieses Gebäude nebst einem Fonds von 100000 M alis Frau Max v. Goldschmidt geb. Freiin v. Rothschild'che Stiftung an die Verwaltung des Vereins anzugliedern. Bortrage. Kraakfurt a. M.. 18. Febr. Der Phantast von Smyrna. Eine zahlreiche Zuhörerschaft hotte sich Sonntag Nachmittag, 14. Februar, in den Räumen des Mekor-Chajim-Bereins eingefunden, wo Rabbiner Dr. I. Bondi aus Mainz über obiges Thema referierte. Der Träger der Ueberschrift, Sabbatai Zwi, der in Smyrna geborene Schwärmer und nachherigc Betrüger, hatte, wie bekannt, ein sehr bewegtes Leben. In jungen Jahren bereits beschäftigte er sich viel mit kabbalistischen Schriften und kam infolgedessen, sowie durch seine teils phantasievolle, teils von Größenwahn geleitete Veranlagung auf die Idee, sich a,ls den lang ersehnten Messias nuszugeben. Das trug ihm viel Anfeindung, aber aus der andern Seite auch ein riesiges Maß von Verehrung ein. lim letzteres zu verstehen, muß man beachten, daß die damalige Judenhett — es war um 1650—1670 — namentlich in Deutschland und Polen, großer Bedrückung und schweren Leiden ausgesetzt war. Sie war daher ^jedem Moment, das auch nur einen Schimmer von Rettung zu bringen verhieß, leicht zugänglich. Me Gelehrten mW Führer der Judcnheit allerdings erkannten bald die Phantastik des angeblichen Erlösers und warnten das Volk vor ihm. Dieses jedoch, ließ sich betören Und jubelte ihm, als dem Melech Hainoschiach, den es auch öffentlich in dem Naoauseu-Baabun-Gebete an die Stelle des Landesfürstcn setzte, begeistert zu. Doch schließlich legten sich die Wellen, man begann cinznsehen, daß man sich grausam getäuscht hatte und verlassen starb der einst Gefeierte als Fünfzigjähriger in einem türkischen «tädtchen. Seine Glaubenslehren, zu welchen sich früher eine große Zahl Juden sowie Mohammedaner bekannt hrtlen — denn in seinen späteren Jahren war er zum Islam überfetteten — erhielten sich nur in einem kleinen Kreis Erzählung von I a c o b L e v y. (Fortsetzungl Sie fuhr rot vor Eifer fort: „Es empört mich, wenn jeder Laie, der nicht hebräisch zu lesen im Stande ist, alles veraltet findet und Reformen vorschlägt, während die wirklich Gelehrten fromm sind, Ehrfurcht vor den religiösen Gebräuchen haben und nicht daran zu rütteln wagen." Die Mutter, die erstaunt zuhörte, rügte: „Aber Regina, was sagst Du denn Alles unserem Gaste?" Berg, der erst ergötzt und dann betroffen au Regina gehorcht hatte, bemerkte ernst: „Mein Fräulein, ich bin stolz darauf, daß Sie mich Ihres Zornes würdigen und mir mein Spiegelbild Vorhalten. Aber selbst auf die Gefahr hin. Ihnen noch mehr zu mißfallen, muß ich bei meiner Ueberzeugung beharren; ich bin kein gläubiger Jude, weil — nun eben, weil ich nicht glaube." Regina antwortete kühl: „Bitte das haben Sie mü sich, nicht mit mir auszumachen, aber," fuhr sie ut leichterem Tone fort, „das ist kein Sabbatgespräch." Ludwig, der schon lange auf die Pause gewartet hatte, kam wieder mit seiner Sammlung, Berg aber sah aus die Uhr. Am Tische nebenan, an welchem dcr Rabbiner mit seinen Gästen saß. war inzwischen Lärm ausgebrochen, denn die Männer stritten gerade über eine Stelle im Midrasch Jalkut. Reb Wolf-klopfte aus den Tisch und schrie, die beiden anderen Männer schrieen dazwischen. Berg machte große Äugen und fragte Regina, ob ihr ' Vater sich über einen solchen Streit nicht anfrege. Regina aber lachte und erklärte: „Das ist reden Freitag Abend der Abschluß des Lernens. Dies ist übrigens kein Streit, sondern nur lebhafte Erklärung." Die Hausfrau machte schließlich dem Disput ein Ende, indem sie köstlichen Tee mit Backwert servieren ließ, „als Wschluß dcr Freitag Abcnügenüsse." Als die beiden Rebbes sich entfernten, erhob sich auch Doktor Berg und 'dankte in tiesempsunbenen Worten seinen Gastgebern: „Seit meinem Wschied vom elterlichen Hause habe ich mich heute Abend zum ersten Male wieder wie zu Haufe gefühlt, ich werde diese Stunden niemals vergessen."—, ’ . Nach seiner Entfernung meinte der Rabbiner, „er ist ein sehr prächtiger Mensch, der ein Stolz für das Judentum sein könnte." Regina aber sagte heftig: „Das wird er niemals werben, er spöttelt über alles. Er hat weder Sinn fijr das Judentum, noch für die Religion." . „Aber doch," ries Ludwig, der Freitag Abends immer länger aufbleiben durfte, „die Fische haben ihm sehr gut geschmeckt." ' , „Du hast recht," sagte seine Mutter heiter, „also ist er noch nicht ganz verloren, aber Du. Regina," wandte sie sich an ihre/Tochter, „Du hast doch die Pftichten der Gastfreundschaft gegen ihn verletzt." Regina rief 'gereizt: „Ich hasse ihn und' sein überlegenes Lächeln, er versteht nichts; und tritt» siert alles." Ihr Vater aber meinte freundlich: »Mein Kind, bist Du der Rabbiner, daß Du Dich so ereiferst? . . . Gehen wir zu Bette!" — Berg aber lächelte auf dem Heimweg behaglich vor sich hin, wenn er an den Eifer der. schönen Regina dachte. ' . Ob es nicht tnöglich ist, dieses Mädchen von den Ketten des Formelwesens zu befreien? 'Pesacharbeiteni prrr! Sie scheuert wahrscheinlich wochenlang. Aber so ' sieht ' sie nicht aus, sie hat so feine, aristokratische Hände. Im Grübeln, darüber vergaß er sei» abendliches Bier zu trinken, er ging nach Hause und legte sich zu Bette. Im Traume war er wieder in der Assessorvrüjung, der Examinator war jedoch Reb Gerschom, der verschiedenes aus dem Talmud von ihm erklärt haben wollte. Er machte verzweifelte Anstrengungen, zu entfliehen, Rxb Gerschom hielt ihn am Tallis fest, welches er sonderbarerweise angelegt hatte. Mit Riesenkraft riß er sich endlich los, lag vor dem Bette aus dem Boden und erwachte. -7. " . Berg war auf seinem Bureau eifrig mit schreiben beschäftigt, warf aber seine Feder hin, als fein Freund Friedheim eintrat. ' - Er drückte ihm kräftig die Hand. „Mein lieber Aeskulap, Dein Besuch ist so selten, daß die Frage berechtigt ist, was ist Dein Begehr?" „Ich will Dir nur mitteilen, daß Herr Meyer gerettet ist und bald 'das Bett verlassen'darf. Und das ist nicht zum wenigsten das Werk Deiner großmütigen Hülfe. Jetzt, aber wollen die Leute den Namen ihres gütigen Unterstützers wissen." ' Berg sagte freudestrahlend: „Gottlob, daß der .Mann wieder gesund wird, aber meinen Namen darf weder Meyer noch sonst- Jemand erfahren. Erzähle , ihm meinetwegen, Rothschild habe von. seiner Rednergabe gehört und Dir die Mittet zu seiner Wiederherstellung zur Verfügung gestellt." Friedheim lachte. ' " ' „Du bist unverbesserlich. — Aber Du siehst gar nicht wohl aus. Du reibst Dich mit Deiner Tätigkeit für die Wahlen auf. Im Tag Deine Berufsgeschäfte,. Abends Versammlungen, Komitees, Reden, das hält kein Mensch aus. Und Dank wirst Du nicht dafür ernten/' „Ich wirke auch nicht für Dank. Ich will meinen Mitbürgern zeigen, . daß wir ans demselben Holz geschnitzt sind, und dasselbe Interesse habeii, wie sie. Ich hoffe, daß Neustadt durch den Schandfleck des Antisemitismus nicht entehrt wird." „Du bist ein Schwärmer, ich bedauere schon letzt Deine Enttäuschung. Aber ich wiederhole Dir, schone Dich. Für arbeiten ohne jede Mspannung, ohne Erholung, ist'der Mensch nicht geschaffen." „Nun, bald sind ja die Wahlen, dann haben die Anstrengungen ein Ende, übrigens habe ich doch'Erholungszeitcn. Ich bringe, wie Du weißt, manche freie Stunde bei Doktor Lceser zu und verlasse dessen Haus immer an Geist 'und Seele gestärkt." Friedheim sah ih>t forschend an. „Trägt zu dieser Stärkung auch die schöne Regina bei?" , „Gewiß," war die Antwort. „Aber zu diesem Mädchen, mit seiner starren Fröinmigkeit, kann ich nur emporschauen, wie beispielsweise zu der eisigen Schönheit einer Alpcnspitze. Sonderbarerweise glaube ich bei ihr immer vor dem lleinen Teufel' vom Purimfeste, vor der Griechin zu stehen, obgleich sie das nicht gewesen sein kann. Ich kann übrigens von. der Griechin keine Spur mehr entdecken. Niemand kennt sie. Niemand hat sie gesehen." Friedheim mußte unwillkürlich lachen. „Diese Sorge nagt also auch an Deinem Gemüt. Vielleicht war sie gar kein Mensch, sondern ein Gespenst, das Dir . das Mene Tekel zugerujen. — Nun lebe wohl, am Wahltag sehen wir uns wieder." Berg hatte inzwischen seinen Besuch bei der Familie Tottor Leeser mehreremal iwiederholt. Er wurde dort bald wie ein- Hausfreund empfangen, besonders zärtlich vom lleinen Ludwig. Lessen Sammlung er -unterdessen erheblich bereichert hatte. . Wie es nun in dem durch und durch frommen Rabbinershause, wo alles von religiösen Vorschriften beeinflußt würbe, nicht anders sein konnte, sank» sich immer Gelegenheit zu einer llnterhaltting übev jüdische Angelegenheiten. Ta konnte er nun bei Regina dem Trieb nicht widerstehen, seinen freigeistigen Standpunkt zu betonen. Diese wies ihn zurecht, versuchte ihm zu crllären, konnte jedoch seine Ueberzeugung nicht erschüttern, weit er die Religion wie einen mathematischen Lehrsatz betrachtete, an dessen Richtigkeit man