Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 7 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 , Ostafie«. Tie Zeiten sind vorbei, von denen Goethe uns erzählt, - daß damals die Bürger mit einem gewissen Wohlbehagen sich an Krieg und 'Kriegsgeschrei ergötzten, „wenn hinten, weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen". Je kleiner und je näher' sich die Welt geworden, desto' mehr ist jene Furcht gewachsen, es könne aus 'kleinen Anfängen ein vernichtender Weltkrieg entstehen, der auch unser Land mit in seine verderblichen Kreise ziehen könne. Mag das auch bei dem inzwischen ausgebrochenen Kriege zwischen Japan und Rußland noch „verborgen im Schoße des Schicksals liegen", können wir uns also auch der Besorgnis für den heimischen Herd enthalten, so können wir Juden unmöglich an der Entwickelung gewisser, anderer Tinge, die sich im Herzen Rußlands vollziehen, vorübergehen. Traurig, überaus kläglich ist das Schicksal unserer sechs Millionen Glaubensbrüder des großen moskowitischen Zarenreiches, besonders seit den letzten zwei'Dezennien. In einzelne Distrikte und hier wie- ^deräm Hasiptsächlich in die Städte gepfercht, von den/meisten'EilWerbszweigen abgeschnitten, durch alle möglichen Regierungs- und Polizei-Verordnungen gehemmt''und gehindert,'vegetieren' sie in einer Menscheu''ganz''Unwürdigen Lebensweise. Gehetzt von den Sorgen ums tägliche/Brot, geplagt von allen Schikanen einer mitte7a(teÄch-Larb.'rischen R g'erung führen diese Luftmenschen eine Scheinexistenz, ein Leben ohne Mark und Säst. Hungertyphus und' alle anderen Erscheinungen der grausen Not, halten still und unbemerkt ihren. Einzug in das alte, zähe Volk. Ungezählt und tausendfach sind die hier Tag für Tag in all den Judenbezirken dahingerafsten Opfer und weit größer als wenn rohe, offene Gewalt blühende Leben vernichten würde. Ein guter Kenner der Verhältnisse und ein „über der. Parteien Haß und Gunst" erhabener Gewährsmann, Professor Leo Errera in Brüssel kommt über diese Erscheinungen zu dem Schlüsse, die Juden Rußlands müßten unter den jetzigen Verhältnissen einem grauenvollen Ende entgegensehen, das Entbehrung, Hungertyphus und Seuche langsam vorbereiten. Wer sich nicht besserer Erkenntnis verschließen will, der überzeuge sich an der Hand der vielen, treffenden Beweise, die uns der Verfasser — er ist Christ und daher gewiß glaubhaft — in seinem Buche „Tie russischen Juden" gibt. Ter Krieg aber wird unsere Volksgenossen dem Verderben nur nähern. Das russische Proletariat der Fabriken des Südens und Westens, der kleine Handwerker und der Kaufmann wird bald die Einwirkung des Krieges auf 'das ohnehin geldarme Rußland fühlen. Und wo heute Armut herrscht, da kann bald bitterste Not eintreten. Wer doppelt wehe, sollten auch die christlichen Teile der Bevölkerung darunter leiden! Haben wir keine Lehre aus den Vorgängen in Kischinew und Homel gezogen? 'Haben wir nicht gesehen, wie die russische Regierung gerne bereit ist, den Volksleidenschaften ein Opfer auszuliesern? Haben wir uns 'nicht gestern und heute überzeugt, daß der Jude immer der Prügelknabe der Völker ist? Drum nnlß uns bangen vor der Zukunft für unsere Brüder im Osten! Mag immerhin das Blut jüdischer Soldaten, die man zu Hunderten in des Kaisers Rock gesteckt hat, in Strömen' auf 'weitem Felde für fremde Interessen fließen, die.Zeche wird im Unglück von den Juden bezahlt werden. Bei gutem Ausgange aber wird der Chauvinismus so steigen, wie er in DeutMand..seit, 1871. gewachsen, wie er in Rumänien und., fast, überall ■ nach . glücklichen Kriegen aUfgetreteN. Üst/ . .. ... WHlen tpir. aber., immer die Ereignisse an uns erK herantrefen lassen?, .Glauben - wir denn wirklich, daß.wir,mit.Geld die tiefen.Schäden/von Kischinew und Homel wieder gut machen können? - Können wir mit noch so offener Hand Tausende und Abertausende arbeitsloser,, aber arbeitswilliger Brüder, unterstützen?. .Kanndie Hoffnung auf unsere scheinhar/stets gefüllte . Kasse die Furcht und-Sorge, ' das ^Gefpenst - einer neuen Katastrophe ahwehren? '/.M'em«7.Mr' müssen^streben-s-^-üyd es ist jetzt' höchste Zeit'—unfern Brüdern ein ruhiges Domizil Frankfurter Israelitisches Familienblatt. zu verschaffen, wo sie als Menschen unter Menschen leben, wo sie die Früchte ihrer Arbeit genießen und die Furcht und die Angst des gehetzten Wildes vergessen können! Mag sich auch in Rußland das Schlimmste nunmehr ereignen! Jetzt, zur Zeit dieses Krieges, der nochmanche lleberraschung bringen kann, ergeht der Ruf an alle Juden zu fester Arbeit in jüdische Kolonisationsvereine einzutreten, um den bedrängten Brüdern des Ostens eine sonnige Zukunft zu schaffen, um von ihren Häuptern das drohende Zusammenbrechen von Hungersnot und -Verfolgung zu wälzen. Wenn die Judenheit aber sich ihrer moralischen Pflicht vergißt, dann ist das grauenvolle Bild nicht ausgeschlossen, daß der Krieg Rußlands mit Japan nur der Anfang vom Ende der Juden in Rußland bedeutet. Felix Th. - Cohen. Aus aller Welt. Deutschland. Höchst im Odenwald. Am 12. crt. wurde die an der Stelle des 179b erbauten und im vorigen Jahre niedergelegten israelitischen Gotteshauses nach den Plänen des Brandversicherungsassistenten Herrn Fleckenstein in Darmstadt neu aufge'ührte und bis in alle Einzelheiten wohlgelungene Synagoge unter Beteiligung der gesamten Bevölkerung eingeweiht. Außer der israelitischen Gemeinde gehörten dem Festzuge sechs hiesige Vereine an. Tie Festpredigt in der neuen Synagoge hielt Herr Rabbiner Tr. Marx in eindrucksvoller, ergreifender Weise. Tie Synagoge ist im maurischen Stile gehalten und verursachte einen Kostenaufwand von über 39,060 Mark. Berlin. Frau Geheimrat Simon, die Witwe des kürzlich verstorbenen Geheimen Kommerzienrats Louis Simon, hat der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zur Kreierung eines neuen Lehrstuhls aus dem Nachlasse ihres Gatten 100000 JL gespendet. — Tie Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums steht bekanntlich aus neologem Boden. Es ist bedauerlich, daß den Institutionen aus 'dem Boden des positiven Judentums nicht die gleiche materielle Hülfe zu teil wird, deren sich die ueologen erfreuen. Berlin, 13. Febr. Der Magistrat hat gestern' beschlossen, behufs Erbauung eines Krankenhauses der hiesigen jüdischen Gemeinde ein Terrain von 28 000 Quadratmeter zum Preise von 35 JL pro Quadratmeter an der Exerzier- und Schulstraße, gegenüber dem jüdischen Sicchenhause, zu überlassen. Berlin. Aus den leitenden Kreisen des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes und des Central-Bereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens heraus haben sich schon seit langer Zeit Bestrebungen geltend gemacht, eine Gesamtorganisation der Israeliten Deutschlands ins Leben zu rufen. Diese Bemühungen sind inzwischen so weit gediehen,, daß sie heute vor ihrer nahen Verwirklichung stehen. Ter Deutsch-Israelitische Gemeindebund kümmert sich um das Gemeindeleben der deutschen Juden, der Centralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens verfolgt die Wahrung der Staatsbürgerrechte der deutschen Juden gegenüber antisemitischen Angriffen und die Gesamtorganisation, die sich aus Vertretern der israelitischen Gemeinden (1 -Delegierter auf 'je 2000 Seelen), Vertreter von Verbänden (je 5 Delegierte des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und des Centralvereins Teutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, je 2 Telegierte des Rabbinerverbandes. des Verbandes der jüdischen Lehrervereine, 'des Bayer. Landesvereins, der Vereinigung Bad. Israeliten, der bestehenden Provinzial- und Bezirksverbände und je 1 Telegierter aus den Lehrerkollegien der 3 israelitischen Hochschulen in Berlin und Breslau) und Einzelpersonen zusammensetzen soll, will die Vertretung aller den Juden Deutschlands gemeinsamen Interessen bezwecken. Die Erörterung von Fragen der Religion und des Kultus, sowie der inneren Verwaltung der Gemeinden soll nur insoweit statthaft sein, als es. sich um die Abwehr von Angriffen handelt. — Wir behalten uns Kritik der Gesamtorganisation für die nächste Nummer vor. - Hamburg. Die Bürgerschaftswahlen brachten den hiesigen Antisemiten eine vollständige Niederlage. Die beiden.bisherigen antisemitischen Vertreter, Raab und Rechtsanwalt Jacobsen, die zur Wiederwahl standen, sielen bei sehr erheblichem Stimmenrückgang glatt durch. Jetzt befindet sich nur noch ein einziges antisemitisches Mitglied in der Bürgerschaft, Herr Schack. Schweiz. Zürich. Das schweizerische israelitische Altersasyl in Lengnau, das kürzlich seiner Bestimmung übergeben wurdehat von der Witwe des verstorbenen Herrn Kaufmann Louis Ris von Zürich zur Errichtung eines Louis Risfonds den Betrag von 10000' Fr. er¬ Seite 3. halten. Aus den Erträgnissen dieses Kapitals soll ein Armer im Asyl Aufnahme finden. Basel. Der zweite Internationale Kongreß für allgemeine Religionsge- I'ch i ch t e, der in Basel vom 30. August bis 2. September dieses Jahres stattfinden wird, soll, wie der „A. Z." mitgeteilt wird, wie seine Vorgänger in Paris 1900 und Stockholm 1897 durchaus wissenschaftlichen Charakter tragen und der rein historischen Erforschung der Religion dienen: alle konfessionelle Polemik soll grundsätzlich unterlassen bleiben. Es sind vorläufig folgende Sektionen vorgeschlagen: 1) Religionen der sogen. „Naturvölker" mit Einschluß der Peruaner und Mexikaner, 2) Religionen der Chinesen und Japaner, 3) Religion der Egypter, 4; Religionen der Semiten, 5) Religionen Indiens und Irans, 6) Religionen der Griechen und Römer, 7) Religionen der Germanen, der Kelten und der Slaven, 8) Christliche Religion. Ter Mitgliederbeitrag ist auf 20 Fr. festgesetzt; Anmeldungen zur Teilnahme am Kongreß sowie zum Halten von Vorträgen nimmt schon jetzt Herr Professor Alfred Bertholet' (Leonhardstr. 8) entgegen. Rußland. Warschau. Die Warschauer Medizinische Gesellschaft hat nun, wie der „Glos" meldet, beschlossen, jüdische Aerzte als Mitglieder nicht aufzunehmen. Tatsächlich wurden alle jüdischen Aerzte, welche als Mitglieder der Gesellschaft kandidierten, bei der jüngsten Wahl zurückgewiesen, wiewohl viele von ihnen in der ärztlichen Welt einen angesehenen Namen besitzen. Personalien. Frankfurt a. M. Am Samstag, den 13. Februar, verschied im 73. Lebensfahre Frau Caroline Liebes geb. Jeroslaw. Ter Heimgegangenen, die Jahrzehnte lang in Ostrowo (Posen) Vorsteherin des Israelitischen Frauenvereins war, wird an dem Orte ihres segensreichen Wirkens durch ihr stets betätigtes Gemilnth Clieaed ein dauerndes Andenken bewahrt bleiben. Winzenheim. 8 Febr. Eines seltsamen Todes starb gestern im besten Mannesalter und ohne vorherige Krankheit der hiesige Kaufmann G. Mayer. Letzten Samstag war er noch in der Synagoge. Gestern klagte er über Unwohlsein, welches Uebel rasch zunahm, schließlich stellte es sich heraus, daß zur Beseitigung des Unwohlseins er sich einer Operation unterziehen müsse und seine Ueberführung ins Bürgerspital zu Colmar dringend notwendig erwies. Unterwegs bemerkten die ihn begleitenden Angehörigen, daß das liebet sich wesentlich verschlimmerte und der Todeskampf im Anzuge war. Sofort wurde Kehrt gemacht und als man nach Hause kam, gab Mayer den Geist auf. Berlin. Rcgierungs- und Baurat Eg er ist zum Geheimen Baurat ernannt worden. Regierungs-Baumeister B e n d i x, bayer Lieutenant der Reserve, der in Deutsch-Südwestasrika mit dem Bau einer Eisenbahn beschäftigt ist, wurde zur Truppe im Kampfe gegen die Hereros einberufen. München. 10. Febr. Im israelitischen Friedhofe wurde am Mittwoch- Nachmittag der im Alter von 6b Jahren verstorbene Großhändler Herr Julius Heymann, Mitbegründer und Seniorchef'der Firma Holzinger u. Heymann, Tuchhandlung sn gros hier, zur Erde bestattet. Zur Erweisung der fetzten Ehre hatte sich eine sehr große Trauerversammlung eingefunden, darunter Justizrat Tr. Wassermann, die Kommerzienräte Ballin, Bernheim und Wassermann, zahlreiche Vertreter des Handelsstandes und eine Teplltation des Vereins bayerischer Geschäftsreisender. Rabbiner Tr. Werner widmete dem Berstorbenen, der in Geschäftskreisen hohes Ansehen und in weiten Kreisen große Beliebtheit genoß, einen ehrenden Nachruf und schilderte ihn als hervorragend tüchtigen, fleißigen, strebsamen und ehrlichen Geschäftsmann. Straßburg i. Elsaß. Der Historiker, Professor Dr. Harry Breslau, wurde zum Universitäts- Rektor für das neue Amtsjahr gewählt. Hannover. 11. Februar. Bei der heutigen Wahl im Clevertorbezirk, hier, ist der Rechtsanwalt Dr. jur. Siegmund Meyer, Sohn des früheren Landrabbiners Dr. Samuel Meyer, der Mann der Quovadiss Politik, mit großer Majorität zum Bürgervorsteher gewählt worden. Königsberg i. Pr. Die Feier ihrer goldenen Hochzeit begingen Herr Rentier Michaelis Joseph und seine Gattin Rebekka, geborene Grand. HökerslraßelO. Der Jubilar ist 79, die Jubilarjn 73 Jahre alt. Königsberg. Stadtrat M i ch e l l y, Senior des Magistratkollcgiums, Vorsitzender des Aussichtsrats der „Königsb. Hart. Zeitg " und Mirglied des Repräsentantenkollegiums der israel. Gemeinde ist am 3. Febr. gestorben. Attbernu (Kreis Pleß). Am 9 d. Mts. fand hier die Synagogen-Borsteherwahl statt. Es wurden fast einstimmig gewählt als Vorsteher: Gasthausbesitzer Weißmann-Lendzin, als stellv. Vorsteher: Kaufmann Wittner-Jmielin.