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Neue jüdische Presse · 1904-02-19 · Heft 7 (19.2.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 7 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 7. Hört, meine Freunde, was ein christlicher, philosophischer Schriftsteller (Heinroth, Lehrbuch der Anthropologie S. 358) von den Juden sagt:'„Wir müßten eine Vorsehung leugnen, oder die Vorsehung selbst, die sich unter und in ihnen am deutlichsten offenbart, die sie als besonderes Organ ihrer Offenbarung iprmer im Auge behalten hat, wird sie vielleicht, da es ihr nicht gefiel, dieses abtrünnige Volr zu vernichten, einst noch, wunderbar wie ihre Wege sind, zu ihrer ferneren Verherrlichung unter -den Völkern verwenden!" Das sagt ein Christ in seiner Art von der Zukunft, des jüdischen Volkes, und wir Juden selbst sollten an diese Zukunft in der Art, wie sie durch das Gotteswort und die Ge- ' schichte gleichermaßen in Aussicht gestellt ist, nicht ' mehr glauben dürfen? Nun, meine Freunde, nur aus eine solche zukünftige Zeit bezieht sich die Bitte um persönllche *; Rückkehr nach Jerusalem. Diese Zeit ist'eben eine ideale, da sie noch nicht verwirklicht ist? Darum ist es auch von durchaus keinem allgemeinen Werte, wenn ein Einzelner aus persönlichem Drange sich bewogen findet, nach Palästina zu ziehen; ja Rabbi' Meir aus Rothenburg, der vermutlich selbst auf dem Wege dahin war, mißbllligt es doch ausdrücklich, wenn man ohne Aussicht auf' Existenz oder ohne die reinste heiligste Absicht nach Palästina auswandere. (Taschbaz Nr. 561.) Aber weit diese Zeit noch nicht verwirllicht ist, darmn sollten wir auch nicht um ihre Verwirklichung bitten? Welcher Fehlschluß! Im Gegentell; weil wir so gut wie alle Welt noch zu sehr am Materiellen lleben, weil wir noch zu sehr an unseren Schätzen und Palästen hangen, darum sollten wir zu unserer eigenen Erhebung und. Veredlung diese Bitte erst recht aussprechen, ia ich sollte meinen, man müßte sie, wäre sie nicht vorhanden, für kalte, hartherzige Besitzer von Palästen und Schätzen eigens erfinden, damit sie dadurch aus dem Materiellen und 'dem Alltagsleben für das Ideale aufgeweckt ' würden. Denn das Gebet hat umsomehr Berechtigung, je weiter die Wirklichkeit hinter seinem idealen Gehabte zurücksteht. So habe sch in diesen Tagen, wo ich gesehen habe, wie nicht einmal eine Gemeinde einig sein tann, nur umso inniger gebetet: „Erhebe das Panier, um uns zur Einheit zu sammeln und vereinige uns von den vier Enden der Erde!" Cs ist also nicht, wie man sagt, die Bitte um Jerusalem eine. Lüge, sondern umgekehrt, man könnte sagen, es gibt fast linker allen Bitten, die wir haben, keine so begründete Wahrheit, sofern sie berechtigt ist, durch das, was . uns nottut, wie keine andere! Wenn man aber meint, mau dürfe keine Bitte aussprechen, die, wenn sie in diesem Augenblicke sich erfüllte, uns persönliche Ungelegenheiten verursachen würde, nun dann bürste kein Soldat um die messianische Zeit, um die Zeit der Veredelung der Menschheit bitten, weil es von dieser Zeit heißt, daß man das „Kriegshandwerk nicht - mehr lernen werde," während er doch daraus seine Existenz hat. Das Richtige an der Sache ist vielmehr ' dies: solche ideale Bitten für das Allgemeine schließen . natürlich eine Umwandlung und Heiligung der gesamten Menschheit und menschlichen Verhältnisse und selbst unseres eigenen Sinnes und Herzens ein, und darum bitten wir eben! Deshalb ist es auch kein Einwand, wenn man sagt, inan bete diese Bitte im Allgemeinen ohne Altdacht. Das ist frellich 'nur zu wahr, aber das ist nicht die Schuld der Bitte, die dies Geschick mit noch anderen tellt, solldern unsere eigene. Wenn, wir unser Brod, unsre Gesundheit und unser Vergnügen haben, dann haben w)r für das Ideale und Allgemeine wefter keinen Sinn. Aber darum ist diese Bitte nur umso nötiger , und berechtigter. JnSumina, meine Freunde, ich erkenne in dieser Bitteum persönliche Rückkehr nach 'Jerusalem nichts, was einem gebildeten Bewußtsein widerstrettet, ich erknne darin vielmehr eine der schönsten, erhabensten und fruchtbarsten Ideen des Judentums, deren Berwirllichung das Gotteswort und selbst die Geschichte in Aussicht stellt — und darum habe ich mich . i gegen die Streichung erklärt." - Und über die Opfer äußert er.sich folgendermaßen: . . tomme zu den Opfern, oder, richtiger, geagt, zu den blutigen Opfern. Ich verbessere mich so nicht ohne Ilvsicht. 'Denn so oft ich in dieser Zeit etwas gegen die Opfer gehört oder gelesen habe, so fand ich, immer, baß man mit einer unverkennbaren Absichtlichkeit dabei das Blutige betonte. Das kommt mir ungefähr so vor, wie man den Zeiten des Rischus unser Einen nicht als den Herrn So und So, sondern als den Juden So und So bezeichnete. Es ist richtig: ich bin ein Jude; aber warum mich mit dieser Eigenschaft bezeichnen, wo es nicht darauf antommt? Älllein es sollte sich darin die Gehässigkeit Luft machen. Geradeso macht -man es jetzt mir den Opfern. Man rechnet darauf, wenn man die Opfer nur als blutige bezeichnet, so hat man schon alle sensiblen Naturen dagegen eingenommen. Es ist richtig: es gibt unter den Opfern blutige. Mer was beweist dies? Die Beschneidung ist auch blutig lind die Schechita, die rituelle Schlachtung, auch, und sie sind gleichwohl bei uns in Uebung als Aeußerungen des religiösen Lebens, und man spricht den Segen darüber. Soll aber eine Mizwah, ein Gebot, an sich verächtlicher sein, weil zufällig Blut dabei vorkommt, nun dann entsteht eine ganz neue Einteilung der Mizwah's, die Einteilung nämlich in blutige und unblutige, vielleicht sogar in saubere, und weniger saubere. Ich erwähne dies blos, um den Kniff bloß zu legen, womit man schwache Gemüter einfängt und besticht, und weil es mich empört, den Opserdienst, den doch, die Thora vorschreibt, und dem ein Mann wie Aron Vorstand, ein „Metzgerhairdwerk" genannt zu sehen. Mer freilich; daß wir Aron einen „Metzger" nennen können, das ist ja unser Fortschritt! Das Richtige ist vielmehr dies: alle äußeren religiösen Uebungen sind als. solche von gleichem Werte, wenn sich die moralische Gesinnung damtt verbindet — anfechtbar sind sie. nur dann, wenn sie in sich widerspruchsvoll sind und den Geist in Bande schlagen. Ist dies aber - bei den jüdischen Uebungen der Fall? Hört wiederum, was ein christlicher Schriftsteller an einen Juden schreibt (Jean Paul an Emanuel Osmund, mitgeteilt, von Kayserling in Frankels Monatsschrift 1868, S. 45): . „Der Philosoph kann dazusetzen: „Wenn einmal die moralische Ergebenheit gegen den Schöpfer durch ein körperliches Zeichen ausbrechen soll, so ist die Wahl des Zeichens, da jedes Körperliche gleich unendlich weit vom Geistigen absteht, gleichgültig. — Ihre Religion überholt darin unsere, daß 'sie keine einzige theoretische Unbegreiflichkeit und Kontradiktion fordert." Der Jude muß hinzufügen: in Wirklichkeit sind von jeher die uns vorgeschriebenen religiösen Uebungen als nichts ailderes betrachtet worden, denn als M i t t e l d e r Erziehung zur Sittlichkeit und der Veredelung der Gesinnung — „Die Mizwah's siüd nur gegeben, um die Menschen zu läutern" sBeresch. rabba. Kap. 44) — und ich bin, ohne die Tesillin und Mazzot und "das Fasten am Versöhnungstage abzuschaffen, ebenso entrüstet, wenn ich sehe, wie Jemand diese Dinge ohne moralische Absicht und Wirkung übt, wie die Propheten, ohne die Opfer abzrisch affen, entrüstet waren, wenn sie sahen, wie ihre Zeitgenossen sie ohne moralische Msicht und Wirkung darbrachten. — Dies Alles, meine Freunde, mußte ich über die Opfer selvst vorausschicken, obwohl es sich für jetzt gar nicht darum und um ihre Absicht handelt. Denn wenn es mir nicht angenehm sein kann, mir eine Torheit oder einen Unsinn zuge. mutet zu sehen, so kann es mir noch viel weniger angenehm sein, dasselbeeinem Büche zugemutet zu. sehen, woraus ich, was von-Moral und Religion »N mir ist, erst gelernt habe. Auf einesoiche; Zumutung .tommt aber die Streichung der.Opfergebete hinaus. Tenn wennsie nicht in unserem Gebetbuch ständen, so wäre' es allerdings keine Notwendigkeit, sie darin aufzunehmen,--—. obwohl sie ja nicht-zufällig darin stehen, ebensowenig wie unsere ganze gottesdienstliche Einrichtung z u f all i g auf dem alten Opferkultus beruht. Soiidern als erwas Selbstverständliches hat man den Gottesdienst auf 'dein Buche Wajikra, dem 3. Buche Moses äufgevaut;, denn das Buch Wajikra ist einmal unsere gottesdienstliche-Verfassung, deren Lkechtsbestäudigtert und Kontinuität wir nicht aufgeben dürfen, wenn wir nicht den ganzen „alten Bund" aufgeben wollen : Darum betet inan zu der Zeit, wo man früher geopfert,, man hat die , Gebete an Feiertagen vermehrt entsprechend, der Vermehrung der Opfer usw. Genüg einmal: jetzt sind die Opserg'ebete vorhanden 'und in» Anschluß an die Hoffnung auf die Wiederkehr nach Jerusalem und die Wiederherstellung des-Heiligtums beten wir ja nichts anderes, als daß wir im Falle der Erfüllung dieser Hoffnung die Opfer darbringen werden, .„wie es nach Gottes Willen geschrieben, steht." lind, es steht ja geschrieben! Streicht man nun aber diese Gebete, so stellt sich die Sache ganz anders! Dann .kommt die Streichung einer Abrogation gleich, welche -sie auch bedeuteij soll; dann aber revidiert man nicht mehr bloß die Gebete, sondern das Judentum, dann macht man nicht mehr bloß einen Strich durch das Ge. betbuch, sondernsn anmacht einen Strich durch das Buch Wajikra. Wollet Ihr diesen Strich machen, so machet Jshr auch, t |inenv®trit& durch den Abschnitt Kedaüschim, w'o.rin,ßie,herrlichsten Lehren stehen von Selbstheiligung» Mrlichieit,,.Rechtschaffenheit uno Menschenliebe und durch andere, worin der Jom Kippur steht und andres, nishwf,... -. . Jedoch scheint-mir in-dieser-Richtzlng ein-,Midrasch '.der Mitteilung wert-fj fi.Mj.-.: s.uu Ben Doma sagte: „Wir sinden eine-Stelle,-die einen gar großen Grundsatz ausspricht, das ist: Höre Israel, der Ewige unser Gott ist Lin einziges, . ewiges Wesen" (4. B. M. 6, 4); Ben Nannes sagte: Wir finden eine andere Stelle,, die einen gar großen Grundsatz ausspricht, das ist die . Stelle: Du sollst lieben Deinen Nächsten wie-Dich selbst! (3. B. M. 19, 18., Simon ben Pasi sagte: wir finden eine andere Stelle, die einen gar großen Grundsatz ausspricht, . das ist die Stelle: „Das'eine Lammj sollst du darbringen am Morgen und das andre am Abend!" (2. B. M. 29, 39.) So weit der Midrasch, Was er will? Er läßt in dieser Unterredung Simon ben Pasi zu den Andern sagen, was man auch heute allen Jenen, die allein nur die „großen Prinzipien" des^Judentums im Munde führen, zurufen tann: >,Jhr tut gerade so, als wenn Ihr das „H ö r e I f r a et" und das „SieBe Deinen Nächsten" erfunden, oder als Wenn ißt tiefe „großen Prinzipien" in einer entlegenen Quelle erst jetzt entdeckt hättet — seht Ihr denn nicht, daß 'das „Höre Israel" und das „Siießc Deinen. Nächsten" als Gottes gebot für uns aus keiner anderen Dignität fußet, als worauf die Weisung beruht: Das eine Lamm sollst Du darbringen am Morgen nsw.? Alle drei Geböte stehen in der Bibel! Wer gibt Euch das Recht für das Ak'l g e m e i n e eine Auswahl zu treffen aus dem, wovon das. eine wie das andere .aus eben den großen Zweck der Erkenntnis Gottes, der Selbstheiligung in Sinn und Tat hinausgeht?" So sagte Simon ben Pasi und so sag ich auch. . Was übrigens die Bildung und das Zeitbewußtjein betrifft, so glaube ich sagen zu dürfen, daß in der ganzen, gebildeten Welt noch tein Kultus besteht, der an Faßbarkeit und Klarheit und Gemeinverständlichkeit seines Inhalts nicht, selbst hinter unseren Opsergebeten zurücksteht. Darum und vor allem, weil sie .einen Strich durch die Thora bedeutet, habe ich mich gegen die Streichung der Opfergebeteerklärt." . ..... . .. Es wäre wünschenswert, daß sich, die leitenden Kreise der Ladischeil Judenheit' bi^'Äeußd'Ängen eines Mannes,-dem man wohl schwerlich Oöskuvantismus und Fanatismus vöüwersen kann/etwas genauer ansichen würden.' Vielleicht werdewihnkn dir«' -durch'neue Gesichtspunkte eröffnet, aü die sie'k noch nicht gedacht.-haben.*) **) ' ' *) En Jakob Vorrede/S: 2 b, ool. 2. ' **) Wie unseren Lesern bekannt ist,' entspricht die Zionsidee des.Herrn Oberräbbiner Drl Gübemann, soweit sie den, Zionismusberührt;^- dieser-: hatdurchaus nichts mit unseren . Messiashoffnungen zü-tun —, nicht unserÄ^. Äitfsässilng. :Änin.r d./Red.

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