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Neue jüdische Presse · 1904-02-19 · Heft 7 (19.2.1904) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 7 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Aus den Kreisen des Vereins zur Wahrung der Interessen des. gesetzcstreuen Judentums in Baden wird uns geschrieben: Durch eine im Druck erschienene .Predigt des Mannheimer Rabbiners Dr. Steckelmacher sind die Tendenzen des Gebetbuches, welches der badische Oberrat herauszugeben beabsichtigt, näher bekannt geworden. Es sind nicht etwa neue schöpferische Gedanken, welche diesem Gebetbuche eigen sind, vielmehr treten uns dabei nur die alten Ladenhüter der Reform entgegen, über deren Wirkung aus die Hebung der Religiosität man wohl kaum mehr ein Wort zu verlieren braucht. Was man den Gebeten vorwirst, das ist geschmacklose Ausdrucksweise und Engherzigkeit;. seiner aber sollen aus denselben die ans Jerusalem und die Opfer bezüglichen-Stellen ausgemerzt werden. Inwieweit der badische Oberrat einen, besseren Geschmack, ein feineres Sprachgefühl und eine umfassendere Menschenliebe bekunden wird als die unsterblichen Verfasser unserer Gebete, die mit jeder Faser ihres Herzens in der -hebräischen Sprache und in der erhabenen jüdischen Ethik wurzellen, das wird sich zeigen, wenn das neue Gebetbuch der Oeffentlichkeit unterbreitet werden wird. Die geplante Streichung der auf Zion und die Opfer bezüglichen Stellen aber erinnert uns an eine Rede des jetzigen Wiener Oberrabbiners Dr. Güdemann ' aus dem Jahre 1871, die den Titel 'führt: „Jerusalem, ’ die Opfer und die Orgel." Derselbe Geist des Freisinns, der letzt in Baden so herrliche Früchte zeitigt, hatte nämlich die Häupter der Wiener Gemeinde schon vor mehr als 30 Jahren ergriffen; und Dr. Güdemann, der sich gegen die geplanten Reformen erklärte, begründete seinen Standpunkt - in einer auch für unsere Gegner so überzeugenden Weise, daß wir nicht umhin können, einiges' aus seiner Rede hier anzuführen. Bezüglich der an Zion erinnernden Gebete sagt Güdemann: „Was hat mau denn gegen die betreffenden Gebetes- 'Man sägt: sie vertrügen sich nicht mit dem Patriotismus, mit den Pflichten, die uns als .Staatsbürgernobliegen! Nun, meine Freunde, bei der Widerlegung dieses. Cinwandes werde ich mich nicht lange aufhalten. Wäre er gerecht, so hätten wir einer ganzen Menge von Judenfeinden geradezu Abbitte zu leisten, dann hätten wir dem Philosophen Fichte-abzubitten, 8er den „Staat im Staate" erfunden, und hundert Anderen vor ihm und nach ihm. Aber vielleicht sind wir zu dieser Wbitte wirllich verpflichtet? 'Nun, dann sehe sch auch nicht ein, ' weshalb die Regierung die Bitte um Rückk-Hr nach Jerusalem nicht geradezu als Landesverrat durch ein Gesetz verbieten sollte! ' Seht, meine Freunde, zu solchen Konsequenzen des Rückschritts drängt, was nicht ursprünglich im wahren Geiste des Fortschritts empfangen ist. Aber nein und hundertmal nein: Die ganze jüdische Geschichte beweist, daß die Bitte um Jerusalem die Juden nicht'zu schlechten Staatsbürgern gemacht hat.' In alten Kriegen dieses Reiches und in dem letzten großen Kriege dieses Reiches haben Juden für das Vaterland gefachten, und ob sie gleich hüben und drüben Hvnsi Jeruscholajim gebetet, sie haben dennoch das Schwert gegeneinander gezückt. Mer ich gehe weiter. Seht Euch nur einmal an, wie dieser Einwand die Verhältnisse auf den Kops stellt! Wenn mich nicht alles täuscht, so ist es noch garnicht lange her, daß man gerade den sogenannten frommen Juden den Vorwurf gemacht, daß 'sie allzueifrig um Staatsgunst bettelten und allzu kriecherisch an den Stufen des Thrones leckten. Und nun mit einem Male stempell man sie zu Revolutionären, und wir übernehmen das Lecken? Doch ich gehe über diesen Einwand ganz hinweg. Man sagt ferner: Die Bitte um Rückkehr nach Jerusalem hatte einen Sinn,- solange wir im Golus, im Drucke, waren — obwohl hiernach immer noch die Frage ofsen bleibt, warum man nicht bereits im Golus die Bitte um Jerusalem in eine Bitte um Freiheit abgeändert hat, da man doch selbst 'im Golus nicht sowohl Haus und Hof verlassen und nach Jerusalem zurückkehren, als vielmehr nur den ungestörten freien Besitz von Haus und Hof wollte —; doch den Einwand immerhin zugegeben, wie lange ist es denn überhaupt her, daß wir zu Rittern der Freiheit im eigentlichsten Sinne des Wortes geschlagen wurden? Traut Ihr unseren Armeen nicht zu, daß sie in einem künftigen Kampse glücklich den Sieg davontragen werben? — .— llnd gesetzt auch, unsere Freiheit würde selbst durch einen Sieg nicht erschüttert, steht es^uns wohl an, daß wir das Band der Einheit egoistisch lösen und unserer Brüder vergessen, die noch an vielen Orten im Drucke schmachten, und denen Man sogar, wie wir erst kürzlich wieder gelesen haben, von Staatswegen die Bärte scheert und die Röcke auf den Leib mißt? Also selbst von dieser Seite her wäre die Bitte um Jerusalem nicht einmal änzufechten. Aber ich behaupte etwas ganz anderes: Die Bitte um Jerusalem hat überhaupt nichts mit der Staatsbürgerschaft, nichts mit dem Golus und nichts mit der politischen Freiheit zu tun. Man zieht diese ideale'Bitte absichtlich in das Gebiet der gemeinen Alltäglichkeit herunter, um sie da unten desto bequemer abwürgen zu können. Das erinnert mich an die Art, wie es vor einigen Jahren einer der hervorragendsten französischen Gelehrten, der aber kein besonderer Freund des Judentums ist, mit dem Monotheismus gemacht hat. Es war ihm unbehaglich, sich sagen zu müssen, daß die Welt den Monotheismus, diese größte Idee, den Juden verdanke. Da aber dem einmal so ist, was konnte er da tun? Er half sich ganz einfach: er bestritt die Größe der Idee. Er setzte vielmehr den Monotheismus zu der allergewöhnlichsten Erfindung herab. Er sagte: der Monotheismus wäre bloß ein Minimum von Religion, die Juden wären aus reiner Beschränktheit bei einem Gotte stehen geblieben. Bloß ein Gott — wie dürftig — man hat gar keine Auswahl! — Nun, dasselbe Manöver macht man jetzt mit der Bitte um Jerusalem. Man stellt sie so dar, als stecke dahinter ein politischer Putsch mit Ministerspielen u. dgl. — obwohl ich nicht weiß, wenn's dazu käme, wer sich zumeist um ein Portefeuille bewerben, würde, — oder man stellt sie so dar, als handle es sich da um eine augenblickliche Auswanderung nach Jerusalem etwa in der Weise, wie ein Zug böhmischer Bauern in einen amerikaschen Urwald zur Urbarmachung und Ansiedelung auswandert, und nachdem man die Bitte soweit ins Gemeine und Niedrige herabgezogen hat, dann ruft man aus: „Gs ist eine Lüge mit der Bitte, die Herren auf der Ringstraße werden ihre Paläste nicht verlassen usw." Mer nein, meine Freunde, jeder ehrliche Beurteiler des Judentums wird zugestehen: so ist die Sache nicht gemeint! Seht Euch nur einmal die betreffenden Stellen in unseren Gebeten an: „Nach Jerujalem Deiner Stadt" beten wir zu Gott — „mögest Du in Erbarmen zurückkehren usw." Oder: „Unsere Augen mögen es schauen, wie Du nach Zion zurückkehrst in Erbarmen usw." Oder: „Gelobt seist Du Gott, der Du zurückführst Deine Herrlichkeit nach Zijon usw." Rechtfertigen diese Stellen wohl jene niedrigen Auslegungen? Nein, meine Freunde, die Bitte um Jerusalem ist nichts geringeres als das Gerüste unserer Messiashofinungen, das nicht willkürlich erfunden, sondern in der Ahnung unseres Volkes begründet ist. Wenn es dereinst dahin kommt — was wir doch Alle glauben und mit welchem Glauben wir sogar prunken — daß sich das Wort erfüllt: „An dem Tage wird Gott einzig sein und sein Name einzig" (Sachar. 14,9), wenn es dereinst dahin kommt, daß sich die Verheißung verwirk.icht: „Juble und freue Dich, Tochter Zijon; denn siehe, ich komme und throne in Deiner Mitte, spricht der Ewige. Und es schließen sich viele Völker dem Ewigen an, am selben Tage" (daselbst 2, 14, 15), warum sollte denn die Menschheit nicht Hinblicken auf das kleine Zijon, wovon die Lehre von der Gotteseinheit zuerst ausgegangen, warum sollte sie dann nicht den Verkünder und Träger dieser Lehre, Israel, als das Priestervolt darin wieder einzusetzen, sich selbst gedrungen fühlen? Widerspricht ein solcher idealer Gedanke den Forderungen der Tildung? Ich sollte meinen, man könnte einen Gott leugnen und gleichwohl die Erfüllung dieser Hoffnung auf Grund geschichtlicher Erfahrung für möglich, ga für wahrscheinlich halten. Denn Gott kann man nicht beweisen, aber für die Erfüllung dieser Hoffnung haben wir gewissermaßen die historische Vermutung. Denn schon einmal hat za bekanntlich ein ganzes Volk in Egypten Haus und Hof verlassen und ist einer Idee nachgegangen — nach Palästina, und ein zweites Mal, über ein Jahrtausend später, da ist dieses selbe Volk, Höflinge an seiner Spitze, einer Idee nachgegangen — nach Palästina, und was in der Geschichte ein und zweimal sich ereignet hat, das für ein drittes Mal zu erhoffen und zu erbitten, sollte der Bildung widerstreiten, sollte lächerlich sein?

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