Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 5 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5. Lebensart, seine Gewohnheiten unberücksichtigt ließen und meinten, den Händler im Handumdrehen, ohne jede Uebergangsstufe, zum Ackerbauer umwandeln wollten.?lber wenn cs auch gelingen sollte, eine größere Kolonisation in Fluß zu bringen, so müßte eine solche aus gewaltige Schwierigkeiten stoßen, einerseits ivegen der großen Geldsunime, die eine solche verschlingen würde, andererseits wegen der besonders ungünstigen Bodenverhältnisse in Palästina.. Doch lassen wir den Redner selbst weiter das Wort führen. Die Entwickelung einer modernen und ertragssähigen Landwirtschaft ist in Palästina mit großen Schwierigkeiten verbunden. Der Boden ist zwar gut und kann reiche Früchte bringen, aber er ist verwildert und überhaupt schwer zu bearbeite». Beweis dafür liefern die dort bestehenden jüdischen Kolonien, die bei einem schon Jahrzehnte zählenden schweren Kampfe, trotz der Begeisterung, init der die Kolonisten an ihre Sache herangetreten sind, trotz ihres Fleißes und trotzdem, daß sie reichlich unterstützt waren, noch nicht fest aus ihren Beinen stehen und noch immer aus Hilfe von der Seite angewiesen sind. Die Landwirtschaft ist in Palästina der Eventualität einer Mißernte stark unterworfen; ein paar schlechte Jahre können schon den Untergang einer jungen Gesellschaft herbeiführen. Soll also gegebenen Falls den politischen Zionismus nicht das, Schicksal der Chowewc-Zion und des Argentinischen! Unternehmens ereilen, so muß ihm ein guter Er I folg schon am Beginne seiner Tätigkeit in Palä-s stina gesichert sei», was bei der Kolonisierung mit Ackerbauern schwer zu erlvarten steht. Anders steht es aber mit der Begründung von Industrie und Handel in Palästina! Palästina ist das geeignetste Land für den Welthandel, denn es liegt an über .Küste des .Mittelländischen Meeres, und bildet den Knotenpunkt dreier Weltteile: Asien, Afrika und Europa. Schon im Altertume galt Kanaan als ein Handelsland, so daß selbst der Name — Kanaan — im Hebräischen dem Kanfmanne verliehen ist. Heute sind die Juden, die die ganze Erdkugel durchwandert haben und ein Universum alles Wissens und jeder Geistesrichtung bilden, das geeignetste Volk, Palästina zu einem Zentrum des Weltverkehrs und der Kultur zu machen. Ebenso, töte sie vor zwei Jahrtausenden als Hauptträger der asiatischen Kultur aus Palästina nach Europa ivanderu mußten, so sollen sie auch jetzt als Hauptträger der europäischen Kultur wiederum aus Europa nach Asien wandern, und ebenso wie sie vor mehr als drei Jahrtausenden aus der Knechtschaft in Egypten „mir hochgestrecktcm Arme" nach Erez- Israel zogen, um den Völkern das Licht der Erkenntnis zu bringen, s-, sollen sie auch jetzt aus den finsteren „Goluth" sich nicht nach Crez-Jsrael flüchten, sondern dorthin im Triumps als Kulturträger für Asien ziehen Ja, als Kulturträger nach Asien ziehen! Das können wir aber freilich nicht als Agrarier, sondern als Industrielle und Kaufleute. Jüdische Industrielle und jüdische Kaufmänner! In Zlsieu liegt vor euch ein großes Feld offen, wo ihr eine ersprießliche Tätigkeit für euer eigenes Wohl, für das Wohl eures Volkes und zum Segen für die ganze Menschheit frei entfalten könnet. Wendet inehr Mifinerksamkeit Asien zu und beeilet euch, dort festen Boden zu gewinnen, so lange noch Zeit ist, so lange eure Konkurrenten, die den wirtschaftlichen Kamps mit der Macht des Schwertes unterstützen können, euch nicht vorangekommen sind. Und ihr brauchet keine Waffengewalt. Im Frieden werdet ihr eure Eroberungen machen, denn ihr werdet freundliches Entgegenkommen bei den asiatischen Völkern finden, da ihr nicht als Eindringlinge, nicht als Eroberer, die das Land an sich zu reißen suchen, kommet, sondern als biedere Industrielle und Kausleute, die mit sich Fleiß, Intelligenz und Kapital bringen, das Land beleben und zivilisieren und sich dort niederlassen, um für das eigene und das gemeinschaftliche Wohl zu arbeiten. (Schluß folgt.) Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Aus aller Welt. Deutschland. Alsfeld (Hessen). Hier wurde der Bau einer neuen Synagoge beschlossen. Höchst i. Odenwald. Die Einweihungs- Feierlichkeiten unserer neuen Synagoge finden am 12., 13. und 14. Februar statt. Freitag, den 12. er., nachmittags 12:!;tlU)r ist Wschicds-Gottesdienst im seitherigen Betsaale, dann Zug nach der neuen Synagoge, dann Eimveihungsfeier. Samstag Morgen wird ein Fcstgottcsdienst abgehalten. Samstag und Sonntag Abend finden Bälle statt. Zu Austunftserteilungen ist Herr Meier Flörsheimer gern bereit. Karlsruhe. Der badische Berwaltungs-Gerichtshat hinsichtlich eines Einzelfalles, in der die Polizei gegen einen Wirt vorgcgangen war, der an seinem Easthof ein Schild mit der Aufschrift „Judenreines Haus", angebracht hatte, nachstehende Entscheidung getroffen: „Mit der Aufschrift: „Judenreines Haus" auf feinem Wirtsschilde will der Gastwirt' dem Publikum kundgeben, daß in seinem Gasthofe keine Juden verkehren, und daß er nicht gewillt ist, Juden in seinen Gasthof anfznnehmen. Hierin liegt an sich keine Rechts- und Ordnuugswidrigkeit. Tie Konzession zum Gastwirtschastsbetriebe verleiht dem Inhaber nur die Berechtigung, sie verpflichtet denselben aber nicht zur uneingeschränkten Ausübung des Gewerbes. Der Wirt bleibt vielmehr berechtigt, jederzeit Güsten, die ihm aus irgend einem Grunde nicht Zusagen, die Aufnahme zu verweigern. Ist der Wirt gewillt, von diesem Rechte den Angehörigen einer ganzen Bevölkerungsklasse gegenüber Gebrauch zu machen, so ist er an der Verwirklichung dieser Absicht im einzelnen Falle nicht gehindert und ebenso Wntg daran, sein Vorhaben öffentlich kundzugeben, weil er eben dabei nur von einem Rechte Gebrauch machte. Tie Veröffentlichung erscheint sogar insofern als. zweckmäßig, als dadurch den betreffenden Reisenden die kknanuehmlichkeit erspart wird, sich einer Abweisung auszusetzen, und ihnen ermöglicht wird, eine persönliche Berührung init dem ihnen nicht wohlgesinnten Gastgeber zu vermeiden, wodurch vielleicht für beide Teile unliebsame Weiterungen verhütet werden. Außerdem kann es auch für manche Gäste von Interesse sein, zu wissen, daß gewisse Bcvölkerungsklassen in dem Gasthofe nicht verkehren. Mit der Aufschrift: „Judenreines Haus" gibt aber der Gastwirt seiner Mißachtung tind der Ansicht Ausdruck, daß durch den Verkehr von Juden sein Hans ohne Weiteres verunreinigt werde, daß die Berührung der anderen Gäste mit den Juden eine Gefahr der Verunreinigung für die elfteren bilde, daß ein reinlicher, anständiger Mensch ein Zusammentreffen mit Inden im Gasthofe nicht zu besorgen habe. Eine solche Verunglimpfung und Verächtlichnrachung einer ganzen Bolksklassc, der Angehörigen einer vom Staate anerkannten Religionsgemeinschaft, von Staatsangehörigen, die im Vollbesitze der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte sind, und die ständige Kundgebung solcher Gesinnung auf einer an hervorragender Stelle angebrachten Aufschrift ist jedoch eine Lrdnungswidrigkcit, welche die Polizei zum Einschreiten berechtigt." Berlin. In einer Versammlung, in der u. A. der Rektor der Universität, Freiherr v. Richthofe» und andere Professoren, sowie der Generaloberst von Hahnke anwesend waren, wagte es der cand. med. Reinau, als eine der vorzüglichsten Aufgaben, den Kampf gegen das Judentum zu bezeichnen: und was das Merkwürdigste ist, diese Ungezogenheit blieb ungerügt. Trier, 3. Febr. Sieben Kinder des hiesigen Oberrabbiners Tr. Baßfreund wurden heute morgen im Schlafzimmer bewußtlos aufgesunden. Sie sind durch Kohlengas betäubt worden. Eine Tochter ist noch schwer krank, die übrigen sechs Kinder'sind wieder h-rgestcllt. Aus dem Unter-Elsaß. In ihrer letzten Nummer haben Sie eine kurze ttebersicht gebracht über das neue Verhältnis von Konsistorium und der jüdischen Gemeinden des Ober-Elsaß. Dabei wurde besonders hervorgehoben, daß das Konsistorium beschlossen habe, den Gemeinden,- die es verlangen würden, das Recht zu bewilligen, ihre Verwaltung selbst zu wählen. Was diesen Punkt anbelangt, so ist das Konsistorium des Unter-Elsaß den Gemeinden gegenüber zuvorkommender und zugleich prinzipieller. Ohne Kampf, ganz freiwillig hat das Konsistorium von Straßburg nicht nur einzelnen Gemeinden, die es wünschen, sondern dem ganzen Bezirk das Recht übertragen, die Verwaltungskommissionen selbständig zu wählen. So stehen wir gerade jetzt vor einer allgemeinen Kommissionswahl, da im kommenden Frühjahr das Konsistorium von Straßburg eine allgemeine Neuwahl der Verwaltungen der Gemeinden auszuschreiben gedenkt. Manche Vorsteher und Mitglieder der Verwaltungen, die in der abgelaufenen Periode ihre Pflicht in ihrem Ehrenamte nicht getan haben, werden aus aus ihrem Amte verschwinden und neuen Kräften Platz machen müssen. Seite 3. Hoffentlich wird in den Gemeinden bei der Neuwahl nicht immer der Besitz des Geldes entscheiden und Anspruch auf ein Ehrenamt verleihen, sonder» die Tüchtigsten, diejenigen, die am meisten befähigt sind, das jüdische Leben wieder aufzufrischen, alle die, welche Interesse und Liebe sür ihr Judentum haben — und nur diese — mögen in die neuen Aemtcr eintreten, an die Spitze der Gemeinden berufen werden. K. M. Posen. Der „Dziennik Berlinski" behauptet, daß polnische und jüdische Referendare in Posen protokollarisch darüber vernommen worden sind, weshalb sie an den letzten Landtags- und Reichstagswahlcn nicht teilgenommen hätten. Das Polenblatt versichert weiter, daß alle Vernommenen sich hätten verpslichten müssen, in Zukunft sich an den Wahlen zu beteiligen. Tanzig. Eine kostbare Kunstsammlung, die fortan jedermann und jederzeit zugänglich sein soll, ist in dem sogenannten „Brautzimmer" der hiesigen Synagoge zur Ausstellung, gekommen. Herr L. Gielbzinski hat aus den reichen Schätzen seiner Sammlung alles, was ans Judentum und jüdischen Ritus Bezug hat, der jüdischen Gemeinde geschenkt und in Schränken übersichtlich zur Aufstellung gebracht. Ter Silberwert allein beziffert sich auf über 5000 ../£., der Kunstwert ist selbstverständlich sehr erheblich höher. Man sieht dort kostbare Thoraaufsätze, Chanuka- und Jomkippurleuchter. Viele Stücke sind heiinische Arbeit, das Tanziger Wappen ist mehrfach ornamental verwertet. Von besonderer Schönheit ist eine große Ritualschüssel in italienischer Majolika. Demnächst wird ein Katalog für die Sammlung herausgegeben werden, der namentlich den mit den Riten Unbekannten von großem Nutzen sein wird. Oesterreich-Ungarn. Przemysl. Spitalsstiftung. Der hier allgemein geachtete Bürger Herr EliaS Hirt hat durch die Spende von etwa 80 000 K. die Errichtung eines den modernen hygienischen Anforderungen entsprechenden israelitischen Spitals ermöglicht und dadurch sich um die Stadt Przemysl und insbesondere um seine Glaubensgenossen höchst verdient gemacht. Das neue Hospital wird nach dem hochherzigen Spender benannt werden. Italien. Rom. 25. Januar. Dr. Theodor Herzl ist vom König Victor Emanucl in Privataudienz empfangen worden. Nach der königliche» Audienz hatte er auch mit dem Minister des Aeußern, Herrn Tittom, eine Unterredung. Dr. Herzl wurde auch vom Papst und vom Kardinal-Staatssekretär Merry de Val empfangen. Rußland. TiftiS. Der «Tisliskij Listok" berichtet über folgenden Falt, welcher sich unlängst in Tiflis ereignet hat. Ter in TisliS wohnende jüdische Handwerker (Uhrmacher- Wraham Barskij hatte in seinem Geschäfte auch Uhren nicht eigener Erzeugung znm Verkauf. Die Polizei verhaftete Barskij. sperrte sein Uhrengeschäft und überantivortete BarSkij dem Strafgerichte, angeblich deshalb, weil er als Handwerker kein Recht hatte, Sachen nicht eigener Erzeugung feilzubieten. Das Gericht verurteilte Barskij zur Aus- Weisung in das jüdische Riederlassungsgebiet und sprach gleichzeitig die Konfiskation des Warenlagers aus. Erst in dritter Instanz wurde Barskij freigesprochen und das erstrichterliche Urteil ausgehoben. Minsk. Bor dem Bezirksrichter in Minsk wurde unlängst, wie die „Nowosti" melden, folgende charakteristische Verhandlung durchgeführt. Die Schülerin des Minsker Mädchengymnasiums, die Jüdin Rebbeka Schapiro, ersuchte am 1. März den Klassenvorstand Frau Jusefvivitsch, sie für diesen Tag zu beurlauben, weil ihr Namenstag gefeiert werde. Ter Vorstand antwortete: „Haben denn Saujuden Namenstag?" und beurlaubte sie nicht. Aber seit diesem Tage begann Frau Jusefowitsch die Schülerin Schapiro zu verfolgen, zu verhöhne» und zu verspotten und kam soweit, die schapiro fast täglich auf ganze Tage im Karzer einzuschließen. Ter Vater des Kindes, ein rn Minsk 'angesehener Kaufmann, beschwerte sich bei den Vorgesetzten der Frau Jusefowitsch, reiste sogar zu diesem Zwecke zum Kurator des Lehrbezirkes nach Wilna, aber nirgends ließ man sich herbei, dem gekränkien Vater und gedemütigten Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, lind jo beschlo Schapiro, bei der Justiz sein Recht zu suchen. Aber aus rein. formellen Gründen durfte der Richter, wiewohl 'er die Beschwerde Schapiro's für gerechtfertigt erklärte» in die Verhandlung der Klage nicht eingehen, weil die Klage gegen den Kassenvorstand von amtswegen erhoben werden müßte.Und so fand Schapiro nirgends Genugtuung. Personalien. Frankfurt a.M. Landgerichtsrat Dr. Sommer wurde zum Oberlandesgerichtsrat ernannt. Zu dieser Ernennung bemerkt die „Vossische Zeitung": „Ein Jude, ein leibhaftiger, ungetanster