Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 5 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Eeite 2. Sein und niedrig erscheinen. Die kleinen Leiden des Daseins machen sie mürb und reibe» ihre Spannkraft auf. Sie haben der Gottheit Urgeheimnis geschaut und jammern, wenn ihnen die Brot- und Aleischration zu knapp wird. Das scheint uns ei» Rätsel zu sein, und doch hat ein jeder von uns an sich und an andern schon sicher dasselbe erlebt. Du lauschst in dichtgedrängter Versammlung einem berühmten Redner. Aufregend nnd zündend wirkt das Wort aus dem Munde des begeisterten Mannes. Er erhebt deine Seele in die himmli>chen Sphären des Edlen und Guten. Mit prophetischem Geist entwirft er die packenden Visionen aus der Menschheit seligem Zukunftleben. Du verläßt den Saal in einer Stimmung tiefster Andacht. Dein ganzes Seelenleben ist aufgewühlt. Du wirst noch tagelang über das Gehörte zu denken und zu sinnen haben. Tu meinst, es muß doch ein wahrhaft tiefer Denker und Forscher sein, der solche Wirkung zu erzielen vermag. Wer wollte an der Größe dieses Mannes zweifeln! Doch folge dem Großen in sein Heim. Sieh, wie er da unwirsch an allein rüttelt und nörgelt, wie er die Gattin schilt, die erschreckten Kleinen anfährt-? Ist das noch derselbe Mann? Aus dem Zauberer, der die Massen mit der Gewalt seines Geistes und Wortes berückte, ist ein kläglicher Haustyrann geworden. Ist er darum ein Heuchler und Lügner? Hat er deshalb nicht alles das wirklich gefühlt, was wie eine neue Offenbarung aus seinem Munde quoll. Wer wollte daran zweifeln? Er ist nur in der Oeffentlichkeit ein anderer als daheim bei den Seinen. Es ist der alte Gegen - satz zwischen Ideal ünd Leben. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Ta ist ein mächtiger Herrscher, der ein gewaltiges Reich zu seinen Füßen sieht, wie die Welt ein gleiches noch nicht erblickt hat. Es ist ein hochsinnigel Fürst. Mit tiefem Schmerze blickt er auf die waffenstarrcnden trotzigen Heere, welche die zivilisierten Nationen einander gegenüber stellen. Mit Grauen malt er sich in der Phantasie den Augenblick aus, wo diese ungeheuren Massen einmal von einem ehrgeizigen Machthaber gegen einander ausgcspielt werden könnten. Da reift in seinem Kopfe ein großer Gedanke. Er will die Völker zu einem Fricdensbundc einen. Sie sollen alle Abgesandte schicken, um über die besten Grundlage» eines solchen Weltvertrages zu beraten. Und was für ein Schauspiel bietet uns das Land desselben Fürsten wenige Lahre nach jenem denkwürdigen Plane. Nicht einmal im Innern seines Reiches vermag er oder will er den Frieden aufrecht erhalten. Rohe Mörderbanden dürfen ungestraft unschuldige Frauen und Kinder niedermctzeln. Gewalt und Faustrecht feiern einen ihrer herrlichsten Triumphe in dem Reiche, von dem noch vor kurzem die süße Weisen der Friedensschalmci lockend ertönten. Wie können wir uns diesen Widerspruch erklären. War -etwa der ganze Plan nur eine abgefeimte Heuchelei, ein Kniff modernster Diplomatenkunst. Gewiß nicht. Niemand wird die Ehrlichkeit des friedliebenden Fürsten in Zweifel ziehen. Das Leben griff nur einmal wieder mit harter Faust in die lustige Welt der Ideale ein. Endlich sehen wir einen geistvollen Schriftsteller, der sich seine Sporen verdient hatte durch die Zertrümmerung aU der Heiligtümer, welche bisher von den Menschen tzochgehalten worden waren, enttäuscht und angeekelt von dem Sumpfe des Materialismus, in dem er fast versunken ivärc, sich wieder in neuerwachter Sehnsucht einem idealen Streben zuwenden. Er stellt die ganze Kunst seines mächtigen Geistes und seiner gewaltigen Energie in den Dienst seines geknechteten und gepeinigten Volkes, ' das er vorher völlig vergessen hatte. Er tritt mit an die Spitze einer Bewegung, welche einen Hellen Lichtschein neuer ungeahnter Hoffnung in die dunklen Hütten der vor aller Welt Geächteten und Gebannten sendet. — Man sollte meinen, das neue und zugleich so alte Ideal würde die ganze Persönlichkeit des Mannes erfüllen, würde aus sein Leben einen umwälzenden Einfluß ausüben. Weit gefehlt. Seine ganze Lebensführung und Lebenshaltung setzt sich auch weiterhin in einen schroffen unüberbrückbaren Gegensatz zu der überwiegenden Masse derjenigen, denen er Erlösung bringen zu können vermeint. Sein Ideal ist ihm eben nur ein Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Ideal geblieben, das für die ganze Praxis seines persönlichen Tuns und Lassens von keinerlei Folge ist. L e b c n u n d I d e a I s ch e i n e n w i c d e r e i nmal nicht auszu gleichen. ' Man hat unserem Zeitalter oft den Mangel an Idealen vorgeworfen. Kein unberechtigteres Wort ist jemals ausgesprochen. Im Gegenteil, wir haben eine Ueberproduktion an Idealen. Es ist vielleicht eine kühne Behauptung, die aber doch bei näherem Zusehen garnicht so ungereimt erscheint, daß es in unserer Zeit wohl keinen Menschen gibt, der nicht ein Ideal besitzt oder es wenigstens in seiner goldenen Jugendzeit einmal besessen hat. Wessen man unsere Zeit anklagcn kann, ist, daß ihre vielen Ideale so wenig Einfluß aus ihr wirkliches Leben haben. Ein jeder besitzt sein Ideal, aber er hält es fein säuberlich verwahrt in irgend einem stillen Winkelchen seines Herzens, wo es ihn nicht stört und ihm nicht lästig ist. An großen Prunk- und Scheiutageu wird es dann hervorgeholt, fein säuberlich geputzt, geschinückt und ausgestattet, lind wenn man dann eineni solchen Menschen sein kraß materialistisches Handeln, seine grobsinnliche Lebensweise borwirft, dann weist er auf das prächtig ausstaffierte Paradeideal hin und meint damit seiner Pflicht ledig zu sein. Ist nun dieser Gegensatz zwischen Ideal und Leben niemals zu überbrücken? Ist die Menschheit dazu bestimmt, ewig am Boden zu kriechen? Soll es nur gelegentlich in großen Feierstunden gestattet sein, zu den Sternen an ihrem Jdealhimmel verzückt emporzuschauen. Haben solche Jdealsterne überhaupt einen Wert. Hindern sie nicht gerade durch ihre augenscheinliche Unerreichbarkeit das ideale Handeln, das ideale Leben? . Wenn wir uns diese Fragen als Juden stellen, als überzeugte Anhänger der uns überlieferten Religion, so heißt die Frage stellen, schon sie beantworten. Tie jüdische Religion hat für ihre Bekenner wie für die gesamte Menschheit eine Anzahl hehrer Ideale aufgestellt. Das wäre an sich nichts Besonderes. Das haben heidnische Denker und Philosophen, das haben andere Religionen auch getan. Das Eigenartige des Judentums ist die Methode, wie es dafikb eintrftt, diese Ideale auch in die Praxis des Lebens zu verpflanzen. Das Glauben und Verherrlichen seiner Ideale ist ihm nichts, wenn nicht zugleich damit ihre Verwirklichung im Leben Hand in Hand geht. Dem Juden können seine Ideale nicht in der Schatzkammer verrosten. Sind sie ja seine Waffen, die er täglich führt, mit denen er ständig känrpst und streitet auf allen Gebieten des praktischen Lebens. Sie nnischwcbe» ihn, wenn er kaum das Licht der Welt erblickt und sie verklären feine Todesstunde. Nichts ist so niedrig uird nichts so hoch, das ihrer geheimnisvollen Kraft widerstehen könnte. Freud und Leid, Lust und Schmerz werden von ihnen durchdrungen und durch sie gehoben. Sein ganzes Leben ist und muß sein, ein Ringen nach diesen Idealen. Er spricht nicht viel von ihnen, er prahlt und paradiert nicht mit ihnen, sie scheinen ihm gar nichts Ungewöhnliches und Besonderes, denn er lebt ja in ihnen. Seine Ideale leben nicht verborgen in ihm, sondern er verschwindet, er birgt sich in der Fülle seiner Ideale. So gibt es für den denkenden, gesetzestrenen Juden keinen Gegensatz mehr zwischen Ideal und Leben. In seinem Leben findet der sonst soviclbeklagte Widerspruch eine freie und harmonische Lösung. Zionismus, Industrie und Handel. Auszug aus einem Vortrag, gehalten am Mittwoch, den 13. Januar d. I. vor einer Mitgliederversammlung der hiesigen Zionistischen Vereinigung von Herrn Ing. Joseph Feingold. Redner beginnt mit der Schilderung der Verwirrung, die gegenwärtig im, zionistischen Lager herrscht, hebt in Beziehung darauf hervor, daß der Zionismus keine sporade Bewegung ist und deshalb momentane Mißerfolge keineswegs seine weitere-Fortentwickelung verhindern können, und geht dann an der Hand eines Gleichnisses zur Darlegung seiner Idee über. Sein Gleichnis vergleicht die Kolonisation Nr. 5. Palästinas mit jüdischen Ackerbauern, die zu ihrer notwendigen Vorbedingung ein kompaktes Territorium und einen Charter hat, mit einem Baue aus Stein und Ziegel, bei Ivelchem bekanntlich mit dem Fundamente begonnen 'werden muß und bei welchem die Bauarbeiten nur aus dem Boden, auf dem das Gebäude errichtet werden soll, ausgesührt werden können. Dahingegen können bei einem Baue aus Eisen und Holz, aus Metall und organischen Stoffen, sämtliche Teile einzeln an verschiedenen Orten angefcrtigt werden, bevor noch das Fundament gelegt ist, bevor der Banplwtz zur Verfügung fleht und bevor noch die Konzession bewilligt ist. Mit einem solchen Baue aus Eise» und Holz vergleicht Redner das Ergreifen von I n d u st r i e und Handel nicht nur in Palästina, sondern auch im ganzen türkischen Reiche und an sonstigen geeigneten Plätzen. In seinen weiteren Ausführungen sagt er etwa folgendes: Die Schaffung eines jüdischen Ackerbaustandes war seit. Jahrhunderten das vornehme Ziel aller edlen jüdischen Männer, die für das jüdische Volt ein warnres Herz hatten und ihm gerne helfen wollten. Seit dem Verluste der politischen Selbstständigkeit, seit der Entreißung unseres Volkes von seinem väterlichen Boden, ist ihm der Vflug aus den Händen gefallen. Zwar beschäftigten' sich noch unsere Ahnen nach der Zerstörung des zweiten Tempels, namentlich in Babylon, zu einem großen Teile mit Ackerbau, doch näherte sich letzterer immer rascher und rascher seiner Neige und immer mehr bemächtigte sich unter dem Zwang der Verhältnisse unser Volk des Handels und des Gewerbes; und heute ist bereits über ein Jahrtausend verflossen, seitdem wir Juden fast ausschließlich dem Handel und dem Gewerbe leben. Nachdem wir Juden uns nun einmal den Namen eines Handelsvolkes erworben haben, müßte sich eigentlich konsequenter- -Weisveergeben, baß die Zukunft des jüdischen Volkes auch im Handel, in eineni riesigen Welthandel, .zil erblicken ist. Wenn wir aber die geschichtliche Entwickelung des Zionismus, überhaupt jeder jüdischen nationalen Arbeit, vor Augen halten, so finden wir überall eine starke Neigung der Rückkehr zum uralten Zustand eines Ackerbau und Viehzucht treibenden Volkes. Diese merkwürdige Erscheinung ist in unserem Zeitalter, in welchem die, die moderne Kultur durchaus verneinden Lehren eines Tolstoi einen so großen Ar», klang finden, wohl begreiflich; noch mehr aber ist dieses Streben zum Ackerbau bei den geistigen Führern des jüdischen Volkes in dem specifisch jüdischen Empfinden begründet. Die unversiegbare Liebe zum heiligen Boden der Väter, die unvergeßlichen Erinnerungen an das selige Zeitalter, da unsere Ahnen als ein friedliches, Ackerbau treibendes Volk ein glückliches Dasein führten, die Sehnsucht nach körperlicher und geistiger Erholung nnd Gesundung, die für das jüdische Volk einzig und allein durch die Annäherung an den Boden, durch ein „natürliches Leben" bedingt zu sein scheint, das alles ließ zu allen Zeiten jedes jüdische Herz für den jüdischen Ackerbauer in Palästina heftiger schlagen, ließ das Heil des jüdischen Volkes nur im Kolonisten sehen, ünd nur die Kolonisierung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern als die einzige Lösung der Judenfrage betrachten. GrAft zum Pflug, legt Kolonien in Palästina an, rüttelt die Heimatsscholle aus ihrem letargischen Schlafe auf, war. der Ruf der Chowewe-Zion und mächtig drang er unserem Volke in's Ohr. Es vernahm die rufende Stimme, es zuckte zusammen, es schlug im träumenden Schlummer die Wimpern halb aus und ..... regte sich.um bald wieder einzuschlafen. Aber dort an der blauen See, un Lande Israel, entstanden doch mehrere jüdische Kolonien und fleißige, jüdische Hände griffen tapfer zu, um die vertoilderte Wüstenei wieder in ein Land von Milch ünd Honig zu verwandeln. Redner geht nun des näheren auf die Ursachen ein, aus welchen die Bewegung der Chowewe-Zion und der Jewish Colonisation Association (Jca) von so geringem Erfolge gekrönt wurden und meint, daß der Grund ihrer Mißerfolge hauptsächlich darin zu suchen ist, daß sie allzuwenig mit den Tat-' sachen rechneten, daß sie die gegenwärtige Beschaffenheit des jüdischen Volkes, sein Empsinden, seine