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Neue jüdische Presse · 1904-02-05 · Heft 5 (5.2.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 5 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Jude ist Oberlairdesgerichtsrat geworden. Ein Ereignis ohne Beispiel, seit der heutige Fustizministcr die Vorschläge für, die Besetzung der Richterämter macht. Die Nachricht ist so verblüffend, daß sie niemand für wahr hielte, wenn sie nicht amtlich veröffentlicht wäre. Wer es steht wirklich im jüngsten „Justizunnisterialblatt" schwarz auf weiß: der Landgerichtsrat Dr. Sommer aus Frankfurt a. M. ist zum Oberlandesgerichtsrat in Kassel ernannt worden. Und Dr. Sommer hat nichts getan, um zuvor den Beweis „guten Glaubens" zu erbringen." Zn diesem Sinne schreibt auch die „Frankfurter Zeitung". Ta die Ernennung durchaus wider die bisherigen Gepflogenheiten des JustizministcrL Schönstedt ist, so'wird man nicht fehlgehen, sie auf die freundschaftlichen Beziehungen des nunmehrigen Oberlandesgerichtsrates zu unserem Kaiser, seinem früheren Schullollegen, zurückzuführen. Berlin. Karl Emil Franzos, der gewandte Novellist, ist hier, wo er seit 1887 wohnte, am 28. Januar gestorben. Franzos wurde ain 25. Oktober 1848 als Sohn eines Bezirksarztes in Russisch-Podolien geboren und verlebte in Czortkow (Galizien) seine erste Jugendzeit. Er besuchte das deutsche Gymnasium in Czernowitz, studierte 1867—71 in Wien und Graz Rechtswissenschaft, Philosophie und Geschichte und widmete sich, nachdem er 1872 die Staatsprüfung bestanden, dem schriftstellerischen Berufe. Als Journalist bereiste er während der nächsten vier Jahre Mitteleuropa, Rußland und den Orient. Ein Jahrzehnt hindurch hatte er dann seinen Wohnsitz in Wien, von 1882 bis 1885 als Letter, der „Neuen Illustrierten Zeitung". Im folgenden Jahre begründete er in Berlin die Halbmonatsschrift „Deutsche Dichtung", die er bis zu seinem Tod herausgab. Karl Gnil Franzos hat sich als Lyriker, Roman- und Novellendichtcr und als Kultur- und Literaturgeschichtschreiber einen Namen erworben. Sein Hauptgebiet war die Schilderung der gallzisch-jüdischen Kulturzustände, in denen er ja aufgewachsen war. Franzos ist uns als „Jude" nie sympathisch -gewesen, denn man fühlt aus seinen Schriften unwillkürlich heraus, daß er das Judentum nicht kennt und daß er seinen jüdischen Brüdern gegenüber sich als' ein Fremder fühlt, der dabei noch, durch Borurtette verführt, eine» subjektiven, voreingenommene» Maßstab an ihre Beurtettung legt. Berlin. Am 15. v. Mts. ist der Oberpostsekretär a. D. Rechnungsrat Adolf Gold st ein im 69. Lebensjahre gestorben. Goldstein, der aus bescheidenen Verhältnissen hervorgegangen war, hatte sich durch fleißiges Selbststudium deratt weitergebildet, daß ihm bereits im Jahre 1877 eine Stelle als Oberpostsekretär übertragen wurde. Nach langjähriger, postdienstlicher Beschäftigung in Danzig wurde Goldstein nach Berlin versetzt, wo er bei dem überaus wichtigen und verkehrsreichen Briefpostamt bis zu seinem im Jahre lSvl erfolgten Uebertritt in den wohlverdienten Ruhestand täüg war. Berlin. Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Karl. Liebermann, der angesehene Lehrer der Chemie, feiette dm 24. v. M. das 25jährige Jubiläum als außerordentlicher Professor an der Berliner Universität. Breslau. Rabbiner Dr. Guttmann, welcher zm Teilnahme an der Beerdigung des Predigers Blumenfeld nach Schweidnitz gefahren war, kam auf dem dorttgen Bahnhof zu Falle und brach ein Bein. BreSla«. Die Preisaufgaben der medizinischen Fakultät lösten die Kandidaten Paul Krebs und Walter Steinitz. Bei der Kaiserfeier in der Universität erhielt elfterer den vollen Preis und freie Promotion, letzterer öffentliche Belobigung. Hamburg. Der Kaiser schenkte dem Generaldirektor Ballin von der Hamburg - Amerika-Linie seine lebensgroße Marmorbüste. Aus derr Vereinen. BerN«. Am Sonntag, den 3. d. Mts., fand im Bureau des D. I. G. B. eine gemeinschaftliche Sitzung des Vorstandes und des Wohlfahrtsausschusses des Vereins »Jüdische Arbeiterkolonie" statt Ästs dem Berichte über das letzte Halbjahr ist zu entnehmen, daßdas Institut in erfteulicher Weise seinen nachstehenden Aufgaben gerecht wird. Infolge der Einführung neuer Beschäftigungszweige war es möglich, die Frequenz auf die Zahl 80 zu erhöhen. .Der Zudrang Arbeitssuchender ist aber so groß, daß das Kuratorium sich entschlossen hat. sofort die Vorbereitung zur Aufnahme von 10 weiteren Insassen zu treffen. Wiewohl sich die Anstalt bei den höchsten Staatsbehörden, die rhr kürzlich die Rechte einer milden Stiftung verliehen haben, wie auch beim jüdischen Publikum schätzbarer Sympathie erfteut, so hatdoch die zu Bausch Hasebono veranstaltete Propaganda nur ein dürftiges Ergebnis gehabt; der Etat des Instituts ist durch feste Jahresbeittäge längst nicht gedeckt. Eine besonders eingesetzte Propagandakommision wird sich bemühen,von Gemeindebehörden, Vereinen und Privaten die erforderlichen festen Betträge zu beschaffen. Eine Vergrößerung der Einnahmen wird auch von der Begründung von Jahresfüstungen erwartet.. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Für die Zuwendung von Kleidungsstücken und Naturalien wäre der Vorstand sehr dankbar. Man bittet derattige Geschenke dirett an die Anstalt Weißensec, Wörthstt. 20 zu richten, Geldsendungen aber zu adressieren: An den Dcutsch-JsraelitischenGem ein debund,Berlin W„ Steglitz'erstr. 85. Freiburg i. B. In diesem Semester hat sich auch an hiesiger Universität ein »Verein jüdischer S tu d cnten" (B. I. St.) konstituiert, wie solche bereits seit mehreren Jahren an verschiedenen deutschen Universitäten bestehen und im „Bunde Jüdischer Korporationen" (V. I. C.) zusammengesaßt sind. — Die G r ündungskneipe war von zahlreichen Gästen besucht und nahm einen würdigen Verlaus. U. a. waren anwesend: Vertreter der Loge Bnai Brith, der Zionistischen Vereinigung, des jüdischen Lescvereins, sowie ein Delegiettct der nationaljüdischcn Verbindung „Kadimah" Bern. Der V-I. St.-Straßburg war fast vollzählig erschienen. Cand. med. H. Moses hiett eine wohldurchdachte Tendenzrcde, in der er Zweck und Ziele der Vereine jüdischer Studenten auseinandersetzte. — Am Samstag, den 16. ds. Mts. fand der erste Bereinsabcnd statt. Cand. med. Kützinski hielt einen sehr interessanten Vortrag über „Die Rassenfrage bei den Juden", an den sich eine lebhafte Diskussion anschloß. — Cand. med. Pinczawer sprach am Samstag, den 30. v. Mts., dem zweiten Vereinsabend über „Rom und Jerusalem" von Moses Heß. Das Referat wurde von den zahlreichen Gästen mit größtem Beifall ausgenommen. Pratt. Arzt W Perlitz hielt die Tendcnzrede. Gegensätze. Erzählung von J a cob Le v y. (Fortsetzung.) Ter Fakir fuhr salbungsvoll fort: „Mein Sohn betrachte Jahrelang Deine Nasenspitze und sage „Om" dabei. Dann wirst Du der ewigen Wahrheit näher kommen und in Deiner Seele ruhiger werden." Berg betrachtete seine Nasenspitze aber nicht, sondern sprang wie elektrisiert auf uird eilte in den Saal, wo er das rote Käppchen seiner Griechin zu bemerken glaubte. Richtig, da stand sie mutterseelenallein an einer Säule. „Schöne Griechin," sagte er zu der Zusammen-' schreckenden, „Du hast mich angegrifsen über einen Maskenscherz hinaus, nun bitte ich 'Dich aber auch, meine Verteidigung zu hören." Sie nickte bejahend und ließ sich von ihm zu einem Divan fiihren. Er blieb vor ihr stehen. „Du legst meiner Mchtkostümiernng gehässige Motive imter, die ich nicht begreife. Ich bin nicht aus Selbstüberhebung hier, sondern — — „Um Motive sür die Fliegenden Blätter zu entdecken," unterbrach sie ihn herbe. Er stutzte. ' „Wer gestatten Sic," sagte er, »»willkürlich das Masken-Du aufgebend, „wie sollte ich dazu kommen?" „Nun, Sie haben diese löbliche Absicht in der öffentlichen Wirtschaft laut und deutlich genug proklamiert, so daß sie kein Geheimnis bleiben konnte." Er wurde bkutrot, erhob aber nach einem Augenblick stolz das Haupt und sagte: „Nun wohl, ich weiß nicht, woher Sie diese unbedachte Aeußerung von mir kennen, aber ich leugne nicht. Was ich bis jetzt von meinen Glaubensgenossen in der Oeffcntlichkeit gesehen habe, konnte und durfte mir nicht gefallen, mußte mich zu dieser Bemerkung berechtigen. Ter Typus ist und bleibt jüdisch, dazu kommt in den öffentlichen Lokakcn das hervortretcnde Wesen." „Das berechtigte Sie nicht," unterbrach sie ihn, „von dem kauten Wesen, dein schreienden Putz der jüdischen, Frauen zu spreche». Ich selbst saß dicht neben Ihnen, nur die Portiere trennte uns, und ich, das jüdische 'Mädchen, mußte ihre Beleidigungen anhören! Wenn Sw bei Einzeknen das finden, was auch ich, was jeder anständige Jude verabscheut, dürfen Sie damit die Gesamtheit brandmarken? Sie kennen ja fromme- Juden und jüdisches Familienleben überhaupt nicht! Denken Sie sich an jenem Wend einen Antisemiten an meiner Stelle, wie hätte der Sic als Gesinnungsgenossen begrüßt, wie würden wir andern Tags gelesen haben: Sogar Doktor Berg, der große Jurist, die nationalliberale stütze, findet das Judentum minderwert und unsere Angriffe berechtigt." Sie hatte ihm das alles mit leiser Stimme entgegengeschlendert, er horchte mit gesenkter Stirn. „Mein Fräulein," begann er nach einer Pause, „wenn auch Ihre Worte meine Uebcrzcugung nicht' ändern, seheich doch mein Unrecht eimJch durfte nicht verallgemeinern,' weil ich nur ein Zerrbild der. jüdischen Gesellschaft kenne. Gewiß, ich habe jüdische Studiengenossen als -liebe. Freunde', aber jüdisches Familienleben ist mir fremd geblieben'." . Sie -erhob sich. -- : •’ Nr. 5. „Mein Fräulein," sagte er, ihre Hand ergreifend, die sie ihm gleich wieder entzog, „lassen Sie Jjicfe Unterhaltung nicht die letzte sein. Ich beschwöre Sic," fuhr er dringlich fort, „nennen Sie mir Ihren Name». Ohne eingebildet zu sein, darf ich doch annehmen, daß Sie mich nicht unter die Menge werfen; machen Sie mich nun glücklich, indem 'sie mir Gelegenheit geben, Sie' wieder sprechen zu dürfet,." „Nein," antwortete sie kühl. „Mcht nur durch Erziehung, sondern aus Ueberzeugung hänge ich am Judentum und da tut es mir in der Seele weh, wenn ein Mann von hervorragendem Geiste uns grausam schädigt, anstatt unsere Fahne hoch zu halten. Ich werde befriedigt, sein, wenn ich dem Judentum einen gerechten Beurteiler gewonnen habe, aber mit Lösung dieser Aufgabe erlischt auch mein-Interesse für Sie. sie werden mich mcht Wiedersehen." „So muß ich mich vorläufig bescheiden, aber, gnädiges Fräulein, kämpfen ^vir mit offenem Visier! Zeigen Sie mir, ich bitte sie, einen Moment Ihr Antlitz." Sie lachte leise. ~ „Nein, diese Strafe haben sie nicht verdient. Sie finden in mir das Unschöne unserer Rasse ausgeprägt. Ich habe eine Nase wie ein Schofar. Und nun Gott befohlen." „Verfolgen «ie mich nicht," sagte sie gebieterisch, sich umwendend, und im Nu war sie seinen Blicken entschwunden. Er ging langsam zu seinen Freunden zurück, die, animiert wie sie waren, seine kurze Entfernung kaum beachteten. „Wir wollen Samstag eine Radtour zum Felsenkeller machen und rechnen aus'Deine Teilnahme, säulc der Gerechtigkeit," sagte der Bonze. „Samstag nicht," knurrte Berg, „ich will den Juden durch die Samstagsrabelei kein Aergernis geben." „Das ist wahr," klangen die Stimmen durcheinander, „fahren wir also Sonntag." Der Indier aber murmelte, das halbvolle' Glas in der Hand, „er beginnt schon „ony" zu sagen und hat seine Nasenspitze nicht betrachtet!" — und damit tränt 'er sein Glas ans. — Doktor Friedhcim, der sein Mandarinenkostüm abgelegt hatte, kam zu Berg und flüsterte, ihm zu: „Ich bin zum Gemeindebeamten Meyer gerufen worden, der plötzlich erkrankt ist." Sein Freund sprangt auf: „Ich begleite Dich.'" III. Tie Herren gingen schweigend durch die stille Nacht nach der nicht fernen Wohnung des Herrn Meyer. „Hier in der Wirtschaft warte ich auf Dich, ein Glas Bier wird uns erquicken." In der Brauerei war trotz der vorgerückten Stunde noch reges Leben und Treiben. Berg suchte sich einen einsamen Tisch und grübelte über seine Unbekannte nach, bis sein Freund eintrat, der sich-mit ernstem Gesicht neben ihn setzte. „Nun, Aestutap, hat der Mann Purims halber seinen Magen verdorben?" „Scherze nicht, Herr Meyer ist sehr krank-und Dli bist eigentlich die unwillkürliche Ursache seiner Krankheit." „Ich, wie so? ich habe ihm doch nichts getan." „Tu nicht, aber Dein Vortrag. Seine Frau erzählte mir, an Deinem Vortragsabend sei er furchtbar erregt aus dem Verein gekommen und. klagte, durch ein Mißverständnis habe er sich so blamiert, das; es ihm seine Stelle kosten könne. Bon da an schlief er nicht mehr und nun ist ein Nervenficber im Anzug." „Wie," schrie Berg in großer Aufregung, „es ist doch nicht meine schuld, wenn der Mann sich blamiert." Friedheim sagte ernsthaft: „Das gewiß nicht, aber gestehe doch,. du hattest die Hoffnung, daß die komische Person unseres Vereines in den Fußangeln Deines Purimscherzes hängen bleiben würde. Der Mann hat prograinmmäßig den erwarteten Abschluß zu der Tollheit geliefert. Du hattest 'die Lacher auf Deiner Seite, er muß die Zeche bczahlen."- Berg erwiderte: „Ich habe den Mann nicht veranlaßt, sein Licht leuchten zu lassen. Andere haben übrigens so vielen Unsinn geschwätzt, wie er. Mein Gewissen macht mir übrigens keinen Vorwurf; trotzdem wünsche ich, den Vortrag nicht gehalten zu haben. — - Ist der. Mann wirklich gefährlich erkrank?" Friedheim. sagte achselzuckend: „Das kann ich noch nicht beurteilen, hoffen wir aber das beste." Nach einer Pause begann Berg: „Lieber Freund, ich weiß, wie pflichtgetreu Dir in Deinem Berufe bist und schätze es als eine Fügung des Himmels, daß in diesem'Falle eben Du der behandelnde Arzt bist. Ich erwarte von Deiner Freundschaft zu mir sogar das Unmögliche; bedenke, daß ein unglücklicher Ausgang der Krankheit einen Schatten aus mein Leben werfen kann." „Beruhige Dich," tröstete Friedheim, „was meirschtiche Kunst vermag, werde ich aufbietcn, Gott wird weiter helfen, der Mann ist für seine zahlreiche Familie - nicht zu entbehren." „So," sägte Berg erregt, „den Leuten soll wenigstens eine Sorge schwinden. Sende Ihne» eine. Pflegerin. Was nur an. Arzneien, an stärkenden

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