Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 5 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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xan&fuxtex Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstaltm des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- * Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe . Schluß des redaktionellen Teiles). Redaktion und Gefchäftsftelte: Srankfurt a. in., Heiligkreuzgasie 52, Lcke Illapperfeldstraße (gegenüber der jleuen Zeit). — Herausgeber: Kalg Geis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Tie Reklamezeile.100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8—. 2. Jahrgang. Freitag, den IS. Schwat 5664 (5. Februar 1904). Ro. 5. Seit dem 1. Irbruar befinden sich unsere Geschäftsräume KeiligKrenzgasse Z2,Gcke KlapperWßrahe (gegenüber der Neuen ZeU). Redaktion und Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes. Londoner Brief. London: den 31. Januar. Die Wogen der Erregung in Limerick, dem jüngsten Schauplatze antisemitischer Heldentaten haben sich gelegt. Man kann den führenden Persönlichkeiten der Londoner Juden die Anerkennung nicht versagen, daß sie schnell und entschieden eingegriffen haben, um den drohenden Brand im Keime zu ersticken. Es giebt hier eine Art Behörde, welche sich der Sache bedrängter Juden in und außerhalb Englands anzunehmen pflegt, der Board of Deputies. Dieser besitzt eine Parlamentskommission, deren Aufgabe es ist, an geeigneter Stelle im Parlament oder bei der Regierung Klagen und Beschwerden vorzubringen. Diese Kommission hat sofort eine energische Eingabe an den Staatssekretär für Irland gerichtet. Der Bischof Dr. O. Droher erklärte, der Redeniptoristenpater unterstehe zwar nicht seiner Jurisdiktion, er werde aber das Seinige tun, um eine weitere Hetztätigkeit zu hindern. Von guter Wirkung wird ein Brief des Führers der irischen Parlamentsgruppe, Mr. John W. Redmond sein, welcher schreibt, er habe nicht die geringste Sympathie mit den Angriffen auf die jüdische Gemeinde in Limerick oder sonstwo. Er hoffe bestimmt, daß der gesunde Menschenverstand und der Geist der Bildung, der das irische Volk beherrsche, sie vor weiterem Unrecht schützen werde. Das Gericht hat eine Anzahl der Unruhestifter schon bestraft, wenn es auch, da es sich nicht um schwere Fälle handelte, die Strafen vorläufig leicht bemaß. Indessen, wenn auch äußerlich Ruhe herrscht, so wird das Geschäftsleben der Juden noch lange unter den Nachwirkungen des ftivolen Angriffs leiden, — Ich habe Ihnen in einem meiner früheren Briefe von der segensreichen Wirksamkeit des jüdischen Frauenbundes berichtet. Ich möchte Ihnen heute einige Sätze aus der Eröffnungsfeier, welche die Präsidentin des Vereins, Mrs. N. L. Cohen, in der ersten Generalversammlung hielt, anführen, aus dem Ihre Leser lehrreiche Details über die Tätigkeit des Vereins im Einzelnen entnehmen können. Jüdische Mädchen, so bemerkt die Rednerin u. a., kommen oft als Dienstmädchen, Gouvernanten, Lehrerinnen, Arbeiterinnen in eine völlig ftemde Umgebung. Sie haben keinerlei Familienanhang, keinen Freund und. Beschützer in der Stadt. Einsam und verloren sind sie den mannigfachsten Gefahren ausgesetzt. Da treten die Mitglieder des Frauenbundes in die Bresche und stehen ihnen hilfreich mit Rat und Tat zur Seite. Jungen Mädchen, die sich für irgend einen praktischen Beruf ausbilden wollen, werden die Wege dazu erschlossen und, wenn möglich, die Mittel vorgeschoffen. Der Bund hat auch außerhalb Londons in England, Frankreich und Amerika Vertreterinnen und kann sich so, wenn ihm von allen Seiten die rechte Förderung zu teil wird, zu einem Weltbünde auswachsew der die edlen Herzen aller Nationen zu gemeinsamem Liebeswerke verbindet. — „Noch nicht dagewesen', werden Sie ausrufen, wenn ich Ihnen von einem Prozesse berichte, der in Liverpool gegen unfern ehrwürdigen Chief Rabbi angestrengt worden ist. Zwei jüdische Metzger dieser Stadt, denen das Recht des Koscherfleischverkaufs entzogen worden ist, haben gegen den Chief Rabbi, Dr. Adler, eine Klage auf Schadenersatz in Höhe von 2000 Psd. (40 000 Mk.) eingereicht. Ist es schon unverschämt, so hat es doch Methode. Daß ein Jude auch im Soldatenberufe Ausgezeichnetes zu leisten vermag, geht aus der Berufung des Sergeant Joseph M. Levey als Lehrer an die Offiziersschule in Chelsea hervor. Er trug über hundert Mitbewerber um diese glänzend dotierte Stelle den Sieg davon. M. Levey ist erst 25 Jahre alt. Er hat stets für jüdische Angelegenheiten ein eiftiges Interesse gezeigt und ist ein begeisterter Zionist. In der Behandlung seiner Juden giebt das englische Volk den deutlichsten Beweis für die hohe Kulturstufe, auf der es steht. Während bei Ihnen in Deutschland in Staat und Gemeinde Anstellung und Beförderung von Juden mit außerordentlichen Schwierigkeiten verknüpft sind, hat der Engländer bereits mit dieser Praxis längst aufgeräumt. Der Engländer schätzt den Menschen nach dem inneren Wert seiner Persönlichkeit und in dem, was er leistet, und läßt sich hierbei von dem Geburtsschein seiner Nebenmenschen — von seiner Religion oder von seiner gesellschaftlichen Stellung — nach keiner Richtung hin beeinflussen. Eine Visitenkarte mit dem Titel „Ge- Heimrats-Gattin" oder „Mitglied des Stadtrats und. der Handelskammer in X.“, vor welcher Karte man in Deutschland schon vor Ehrfurcht zusammenknickt, würde in England nur ein mitleidiges Lächeln Hervorrufen. So wird also auch der Jude in England nicht als minderwertig, sondern als ebenbürtig behandelt uud ihm neidlos die ihm nach seiner Befähigung und nach seinen Leistungen gebührende Stellung gewährt. Zu unserem Bilde. Josef Israels, dessen Bildnis wir heute bringen, ist in unserer vorigen Nummer bereits eingehend gewürdigt worden. Es freut uns, konstatieren zu können, daß auch die gestimmte Presse unterschiedslos dem 80jährigen Künstler ihre Huldigung dargebracht hat. Das nebenstehende Bildnis ist dem im Jüdischen Verlag, Berlin, erschienenen Prachtwerke „Jüdische Künstler' entnommen. Ideal und Leben. J. T. Die Geschichte der vierzigjährigen Wüstenwanderung des isralitifchen Volkes bietet uns dem Anscheinen nach eine Fülle psychologischer Rätsel. Wir ftagen uns mit Verwunderung: Ist es dasselbe Volk, welches am Meere Angesichts der vernichtenden Niederlage des gefürchteten Gegners in den hehren Triumphgesang des gottbegeisterten Führers einstimmt, das nachher bei der geringsten Not, bei dem geringsten widrigen Zufall in laute Klagen kindischer Verzweiflung ausbricht? Ist es dasselbe Volk, welches erschüttert von dem mächttgen Sturm der göttlichen Offenbarung ausruft: „Alles, was der Herr redet, wollen wir tun,' das nachher eine kurze Abwesenheit des Führers nicht ertragen kann und von den erhabenen Höhen seiner Gottes« erkenntnis in die Abgrundtiefe des egyptischen Kälberdienstes zurücksällt? Man hört sonst oft bei geschichtlichen Rückblicken die Klage: „Fürwahr der große Moment, er fand ein kleines Geschlecht." Hier ist es anders. Diese eben erst von Sklavensesseln befreiten Männer zeigen sich den großen Momenten ihres Volkslebens gewachsen. Sie scheinen für einen Augenblick in Wahrheit ein Volk von Priestern zu sein. Das Ideal scheint erreicht. Erst das Lebe» läßt sie uns