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Neue jüdische Presse · 1904-01-29 · Heft 4 (29.1.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 4 (29.1.1904)
Date
1904-01-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. viel viel mehr sagen will, da, wo mit materieller Hülfe nichts zu leisten war, dort verstand er es mit der ihm eigenen Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit, fauch an dem ärnisten Bettler das ächte jüdische 60jmilut' Cbasodim auszuüben, das sich nicht in der Basic, sondern in der Art Und Weise des Gebens bekundet.: Und fein- Gemilut Chasodim war gepaart mit Tauroli und Awaudo, die er beide mit einer Begeisterung und Hingebung Pflegte, die nur diejenigen zu würdigen wissen, welche das Glück hatten, in seiner Nähe zu sein. .! ' Und nun ist er uns entrissen, und bangen Herzens flehen wir zu dem gerechten Richter, daß er unsere Wunde heile, und daß ein Ende nehme die trübe, schwere Zeit, die wir heute durchleben, eine Zeit, -jn der immer gelichteter werden die Reihen unserer Frommen. Wir aber wollen uns stärken an feinem ’ Beispiel, und also wahr machen, daß „das Andenken des Gerechten zum Segen". Berlin. Anläßlich des Ordensfestes haben die Herren KommcrUenrat Ferdinand Manheiiner, Handelsrichter H. Bamberg, die Landgerichtsräte Woll- . stein in Breslau uno Dr. Borchert in Neisse den Roten Adlcrorden vierter Klasse erhalten. Berlin, 27. Jan. Der Dichter Carl Enül Franzos ist an einem Geschwür im Gehirn hoffnungslos erkrankt. — Dem „B. T." zufolge ist der holländische Maler Joseph Israels vom Senat der Mademie der Künste für den Orden xour Is mdrite in Vorschlag gebracht worden. ° Wien. Am 15. d. M. fuhr der Kaiser in der Magdalenenstraße beim Melier des Malers Leopold Horowitz vor und verweilte längere Zeit bei dem Künstler, der ein neues Porträt des Kaiserverfertigt, es ist dies bereits die zweite Sitzung, die der Kaiser dem genialen Künstler gewährt. Bad Reichenhall. Der praktische und Badearzt Tr. Sigismund Eoldschmidt, ein Sohn des ehemaligen Rabbiners Tr. Goldschmidt in Leipzig, wurde zum König!. 'Hosrat ernannt. . Paris. An Stelle der im vorigen Jabre verstorbenen Mitglieder der Zewish Kolonisation Association Julius K. Plotke und M L. Cohen sind die Herren Rechtsanwalt Blau und Leonhard L. Cohen getreten. Amsterdam. Josef Israels, der hervorragendste niederländische Maler der Gegenwart, feierte am 27. b. Mts. seinen 8 0. Geburtstag. Israels, 1824 in Groningen geboren und von religiösen Eltern erzogen, wurde für den kaufmännischen Berus bestimmt, verließ denselben aber schon nach sehr kurzer Zeit, um der Stimme seiner Begabung zu folgen. Jedoch erst in seinem 40. Lebensjahr hat er angefangen zu malen, wie er die Welt sah, nachdem er bis dahin in den Bahnen der damals gütigen akademischen Richtung gewandelt war. W.'s wir an Rembrandt bewundern, das herrliche Spiel des Lichtes in jeder Intensität, das zwingt uns auch beim Betrachten seiner Bilder Bewunderung und reine Freude ab. Wir Juden dürfen Israels mit Stolz voll und ganz zu den unsrigen zahlen, da er nicht nur dem Namen nach, sondern inund mit seiner ganzen Persönlichkeit sich zum Judentum bekennt. Haag, 27. Jan. Zur Feier des 80. Geburtstags . Joses Israels versammelte sich das intellektuelle Niederland, Maler, Dichter und Staatsmänner im Saale Lalobri studio. Der Ministerpräsident Dr. Kuyper überbrachte das Kommandeurkreuz des niederländischen Löwen und hielt eine glänzende Redet „Ich als Ritter des Ordens beuge mich vor meinem Kvm- , inaicheur," sagte er am Schluß seiner Rede. Hieraus erschien Israels im Saal, lebens frisch und munter wie immer. Ein Chor Hub an: „Heil 'dir, großer Mann des alten Volkes!", worans'der Maler Mesdag die erste öffentliche Ansprache hielt. Zu Ehren Israels ist eine Medaille geprägt worden; die Kosten dafür wurden durch Beiträge aus der ganzen Welt aufgebracht. Wilna (Rußland). Frau Deborah Romm Gründerin der berühmten hebräischen Druckerei „Witwe und Gebrüder Romm" in Wilna ist gestorben. Während ihrer Beerdigung waren sämtliche Druckereien Wilnas geschlossen. LL KaPstaDt, 23. Januar. Der bekannte Johannesburger Finanzmann Harry F r e e m a n Cohen hat. sich selbst das Leben genommen, in dem er sich mit einem Rasiermesser den Hals durchschnitt. Herr Cohen war einer der Finanzmänner, die die Zahlung der ersten Rate des Kriegskostenanteils von Lstr. 30 Millionen garantierten. Er hatte sich bis zu Lstr. ' 250 000 verpflichtet. Am Rand spielte er eine, große Rolle, obgleich er seinen größten Geschästserfolg in Cardiff hatte. /Man behauptete, daß er vielfacher Millionär sei, doch ist daran zu. erinnern, daß vor einiger.Zeit von Schwierigkeiten' der von ihm gegründeten Gesellschaft Zrcemann Cohens Consolidated die Rede war- Herr Frecman Cohen war im vergangenen Jahre das Oberhaupt der jüdischen Gemeinde in Johannesburg. Sein freundliches Wesen Lpwaun ihm viele Freunde und er zeichnete sich durch große Beiträge zu Wohltätigkeitszwcckcu aus. f-Im Jahre 1002 gründete er die Zeitung „Rand Daily Mail". Er war seit einiger Zeit krank und hielt sich in Caledon nicht weit von Kapstadt auf, um die . dortigen Bäder zu benutzen. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Vortrage. Mannheim. Im Verein für j ü d i f ch e G e - f'ch r ch t t. uit b Literatur sprach am Donnerstag, .21.. ds. Mts., Herr Ra b b in e r D r. Jacob - Göttin gen über Schillers ,/Sendung Mojes". Der Redner gab zunächst einen Ueberblick über den Inhalt der Abhandlung, über welche, im Gegensatz zu den meisten kleineren . Schriften des Dichters, noch keine Monographie erschienen ist, und unterzog dann die Hypothesen Schillers einer eingehenden Kritik. . Die Fehler,. die Schiller bei/seinen Ausführungen unterlaufen sind, und die auf den Mangel an philosophischer und geschichtlicher Erkennt-, nis beruhen, sind größtenteils Jrrtümer seiner Zeit, jener Epoche der Äusklärungsphilosophie, die iii Frankreich zu dem Glcichhcitsprinzip, in Deutschland zu dem Humanitätsideal und zur Vernunftreligion führte und deren Losungswort „Gegen Fürsten und Priester" lautete. Ein fundamentaler Irrtum Schillers ist es, daß er die Sendung Moses als eine politische betrachtet, während die Bibel ebenso wie die Geschichte Israels uns lehren, daß seine Mission, wie die seines Volkes eine religiöse war. Es ist ferner verfehlt, anzunehme», daß die jüdische Religion die Gedanken der Einheit Gottes und der Unsterblichkeit aus den egyptischen Mysterien entnommen habe; die Meinung, daß jene Gedanken dort schon vorhanden waren, hat die Egyptiologie in das Reich der Fabel verwiesen. Diese Wissenschaft, durch welche wir über die Religion der Egyptcr ziemlich genau unterrichtet sind, lehrt uns auch, daß dieselbe ein grober Polytheismus war und daß die Egyptcr mit ihrer Verehrung der Sonne und des Wassers und mit ihrem Tierdienst als rohe Fetischisten und Materialisten zu bezeichnen sind. Tie jüdische Religion ist fast in allein der egyptischen gerade entgegengesetzt. Während hier der rohe Stofs überall sich geltend macht, ist da- Judentum eine Religion des Geistes, und während die Egyptcr in der Sorge für den Tod und die Toten aufgehcn (Pyramiden, Einbalsamierungen), will die Bibel durch die Unrein erkarüng der Leiche möglichste Fernhaltum von derselben und Konzentrierung auf das Leben und seine Aufgaben erzielen. Auch bezüglich der Lehre vom Menschen ist das egyptische Kastenwesen der Gleichheit 'der Menschen, wie sic die Bibel lehrt, durchaus entgegengesetzt. Egyptische Mysterien, wie sic Schiller sich vorstellt, hat es überhaupt nicht gegeben. Aber auch diese Anschauung erklärt sich aus gewissen Erscheinungen der damaligen Zeit, in welcher verschiedene geheime Gesellschaften, besonderder Illuminatenorden, entstanden, der Schiller bei seiner Darstellung vorgeschwcbt haben mag. Auch in seinem Urteil über die Juden Egyptens überträgt er die Meinung seiner Zeit aus jene Epoche, abgesehen davon, daß er die Fabeln des egyptischen Priesters Manctho für Geschichte hält. Schiller ist eben, wenn er auch Professor der Geschichte war, weit mehr Dramatiker als Historiker. Feuilleton. Gegensätze. Erzählung von Jacob Levy. (Fortsetzung.) II. ' Ter Abend des Festes war gekommen. In den weiten Parrerrcsälen des Hotels zur Stadt London flutete eine bunte, froh erregte Menge. Als Grundidee des Festes war der Hof des Königs Achaschwerosch gedacht und der Bitte des Komitees, auch in diesem Sinne kostümiert zu erscheinen, hatten die Meisten gerne entsprochen. Tie Räume boten eine in rauschende Musik getränkte Farben- und Glanz-Symphonie, in der das geblendete Auge nirgends einen Ruhepunkt fand, in der die Bilder jeden Augenblick wechselten, um noch schönere an ihre Stelle treten zu lassen. Hier bahnte sich ein chaldäischer Wahrsager, das linnene Stirnband mit den zwölf Sternbildern geschmückt, gravitätisch einen Weg durch die Menge. Tort machte ein. persischer Satrap, den Turban mit dev Reiherseder geschmückt und mit dem krummen «übel bewaffnet, einer ganz in weiße Schleier gehüllte» Jndierkn den Hof? Ta unterhielt sich ein assyrischer Priester, mit dem charakteristischen Kinnbart, in weiße Wolle gekleidet, genrütlich mit einer medischen Zauberin, die, trotz , ihres unheimlichen Aussehen-, in einem schwarzen, blutrot gesäumten Gewand, den nackten Arm mit dem Dolche bewaffnet, herzlich lachte. . . Berg, welcher der Koftümvorschrist nur durch Anlegung eines roten Fezes nachgekommen war, schritt mit seinem Freund Friedheim kangsam durch die Säle. Letzterer hatte sich als chinesischer Mandarin gekleidet, in violet seidenem Gewairde, .-den Voten Knopf auf der Mütze und einen.Fächer in der Hynd. Nr. 4. ,Jch muß gestehen," meinte Berg, „das hätte ich nicht erwartet. Es ist ja ein Leben und Treiben wie bei einem Maskenseste größten, und besten Stiles." :„Du wirst heute Abend gestehen 'müssen, daß wir noch viel, mehr können, wie uns hier unten zu tummeln." „Na, heute Wend wirst Du Recht behalten; doch warten wir die Entwickelung des Festes ab." In dem Augenblicke wurde sein Arm berührt. Er drehte sich Um und vor. ihm stand eine reizende Griechin, in einem offenen, blau seidenen Jäckchen, mit einer schwarzen Halbmaske, aus der die feurigen Augen leuchteten und die nur das zart gerundete Kinn zeigte. . „Guten Abend, Narciß." sagte sic. „Weshalb dieser mythologische Gruß, schöne Maske?"' „Weil Du so eitel bist, wie Narciß." . „Eitelkeit ist nicht meine Schwäche " „Wenn Du nicht eitel wärest, hättest Du ein Maskenkostüm angelegt oder wärest zu Hause geblieben. ' Von den jüngeren Herren durfte die Festleitung das eine oder das andere erwarten. Du aber willst durch die Mißachtung der Bitte Dein Piedestal höher schrauben." Nach ' diesen spöttischen Worten nickte sie kurz und war verschwunden, bevor Berg sich von seiner Verblüffung erholt hatte. „Nun," lachte Doktor Friedheim, „wie gefällt Dir dies Geistcspröbchen unserer Damen?" „Hat 'die Hexe eine scharfe Zunge! Wer ich muß sie suchen, ich bin ihr meine Antwort schuldig." Er stürmte Wetter, seinem Freund das Nachkommen überlassend. — Das Gedränge wurde immer dichter. Die Menge wogte durch die «öle, die breite Treppe hinaus und hinab, ungeduldig des Moments harrend, da die Festvorstcllung, „Besuch der fremden Gesandten und Huldigung der tributpflichtigen Fürsten vor König Achaschwerosch" beginnen sollte. Da — ein Trompctensignai — alles eilte nun die Treppe hinaus, wo den Festteilnehmern aus den nun weit geöffneten Sälen Helles Licht entgegenflutete. Zahlreiche'Festordner leiteten geschickt die Menge. Ein Vorhang rauschte in die Höhe, ---ah — man hörte plötzlich keinen Laut mehr. Aus einem goldenen Throne, an dem unzählige farbige Glühlichtcr. wie leuchtende Edelsteine schimmerten, saß König Achaschwerosch, eine stattliche Gestalt mit schwarzem Vollbart, im Privatleben ein Getreidemakler. Er sah chrfurchtgebictcnd aus, in dem purpurnen Königsmantel und mit der Krone geschmückt," in der Hand das Scepter. Neben ihm saß Königin Esther, ein schönes Mädchen, mit dunkel flammenden Augen, eine- Lehrers Töchterlein, in weiß seidenem, mit Pelz verbrämtem Gewände, ebenfalls die Krone aus dem Haupt. Zu beiden Seiten des Thrones war die Leibwache des Königs aufgepslanzt, persische Sieger in gelbem Rocke, mit dem Stahlhelm,'bas blitzende Schwert in der Hand. Lang gezogene Posaunentöne kündeten das Nahen des Zuges an. Dian hörte von Weitem Flöten- und Harfenklänge, bei deren Nähcrkommen die Posaunen verstummten. In feierlichem, gemessenem Gange nahten weiß gekleidete Flötenspieler und mit Blumen bekränzte Lautenspielerinnen, langsam vorbeiziehend. Ihnen folgte ein reich gekleideter, weißbärtiger Jude mit einer großen, goldenen Krone auf dem Haupte, bei dessen Erscheinen alles jubelnd „Mordechai, Mordechai"- ries. ‘ Nun zogen langsam die Gesandten vorüber, von schwarzen Sklaven begleitet, die Geschenke, goldene Gefäße, zu Füßen des Thrones niederstellten. Tie abhängigen Fürsten kamen, durch goldene Stirnreifen kenntlich. Die Pracht der Kostüme war unbeschreiblich, die historische Treue, die sich sogar auf Haar- und Barttracht erstreckte, war geradezu verblüffend. Die Mongolen mit ihren gelben Gesichtern und dem dünnen, lang herabhängenden Schnurrbart, die Indier mit dem bräunlichen Antlitz, die ganz in Pelz gehüllten kleinen Anwohner des Eismeeres, nichts war vergessen, — alles von charakteristischer Musik begleitet. Berg, der die Griechin nicht gefunden hatte, sagte zu seinem Freund: „Donnerwetter, -das ist mehr wie ein Maskenspiel, das ist eine künstlerische Leistung ersten Ranges. Schöneres habe ich noch auf keinem Mallastenseste in Düsseldorf gesehen." . „Siehst.Du, Du bist gebeten worden, dem'Komitee beizutreten. Da es Dir nicht beliebt hat, mußte, es auch ohne Dich gehen." — Tie Musit ging in - einen Walzer über und hier.. und da drehten sich Pärchen, soweit es im Gedränge möglich war. —. An einem Tischchen im Nebenzimmer saß Doktor Berg mit einem chinesischen Bonzen, einem Obersten der Leibwache des Königs Achaschwerosch und einem indischen Fakir bei einev Flasche zusammen. Der Bonze sagte mißbilligend zu. Berg: „Der Körper meines rechtsgelehrten Bruders ist bei uns,, aber nicht'sein Geist; Du drehst ja den Kops fortwährend, als ob Du Dir einen Halswirbel ausrenken wolltest."

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