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Neue jüdische Presse · 1904-01-29 · Heft 4 (29.1.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 4 (29.1.1904)
Date
1904-01-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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€*ite“2: Verfolgung gegeben habe, der Pater sollte sich hüten, dahin zu wirken, daß es diesen Ehrentitel verliere. Er weist den Priester aus Gebiete hin, wo er seinem Dolle eher Hilfe bringen könnte, wie Aufhebung der ungerechten englischen Besteuerung, Auftreten gegen. die Pest des weit verbreiteten Alkoholismus. Auch die Presse .ist entrüstet über das Auftreten des Priesters. Beim Bischof ist Beschwerde erhoben worden, und so steht zu hoffen, daß es den vereinten Bemühungen der Gutgesinnten gelingen wird, dem Sturm, den eine gotteslästerliche Agitation heräufbeschworen. hat, noch einmal vorzubeugen. Daß eine solche judcnseindllche Stimmung nicht im irischen BoWcharakter liegt, sondern künstlich gemacht ist, ersieht man aus der Wiederwahl Sir Otto Jaffe's, eines angesehenen jüdischen Kaufmanns, zum Lord- Mayor von Belfast, einer großen irischen Handelsstadt. Mr. Arnold White, der bekannte Publizist, hat in der North American Review einen Artikel über die Lösung der Judenfragc geschrieben, in dem. er manches von seinen Gesprächen mit russischen Staatsmännern über die Lage der Juden ausplaubert. Bezeichnend ist seine Parallele zwischen Herrn Pobiedonostseff und dem Großinquisitor Torquemada. „Der Unterschied zwischen beiden," so meint er, „scheint nur hauptsächlich darin zu bestehen, daß Torquemada sich auch für die Einzelheiten in der Ausführung seiner Politik interinteressierte." So hat er sich einen Anspruch erworben aus die Schmach, welche die Nachwelt mit seinem Namen verbindet. Herr Pobiedonostseff überläßt die Ausführung der Einzelheiten andern. Er stellt sich so alä ob er nicht wüßte, was im Namen des „heiligen Rußland" geschieht. Ein freundliches Bild entrollt sich uns rn der Persönlichkeit des verstorbenen russischen Ministers des Aeußern, des Herrn v. Giers. Kon ihm erzähll er, wie er bitterlich geweint habe, als er ihm die entschliche Lage verwahrloster kleiner Kinder in Hömel schilderte. Ueberhaupt ist es charakteristisch, daß die russischen Finanzminister, welche doch den besten Einblick in die ökonomischen Verhältnisse des großen Reiches hatten, stets . Gegner der von dem Vorsitzenden des heiligen Synod vertretenen Judenpolitik gewesen ist. Zum Schlüsse seiner Ausführungen verfehlt Air. White es nicht, sein allerueuestes Rezcht zur Heilung des kranken Israels zu offenbaren. Tie jüdische Frage könne nicht' von einem Voll gelöst werden, sie sei international. Behufs ihrer Lösung solle eine Konferenz zwischen Rußland und den anglosächsischen Mächten stattsinden. Rußland solle ein Territorium hergeben, wo die verfolgten Juden in Frieden leben könnten. England und Amerika sollten die Kapitalien beschaffen, um die Uebersiedelung zu ermöglichen Wohlhabende Juden und menschenfreundliche Christen sollten zu diesen Kapitalien beisteuern. Ja, die Zahl der Aerzte, welche den Kranken behandeln, ist gar groß. Ihrem vereinten Bemühen würde es vielleicht gelingen, den Patienten zu Tode zu kurieren, eine Lösung, die ja etwas radikal, aber manchem dieser Herren im innersten Herzen vielleicht gar nicht so unerwünscht wäre, trotz aller vorgeschobenen und geheuchcllen Humanität. Glücklicherweise hat aber der Patient noch eine starke Lebenskraft, die seinen leidenden Körper, an dem schon seit Jahrhunderten herumgedoktert wurde, auch in Zukunft weiterhin aufrecht erhalten wird. Der einzige Arzt, der ihn versteht und zu dem er Vertrauen hat, ist der Hüter Israels, der nimmer schläft und schlummert. Aus Lern Ober-Elsatz. Ueber das jüdische Gemcindelebcn in unserem Bezirke ist manches Erfteuliche zu berichten. Bis in die jüngste, Zeit fehlle es uns, wie den elsässischen Israeliten überhaupt, an jeder Selbständigkeit. Unsere Kultusversassung, die im Wesenllichen zurückgeht auf eine Ordonnanz vom 25. Mai 1844, übertragt den Konsistorien gewissermaßen die Vormundschaft über die Gemeinden. ' Diese.haben nicht das Recht, Prozesse zu führen, nMjf dos Recht, mit der Regierung zu verkehren, ja nicht, einmal das Recht,'ihre Beamten und Ver¬ Frcw?furter?Jsraelitischer Familienblatt. - waltung zu wählen, alles geschieht durch die Konsistorien. Es liegt llar auf der Hand, daß eine solche ultracentralistische Organisation für die Entwicklung des Judentums geradezu verhängnisvoll werden mußte. Einsichtige Männer haben das längst schon erkannt und vor Jahrzehnten schdn vorausgesagt. Leider haben sie es unterlassen, eine Verbesserung dieser Verhältnisse herbeizuführen, und die schlimmen Folgen sind darum auch nicht ausgeblicben.. Gleichgültigkeit, Teilnahmlosigkeit gegenüber allen jüdischen Angelegenheiten machte sich überall bemerkbar. Nun aber scheint doch Manches anders werden zu sollen. Veranlaßt durch ein vor etwa Jahresfrist an die Regierung und an den Laudesausschuß gerichtetes Bittschreiben, welches von mehr als 1300 elsaß-lothringischen Israeliten unterzeichnet war, beginnen unsere Konsistorien allmählich auch unserem Gemeindeleben ihre Aufmerlsamkeit zuzuwcnden. So wurde neulich vom Konsistorium des Obcrelsaß der überaus wichtige Beschluß gefaßt, den Gemeinden, die cs verlangen würden, das Recht zu bewilligen, ihre Verwaltung selbst zu wählen mit der Möglichkeit, sie alle vier Jahre zu erneuern. Von diesem Rechte haben bereits mehrere Gemeinden Gebrauch gemacht, und die günstigen Folgen dieser Maßregel machen sich schon jetzt bemerkbar. So hat z. B. f in Gebweiler, der ncugewählte Vorstand ein vollständiges Programm für seine Tätigkeit ausgearbeitet und je ein gedrucktes Exemplar desselben sämtlichen Eemeindemitgliedern zugehen lassen. Neu und erfreulich ist in diesem Programm hauptsächlich die Mitwirkung, welche der Gemeinde als solche cingeräumt wird, und die namentlich durch die Veranstaltung von Gemeindeversammlungen zum Ausdrucke kommt. - Es ist dies überhaupt eine Maßregel, die bei uns noch viel zu wenig in Anwendung gebracht wird, obschon sie für die Entwicklung des Judentums von allergrößtem Nutzen ist. Tie Gemeindcmitgliedcr erhalten dadurch einen Einblick in die Verwaltung, sie interessieren sich für dieselbe, da, wo es not tut, können sie Vorschläge machen zur Besserung, und manche Frage wird in ruhiger und sachlicher Besprechung erledigt, während sie bisher oft jahrelange Feindschaft hervorgerufen hat. Die Konsistorien würden sich daher ein großes Verdienst erwerben, wenn sie den Gemeindeverwaltungen die Einberufung von Gemeindeversammlungen zur Besprechung wichtiger Angelegenheiten empfehlen würden, ganz abgesehen davon, baß sie sich selbst wie den Vorständen ihre Verwaltung hierdurch um ein Bedeutendes erleichtern könnten. Der neugewählte Vorstand in Gebweiler hat bereits in den letzten Tagen eine solche Gemeindeversammlung veranstaltet. .Ueber zwei Drittel der Mitglieder hatten der Einladung Folge geleistet, und die Ruhe und die Ordnung, welche während einer zweistündigen Diskussion ohne Unterbrechung herrschte, hat gezeigt, daß die elsässischen Juden besser sind als ihr Ruf, besonders wenn man bedenkt, daß derartige Versammlungen bei uns seit einem Jahrhundert etwas völlig Unerhörtes sind. Die Aufgaben, deren Lösung sich unser Vorstand zum Ziele gesetzt hat, sind mannigfacher Art: Neuordnung des Religionsunterrichtes, Einrichtung eines religiösen Fortbildungsunterrichtes für die der Schule entlassene Jugend und für Erwachsene, Verbesserung der Armenpflege und insbesondere Schaffung eines Asyls für Greise und Greisinnen, für Kranke und Waisenkinder. Unsere Gemeinde ist zwar nicht sehr bedeutend — sie zählt etwa 80 Familien — aber, wenn man die der umliegenden Gegend hinzunimmt, so leuchtet ein, daß die Errichtung einer derartigen Anstalt nicht nur nützlich, sondern auch notwendig ist. Niemand wird sich verhehlen, daß die Lösung dieser Ausgaben keine leichte ist. Aber die erwähnte Versammlung hat gezeigt, daß unser Vorstand bei den maßgebenden Faktoren die bereitwilligste Unterstützung findet. Und, was die Hauptsache ist, die Gemeindemitglieder selbst find erfüllt von dem redlichsten Willen, an der Erreichung dieses Zieles mit allen Kräften mitzuwirken.- Wo aber ein Wille ist, da muß auch ein. Weg f sich finden," denn vvulvir, v'est xvuvoiil ' " G-.T.r." Är. 4. . Aus aller WeE Deutschland. Berlin. Das j ü d i s ch e G e n e s u n g sheim in Lehnitz, für. Frauen und Mädchen, soll rn diesem. Jahre bereits am 1. März wicdereröffnet werden: Mit Rücksicht daraus, daß in den Sommermonaten das Heim stets überfüllt ist, empfiehlt es sich für Erholungsbedürftige, ihre Gesuche um Aufnahme schleunigst an die Geschäftsstelle, Große Präsidentenstr. 3 gu richten. Berlin. Eine seltene Anerkennung fand der Straßenbahnfahrer Riedel, unter dessen Wagen kürzlich Herr Tr. Hirsch Hildesheimer geraten war. Dr. H. war, indem er einem anderen Fuhrwerk auswich) unter die Schutzvorrichtung eines Ringbahnwagens gekommen. Der Führer des Wagens bewahrte Leidem Unglück seine volle Geistesgegenwart und brachte den Wagen aus kurze Entfernung zum Stehen. Hierdurch kam Dr. H. mit einigen unbedeutenden Verletzungen davon. Er hat nun in einem Briefe an den Wagenführer R. hervorgehoben, daß dieser an dem Unglück durchaus unschuldig war, vielmehr durch seine seltene Geistesgegenwart ein ernsteres Unglück verhindert habe. Dem Schreiben war eine Anweisung über 30 Jk beigefügt. Für den Straßenbahnbeamten ist diese Anerkennung umso angenehmer, als Riedel am 1. Februar sein 25jähriges Jubiläum als Straßenbahnbeamter begehen kann. Berlin. Unter der Ueberschrift »Gleichheit in der Armee, Ein offenes Wort von einem Juden", bringt das Berl. Tagebl. in seiner Nummer vom 21. d. Mts. einen Artikel, dem wir folgendes entnehmen: Das Prinzip, Juden nicht zu Offizieren zu befördern, hat erst seit der Errichtung des neuen Deutschen Reiches Geltung in Preußen erlangt. — In den Feldzügen, die zu Deutschlands Einheit führten, gehörten zahlreiche Juden der Armee als ' Offiziere an. Abgesehen von den vielen Sanitätsofsizieren, fochten 1870/71 auf deutscher Seite gegen 100 Offiziere jüdischen Glaubens, von denen der größere Teil in der preußischen Armee stand. Ueber 5000 Juden haben an diesem Feldzüge teilgenommen, von denen nachgewiesenermaßen — die Zahl ist in Wirllichkeit höher.— 373 wegen bewiesener Tapferkeit mit dem eisernen Kreuz oder anderen 1 Orden dekoriert worden sind. Schon die dem vereinigten Landtage von 1847 vyrgelegte Druckschrift des Ministers des Innern^ führte an, daß Juden in großer Zahl während der Befreiungskriege als Freiwillige eingetreten sind und sagt wörtlich: daß He Juden in der Zeit der Gefahr nicht hinter den christlichen Einwohnern zurückgeblieben sind und ihrem Verhalten in den Befreiungskriegen die Anerkennung nicht versagt werden darf. Mangels genauer Listenführung war es schon im Jahre 1847 den: Kriegsministerium nicht mehr, möglich, die genaue Zahl der jüdischen Soldaten in den Kriegsjahren zu ermitteln, doch wurden die Namen folgender jüdischen Offiziere festgestellt: Sekondeleutnant Anker, Wilhelm Beer aus Berlin, Menno Bürg (der nachmalige Major), Premierleutnant S. A. Benda aus Berlin» dekoriert mit dem eisernen Kreuz, Sekondeleutnant Birnbaum, Infanterieregiment Nr. 24, Siegm. Herm. Deutsch, F. Epenstein aus Berlin, dekoriert mit dem eisir. Kreuz, H. Fließ aus Berlin, dekoriert mit dem eisernen Kreuz, Friede. Fliedemann aus Schönsließ, Josef Henoch aus Berlin, Meyer Hilsbach, Gardejägerbataillon, gefallen bei Großgörschen, dekoriert mit dem eisernen Kreuz, Prcmierleutnant Ludwig Hirsch, gefallen hei Montmirail, _ Sekondeleutnant M. Löbel, dekoriert mit dem eiserenen Kreuz, Manche aus Berlin, dekoriert mit dem eisernen Kreuz, Joses Neumann aus Glogau, F. Oppert aus Berlin, dekoriert mit bem eisernen Kreuz, Pollack, 11. Infanterieregiment, gefallen am 15. Oktober 1813 an der Elster, Seelemann, 3. ostpreußisches Infanterieregiment, dekoriert mit dem eisernen Kreuz, Leo Wertheimer aus Eschwege. Mit dieser Anzahl jüdischer Offiziere ist im Vergleich zu ziehen, daß'Preußen nach dem Frieden von 1815 nur 4 940000 Einwohner, worunter 50000 Juden, zählte. Metz, 25. Jan. Eine erhebende Vorfeier zu Kaisersgeburtstag fand, wie wir in der „Metzer Zto. “ lesen, am Samstag in der hiesigen jLL. Zu dem um 10.15 Uhr beginnendei»at>ne§&ierift waren u. a. erschienen der komm-..üerende General Stoetzer, Obcrregierungsrat Dr. Freudenfeld als Vertreter des Bezirkspräsidenten, Bürgermeister Stroever, Konststoriälpräsident Bräun, Polizeirat'Westpha'l in Vertretung des Polizeidirektors und'Dr. Koch, Direktor der höheren, städtischen Mädchenschule: Die Feier wurde durch Gesang des 100 Psalms eingeleitet, welchem eine herrliche Predigt des Oberrabbiners Dr. Netter folgte, die in: weiteren Kreisen bekannt zu werden verdienen würde. /Nach Absingen eines Chorals fand die feierliche Aushebung. der Gesctzesrolle statt. Oberrabbinec Dr .Rettet sprach das Gebet für den Kaiser, und., die. kaiserliche Fqmilie, woraus ebenso feierlich die Gesetzesrolle .wieder in v den heiligen Schrein, eingehobew/wurdei "Ker ganze Gottesdienst,' sowie die von^echter Mensche»»

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