Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 4 (29.1.1904)
- Date
- 1904-01-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Arankfitner Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). HedaKtiorr imd Hefchaftsftskre: Frankfurt a. in., lIergerstraße 25, parterre. AemuSgebek: Kali; cheis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Tie Neklamezeile.. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.—. 2. Jahrgang. Freitag, den 12. Schwat 5004 (21). Januar 1904). Rn. 4. Vom 1. Iebruar ab befinden sich unsere Geschäftsräume üaeiftg&ceujgalfe 32, Ecke Ulapperfeliistmße (gegenüber der Neuen Zeit). Redaktion und Geschäftsstelle Frankfurter Israel. Familienblattes. Der Kaiser in der Orientgesellschaft. Berlin, im Januar. Bekannt ist die Anteilnahme, mit der Se. Majestät die Ausgrabungen im fernen Orient verfolgt. Als Protektor der Deutschen Orientgesellschaft erschien der Monarch auch heute wieder in der Versammlung dieser Vereinigung, aus deren Schoß bekanntlich das Kampfwort Babel-Bibel gekommen ist. Diesmal aber war es nicht die neuerweckte Wunderwelt Babyloniens, welche die sehr zahlreich im großen Saale der König!. Hochschule für Musik in Charlottenburg erschienenen Mitglieder und Freunde der Gesellschaft vereinigt hatte, sondern Palästina, das heilige Land, also ein Boden, der Sr. Majestät persönlich vertraut und bekannt ist. Kurz nach 8 Uhr fuhr der Kaiser am Portal 4 der Hochschule vor. In seiner Begleitung befand sich u. a. der diensttuende Generaladjutant Generalleutnant v. Scholl. Der Vorsitzende der Deutschen Oricntgesellschaft Prinz zu Schönaich-Charolath und der Herr des Hauses, Direktor der Hochschule Prosesior vr. Ioachim, empfingen Se. Majestät und geleiteten ihn zur Kaiser löge, neben der, auf der Galerie, der Kultusminister vr, S t u d t Platz genommen hatte. Den Bortrag des Abends hielt vr. T h i c r s ch aus München über seine im Austrage der Deutschen Orientgesellschaft im Jahre 1903 unternommene Rekognoszierungsreise nach Pal ä st in a. Es sind 50 Jahre her — so begann er —, seit man ansing, sich speziell mit der alten Geschichte Palästinas zu befassen. Zuerst von England aus; die Engländer lieferten uns eine ausgezeichnete Karte des.ganzen Landes mit Eintragung aller antiken Reste, so daß für immer die Grundlage für weitere wissenschaftliche Arbeiten gegebenst. Jetzt sind, sie daran, eine ganze Stadt systematisch auszugraben. Es war ihr Programm: das Verständnis der Bibel durch die Ausgrabungen zu fördern, ohne einer bestimmten Konfession zu dienen, was auch das Programm des deutschen Vereins ist. Schnierzlich fteilich muß es ,.'"v sein, daß er in 20 Jahren nicht leistete, was 'tS'rijjiu.„,. einem Jahre tat. Dann kam Rußland mit viel bedeut^'.o.:ren Mitteln, dann Frankreich mit Gründung einer gelehrten Schule in Jerusalem unter Leitung seiner besten Dominikaner. Dann griff Amerika alte Pläne wieder auf, dann zog nach Jahrhunderten zum ersten Male ein deutscher Kaiser nach Jerusalem. Die Vereinigung der deutschen evangelischen Kirchenregierungen gründete ein besonderes Institut für Altertumskunde nach, dem Muster der Institute in Rom und Athen. Sie beauftragte mich und Pastor vr. Hölscher aus Leipzig, eine Rekognoszierungsreise durch das ganze Land zu machen, als Vorbereitung zu Ausgrabungen. Die Reise begann am 8. April von Beirut . aus, und brachte einige unangenehme Zwischenfälle. Der. schwerste war der Tod des. Pastors. Böttcher aus A Jerusalem, der sich mit angeschloffen hatte; er ertrank beim Baden im Toten Meere. Pastor Hölscher mußte die Leiche nach Jerusalem bringen, während der Redner die Tour fortsetzte. Man war vier Monate unterwegs, 100 Tage zu Pferde. Man kam durch alle Teile der alten 12 Stämme und erfuhr die außerordentliche Verschiedenheit der Landschaft, wie sie Wohl kaum noch einmal so verschieden auf so verhältnismäßig geringen Raum zusammengedrängt ist. Der Ritt führte etwa folgendermaßen: Nach Tyrus, Sidon, Heisa, über den Karmel durch die Ebene Jesreel, Nazareth, über den Tabor durch das Jordantal zum See Tibcrias, dann in das eigentliche Bergland von Galiläa, zu den nördlichsten Quellen des Jordans, nach Gilead, das mit seinen vielen Schluchten an die Schweiz erinnert, dcyin nach Ueberschreitung des Jordans nach Samaria, Siloah. Bethel, Jerusalem, von wo aus die englischen Ausgrabungen besichtigt wurden, dann über Hebron zurück nach Jerusalem. Ein Rundtour wurde um das Tote Meer geniacht, dann ging es in das alle Moab. Ein ausgedehnter Besuch galt ferner der Küste. Ende August kam man nach Heisa, am 2. September beschloß man die Reise in Konstantinopcl. Es ist wenig bekannt, wie reich Palästina an archäologischen Monumenten ist, ähnlich derer, die bei uns das Volk in die Hünenzcit weist. Durch eine Reihe von vorzüglichen Lichtbildern gab vr. Thiersch Proben davon. Interessant ist, daß die kananitische Kultur, die (wie die amonitischej der israelitischen voranging. auf babylonischen Grundlagen ruhen soll (Ausgrabungen zufolge). Die Fürsten Palästinas sollen damals babylonisch korresondiert haben. Beachtenswert war ferner das Monument eines großen Löwen aus Hauran (Basaltfigur), dessen Bedeutung darin liegt, daß es das erste Zeichen einer lokalen alten Kunst im alten Basan um die Zeit 1000 v. Chr. ist. Aus der eigentlichen großen israelitischen Periode gab vr Thiersch dann ebenfalls einige Bilder. Die Hauptftage, wie der Tempel von Jerusalem ausgesehen hat, hat schon inimer die Gelehrten beschästigt. Leider werden Ausgrabungen diese Frage nicht mehr lösen. Hervorzuheben sind die mittelalterlichen Schlösser und Kastelle der Kreuzfahrer aus dieser Periode. Gegenstand besonderer, durch die Orientgesellschaft zu leistender Untersuchungen werden die Synagogen sein. Dann zeigte Vr. Thiersch noch mancherlei Interessantes aus der modernen Kunst, die übrigens durch den zunehmenden modernen Verkehr (4 Eisenbahnen gehen schon durchs Land) anfängt gefährdet zu werden. Man könnte Palästina heute «ein Neuland der Kunstgeschichte" nennen. Was geschehen ist zu seiner Erforschung, ist alles vereinzelt geschehen. Biel Arbeit — das hat die Rekognoszierungsreise gelehrt — giebt es für die Forscher, für die Archäologen, Architekten, Geologen u. s. w. u. s. w. Es sind die Kräfte vorhanden, heute in Palästina ein großes Werk zu leisten. Es gilt dann, die-Anfänge aufzunehmen und mit Besonnenheit weiterzuarbeiten. Es dürfte aber nicht ohne enge Fühlung mit den einheimischen Behörden und der Regierung geschehen. Vielleicht wäre dann auch die Vollmacht zur Gründung von Lokalmuseen, etwa in Beirut. Jerusalem und Damaskus zu erlangen. Zum Schluß beglückwünschte der Redner die Deutsche Orientgesellschaft zu ihren Arbeiten in Palästina. Der Bortrag war gegen Uhr zu Ende Se. Maj. der Kaiser unterhielt sich im Treppen hause noch mit mehreren Herren, so mit Prinz zu Schönaich-Carolath, besonders aber mit Professor vr Joachim. Wenige Minuten vor 10 Uhr verließ der Kaiser die Hochschule. Londoner Brief. London, den 25. Jan. Dieses Mal muß ich mit einer schlimmen Nachricht beginne». Wir haben eine Probe des reinsten sestlündischen Antisemitismus auf englischem Boden gehabt. Am Vorteil Montag erschien hier ein Telegramm des Rev. E. B. Lewin aus Limerick in Irland mit folgendem Wortlaut: Antisemitische Unruhen fanden hier heute statt. Allgemeine Boykott in Kraft. Gemeinde in Gefahr. Biele Mitglied e r i n s u l t i e r t. Seit etwa 25 Jahren gibt es in der vorgenannten irischen Stadt eine kleine jüdische Gemeinde. Es waren meist arme russische Juden, welche hier eine Heimat gesunden hatten. Sie hatten sich allmählich emporgearbeitet und verdienten schlecht und recht ihren Unterhalt. Besondere Reichtümer gab es nicht unter ihnen. Noch jüngst hatte der Richter Wams von den hiesigen Juden gesagt: Sie seien äußerst fleißige und tätige Leute, welche, aus ihrem Baterlande vertrieben, hier ein glückliches Heim gefunden hätten. Seitdem die Juden dort wohnten, war niemand von ihnen jemals mit einer gerichtlichen Strafe belegt worden. Zwischen Jude» und Christen herrschten, wie allseitig versichert, wird, die besten und freundschaftlichsten Beziehungen. Da naht das Verhängnis, der böse Engel, bezeichnender Weise in der Gestalt eines Dieners der Liebe, des Redemptoristenpatcrs Crcagh. Die Iren sind ein großmütiges, gastliches und menschenfreundliches Volk. Wer es gibt große Klassen der Bevölkerung, welche blindlings jedes Wort, das ein Priester äußert, für bare Münze annehmen. Die Stadt Limerick ist eine solche streng katholische Gemeinschaft. Tort hatte der Pater Creagh in der vorigen Woche eine fanatische Hetzrede gehalten, welche sich mit den besten Mustern dieser Art, wie Sie sie ia in Deutschland leider kennen, messen kann. Er wirft ihnen vor, sie seien Blutsauger, welche durch ihren betrügerischen Handel die christliche Bevölkerung ausbeuteten. Ja er versteigt sich zu den entsetzlichen Worten: „Heute wagen sie es nicht mehr, christliche Kinder zu rauben und zu töten. Aber nur die Furcht hindert sie." Man kann sich denken, welchen Eindruck solche Reden auf den leichtentslammten Sinn der irischen Bevölkerung machten. Sie suchten nun in die Tat umzusetzen, was ihnen gepredigt worden war. Ileberall aus 'den Straßen wurden Juden beschimpft und tätlich angegriffen. Es steht zu befürchten, daß die Geschäftstätigkeit der Juden völlig unterbunden und somit die Armen das kaum gefundene Heim wieder verlassen nrüssen. Glücklicherweise fehlt es nicht an starke» Stimmen des Protestes. Ein angesehener irischer Patriot schrieb eine scharfe Entgegnung aus die Rede des Hetzapostels. Irland, so schreibt er, sei das einzige Land in Europa, in dem es niemals eine Juden- »