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Neue jüdische Presse · 1904-01-22 · Heft 3 (22.1.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 3 (22.1.1904)
Date
1904-01-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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bette 4. Frankfurter JsraMscheS FamiKenblatt. Nr. 3. sie aus Furcht, in einen politischen Prozeß verwickelt »zu werden, geflohen waren, und suchten nun in dieser originellen Art sich ein wenn auch kümmerliches, so doch ehrliches Brot zu verdienen. Ergreifend war es, wie sie nach der Vorstellung, nachdem sie ihre Utensilien geborgen hatten, in eine in der Straße b.findliche kleine Chewra gingen, und dort ihr Minchagebet verrichteten, ein Bew.i), daß dir Not und der eigenartige Berus die altgewohnte Frömmigleit b.i ihnen noch nicht unterdrückt hatte, ein sernerer Bew.is dafür. Laß kein Erwerb so schwierig und ausrsib.ud ist, daß er uns mit den Forderungen unserer Religion in Widerspruch setzen müßte. Bemerkenswert ist, was die jüdischen Frauen Londons geleistet haben. Sie haben vor nicht mehr als Jahresfrist einen jüdischen Frauenbund gegründet, Lessen Aufgabe es sein soll, das gesellschastliche, sittliche und geistige Wohl der jüdischen Frauen zu befördern und ein praktisches Zusammenarbeiten zwischen den jüdischen Frauen in ranz E gland hetbsi^nführen. Dieser Bund umfaßt nunmehr fast 1000 Mitglieder, fast alles Damen aus den bess - ren Gesellschaftskreisen, we chs bereit sin), einen großen Teil ihrer freien Zeit in den Dienst der allgemeinen Wohlfahrt zu stellen. — Mit einem solchen Korps fleißiger und eifriger Helferinnen laßt sich schon vieles machen. So haben sie für die geistige Hebung der vielen jüdischen Arbeiterinnen schon Grcßes geleistet und erst jüngst für die aufsichtslos sich selbst überlassenen Kinder der in Fabriken arbeitenden Mütter ein Heim geschaffen, wo die verlassenen Kleinen ihre Zeit in angenehmer und nützlicher W is: verbringen können. An allen Orten, wo jüdische Me dchcn in religiöser oder moralischer Beziehung gefährdet fein können, sind die Vertreterinnen des Vereins am Platze und haben schon manche die sittliche Ef.if.enz gefährdende Situation in zartsinnigster Weise gcllärt Wir wünschen den tapferen Frauen einen glücklichen Fortgang ihrer segensreichen Tätigkeit auch im kommenden Jahre. Briefe aus Rußland. Die gesamte politische Tagespresse Europas, die jetzt bekanntlich vorzüglich ihr Augenmerk nach dem fernen Osten gerichtet, beschäftigt sich mit der Frage, ob und inwieweit dem russischen Feldmarschall Mexiew die Geschicke des russischen Ostens und die.Vollmacht zu einem Ausbruche gegen Japan von Petersburg aus in die Hände gelegt worden sind. Eins ist sicher, nämlich, daß er in Bezug auf die Juden, die von ge her Las Einleitnngskapitel zu großen Volksereignifsen liefern, vollständig freie Hand hat. Noch ist keine Kugel abgcschossen, noch ist kein Tropfen Blut vergossen worden, wohl aber ein Meer von Tinte und Druckschwärze und dann — auch ein solches von Tränen, natürluh wie immer, jüdischer Tränen. Mexiew hat die nötigen Vorbereitungen getroffen. Zu feinen ersten Mionen gehört aber eine Aus- , Weisung sämtlicher jüdischen Familien tn Port-Arthur. Wohin? Den größten Kontingent dieser plötzlich degradierten Familien stellen ehrbare und über alles friedliche Handwerker. Sie gingen nach Port-Arthur, weit sie hörten, daß dort Las Handwert nicht wie im Ansiedelungsrayon ein Hungertuch 'ist, sondern Brot abwirst. Stele sind erst nach den bekannten Er-; eignissen in Bessarabien, von dort hingewandert, well sie es vorgezogen, lieber mll dem barbarischen .Tnngujer die Hütte zu testen, als vor dem russisch- . europäischen Herrn Kazappen (Barfüßlerfortwährend ihre Kinder verstecken zn müssen. Biele andere sind als Rekruten dorthin stationiert worden, haben dort einen dret- oder vierjährigen Militärdienst absolviert und wünschten nun auf diesem gelben Flecken, . der von der russischen Kultur ä 1a Kruschewan noch kaum beleckt ist, freiwillig weiter zu leben. Nun müssen auch sie fort. „Denn cs könnte Krieg geben, ste würden dann gefährlich werden", lautet das Pharaonische Argument. Wohin? Zurück nach Kischinew, nach Homcl, nach Warschau und Wilna. Da werden sie sich einen Kellerraum mieten, sich als Schuster und Schneider . etablieren, oder ein Mehlgeschäft und Häringsladen aufschlagen und hungern und warten bis ste eines Tages von den Horden, die bas Kulturwerk des ' Bessaräbcz aussühren, überfallen werden und so ihrer ewigen Wanderschaft ein Eitde machen. Unglaublich, aber wahr! Mancher von jenen Satten, die me den Hungrigen glauben, findet es höchst komisch. Ich sehe jedoch nur das tragische darin. Denn wo sollen die Leute auch sonst hin? Sie wollten nach Amerika und hatten keine Reisekosten, sie wollten nach England und hörten von einem Fremdengesetze. „Wenn wir schon hungern müssen, dann wollen wir es wenigstens im Lande der Väter" beschlossen einige, und bestiegen in Odessa ein Schiff, mit dem Kurse nach Palästina, aber man ließ ste tn Jafja nicht landen und sie kamen wieder. Nun sind sie alle wieder bei ihren darbenden Brüdern i» Kischinew, Home', VOschau und Wilna. Sie hörten auch von Ostafrica. Sie waren damals noch in der fernen Heimat, aber der Draht hatte die Kunde des Nachtasyls auch bis dorthin gebracht. Sie fühlten schon damals den Boden unter ihren Füßen etwas unsicher werden und glaubten einen Rettungsantcr von weiter Ferne winken 'zu sehen. Ms sie aber tu Kischinew, Hömel, Warschau und Wilna ankamen, erfuhren sie, daß es damit noch weite Wege hat. Sie erfuhren, daß schon der Gedanke an jenes Nachtasyl die Gemüter in solche Erregung versetzte, daß sie ziver Attentate ermöglichen konnten, - das eine in Paris, das andere in Charkow. Die Leute haben seit Jahren von fernem Osten her, hofsnungs- und vertrauensvoll ihren Schekel geschickt. Sie hatten Vertrauen zu ihren Führern. Nun da sie in Rayon zurückgekehrt, erfuhren sie, daß jene Führer, die Mitglieder des russischen A. C., in Charkow eine Konjerenz abhielten und Beschlüsse faßten, um die Organisation, auf die sie jo viele Hoffnungen setzten, zu erschüttern, den Gedanken einer freien autonomischen Ansiedlung unter dem Schutze einer Macht, die vor allem das Judenrecht als Menschenrecht anerkennt, ein für allemal ausznrotten. Ob diese Unglücklichen wohl ihren Führern für ihre rettende Tat dankbar sein werden? Darüber im nächsten Briese. —tz. Aus aller Welt. Deutschland. S p e i e r, 17. Januar. Durch ein höchst trauriges Vorkommnis wurde die gestr.ge Unterhaltung d.s hiesigen Synagogen-Chor-Vereins im Kai>er>aale des Cafe Waibel un.erbrochen. In dem Augenb.ick, als oie Gesangsvorträge beginnen sollten, fiel der die sühnen,e.soncn be.ienende Friseur Lang bwujsilc» in die Arme eines dabeistehenden Herrn. Zwei anwesende Aerzte konnten l.ioec nur den rasch eingctr.- .enen Tod des Mannes tonstatieren. Die Unterhaltung wurde sofort aufgesetzt. Berlin. Wegen Baues eines neuen jüdischen Krankenhauses schw.ben zwischen oem Berliner Magistrat und der hiesigen Milchen Gemeinde seit längerer Zeit Verhand.ungen. Si: berrefsen den Erwerb eines an der Exerzier-, Chttfttania-, Schulstraß: und Straße 67 b:.e enen G lnde , auf deni die jüdische Gemeinde an Stelle des in der Augnststraße besinülidhen Kranlcnhau.es eine neue Anstalt errichten will. Der Neubau ist aus 181 bis 201 Bellen berechnet, während die ursprünglich für 101 Kranke berechnete Anstalt durch Schaffung einiger w ieren Mume mit 140 Patienten durchschnittlich belegt ist. Berlin. Der Kaiser hat gestern bei Gelegenhsit seines gewöhnlichen Spazierganges im Tiergarten Herrn James Simon in seinem Hause in der Tiergartenstraße eineit längeren Besuch geinacht und dessen Antiquitätensammtung, namentlich auch Resultate der Ausgrabungen in Babel, besichtigt. Berlin. Die schweren Mißhandlungen, durch die vor nahezu einem Vierteljahr, wie seinerzeit berichtet, ein alter jüdischer Mann, der zudem geistesschwach gewesen zu sein scheint, in dem Dorfe Siegers, Kreis 'schlochau, elend getötet wurde, waren am Montag Gegenstand einer Verhandlung vor dem Kvnitzer Schwurgericht. Der Anllage liegt folgender Tatbestand zu Grunde: Am Abend des, 28. September 1903 kehrte in der Gastwirtschaft von Albert Schülke tn Siegers der jüdische, etwa 6lljährige Schriftsetzer Albert Lewy aus Warschau ein. Gegen 8 Uhr abends erschien der Briefträger Werner, um an die in der Gastwirtschaft .anwesenden Personen Stiege auszuteilen. Lewy soll diese Tätigkeit des Briefträgers, gemißbilligt und ohne jede Veranlassung geäußert haben: „Ich bin Postdirektor und werde dies Verfahren des Briefträgers zur Anzeige bringen. Nach 8 Uhr abends dürfen Postsachen nicht mehr ausgehändigt werden." Diese Bemerkung erregte den Unmut der übrigen Gäste. Es begann ein Streit. Nach Beendigung desselben legte sich Lewy aus eine Bank, anscheinend um zu schlafen. Tischlermeister Franz Stutzte warf die Füße des Lewy von der Bank herunter, setzte sich darauf ebenfalls aus die Bank und begann mft Lewy Streit. Schließlich versetzte er dem Lewy zwei Schläge mit der flachen Hand aus den Hut. Lewy soll darauf'von der Bant aufgesprungen sein und die Anwesenden gefragt haben, ob sie evangelischer oder katholischer Konsession seien. Als ihm gesagt wurde: Beides, soll Lewy einen lateinischen Gesang.ange- Hmmt haben. Die anwesenden Katholiken hielten . es für das „pater uoster". Dieses Benehmen erregte Aerger. Schlossernteister Hahn soll den Lewy auf den Hut geschlagen, ihn alsdann an die Brust gefaßt. und zu ihm gesagt haben: „Jude, nun bekenne- *. brauchen die Juden Chrlstenblnt? Wer hat Ernst Winter geschlachtet?" Lewy gab hieraus keine Antioort. .Als ihn aber Hahn nochmals an der Brust faßte und heftig schüttelte, soll Lewy gejagt haben: „Die Juden brauchen Christenblut, aber nur die vom Stamm Aaron." Lewy soll ferner gesagt haben: . „Wenn ein Jude vor Gericht einen falschen Eid leiste, so begehe man keine Sünde; nur in der Synagoge dürfen die Inden nicht falsch schwören." Inzwischen hatte Gastwirt Schülke Feierabend geboten. Die Anwesenden entjernten sich, nur Hahn, Lewy und ein fremder Fleischergeselle namens Emil. Möller blieben zurück. Bald daraus kam auch Nacht- : Wächter Vergilt in die Gastwirtschaft. Schülke, Hahn und Bcrgin setzten sich zusammen, um gemeinschaftlich Schnaps zu trinken. Dabei soll Lewy ohne Veranlassung geäußert haben: „Wenn Christus heute nochmals geboren würde, dann würde er wieder getreu- . zigl werden." Daraufhin sollen Hahn und Vergin den Lewy an den Kragen gefaßt, ihn zur Erde geworfen und heftig geschlagen haben. Hahn soll einen in der Ecke stehenden fingerdicken Stock ergriffen und damit dem aus der Erde liegenden Lewy mehrere kräftige Hiebe versetzt haben. Nachdem sich Lewy wieder erhoben hatte, sollen Hahn und Vergin den Lewy wiederholl zur Erbe geworfen, heftig geschlagen, gestoßen und ihn ganz besonders mit ihren Füßen tn die Hüfte getreten haben. Alsdann forderte Gastwirt Schülke den Lewy auf, das Vaterunser zu beten. Lewy' faltete die Hände und sprach in deutscher Sprache das Vaterunser. Lewy, der über große Schmerzen llagte, zog sich schließlich in seine Kammer zurück. Er legte sich, sofort zu Bett und starb nach wenigen Stunden. Die Leiche wurde voit der Behörde beschlagnahmt und obduziert. Als Todesursache ergab sich Bluterguß in die Schädelhöhle. Die medizinischen Sachverständigen bezeichne» a.s Ursache des Blutergusses Zerreißung der Blutgefäße, die aus äußere Gewalteinwtrkung zurückzuführen sei. Aus Anlaß dieses Vortommnisfes wurden Hahn und Vergilt verhaftet und die Anklage wegen gemeinschaftlich begangener, vorsätzlicher Körperverletzung, die den Tod des Verletzten zur Folge gehabt hat, gegen sie erhoben. Hahn ist am 18. September 1868 zu Bublitz tn Pommern geboren, evangesischer Konfession. Bergt» ist am 12. Junt 1864 zu Siegers geboren, katholischer Konfession. Die Angeklagten sind beide un- , bestraft. . München, 17. Jan. Antisemitische Schulleitung. Ein in mancher Hinsicht lehrreicher Vorgang hat sich in Nürnberg zuget.a^en, der zeigt, daß sich die Tluldsamteit gegen die J,raeliten ,elbft durch weitgehende Liebedienerei und unjüdi- ,che Sclb„entäußerung nicht erkaufen läfsi. Durch die mit Jahres an. ang erforderlich gewordene Vermehrung der stadsi,chen Schu.är^te, die ihre Funksionen nur in. sämtlichen, der Au,sicht der Städtjchulkommifsion untersteyen^en Schu.en au^zuüben haben, wurde auch sür das „Jnfsi.ut der englsichen Fräulein", das kc.t.,osi,ch-tonft,sionell i,t, der in dessen Bezirk besinaliche Arzt als Schularzt >lädti,chersiits ausgestellt. Obgleich nun in diesem katho'ifchen Institut auch israelitische Schülerinnen gegen Entrichtung des Unterricht, betrages ausgenommen weroea und tatsächlich in relativ nicht unbeträchtlicher Zahl das Institut besuchen, wurde doch von der Jnstitut-Ieitung gegen die Nominierung des in Frage ..kommenden - Arztes deshalb Protest erhoben, wsil er — Jude ist ' und das Verlangen an den Magiprat gerichtet, einen christlichen Schularzt für das. Institut zu wählen. Als der in Rede stehende i,r. Ar^t amllicherseits hiervon verständigt wurde, zog er daraus die Konsequenz, freiwillig -auf die Eyre zn verzichten, als Schularzt am Jnstttut der Englischen Fräulein zu fungieren. Ta die medizinische Wissenschaft, wie der ärztliche Beruf nur rein menschlich ist, und mit dem.reli- . giösen Bekenntnis nicht in leisestem Zusammenhang steht, so charakterisiert sich dieser gänzlich unmotivierte Ausschluß eines jüvsichen Arztes seitens der Jnstrtutsleitung als ganz gewöhnlicher Judenhaß. Dieser wirkt in diesem Fall umso krasser «us Ungerechtigkeit' und schnöder Undank, da man das Unterrichtsgeld der israelittschen Schülerinnen doch stets sehr gern eingesteckt hat. Leipzig. . Unehrlich Volk. Das Opfer eines Gauners wurde ein.jüdischer Auswanderer, welcher mit der Tre.dner Bahn hier angekommen und mit der Magdeburger Bahn Weiterreisen wollte. Im Wartesoale 3. Klasse des zuletzt genannten Bahnho,es'gesellte sich ein unbekannter Mann znsihm, welcher angab, er.uncerstütze im Aufträge des hiesigen jüdischen Armenvercins ksil sbedür,tige Auswanderer. Der Unbekannte nahm schließlich dem Fremden unter . dem Vorgeben, er wolle ihm eine Schiffahrtkarte' besorgen, 120 Mark in deutschem Gelbe und 5 Silberrubel ab und händigte dann dem Unerfahrenen eine Geschästsempfehlung als Fahrkarte ein. Der Schwin-

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