Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 3 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ilrankfirrter Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). HledaKtton und Hefchäflstzells: Srankfurl 2.ITC., Oergerffraße 25, parterre. r-W-4- Herausgeber: Saltz Oeis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Tie Ncklamezeile.. 100 Stetlen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 .. Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8. < % Jahrgang. Freitag, den 3. LoLvat 3664 (22. Januar 1904). Ro. 3. Der Untergang der jüdischen Landbevölkerung. Ein Kapitel zur deutschen Judenfrage. Eine Betrachtung der jüdischen Verhältnisse zu verschiedenen Zeitpunkten läßt uns vermittels der Statistik eine so eigentümliche Beobachtung machen, daß wir es nicht unterlassen können, einige überaus wichtige. Erörterungen daran zu knüpfen. Eine bekannte Tatsache ist (wir können hier das trockene Zahlenmaterial ruhig bei Seite stellen), daß die jüdische Landbevölkerung in steter Au Wanderung nach den Kleinstädten begriffen und daß wir in den Großstädten wieder aus den Kleinstädten Zuwanderung-erhalten. Dabei ist aber die Au.'Wanderung aus den Dörfern, eine so starke, daß bis über kurz oder lang 90 bis 95 Prozent der Juden in Städten, speziell in Großstädten, sich befinden werden. Bis jetzt hat man dieser Erscheinung noch viel zu wenig das Interesse, zugewandt, das sie ihrer vielen Folgen wegen verdient. Wir müssen mit den Ursachen'der Auswanderung beginnen. Nehmen wir zuerst die älteren Bewohner des Dorfes an, die sich schon eine eigene Existenz draußen begründet haben. Meist sind es Händler, Kaufleute und dergl., wie ihre Väter, die aus den Städten früher ausgeschlossen, in den nahen Dörfern angesiedelt, in jenen Zei.en in Stadt und Land ihrem Handel nachgingen. Heute nun treibt ihre Nachkommen derselbe Antisemitismus in die Stadt, wo sie sich besser halten können, , wo sie in einer größeren Gemeinde Schutz und Hilfe finden. .Daneben spielen allerdings noch eine Reihe anderer Beweggründe mit: In der Stadt, dem Zentrum der betreffenden Umgebung erhofft man sich, und wohl mit Recht, E.leichtcrung und Ve.besseruiig im Geschäft, Verschönerung und Verbesuemlicherung des täglichen Lebens. Letztere Gründe bestimmen bc- 'sonders die reicheren Juden, in die Abwechslungen und Genuß bietende Stadt zu ziehen. Auch die Verschlechterung des Viehgeschästes hat manchen, ehemaligen Anhänger in hie Stadt getrieben, um hier ein anderes Gewerbe auszuüben. Und wenn dieser Fall vielleicht weniger oft vorkommt, so fühlen sich doch seit Jahren gerade die Viehhändler auf dem Lande dazu bewogen, wenigstens ihre Kinder diesem Gewerbe zu entreißen. Mit dem vierzehnten Jahre schickt man die Söhne in die Stadt, wo sie in irgend einer Lehre für immer dem Torfe entzogen werden. In manchen der wohlhabenden Gegenden bemühen sich auch die Eltern, den Kindern eine bessere Bildung angedeihen zu lassen. Man schickt die Begabteren aus Gymnasien und -Realschulen, von wo sie spä er auch wiederum die Kaufmannskarriere ergreifen oder zur akademischen Lausbahn übergehen. Auch in diesen Fällen ^sind die Kinder städtisches Element geworden, das nie mehr zur Schalles die seinen Vätern in den wenigsten Fällen gehört hat, zurückkehrt. Da aber das Streben, den Kindern die beste Erziehung angedeihen zu lassen, eine der markantesten Eigenschasten der jüdischen Rasse ist, so läßt sich auch hieraus die Abnahme der jüdischen Landbevölkerung entnehmen. Fast die gleichen Momente mögen wiederum den jüdischen Kleinstädter bewegen, für sich selbst oder wenigstens für seinen Sohn, resp. für seine Tochter die Großstadt als Domizil zu wählen. Und so zeigt sich uns hier wiederum das Bild stetiger Judenimmigration in die Städte. Berlin, Frankfurt, Breslau, Hamburg, München; kurz an allen großen und größeren Orten entständen und. entstehen jüdische Gemeinden, welche den eigentlichen jüdischen Bevölkerungs- Prozentsatz um das 10—40fache u. s. w. übertresfen. Eine solche merkwürdige Erscheinung ist nicht nur auffallend, sie muß uns mehr sein: von Interesse. Von welcher Bedeutung kann sie für uns Juden s.in? Zuerst wird sie wohl eine Ueberfüllung aller jener Berufe, die 1) besonders in Städten, 2) speziell von Juden ausgeübt werden dürfen, Hervorrufen. Aus dieser Ursache entspringt die all^u starke Besetzung der akademischen Stellen, sowie des Kaufmannsstandes. Dieser all.u starke Andrang, der allerdings weil über den Prozentsatz hiuausging, mag mit einer der Hauptursachen des erneuten Ausbruches der antis.'mi- .ischen Bewegung in Deutschland sein, allzu aufsallend war die Eroberung gewisser Erwerbszweige durch die Juden. Mit zwei Mitteln versucht man nun auf jüdischer Seite dieser fortgesetzten Anhäufung von Inden in gewissen städtischen E.werbs^we'geu ent eg n.utreten. Das eine richtet sich nur gegen die Ucberjüllung in den verschiedentlichen Branchen, sie erstrebt den Zugang zu anderen, neuen Berufsarten. Auf der anderen Sei e aber empfindet man die Abnahme des ländlichen, jüdischen Elementes als eine schwere Schädigung der allgemeinen Judenheit. Aus verschiedene Art und Weise iud)t man di: Juden zum Boden zurückzuführ.'n, während man die Juden in der Stadt zu körperlicher Betätigung anregen und auch hi:r einen Teil der Heranwachsenden Jugend in den immer noch gesünderen Handwerkerstand eintreten lassen will. So löblich das Letztere ist und so sehr uns heute die medisini ch.n A.- bei.en bedeutender Juden (z. B. Dc. Hoppe. Königsberg) di: Nachteile, die sich aus der ausschließlich g istigen Arbeit der Juden, deutlich und abschreckend vor Augen malen, so können wir uns leider nicht der Anschauung verschließen: Das Los und das Geschick der deutschen Juden hat für di: Zukunst die Städte für ihre Domistlien erwählt. Eine Ansiedelung der deutschen Juden als deutsche Kleinbauern wi.d in größerer Anzahl undurchführbar sein, weil die Verhältnisse dasür in Deutschland viel zu ungünstig liegen. Besser scheinen mir hier immer noch die Verh ältnisse in Boderasien und Palästina zu sein, wo der Boden ganz bedeutend bil.i^er und ergiebiger ist, wo ganze große Ländereien noch für größere Scharen frei und die Eingeborenen zu den Juden nicht in dem überlegenen, an- .isemitischen Verhältnije stehen. Bei einer ruhigen, sachgemäßen Beurteilung wird man indes leicht zu der Erkenntnis kommen, daß wir von der Zurück,ührung einer Anzahl deu.scher Juden zur Bodenbebauung in- oder außerhalb des R.iches keine radikale Kur aller der Unannehmlichkeiten zu erwarten haben, die wir aus der Anhäufung einer städtischen, rein geistig arbeitenden Menschenllasse zu erwarten haben. Wollen wir nicht, daß unsere Judenschaft proletarisiert werde, daß sie körperlich de^eniece, wie sie schon jetzt in unverhältnismäßig hohem Maße zu allen nervösen Leiden neigt, wie sie schon jetzt besonders stark die Blinden-, . Taubstummen-, Jdiotenheime und Irrenanstalten beschickt, so müssen wir festhalten an dem Ziele, überall in Handel und Gewerbe, in allen freien Berufsarten den Juden die Zulassung zu erwirken, müssen wir mit allen Mitteln daran arb.iten, daß sich unser Volk die wertvollste Gabe, die es schon so lange erhalten, die Gesundheit, sich bewahre, daß es durch jegliche Art von Sport und Turnen, durch strenge Einhaltung aller hygienischen Vorschriften und durch möglichste Meibung der Giste (Alkohol und Nikotin)*) die Kraft sich erübrige, die es in stetem Kampfe um seine Existenz zu physischen und intellektuellen Leistungen bedarf. Felix Th.-Cohen. Londoner Brief. London, den 18. Januar. Einer der Vorwürfe, die man sehr häufig uns Juden gegenüber erheben hört, ist der der physischen Inferiorität. Wie wenig Berechtigung eine solche Behauptung hat, wenn man ie als allgemein gültig ausstellcn will, dafür kann man bei uns in England unzählige Beispiele ansühren. Bekanntlich wird hierzulande in den Schulen ein weit höherer Wert auf körperliche Uebungen und körperlichen Sport gelegt' als in Deutschland. Da Pflegen dann die jüdischen Knaben durchaus nicht hinter denen anderer Bekenntnisse zurückzustehen. Sie erlangen deshalb auch stets den ihrer Zahl entsprechenden Anteil pn den für die besten Leistungen auf diesem Gebiete ausgesetzten Preisen. Aus Leeds wird sogar berichtet, daß eine dort angestellte körper.iche Untersuchung der Schullinder eine Ueberlegenheit der jüdischen Schüler über die nicht jüdischen ergeben haben. Besonders wohltuend mü sen den gesetzestreuen Juden die Bemerkungen berühren, die der dortige Arzt, Tr. Holl, zu dieser Tatsache machte: „Die Juden haben Generationen hindurch eine Religion der Gesundheit geübt. Niemand kann die hygienischen Borschristen in den Büchern der Bibel lesen, ohne zu erkennen, daß sich dort eine sehr einsichtige Gesetzgebung zur Verhinderung von Krankheiten und zur Erhaltung der Gesundheit der jüdischen Rasse verzeichnet findet. Ein Volk, welches seine Fleischnahrung mit der Genauigkeit eines modernen Gesundheitsinspektors prüfte, welches wußte, daß Gesundheit sich nur durch Aufrechterhaltung gröftrrReinlichkeit bewahren läßt, mußte notwendiger W.ise für diese Erkenntnis einen reichen Lohn finden in der Entwicklung einer gesunden Körperkonstitution und in der Erreichung von hohen Lebensaltern seitens der Individuen. Nun ist Volksgesundheit wie Vol.slrankheit eine Größe, welche sich im Laufe der Jahrhunderte vermehrt, und so können wir in der Lebenskraft der heutigen Juden das natürliche Ergebnis Jahrhunderte langer hygienischer Vorsichtsmaßregeln erblicken". Daß aber auch außerorden liche Körperkraft und' gymnastische Schulung sich zuw.ilen bei Juden findet, können wir aus einer rührenden Geschichte ersehen, welche ein Korrespondent des Jewish Chro» nicle mitteilt: Er traf in einer Straße des Ostends zwei Juden aus Rußland, Vater und Sohn, welche unter den Klängen einer italienischen Orgel athletische Vorstellungen gaben und den größten Beif.ll des versammelten Straßenpubstiums sanren. Sie waren vor Kurzem erst aus Warschau eingewandert, von wo *) Wir wissen ein viel sichereres Mittel zu innerer Kräftigung der jüdischen Bevölkerung und das ist: die Rückrehr zum Judemum. Die Si t.ichkeit, die geregelte Lebensweise, die Bescheidenheit und die Einfachheit, welche das Judentum bei der Beobachtung seiner Gesetze einem jeden Juden anerzieht und bewahrt, haben uns Juden unter viel ungünstigeren Bedingungen, als die heutigen Lebensverhältnisse, gesund und kräftig erhalten. Daß der westeuropäische Assimilationsjude heute noch nicht mehr degeneriert ist, verdankt er einstg und allein seinen Vor ahr.n. (Anm. d. Redalt.)