Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nach einleitendem Gesang des Synagogenchors hielten die .Herren Gustav Löwenberg, Geheimrat Dr. Blumenthal und Martin Simon Ansprachen, in denen sie die verdienstliche Tätigkeit des Jubilars feierten und herzliche Worte des Dankes und-der Anerkennung für seine aufopfernde Amtsführung fanden. Hierauf erfolgte die Enthüllung des von Prof. Aogcl gemalten Bildnisses des Jubilars. Dieser dankte tiefgerührt für diese Ehrungen und gelobte, bis an sein Lebensende seine Kräfte der Gemeinde zu weihen. Chorgesang beschloß die erhebende Feier. F r a n k f u r t a. O d e r. Auf den hiesigen Rabbinerposten wurde Herr Rabbiner Tr. I. Bergmann, Karlsruhe, berufen.' Dessau. Dem Hofagenten .Herrn .Heymann Cohn hier wurde von Sr. Hoheit dem Herzog von Anhalt die Ritter-Insignien II. Klasse des HausordenZ Albrechts des Bären gnädigst verliehen. (In Anbctracht seiner großen Verdienste, die er sich in 28jähriger Dienstzeit als Vorsitzender des städtischen Waisenrats erworben hat). Wien. Se. Majestät der Kaiser hat den-Landesgerichtsrat Robert Epstein in Brünn zuni Oberlandesgerichtsrat ernannt. Budapest. Ein ärztliches Ehepaar. Eine interessante Trauung wurde heute Mittags im israel. Kultustempel in der Tabakgassc vollzogen. Der hauptstädtische Arzt Dr. Ladislaus Jakab reichte seiner Kollegin, der Aerztin Frl. Dr. Hanna Rstcz, die .Hand zum ewigen Bunde. Die jungen Gatten sind wohl das einzige ärztliche Ehepaar im Lande, denn Frl. Dr. Rücz hat sich an der Budapester llniversität ebenso den Doktorhut erworben wie ihr Gatte. Das Ehepaar, das Wissenschaft und Herzensneigung zu ewigem Bunde vereinte, gedenkt auch weiterhin gemeinsam die Praxis auSzuüben. Der Ehegatte, Dr. Ladislaus Jakab ist Chefarzt der Wasserheilanstalt des Herczelschen Sanatoriums und seine ihm heute angetraute Gemahlin, Frält Dr. Hanna Rßcz-Jäkab wird in Hinkunft die Frauenabteilung der genannten Heilanstalt leiten. Zur Trauung' der beiden Aerzte hatte sich im Gotteshanse ein überaus, zahlreiches, distinguiertes Publikum eingefunden, in dessen Reihen man Professor Herczel, die Dozenten Taußk und Leo Sarbö, Abgeordneten Franz Pildner, zahlreiche Mitglieder des hauptstädtischen Acrztekorps, viele Mediziner b.iderlci Geschlechts, Künstler, Schriftsteller ufw. bemerken konnte. Oberrabbiner Tr. S. Kohn richtete an das junge Paar eine schöne Ansprache; den gesanglichen Teil der Ceremonie vollzog Prof. Lazarus. Z ü r i ch. Der Bundesrat hat zum Direktor des schweizerischen Landcsmuseums den bisherigen Vizedirektor Dr. Lehmann gewählt. Paris. Kapitän M. Raine ist zum Bataillonsches, Artillerie-Kapitän M. Cohen zum Eskadronsches, Kapitän M. Fränkel vom Generalstab gleichfalls zum Eskadronsches und Artillericleutnant Daniel Pompey in Vincenncs zum Kapitän befördert. Paris. Professor Jacques Hadamard in Paris hat von der Akademie der Wissenschaften den Ornoy- Preis im Betrage von 10 000 Frcs. erhalten. — Der Brigadegeneral Naquet-Laroque, Kommandant der Artillerie des dritten Armeekorps, ist zum Tivisionsgeneral ernannt worden. Er ist gegenwärtig der einzige aktive jüdische General der französi'chen Armee, da die drei anderen — See, Hinstin und Brisac — in der Reserve sind. Seit Bestehen der Republik haben sieben Inden, den Generalsrang erhalten. 'kWM. Londoner Brief. ' London, den 11., Jan. Während ich dieses schreibe, muß es sich ja, da die russischen Feiertage vorübergegangen sind, Herausstellen, inwieweit die gehegten Befürchtungen begründet waren. Jedenfalls haben die englisch-jüdischen Notabeln das ihrige getan, indem sie formell das auswärtige Zimt anfforderten, der russischen Regierung Vorstellungen zu machen, damit sic Maßnahmen treffe, lvelche neue Exzesse in Kischinew verhinderten und die Juden nicht nur Rußlands, sondern der ganzen zivilisierten Weil beruhigten. Ein solcher Schritt und eine solche entschieden öffentliche Stellungnahme wäre in Deutschland kaum denkbar und würde auch bei der deutschen ivgi^cungpfvenig!»Anklaug. .finden. > ~ HrUs^on von den verschiedenstem ....... . SSEf.;v / '■ '• 1 'v.. \ suchten privaten Einwirkungen zu Gunsten der Jude» nicht ohne Erfolg geblieben find, beweist die Antwort, welche Herr'bl Pkehlve an die Newyork World, welcher in dieser Sache ein Telegramm an den Zaren gesandt hatte, ergehen ließ. Tie Furcht vor neuen Unruhen iu Kischinew ist vollkommen unbegründet. Tie Ankündigungen neuer judenfeindlicher Bewegungen sind nur zuzuschreiben der böswilligen Verleumdung regierungsfeindlicher Agitatoren. Viel besprochen wird hier der Briefwechsel zivischen Dr. Herzl und dem Präsidenten der Jewish Colonisation Association betreffs gemeinsamer Beteiligung an einer Expedition zum Studium des Ostasrikaproiektes. Man bedauert es sehr, daß eine gemeinsame Aktion vorläufig gescheitert ist und die Welt so um ein schönes Schauspiel jüdischer Einigkeit und Solidarität gebracht worden ist. Tann hätten sich zum ersten Male Zionisten und Antizionisten zum Wohle der unterdrückten Brüder zusammengczogen. Man gibt indes die Hoffnung nicht ans, daß ein Zusammenarbeiten doch noch möglich sein wird, wenn man auf beiden Seiten die Prinzipicnrcitcrei etwas beiseite läßt und mehr aus den praktischen Kern der Sache eingeht. Wenn großartige Pläne und kühne Utopien unfern russischen Brüdern helfen könnten, so brauchten sie wahrhaftig nicht zu verzweifeln. Noch ist der Zionismus bisher im großen und ganzen im Stadium der Agitation und Organisation und kann, woraus ihm übrigens bei der relativ kurzen Zeit feines Bestandes kein Vorwurf zu machen ist, noch keine praktischen Ergebnisse anfweisen, so ist schon ein neuer Prophet erstanden, der den Zionismus durch einen größern Zionismus überbieten will. Es ist der bekannte Dr. Isidor Singer von Newyork. Er will die 5 bis f! Millionen russischer Juden in 25 bis 30 Jahren sämtlich nach der neuen Welt schaffen, die Kosten dazu, soUen die wohlhabenden Juden der ganzen Welt aufbringen, — durch eine freiwillige Steuer von 2°/o ihres Einkommens jährlich bis zur Vollendung des Unternehinens. Er fürchtet nicht, daß Amerika seine Tore schließen werde. Sagte doch Präsident Roosevelt: „Wir können nicht genug Einwanderer der rechten Art haben." Daß die Juden von den Amerikanern zu dieser Sorte von Einwanderern gerechnet werden, dafür beruft er sich ans Andrew Caringer, der sich jüngst bei einer Besichtigung der jüdischen Unterrichtsorganifation in Newyork 'sehr schmeichelhaft über den Fleiß, die Energie und die Bildungsfähigkeit der jüdischen Einwanderer anssprach. Mag man einem solchen Plane natürlich von vornherein sehr skeptisch gegenübcrstehen, so berührt er doch aber wegen seiner Kühnheit und Hoffnungsfreudigkeit nicht unsympathisch. lind cs läßt sich schließlich nicht abmessen, was die immer mehr anwachsenden Hilfsquellen der großen amerikanischen Judenschaft, wenn sic kühn und einheitlich zum Wohle der Gesamtheit verwandt werden, noch in Zukunft zu leisten vermögen. Wir Londoner Inden sind jedenfalls für derartige gigantische Entwickelungen noch nicht reif. 'Wir haben noch zuviel mit den kleinen liebeln des Tages zu kämpfen. Da ist vor allen die außerordentlich aufdringliche Judenmission im Ostend, welche die größte Aufmerksamkeit erfordert. Es gibt dort über 27 Missionsstationen, welche kein Mittel unversucht lassen, um die Seelen der armen Wanderer für sich einzufangen. Es läßt sich nicht leugnen, es wird auch von dieser Seite so manches zur Hebung des Elends getan, aber der Pferdefuß kommt immer hinten nach. Ta werden linterrkchtskurse veranstaltet, da finden Notstandsverteilungen statt. Zum Schluß aber ivird es den Leuten niemals geschenkt, eine ink russischen Jargon gehaltene Bekehrungsrede anzuhören. Zwar wird natürlich kein Zwang ausgeübt, aber es gibt auch einen moralischen Zwang. Man kennt die Gefahr aber letzt in jüdischen Kreisen und die Prediger und Rabbiner der United Synagogen geben sich alle erdenkliche Mühe diesen Bestrebungen entgegenznwi'rken. Wie entwicklungsfähig übrigens die Juden des Ostends sind und wie leichp-sie sich auch ven modernsten Einrichtungen anbcquemen, beweist das bald einjährige Bestehen eines Konsumvereins. Bei der Gründung übernahmen 100 jüdische Arbeiter seder 2 Anteile zu einem Pfund Sterling, auf die sie fedc Woche Einzahlungen machten. Eine solche Vereinigung wird zur Besserung und Hebung der gejamten Lebenshaltung sehr viel beizutragen imstande fein. Sie sehen, Licht und Schatten wechselt. Man muß den Mut nicht verlieren und seine Schuldigkeit tun im Vertrauen aus 'den Beistand des Höchsten. Dann werden die dunklen Zeiten vorübergehen und Die jüdische Sitte detz jedoch^ Kopsb« Frankfurt a. M., 12. Jan. 1901. Vor etn Tagen wurde in der „Frankfurter Zeitung" die '" erörtert, warum wohl die Deutschen und mit viele andere Bölkerstämme als Zeichen des G den Hut ziehen und also ihr Haupt für einiges mente unbedeckt lassen. Es wurde dort die nung ausgesprochen, daß man sich mit Heru nehmen der Kopfbedeckung gleichsam verkleinere dem Gegrüßten gegenüber als den Kleineren,^ Unbedeutenderen darstelle. Dieser selbe Geh komme auch i» dem Verbeugen des Körpers, | neigen des Hauptes »sw. zum Ausdruck. Diese Erklärungen sind acceptabel und ihre Richtigkeit haben. Interessant ist es gerade bei dieser gewissermaßen belanglosen der vollendete Gegensatz zweier Anschauungen zeugend in die Erscheinung tritt. Es gibt lich auch eine Menschengruppe, bei denen Zeichen großer Ehrerbietung gerade in dem Beh halten des Hauptes besteht.. Bei den Männern jüdischen Volkes spielte von jeher das „KäPPck (früher auch wohl Barett, Mütze oder Dreispitz)^ große Rolle. Ter GottesdiWst fand und findetz^ deckten Hauptes statt, das Einnehmen der zeiten erfordert das Vorhandensein einer ung, ja man findet es sogar häufig — aurl unserer Zeit noch — daß das Käppchen selbst?^ Hause getragen wird. Fragt man sich nach der Bedeutung Sitte, die doch gewiß nicht aus der Luft gegr fein wird, so will es bedünken, daß ein durcl ethischer Gedanke dieser uralte» Gepflogenheit Grunde liegen mag. Ter nach dem Diktate lebende Mensch, der Jude, soll immer etwas sich" fühlen. Er soll sich der Tatsache bewußt daß seine Tätigkeit nicht nur im Dienste des eige Willens stehe, sich nicht nur in den Bahnen der k ihm gesetzten Normen zu bewegen .habe, solch daß er mit feiner ganzen Wirksamkeit einer ihm" gebietenden Leitung sich zu ‘ »nterordneirj-P- H halten sei. Bei aller Arbeit, bei allem Strehenx bei allem Mühen, bei allem Vorwärtsdringen «nd! v, immer rastendem Geschäftigsein — die andern mögen es damit halten, wie sie wolle», mögen aus-AM. Jagd nach der Wohlhabenheit auch Wege einschlaM^M? die nicht ganz gerade sind, möge» auch die Nebenmenschen schuldige Achtung manchesmal letzen, mögen die von der irdischen Weltordichl gezogenen Grenzen öfters zu umgehen suchen, nach dem Diktate Gottes lebende Mensch weißA allem Aufwürtsstreben, wo die Grenze ist, bich!z welcher er gehen darf, welche zu überschreiten ie Sünde iväre. Der Jude wagt es nicht, mit je Persönlichkeit, mir seinen Kräften und Fähigkeit mit seinem Wirken himmelstürmend aufwärts dringen, alle Rücksichten, die Gott und Mensä recht erfordern, außer Acht lassend, und, nur sei« Verstände, seinem Ermessen folgend, das Vorhan fein einer Vorsehung also zu ignorieren, zu ig rieren auch das dieser Vorsehung zustehende der Regelung der menschlichen Lebensführung jo kn ungemesscne Höhe, wenn nicht in den Hin selbst hineinzuragcn — — einer solchen in letzt Ende zur Gottesleugnung führenden Neberschätz der Persönlichkeit und ihrer Kräfte unterfängt sich nach dem Diktate Gottes lebende Mensch mit nick Ter Jude kennt die seiner Tätigkeit von der Bor ung gesetzten Schranken und versteht es sie eü halten. Er mahnt sich an diese „über ihm" stehe Macht, indem er einen Gegenstand „über sich" st Stelle finden läßt, und bekundet damit, daß er et« anerkenne, was seinem.Wirken und der Art sei Wandelns und Ringens auf Erden ein Halt zu rufen befugt sei. Das bei dem Juden sich so gro Beliebtheit erfreuende Käppchen ist daher nichts deres, als ein Symbol der jedem Glieds des § bischen Volkes von oben gesetzten Grenze und Unterstellung dieses Gliedes unter die Autorität von Gott gegebenen Ordnungen. Es ist also ohne weiteres begreiflich, war beim Gottesdienst, der Gott-Unterstellung par exß lence, die Kopfbedeckung nicht fehlen darf, und »ich wir bei dem Genießen, der Stärkung unseres K pers, und nicht nur bei deni die Mahlzeit adelich Segenssprüchen, sondern bei dem Essen selbst inj Haupt bedecken, so ist diesnichts weiter als shnibolisches Bekenntnis, daß wir auch den irdisck Genuß nicht als Selbstzweck, sondern als eine Gottesdienst, resp. ein Kräfte-Sammeln znm Dich Gottes betrachten. Wir verstehen es aber auch, die Gon dem Verhältnis des Menschen zur 1 fl «£& aV * -'Ti«*