Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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kürze beweisen, baß der Jude, solangeer Jude will, gar nicht radikal demokratisch sein kann, Müßte denn seine Selbstvernichtung im Auge feit. Das Ziel Der Demokratie, soviel und so sie auch das Wort Freiheit im Munde führen ist doch im Grund hauptsächlich eine alles «llierende Gleichheit, Einheitlichkeit und Nnifor- ^DßMung der Verkehrsmittel, Einheitlichkeit und Uni- MA-8mierung der Schule und der Bildung. Sic muß das Schärfste jcbc Gesellschaftsklasse bekämpfen, 'f'^vÄhe sich Diesem Streben widersetzt. Und der Jude als Jude muß zu diesem Streben 'die schärfste Opposition treten. Er muß, solange *:< «r Jude bleiben will, ein Sonderdasein aus vielen Gebieten für sich in Anspruch nehmen. Er beanßprucht besondere Gotteshäuser und besondere Speise- Htzälcker, besonderen Unterricht und besondere Begräb- . «iKpl^e. ^Danken wir Gott, daß noch in keinem europäischen s-'-JEtaate die Prinzipien der Demokratie aus die Dauer vollkommen durchgesetzt haben, es wäre um MsÄHere religiöse Freiheit in des 'Wortes weitestem MsDürne geschehen. Aus rein theorettschen Gründen D'Wmte man uns zwingen, unsere bewährte Schlachtgt ißegjobe aufzugebcn. Das Recht auf besonderen Be- HigrWnisplatz würde uns genommen werden. Man N>WLe uns verbieten, unfern Kindern mehr Religions- ^LÄÜxrricht zu geben als den nühtjüdischen. Man §8Lä>e uns auch den Gebrauch einer besonder» Sprache -^ÄtGottesdienste nicht mehr gestatten und mit vollem ^Mcht, im Flamen der Gleichheit, im Bestreben, MH»>Volksmassen zu uniformieren. - Ta kann der aufgeklärte und nicht beschränke r:^4lrsitokrat viel eher mit uns fühlen, der weniger für d.Glüchheit, aber für mehr Freiheit eintritt, der jedem HKülturgebilde seine Eigenart gewahrt wissen will, dem freien Spiel der Entwicklung Raum läßt. IfW Weiß, daß die Hochziele der Menschheit am *4 heften gefördert werden, wenn jeder an seinem " “ tze, in seiner Eigenart am Wohle derselben mit- D «Leitet, wenn die Mannigfaltigkeit möglichst groß vielgestallig ist. Was im ersten Augenblicke bunt wirr erscheint, entfaltet sich allmählich im Lause M^wr Jahrtausende zu einem gewaltigen und harmo- KHWchen Gebilde. ist die große, zwar scheinbar nur theoresijttsch, aber gerade darum um so ttefer begründete?,°,tll^ache, warum wir Juden aus'die Dauer, '■/.loiiin wir ernst darüber Nachdenken, es t mit der prinzipiellen Demokratie 5" v f nl'ten fön nett. ( . Der Gedanke wird sich in uns noch verstärken, -? wenn wir das jüdische Leben, da wo es uns am rein* und unverfälschtesten entgegentritt, einer unparteiischen Beobachtung unterziehen. Tie Juden- * schäsi, bie sich in den schweren und 'finsteren Zeiten -zdsck Mittelalters nach außen hin als eine geschlossene ^.Einheit präsentierte, zeigt doch bei aufmerksamem ZS.'Zusehen, in ihrem Innern große gesellschaftliche Unterschiede, eine reiche Gliederung nach materiellen Sund intellekuellen Gesichtspunken. So wurde seit Am. ältesten Zellen der Stand der Gelehrten, speziell ''5";Aer Talmudgelehrten, mit 'einer fast an Anbetung ^'^5gvenzenden Verehrung ausgezeichnet. Die reichsten iMtjb' angesehensten Männer rechneten es sich zur sten Ehre an, einem Talmudjünger, mochte er Koch so unbemittelt sein, mochte er aus noch so H-!-'Ärmlichen und beschränkten Verhältnissen hervorgehen, ^-.'sichre Tochter zu vermählen. Beugte sich so im jüdischen Ghetto in muster- Ls^ziltiger Weise das Materielle vor dem Fntellektuel- ' lest so ist doch, nicht zu leugnen, daß auch Reich-;’tnat und Vermögen sich in ihren Sphären ihre .-.Mrttung zu wahren wußten, daß der unwissende Arsche aus den unwissenden Armen mit demselben ^Selbstgefühl herab, wie der ärmste Gelehrte " upd Bachur auf den Reichtum eines Krösus, wenn f jdeffen glücklicher Besitzer mll dem wenig ehrenvollen „ Viel eines Am Haarez belegt werden konnte. Diese ^'Ausnahmestellung von Reichtum und Intelligenz blieb 'jgffief nicht auf die ersten und ursprünglichen Träger und Erwerber beschränkt. Sie warf einen Abglanz auf 'die entferntesten Nachkommen.' Noch nach Hst Generationen rühmte man sich ein Nachkomme S|gpX3fee oder jenes großen Mannes und Talmud Ä'HÜLHrten zu sein, wenn man auch von dem Geiste "'- großen Ahnen kein Fünkchen mehr besaß, ja noch ein Verständnis für ihn hatte. So sehen Mm Judentum sich den Begriff des Jichuss ent Mn, ein gewisses Gefühl für Slhnengröße, ein Mser Adelssinn, wenn, dieses Wort gestattet ^M^-mag. L/7.^'.§Mas sind Gefühle und Gedankenrichtungen - für "" HZber ^^iM^tti^^e^je^j^esälli^^.aufgckärte MN MM im Herzen eines jeden wahren Juden ini Laufe der Jahrhunderte tiefe Wurzel» geschlagen haben. .Vorliegende Erörterung soll nun durchaus nicht dazu bestimmt sein, für irgend eine bestimmte der augenblicklich in Tcutschland bestehenden politischen Parteien Propaganda zu machen; sic wollen auch nicht etwa dieses Blatt aus irgend eine bestimmte Anschauung sestlcgen. Sich über dem Gcwühle der Tageskämpfe erhebend, glauben sie ihrem Zwecke gedient zu haben, ivenn sie allen denen, die aus'dem Boden einer streng religiösen, jüdischen Weltanschauung stehen, Gelegenheit und Anregung bieten, über diese wichtigen Prinzipiensragen nachzudenken.*j j. 1. Aus aller Welt. Deutschland. Frankfurt a. M. linserm Nachruf über Herrn Justizrat Tr. Hirsch s. .A. ist insofern eine Unrichtigkeit unterlaufen, als derselbe nicht am Todestage seines Vaters s. A. nach dem jüdischen, sondern nach dem deutschen Datum verschieden ist. in. R e i ch e n s a ch s e.n, 11. Januar. Das seltene Fest der goldenen Hochzeit feierte dieser Tage hier unter großer Tellnahme seiner Mitbürger das Samuel Löwenstein'sche Ehepaar im Kreise seiner vier. Kinder und zahlreicher Enkel. Von Nah und Fern trafen Geschenke und Gratulationen ein. Der Ehemann, welcher 80 Jahre alt ist, ist noch sehr rüstig und geht seinem geschäftlichen Berufe noch ständig nach, dagegen ist die 81jährige Ehefrau seit kurzer Zell krank und bettlägerig, so daß die Feier beschränkt werden mußte. Auch Herr Kreis-Rabbiner Tr. Cohn- Eschwege, der von seiner Gemahlin begleitet war, erfteute das Ehepaar mit seinem Besuche, um persönlich ihre Glückwünsche darzubringen. Berlin. Tie Jüdische Presse bringt eie dato 7. Qanuax folgende Nachricht: lieber einen Unfall, den Herr D r. Hirsch Hildesheimer gestern crlllten hat, find übertreibende Gerüchte verbreitet worden. Um diese auf 'ihr richtiges Maß zurückzuführen, sei an dieser Stelle mitgeteilt, daß er beim Ueberschreiten des Fahrdamms von einem Wagen der elektrischen Bahn erfaßt und unter bie vordere Plattform geworfen Ivorden war. Glücklicherweise sind bie Verletzungen derart geringfügige, daß zu erhoffen ist, daß er nach wenigen Tagen das Bett wird verlassen können. W. M ünchener Chronik. Kurz vor Schluß ihres alten Heinis an der Prinzrcgentenstraße, beehrte seine Kgl. Hoheit der Prinz re ge nt die Galerie Heineman mit seinem Besuche und erwarb verschiedene Gemälde. Ebenso fand sich der Prinzregent zu der, am Sonntag, den 3. Januar stattgefundenen Eröffnung der neuen Galerie Heineman ein, verweilte eine Stunde dort und drückte den Herren Heineman seine volle Anerkennung ans. Ferner fanden sich zur lNwffnnng noch ein Prinz Lcopold, Prinzessin Therese, die Minister Graf 'Krailsheim, Frhr. v. Riedel und v. Wehner und der erste Bürgermeister v. Dorscht. Die, seinerzeit von dem Vater der jetzigen Inhaber, Herrn David Heineman gegründete Kunsthandlung hat sich einen guten Ruf erworben, der sich durch die Mhrigkeit der Nachfolger noch gehoben hat. Ein Prachtbau, Maximiliansplatz 3, ist entstanden, ein wahrer Tempel der Kunst, würdig der Kunststadt München. Es ist dies die erste private Kunstausstellung mit eigenem, hierfür geschaffenen Palast, die München besitzt. Der Verein „Linäs-Hazedek", dessen Mitglieder meist aus Polen gebürtig sind, beabsichtigt, da das bisherige Betlokal 'den jetzigen Bedürfnissen nicht mehr genügt, sich eine eigene Synagoge bauen zu lassend Eine Chewra-Kadischa aus Gegenseitigkeit gegründet, besitzt der Verein, dem als Ehrenmitglieder derbekannte Warenhausbesitzer Herrinann Tietz sowie andere angefehene Persönlichkellen angehören. Hamburg. Mit dem Bau der neuen Gemeinde-Synagogein der Bornst'rahe soll zu Beginn des Frühjahres begonnen werden. Alan hofft, die Synagoge im September 1905 zum Neujahrsfest eröffnen zu können. Die Baupläne sind von der Baukommission und dem Vorstand des Deutsch- Jsraelilischen Synagogen-Verbandes im Einverständnis .mit dem Telegiertenkollegium genehmigt und liegen augenblicklich dem Vorstand der Deutsch-Israelitischen Gemeinde vor. Das neue Gotteshaus wird, etwa 700 Männerplätze und Galerien mit 500 Frauenstellen enthalten. Der Bau wird nach den Plänen und unter Leitung der hiesigen Architekten Regierungsbaumeister Friedhelln und S. Engel ausgesührt. Hagenau hatte, sich vor einigen Jahren eine Chtzwxa^-A bis ans ungefähr 4 Milgliddcr verringert. fLDiefmsi^ Rest — beim Wein oder Bier nennt man diefeüWektz.-/ auch Hefe — löste nun die Chewrah auf, in nicht, nobler Weise das Vermögen, das doMchtttch Wohltätigkeitssiun und zu Wohltätigkeitszwe^Mg'e-'; sammelt war unter sich und ließen es in iMMri-.'si vaten Taschen fließen. Nun starb vor einigen Mockststeiner jener letzten teilenden Chewra-MitglieWMnih:':; dessen Frau entäußerte sich sofort jenes GeldechMepr /' sie es verschiedenen Anstalten, Chewrauth ZslMuce-'V israelite u. a. zuwandtc. Hoffentlich findet dMMei-s spiel dieser Frau Nachahmung bei den änderen^ Herren, in deren Besitz das Chewrah-Geld noch ist.'-; und beellen sie sich möglichst bald noch beiHihrem<: Leben, das Geld dem ihm bestimmten Zweck eiMegest- ' zuführen, damll es nicht erst ihre Zurückgeblieben^!: nach ihrem Tode tun müssen. Schweiz. 'ä-MU Basel, 9. Jan. Am Samstag früh zwischesis:- drei und vier Uhr stieß der Heizer der ShnagogAf als er den Kellerraum bettat, plötzlich auf-zwei:' Männer, von denen ihm der eine Pfeffer in dichAugen. warf und sich mit seinem Begleiter flüchtete. Nachher^ zeigte' sich, daß die Ovfcrstöcke in der Synagoge, er-s ' krochen und ihres Inhalts beraubt waren. JmKeller-f ließen die Diebe zwei gestohlene silberne Becher zu-> rück. Die Diebe sind vermutlich mit den Räumlich- : feiten gut bekannt. „/ . ' Frankreich. Paris, 3. Jan. 1904. Das Gericht zu Nantes - hat den Buchhändler Libaros zu 300 Fres. Schaden-f.- ersatz und Einrückung des Urteils in eine größere Zahl : Zeitungen verurteilt, weil er eine Drucksache imKaden! ausgelegt, worin die Adressen jüdischer Geschäfts-: leute verzeichnet sind und gesagt wird, daß alle.J'u». - den derLoge angehören. Wegen der größenZahl' der Kläger, von denen jeder 300 Fres. erhaltüi-sols, der Einrückungen und Unkosten wird LibaroZMicht '. unter 60000 Fres. loskommen. Das Urteil stützt: sich hauptsächlich auf die Angabe, die Juden seiest alle Freimaurer. Paris. Zum Attentat auf Dr."jMa'x N o r d a u. Der Attentäter Luban bestand sein-letztes : Verhör vor dem Untersuchungsrichter de Valhesj' vor. dem er neuerdings des Entschiedensten jede möülpeyihe'": Wsicht bei seinem Attentate bestritt. Er versicherte des Bestimmtesten, er habe nur einmal in dix,'xHuft geschossen. Ter zweite Schuß, durch den der.suiige. Russe Ossovelsky am Knie verwundet wuHD?M, erst dann losgegangen, als man ihm den ^volver zu entwinden suchte. Diese Aussagen stehen inöbirek-' tem Widerspruche nicht nur mit deüen Dr. yHctzmlsj sondern auch mit den Gutachten der itzcrichDärzte,' die die Wunde des jungen Ossovelsky zu untersuchen gehabt hatten. Ossovelsky, dem die Kugel inKHmie drang, ist noch 'immer in einem bedenklichhMZn^: stände; es mußte die Amputierung des angeschMenenls Beines vorgenommen werden. Tie anträge des Untersuchungsrichters gehe» f-hahinD Luban wegen beabsichtigten Totschlages' in MksäKH zustand zil versetzen, in welchem Falle er vyx-' ^iE Geschworenen verwiesen lvürde. Eine DitsqWung? darüber steht aber erst zu erwarten, bis die DttiaMA anwaltschaft der Anksagekaminer die endgiltigtz; ÄN-' Uageschrist zngestellt hat. Luban ist von dehAinst. lichen Ernährung, die er im Gefängnisse von Fpesiiest über sich ergehen lassen mußte, dermaßen angegriffen^ daß er sich bereit erklärt hat, die ihm dargerekchke Nahrung zu sich zu nehmen, weshalb er in deiii' Pariser Gefängnisse La Santo belassen wurdle. v.'.i,'; Rußland. r , 4 Kischinew. Die russischen Weihnachtsfeiertagr' sind ruhig verlaufen. Die Sicherheitsmaßnahmer waren dieselben wie gewöhnlich an Festtagen:,.'''l- Persien. .7 M *) Unser geschätzter Mitarbeiter verschmilzt die Begriffe »Radikal" und »Demokratisch" miteinander, was unseres Erachtens nach nicht angängig ist, denn ,der, rechteLlügelL'der-LKmskratte *■.* ■' ° 3«r die Juden in Jspahan ist nach:Mll, teilung von dort d. d. 3. Dezember 1903, eine ktttisch Zeit angebrochen, nachdem ihr Fürsprecher, einHo'chbk. gestellter muhammedanischer Geistlicher, ausIpolMH scheu Gründen ums Leben gebracht worden Der Gouverneur, Prinz Zellös-Sultan, lich dem Verlangen einer Ilnzahl MuüammWMW nach und untersagte den Juden die Aus'übüMMMZ Posamentiergewerbes, das sie seit einem halbeii'Jch? hundert betreiben. Er ließ an die jüdischeilAW^ stätten Siegel anlegen und in den Bazaren alle Pä menterien, die sich in den Händen der Juden befänM^: konfiszieren. Den Vorstellungen des Direktors WA Alliance-Schule in Jspahan, Gonsino, bei derskch^H tral-Regierung in Teheran gelang es, Abhilfe ^4 schaffen. Gonsino erhielt folgendes Telegramm:''-si- „Auf Befehl von Muzaffer-ed-Din Schah'/wjsi^ Sr. Kais. Hoheit Zellas-Sultan eingeschärst,' jede. Verfolgung der Juden zu unterlassen und ißpen die'^ freie Ausübung des Posamentiergewerbes.zu -s'ge-V statten". v' ’ä IU