Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Familienblattes" findet sich - ein Nachruf auf Justizrat Dr. Naftali Hirsch f. A., der neben manchen anderen Jrrtnmern — Verfasser läßt z. B. Justizrat Hirsch am selben Tag . sterben, wie seinen großen Vater, eine Unwissenheit/ 'über die Jeder bei uns in Frankfurt a. M. die Achseln zuckt — auch die Behauptung enthält, der Verstorbene sei ein „Freund und gelegentlicher Mitarbeiter" genannten Blattes gewesen. Wie wir von wohlunterrichteter Seite erfahren, ist es mit Leiben Attributen nicht weit her. Tie Mitarbeiter- Schaft soll sich auf einige hie und da in schriftlicher Fprmzur Vermeidung von Mißverständnissen erteiltestAuskünftc nach vorher erfolgter 'Anfrage beschränkt haben; einen Dienst, den der Verstorbene in'/seiner beispiellosen Humanität Niemandem versagte.. ,Und was die Freundschaft anbetrifft — nun, die Freundschaft Justizrat Hirschs war eine Perle, die dieser sich wohl gehütet haben wird, vor das i „Franks. Jsr. Familienblatt" zu werfen, das ihm, , wie. wir genau wissen, durch seine teils gänzliche Farblosigkeit, teils zionistische Uebertünchung, durchaus mißfallen mußte und mißfallen hat. Wir teilen : seinen/ Geschmack. ‘ /•' * * * Wir glauben, daß wir es unserm Leserkreise /gegenüber nicht nötig haben, dem „Israelit'.' zu eripidern. Das Programm, welches sich unser Blatt gesetzt hat, lautet: frei von Personenkultus und Lkebedieiierel, in vornehm-sachlicher Weise die Erkenntnis des überlieferten Judentums zu fördern und die Liebe zur jüdischen Gesamtheit zu-wecken und zu pflegen. Wir sind stolz daraus, diesem/Programm stets treu geblieben zu sein und werheit ihm mit Gottes Hülse stets treic bleiben. ' ' Die Antwort, die wir zunächst dem „Israelit" zu geben Haben, möge er aus dem nachstehenden Schreiien>.unferes Rechtsbeistandes ersehen. . -.'i"; Frankfurt a. iüc., den 12. Januar 1904. - Herrn . - Redakteur S. Geis, 'A’.'S* Hier, v Unter Bezugnahme auf unsere heutige Besprechbei' welcher Sie mir den gegen Ihre Zeitung; dichteten Artikel des zu Mainz erscheinenden Blattes . »I;r, JsraÄit", Beilage zu No. 3 vom 11. Januar ^1,/zwecks weiterer entsprechenden Behandlung vorll^gt'Haben,/ bestätige ich Ihnen auf Ihren Wunsch -- d°s Nachfolgende: {Sie haben mir einen an Sie gerichteten Brief des ..?,istorhenen Herrn Justizrat Dr. N. Hirsch, d. d. 12. Juli;1903, im Original vorgelegt, welcher ausweis lich. seines Inhalts als Begleitschreiben zu einem 'Ihnen von Herrn Dr. Hirsch zwecks Veröffentlichung /in/Ihrer Zeitung übersandten Artikel gedient hat. MerrfJustizrat-Hrrsch schreibt in diesem Brief: Er-stelle ‘ ' '' ' ' , ' - - > . ' ' ' -. . „ ‘V* Ihnen den mitfolgenden Artikel zur Verfügung, er bitte in der Veröffentlichung seinen Namen als Autor nicht zu nennen; im Falle der Ablehmcng unveränderter Aufnahme durch Sie ersucht er um Rücksenden seiner Arbeit. Sie haben mir weiterhin Briefe des Herr» Justizrat Dr. Hirsch an Sie vorgelegt, in welchen er Ihnen in ausführlicher schriftlicher Darlegung Auskunft über Fragen aus dem Jnteressegebict Ihrer Zeitung erteilt. Hochachtungsvoll D r. F r o m in, Rechtsanwalt. Judentum und Demokratie. Eine psychologische Studie, lins Juden wird gewöhnlich vorgeworfcn, wir seien ein demokratisches, radikales Volk. Das mag bei oberflächlicher Betrachtung richtig sein. In allen Ländern, in denen es ein öffentliches politisches Leben gibt, finden wir vielfach Juden als eifrige Mitglieder, ja oft als Führer der liberalen und sozialistischen Partei. Neuerdings tvird sogar aus dem politisch toten Rußland berichtet, es gäbe dort eine starke, jüdisch - sozialistische Organisation. Ist dem,so, so liegt es nicht an der Natur und Charakteranlage der Juden, sondern muß aus'äußere Verhältnisse zurückgeführt werden. Auf dem geduldigen Papier der Versassungsurkunde ist zwar politische Gleichberechtigung den Juden verbürgt. Tie Verwaltungspraxis der meisten europäischen Regierungen hat es aber verstanden, dieses Recht zu einem illusorischen zu gestalten. Selbst in dem freiesten der freien Staaten, rn Amerika, ist ihnen, nach dem übereinstimmenden Zeugnisse zuverlässiger Gewährsmänner, die gesellschaftliche Gleichberechtigung versagt, ein Schicksal, das sie fast den Angehörigen der schwarzen Rasse gleichstellt. Wer wollte sich da wundern, daß der getretene Wurm sich krümmt, daß der Jude nicht die Hand küßt, die ihn geschlagen, sondern auf 'Mittel und Wege sinnt, zu seinem Rechte zu kommen. Ta schien es ihm bis jetzt der einzige gangbare Pfad, sich den Gruppen und Parteien anzuschließen, welche zu den herrschenden Gewalten in schärfster Opposition standen, in der Hoffnung, daß sie, wenn erst im Besitze der Macht, ihm zu seinem verkümncerten Rechte verhelfen würden. Allerdings hat sich diese Erwartung bis jetzt im großen und ganzen als eine triigeri>che erwiesen. Me Oppositionsgruppen lassen sich wohl, solange sie im Kampfe 'stehen, die jüdische Bundesgenossenschaft, welche ihnen reiche Beihülfe an Intelligenz und Gold gewährt, gefallen. Sind sie aber erst soweit, daß sie selbst aus der Staatskrippe essen, so sind sie nur sehr widerwillig dazu zu bringen, dem treuen Kampfgenossen auch den wohlverdienten Anteil am Siegespreise zu geben. Sie rücken lachte, langsam, aber sicher von ihm ab und werden, wie der schöne Ausdruck lautet, mit einem Tropfen antisemitischen Oeles gesalbt. So brutal ünd ungerecht dies nun auch sein mag, die Macht der Verhältnisse zwingt sie dazu. Die herrschende Partei muß es mit der Masse des Volkes halten. Sie darf vor allem die Gefühle der Volksseele nicht verletzen. Und die Volksseele ist, — man der Wahrheit kühn in's Auge schauen — den Juden ' abgeneigt. Sympathien und Antipathien sind oft sehr schwer zu ergründen. Wir wissen selten für sie den wahren Grund anzugeben und die Gründe, die wir angeben, sind nicht die wahren. Ursachen, sondern meist.erst nachträglich geftisscntlich znsammengesuchte 'Advokatengründe. Wir müßten uns also zufrieden geben, lvenw ' wir die geheimnisvolle Ursache dieser Gefühle nicht zu finden vermöchten. Hier - liegt aber einmal ein Fall vor, wo es gar nicht schwer ist, beit Schleier z» lüften. Wie verschieden auch die christlichen Völker in ihren einzelnen Klassen nach Intelligenz, Bildung und Erkenntnis zu ihrer Religion stehen mögen» einig sind alle, die Katholiken, die Protestanten» , die Reformierten und die Anglikaner, die Theisten und die Atheisten, die Spiritualisten und die Materialisten in der hohen, einzigartigen Verehrung welche sie dem Stifter und Begründer ihrer Religio» entgegenbringen, mögen sie in ihm nun einen Gott, den Söhn Gottes, einen großen Propheten oder einen erhabenen Weltweisen sehen. Seit fast zwei Jahrtausenden wird nunmehr in christlichen Lande» dem Kinde im zartesten Alter, wo die ersten und festesten Neigungen und Wneigungen sich gestalten, deren man sich auch durch die ausgedehnteste: Sx*' ziehung und Bildung des Geistes und Charakters im spätern Leben nicht ganz entledigen kann, von Müttern und Ammen, von Vätern und Lehrern erzählt und bekräftigt: Die Juden seien es geioefen, ^' welche diese gewaltige, einzigartige Persönlichkeit r.v eines schmählichen Todes am Kreuze sterben' ließe«: Tamit wird der Jude für die zarte Kindesseele schon zum Schreckensbilde, zum schwarzen Mann, und eS bildet sich ein Vorurteil, welches niemals wieder ganz ausgerottet werden kann. Ist es da zu verwundern, daß diesem Menschen- : schlage, dessen Ahnen schon so Gräßliches vollbracht, - auch in der Gegenwart noch die gräßlichsten und - schändlichsten Taten zugemutet werden. Der Trapse» Widerwille und Abneigung, welcher die ersten Heiden»- christen gegenüber den Juden beseelte, mußte im Laufe der Jahrhunderte;u einem ganzen Strom von Verachtung, zu einem ganzen Meere von Hast. und Antipathie anschwellen. Deshalb bin ich der Ansicht, daß, solange man dabei bleibt, schon dem - Kinde durch Erzählung einer aus dem Zusammen- / hange der geschichtlichen Kontinuität gerissenen Tatsache, die Antipathie gegen uns Juden einzuimpsenj,- sölange wird eine Neigung und Tisposition zum' - Antisemitismus bestehen bleiben. Alle übrigen Bärwürfe gegen uns, seien sie sozialer, politischer, ge!-, sellschaftlicher oder welcher Natur auch immer, könne«. sich nur erhalten auf diesem Untergründe und würde»' - ohne ihn in ihr Nichts zusainmenfallen. Das ist. z« allen Zeiten mit eine Hauptursache der Judenstsrv»- •> folgungen gewesen, obwohl sie selten offen eipgp» - ‘ standen und meist mit anderen mehr zeitgemäße» Mäntelchen verhüllt wurde.*- , ' Wir sind von unserem Thema abgeschweiftk, Wir behaupteten, der Jude sei von Natur. auK?- nicht radikal. Wir zeigten den Grund seines gpgew-/-/ *) Der Grund für die Zurücksetzung der liegt nicht in vererbten Vorurteilen des Hasses, soritzyM^ vielmehr in ihrer physischen Schwäche; man ve>EWD eben nicht dem Physisch-Schwachen seine geistige tapfa*' legenheit. Um ein Uebel zu beseitigen, muß jjSne- Ursache verschwinden, also in diesem Falle: Wir diesem Fa .3. ...Am m-p , mag.es ztvar bedauerlich.finden, aber man muß müssen physisch, stärker werden. . — '