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Neue jüdische Presse · 1903-12-31 · Heft 60 (31.12.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 60 (31.12.1903)
Date
1903-12-31
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6». konnte der Verein ein so zahlreiches Auditorium begrüßen. Der Redner des Abends war Herr S.- Schachnowitz aus Endingen, der über „Organisationen und'Institutionen der jüdischen Humanität" referierte und es verstand, das Publikum, das den großen Saal bis aufs letzte Plätzchen ausfüllte, mit seinen sachlichen und historisch-wissenschaftlichen Ausführungen zu fesseln. Reicher Beifall lohnte den Redner, wobei auch der Dank der Versammlung dem geschätzten Vereine für seine Veranstaltung zum Ausdrucke gelangte. B. Frankreich. Paris, '21. Tezbr. Der wegen des Anschlags auf Max Nordau verhaftete junge russische Jude Luban wohnt erst seit 14 Tagen , in Paris. Er hatte sich bei der Rechtsfakultät einschreiben lassen. Dem Polizeikommissar erklärte er bei seiner Vernehmung, er habe auf dem Zionistenball Nordau vergeblich um eine private Unterredung über den auf dem Basler Kongreß zum Schmerz aller russischen Juden verteidigten Plan einer Ansiedlung im englischen Afrika gebeten. Max Nordau habe ihn von sich gewiesen, und das habe, ihn bestimmt, durch das Abgeben der Revolverschüsse einen Zwischenfall hervorzurufen, ' der die Streitfrage von neuem zur Erörterung steUen sollte. Die Absicht, Nordau zu töten, habe ihm ganz fern gelegen: denn er bewundere trotz aUem das Talent des Zionistenführers. Er habe auf niemand gezielt, sondern nachder Decke geschossen. Das bestätigt übrigens auch der durch eine der Kugeln leicht verwundete Welski, den die Kugel erst nach ihrem Zurückprallen von der Decke getroffen hat. Luban wird darum vermutlich auch nur wegen fahrlässiger Körperverletzung lind unerlaubten Waffentragens angeklagt werden. Seine merkwürdige Ceistesbeschaffenheit erhellt aus den Antworten, die er dem Polizeikommissar gab. Er wehrte sich u. a. dagegen, als Russe bezeichnet zu werden. „Ich bin ein Jude und nur ein Jude", sagte er, „der Zufall hat gefügt, daß ich in Rußland geboren worden bin. Wir Juden haben Palästina als Heimat, und dahin müssen wir tvieder zurückkehren." Auf seiner Besuchskarte hat er in hebräischen Lettern über seinem Namen stehen: Hebräersohn. Man hat es also jedenfalls mit einem überspannten und fanatisch gesinnten Manne zu tun, dem viel daran lag, von sich reden zu machen. Rußland. Petersburg. (Die Inden in R u ß l a n d.j Ter russische Korrcspondet der „Times" erfährt', daß Herr von Plehwe neuerdings den Versuch machte, iin Senate daraus hinzuwirken, daß die Domizilrechte der Juden in Sibirien eine Einschränkung erfahren. Im Jahre 1201 hatte der Senat entschieden, daß die Eintragung der Juden als Einwohner einer Stadt in Sibirien den Eingetragenen das Recht des Domizilwechsels innerhalb des Distriktes, in dem der Ort liegt, zuerkennt. Die Behörden der Provinz Penisei hatten ihrerseits den Befehl erlassen, daß Juden den Ort, in dem sie registriert sind, nicht verlassen dürfen. Diese Verfügung erklärte der Senat durch seinen Beschluß von 1801 für ungültig. H e r r v o n P1 e h w e v e r w e i g e r t e nun nicht nur die Entscheidung des Senates zu bestätigen, sondern er forderte auch einen Beigeordneten des Justizministers dazu auf, mit ihm darauf 'hinznwirken, daß der Senat in der Judenfragc die Ansicht des Generalgouverneurs von Irkutsk zu der seinigen mache. Der Generalgouverneur berief sich, wie es scheint, in einem Schreiben an Herrn von Plehwe auf eine Notiz, die der Zar im Jahre 1897 einem Berichte des früheren Generakgouverneurs anfügte. Diese eigenhändig geschriebene Notiz des Zaren lautet: „Die Judenfrage in Sibirien muß von der allgemeinen Frage abgesondert werden, da *sie sonst . nicht gelöst werden kann. Sibirien wird in jedem Jahre in zunehmendem Maße' von Juden überschwemmt." Der augenblickliche Generalgouverneur fügte noch hinzu, daß die Kontrolle des Handels und der Goldminen ganz in die Hände der Juden geraten werde, falls man ihm nicht gestatte, ihnen die Bewegungsfreiheit zu nehmen. Herr von Plehwe scheint diesen Ansichten vollständig beigetrcten zu sein und benutzt, ivie der „Timcs"-Korrespondent bemerkt, wieder einmal die Organe der Justiz, um auf diese Weise den Regierungsbehörden freies Spiel zu verschaffen. Petersburg. (I n d e n a u s w a n d e r u » g.) Wie der „L. Z." aus Minsk geschrieben wird, nimmt die Einigration der Inden nach ^Amerika eine nie dagewesene Ausdehnung an. Es wandern nicht nur junge Handwerker, sondern alte Männer "mit ihren Familien aus. In der Stadt treibt sich eine Menge Agenten herum. Die Auswanderung wird der allgemeinen, schon einige Fahre andauernden Stagnation zur Schuld gelegt: die Teuerung aller Artikel des Bedarfs ist unerhört, llnter diesen Umständen ist die Auswanderung ein Verzweiflungsschritt, welchem nicht ausgewichen werden kann. Petersburg. Nach einer Meldung aus Kischinew wurde dort in der Nacht vom 22. zum 23. Dezember der Anwalt Nikolai Dimitrew Soko- ' low verhaftet. Die Verhaftung wird damit erklärt. öranifiutet Israelitische- Familienblatt. daß Sokolow private Erhebungen angestelkt hat im Interesse seiner Klienten.: Sokolow genoß' große Sympathie bei der Bevölkerung und es war bekannt, daß ein Schlag gegen ihn seit langem geplant war, man wagte jedoch anscheinend nicht zuzugreifen wegen der hohen Verbindungen Sokolows. Sein Vater ist Hofpriester des Zaren. Wenn jetzt diese Verhaftung doch vorgenommcn wurde, so hat wohl Plehwe selbst seine Hand im spiele. Warschau. (Zur Frage der Führung christlicher Namen durch Juden.» Wie bekannt, geschieht solche Führung christlicher Namen in weitem Umfange, auch hier in Petersburg, wie allenthalben im Reich. Dieser Usus mag wohl bisher geduldet oder übersehen worden feinj weil die Führung dieser falschen Namen gleichsam nicht offiziell erfolgte-, der christliche Name, z. B. Nikolai Michailowitsch, statt. Chaim Josselwitsch, gilt gewissermaßen nur als Nebenname, durch welchen, etwa der Kaufmann, seinen Geschäftsfteunden näher tritt. Dabei bleibt er im offiziellen Leben immer der richtige Chaim Josselewitsch. Diese Frage ist kürzlich im Warschauer Gouvernement zur Sprache gekommen und hat mit gerichtlicher Bestrafung geendigt. Wir lesen darüber in der „Lodz. Ztg.": Ein Gutsbesitzer im Gouvernement Warschau, namens Mikicinski. gebrauchte an Stelle seines jüdischen Vornamens Chaim Owsci den Namen Stanissiaw, selbst in offiziellen Beziehungen zu Behörden nsw. Ans Grund der Paragr.' 1416 des Straskoder zu gerichtlicher Verantwortung gezogen, wurde Chaim Owsei Mikicinsti vom Warschauer Bezirksgericht zu einer Ttrafzahlung von 25 Rubel oder im Jnsolvenzfall zu 5 Tagen Arrest verurteilt. Aus den Vereine«. Frankfurt ä. M. Mit der Gründung eines Hebräischen Sprachvereins hat man einem Bedürfnisse entsprochen, Der Tagcsknrsus ist mit 28 Teilnehmern bereits voll besetzt, und da bereits von Verschiedenen das Interesse fiir einen Abendkursus geäußert worden ist, so wird der Verein bei genügenderBeteilig ungei neu Abendkursus (voraussichtlich auf Piontag Abend von 9—10 Uhr) einrichten, Anmeldungen nimmt der Schriftführer des Vereins, Herr Fritz Sondheimer, Hanauer Landstraße 9, entgegen. Frankfurt a. M. Ter erste „Misrachi" Deutschlands ist hier ins Leben gerufen worden. Die Misrachi gehören der zionistischen Partei voll und ganz an, nur haben sie noch die besondere Ausgabe, innerhalb der zionistischen Bewegung die Interessen des gesetzestreuen Judentums zu wahren und für die Ideale des gesetzestrenen Judentums-zu propagandieren. Frankfurt a. M. Der vor 8 Jahren gegründete Verein „Tifercs Bachurim" hielt vergangenen Sonntag seine Generalversammlung ab, in der die Herren Max Neuberger (Vorsitzender), Hermann Go dschmidt, Jacob Strauß, Lehrer Reinhardt und Wallach für das neue Bereinsjahr in den Vorstand gewählt wurden. Der Verein bezweckt die.Pflege jüdischen Wissens durch seine Mitglieder, die hauptsächlich aus j.ingen Leuten bestehen und sücht seinem Programm durch Vorträge seitens seiner Mitglieder aus dem G biete des jüdischen Schrifttums und der jüdischen Geschichte gerecht zu werden. Tie Vereinsabende finden jeden I Sonntag, 8% llhr in der Aula der Israel. Religionsschule, Hermesweg 25/7 statt. m. Fritzlar, 17. Dezember. Ein seltenes Fest war der hiesigen israelitischen Gemeinde vergönnt, die Feier des 60jährigen Sliftungsfestes des israelitischen Frauen -- Wohltätigkeitt Vereins. Programmmäßig wurde Sonntag Abend 5(-'2 llhr die Feier eröffnet, indem der hiesige israelitische Gesangverein unter Begleitung der Kapelle Karl Hiege-Guden-berg einige Choräle sang. Alsdann hielt Herr Lehrer Katz ein: längere schwungvolle Rede, worin die Bedeutung des Vereins gewürdigt wurde. Darauf spielte die Kapelle einen Choral. Anschließend hieran fand eine Gedenkfeier für die Gründer des Vereins und die verstorbenen Mitglieder, die dem Verein angehört hatten, statt, worauf wieder ein Choral folgte. Hieraus fand das Abendgebet statt. Nach Beendigung des Gottesdienstes begaben sich die Fcstteilnehmer zu einem Festessen im Saale des Hotel Frankfurter Hof, woran sich theatralische -Aufführungen und Festball anschlossen. Personalien. H a m b n r g. Bei der stattgcfundenen Neuwahl wurden nachstehende Herren auf die Tauer von drei Jahren zu Repräsentanten der Gemeinde gewählt: Tr. H. C. Plaut, W. A. Peine, Jos. Lippmann, Gustav Tuch, Sigismund Weil, Tr. Herm. «amfon, Jakob -Alexander, Albert Hauer, Generalkonsul Henri Lion, Daniel Münden, Ludwig Mathiason, Dr. I. Löwenberg, Albert Wolfs, Leopold Tuckacher, Moritz Stavenhagen. Zu Ersatzmännern die Herren Emil v. Sonn, Jakob Wolfs, Paul Lasker, Moritz Heimann und Otto Rosenstein. «eite 3. Hamburg. Ter Verein zur Gesundheitspflege schwacher israelitischer Kinder in Hamburg (e. B-- hat zur Leitung seines Kinderhvspizes in Duhnen Frl. Martha Fürst,. eine geborene Hamburgerin, erwählt. Tie Neuerwählte, die ihre Stellung bereits zum Frühjahr antreten _ wird, bekleidete bereits eine ähnliche Stellung im Israelit. Mädchcnheim in Berlin, sowie im Israelit. Mädchenwaijenhaus zu Kassel. Posen. Der Schneidernieister Salomon Lachmann, der seit mehr als 25 Jahren als Vorsteher in den verschiedensten jüdischen Äohltätigkeitsvereinen segensreich wirkt, ist einstimmig zum Vertreter irn jüdischen Gemeindevorstande auf 6 Jahre wiedergewählt worden. Dasselbe Amt hat L. schon 6 Jahre inne. K a l i s ch. Hier starb in seinem 80. Lebensjahre der wegen seiner großen Talmudkenntnis und Frömmigkeit angesehene Gemeinderabbiner Samson Arnstein. B u d a p e st. Ter durch seine Wohltätigkeit bekannte Gcoß'aufmann Alexander v. Hatoanhi-D.ut'ch wurde vom Kaiser zum lebenslänglichen Mitgliede des Magnatenhauses ernannt. Mailand. Ter unlängst in Florenz verstorbene Finanzniann Horace Landau hatte einen merkwürdigen Lebensweg zurückgelegt. Im Jahre 1825 in „einer Höhle, einem Mauseloch" im schmutzigen Ghetto von Odessa geboren, kam er als junger Mann in ein Handelshaus nach Triest mit einem Monatsgehalt von 125 Franken. Es glückte ihm bald darauf, eine Stellung als Volontär mit halbem Gehalt beim Bankhaus Rothschild in Paris zu erhalten. Man war mit ihm so zufrieden, daß man ihn einige Jahre später mit der Turiner Vertretung des großen Bankhauses betraute. Hier gelang es Landau, durch ferne Tüchtigkeit und Diskretion das Vertrauen des Königs Viktor Emanuel II. zu erwerben, der ihn mit Angelegenheiten der zartesten Natur betraute. Später, als Italien geeinigt war, schloß Landau die berühmte Fünfhundertmillionenanleihe ab. Im Jahre 1880 zog sich Landau von den Geschäften zurück und lebte seitdem in seinem Junggesellenheim in der Villa „Pietra", die. vom früheren Besitzer Lord Normanbh prächtig au?g:stattet, drei Kilometer von Florenz aus der Landstraße nach Bologna liegt. Zur allgemeinen Verwunderung vermachte Landau, der ein bekannter Kunstliebhaber und Samniler gewesen ist, seine Schätze 32 über die ganze Erde zerstreuten Erben, mit der Bestimmung, daß jeder von ihnen, der sich wegen seiner Hinterlassenschaft prozessierend an die Gerichte wenden würde, deswegen allein sofort sein Anrecht darauf verlieren solle. Wahrscheinlich wird jetzt der Unterrichtsminister das Verbot der Ausfuhr von Kunstwerken recht streng auf das Landausche Erbe anwenden. Ter merkwürdige und vielseitige Mensch, der sich auch literarisch mit einer Komödie und mit Studien über Boccaccio und Petrarca versuchte und in seinen Gewohnheiten ein Sonderling war, hinterläßt ein Vermögen von etwa hundert Millionen Franken; hunderttausend Franken vermachte er frommen Stiftungen. Lprechsaat. (Wir übernehmen für diese Rubrik nicht die redaktionelle Verantwortlichkeit). Mannheim, 25. 12.' 1903. Sehr geehrter Herr Redakteur! Die Rümmer 59 Ihres gesch. Blattes bringt ein „Eingesandt", gezeichnet P. Al, das die Festreden anläßlich der zionistischen Makkabäerseier in Frankfurt kritisiert. Ich habe dieser Feier nicht angewohnt. Trotzdem bitte ich, mir eine Erwiderung auf jenes „Eingesandt" zu g:statten. Ich bitte deshalb darum, weil ich hier in sehr prägnanter Form eine Auffassung vertreten finde, die öfters wiederkeh:t und die nie unwidersprochen bleiben darf: di: Auffassung nämlich, daß der Kampf der Makkabäer ein rein religiöser gewesen sei, weil die Religion ihn veranlaßt. Also keine nationale Tat. Und drßhalb die Schlußfolgerung: ihr Zionisten habt kein Recht, eure B-.wegung mit jenem'Heldenkkampf nur in die geringste Parallele zu bringen. Eure Bewegung ist nicht von einer religiösen Gefahr diktiert; es ist die Not des Tages, die euch zum Handeln trieb und: „zur Rettung seiner irdischen Güter und seines Leibes war Israel eine andere Waffe gegeben, und diese heißt Gebet." Zuerst: kennt Herr P. A. so genau alle die tiefsten Gründe, die differenziertesten Innerlich! iten, die a le mitgewirkt, um diese elementare Renaissancebewegung hervorzubringen? Weiß er so genau, daß bei Vielen nicht auch die tatsächlich bestehende g-oße r ligiöse Gefahr bei ihrem Zionismus mitgewirkt? Weiß er, um nur ein naheliegendes Beispiel zu nennen, nicht, welche Gefahr der jüdischen Relig'on. der wahren, nicht nur der oberflächlich äußerlichen, in Galiften droht, wo die Masse zu demoralisieren beginnt? Wirkt jene furchtbare Not, die stumpf macht, nicht in letzter Linie stets entartend auch auf die Religion? Auf die wahre, ächte, natürliche. Und daun: Mit keinem Wort will ich die innige Gläubigkeit antasten, die sich im Gebet offenbart. Aber

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