Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 60 (31.12.1903)
- Date
- 1903-12-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. m Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 66. heißt das wirklich ein gottgefällig Thun, für die Rettung aus Not und Qual nur zu beten? Wird Herr P. Ä., so er zufällig — wie ich's ihm wünsche — über feste Fäuste und einen guten Mut verfügt, dann, wenn ihn ein paar Flegel in einsamer Gegend anpacken, nur b e t e n? Er mag wohl in heißem Flehen den Beistand seines Gottes erbitten, im übrigen aber wird mein 'Herr P. A. (der mit den Fäusten und dem Mut) sich brav seiner Haut wehren. Und er thut gut daran. '.Aber nicht nur Herr P. A. hat starke Fäuste und einen tapferen Mut. Sein Volk ist seiner wert. Auch es erfleht, — soweit es gottessürchtig ist — den Segen des Himmels herab für das Gelingen seines großen Zieles: die Errettung aus Haß wid Not; die Wiedergewinnung der Heimat, der Ruhe. Es fleht für das Gelingen der zionistischen Ziele. Aber es fleht nicht nur; es arbeitet auch dafür. Ein Jeder genießt mit wahren, gesunden Sinnen alle die frische, junge Kraft, die eben jetzt im jüdischen Volke zu gären beginnt, angeregt durch die nationale Idee. Diese Kräfte, die stürmisch nach Entfaltung drängen, wirken aus Jeden, der wieder. gesund fühlen gelernt, wirken in Jedem. 'Der läßt dann mahnend seine S'.imme für die Zagenden schallen, wirkt bei seinen Freunden, in seinen Kindern, giebt seine Beisteuer für die finanziellen Hilfsmittel der Bewegung, alles im Sinne des: hilf Dir selbst, hilft Dir Gott! Denn ihm klingen Hagai's Worte im Ohre: (I. 3/4) „Ist jetzt Zeit für euch, bequem in eucrn Häusern zu sitzen, während das Nationalhelligtum verwüstet ist?" . Ihm klingt aber noch etwas anderes in den Ohren! Der furchtbare Aufschrei seiner Brüder! Herr P. A. meint zwar, daß es schlimmere Zeiten für uns Juden gegeben hätte, als die von heute. Ob er zu dieser, gern! igen Stimmung deshalb kam, weil die Fäuste der" Kischinewer Banden nicht bis zum Frankfurter Ostend reichen? In der Tat. wie käme er sonst, zu dieser zufriedenen Stimmung? Denn anderswo meint man, daß es n i ch t schlimmer werden könne. Mer selbst in seinem Frankfurter Ostend: wenn cr's auch vielleicht nicht selbst hat empfinden müssen; kennt er von Anderen nicht die Qualen, den fenrig'n Schaffensdrang - deshalb bändigen zu müssen, weil man Jude ist? Sich nicht auslchen zu können, weil; man die beste Kraft im Herumschlagen mit den Feindseligen vergeuden muß, oder sie gar ersticken mu-, weil für sie just „keine Verwendung" vorhanden ist. Wie kann Herr P. A. Geduld predigen! Das dursten die Delegierten aus den russischen Blutbädern auf dem 6. Baseler Kongreß thnn, da sie Ostafrika — die nächste Erlösung — verschmähten, um auf Zion in duldendem Leiden zu warten. Nein, Herr P. A.; für uns ist's Zeit zum Handeln! Für uns, wie einst für die Makkabäer. Wohl hat erst der Feldzug der Syrer gegen die jüdische Religion den Hasmonäern das Schwert in die Hand gedrückt. Denn siel auch sie, die die Lebensanschauung des jüdischen Volkes wiedergab; die sie. von allen Andern schied, so war des jüdischen Volkes Untergang endgültig besiegelt. Denn: picht nur ihre Religion liebten die Makkabäer, sondernauch ihr Volk. Was sage ich! Sie kannten gärnicht den dreimal - verwünschten Unterschied zwischen Juden tum und Juden heit. Eines wirkte nur im Andern, nur durch das Andere. Und die Makkabäer ruhten auch nicht aus, als sie das Heiligtum gereinigt: das Land säuberten sie, zimmerten aufs Neue einen starken Hafen, di: Heimstätte des jüdischen Volkes. Wie hieß ihr Programm? Wie das Unsere: „Die Schaffung einer gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk". Eine Heimstätte, für jeden ein Hafen, der ihn braucht, um ungestört leben, wirken und :— beten zu können. Mer, wenn ich versuchte, mich in den Gedankengang des Herrn P. A. hineinzudenken: f. Gott wolle nicht, daß wir uns unserer eigenen Haut wehrten, das sei zwecklos, ja sündhaft .... Gott werde uns schon erlösen, wenn die Zeit gekommen. I nuns ist Gott. Wir aber fühlen brennend heiß den Wunsch nach einem normalen Eigenleben. Brennend heiß suhlen wir, was unser Volk leisten könnte, für sich und für den Kultürfortschritt, wenn es endlich zur Ruhe käme. - Zn uns ist Gott! Und so fühlen wir! ' Wirkt Er nicht in uns"? Sollten wir freventlich uns zur Ruhe zwingen, da Er so stürmisch in uns zur Tat drängt? .... Ja, unser Volk ist neu erwacht, trotz alles Leid und Qual, die es hätte vertieren lassen können. - dien fühlt es die alte Schmach, will es zu jungem Wirken . . . . Auf welches Wunder wartet denn noch Herr P. A.? .... O, ich weiß. Auf das Wunder der Heimkehr aller zu Thauro und.Newiim. Ward darauf auch gewartet, als die Sehnsüchtigen aus Babylon Heimkchrten nach Palästina? -Mußte nicht, n ach der Rückkehr, ein Esra erst im -Sinne des-Herrn P. A. wirken? Wo wirst das Göttliche im Menschen stärker, in der Sllaverei oder in der Freiheit? / Nein, Herr P. A. Atir gehts wie Antonio in Shakesspeare's Cäsar: Ich bin nur Antonio. Aber wäre ich Brutus, will sagen Herr P. A., und so voll inniger Gläubigkeit für die Wunder des Gebets. S o betete ich, Herr P. A.:' ' - Und da Du, o Herr, in Deiner unendlichen Güte, Dein Volk aufs Neue sich hast besinnen lassen auf seine Vergangenheit, auf sich selbst..... Da Du, o Herr, in Deinem Volke hast Männer erstehen lassen, voll Weisheit und voll von unendlichem Pflichtbewußtsein für ihr Volk .... O so gieb, daßalle Angehörigen Deines Volkes das gleiche starke Pflichtbewußtsein empfinden. Gieb, daß sich alle Guten um diese Männer schaären. Daß Dein Volk endlich wieder einig sei, um stark zu sein.' Dann aber, o Gott, laß Liese starke Einmütigkeit zusammen wirken, daß Dein Volk nach längein Leiden dik Kraft finde, sich die alte .Heimat aus's Neue zu bauen. Denn so wir nur einig sind und wollen! Amen. — Ich hoffe, geehrter Herr Redakteur, daß ich Ihren Raum nicht allzu ungebührlich in Anspruch nahm.. Ihr sehr ergebener Julius Simon. Das Glück. Novelle von A. Halberthal. (Schluß.) . - Viertes Kapitel. * Es gibt im Leben keine mißlichere Stimmung, als - die der Gleichgiltigkeit; Myriam Weiß wollte sie abschütteln, als.sie früh morgens erwachte — sie reckte und streckte sich — wollte sich fühlen — aber immer wieder verfiel sie in diese Apathie. Sie ging ihrer Beschäftigung nach; sprach und atz, lächelte nnd gab Stunden, aber alles mechanisch, stumpfsinnig, gleichgiltig. Sie sprach's nicht ans und doch fühlte sie, wie ihr ganzes . Wesen diesem Gefühle Ausdruck gab: „Komme, was da kommen mgg." Nur nach dem Mittagessen, als sie den Hut aufsetzte, um zu Schuhmanns zu gehen, kam ihr eine gewisse Erleichterung. Sie stand beim Spiegel und sah, wie sich die Brust leicht hob, als solle dadurch die Schwere des Mißmutes sinken. „Warum denn nur?" Sic legte sich diese Frage vor und ahnst , nicht, daß die Stimmung mehr Ausdruck des Gefühls als der Vernunft ist. Oder: vielleicht ahnte sic es doch und wollte sich selber täuschen. Leise murmelte sic vor sich hin: „Tie lieben Kinder." Und auf dem Wege kam ihr der Gedanke: Diese Kinder sind auch jüdische Töchter, werden auch einsttnals „Zur Beschau" gehen, werden auch den „Seelenverkäufer" kennen lernen, seinen Redestrom über sich ergehen lassen und dann — unterliegen. „So — unterliegen?!" Halblaut fragte sie es. War es schon soweit — wirklich — mit ihr? Nein! Das laust Tönen' der Klingel erschallte und weckst sic aus ihrem Nachdenken. Sie ging hin, weil sic den Weg kannte, ohne die Gedanken dabei zu haben. Sie hatte wohl etwas kräftig und überlaut geklingelt, denn das kleine Evchen ries, als es öffnete: „Ja — ja." Tann kam der Willkommeiisgruß der Beiden. Dst Stunde nahm ihren Anfang. ' Myrian, schüttelte das Haupt: Nicht denken jetzt! Und sie verttesst sich in die Arbeit. Sie dachte nicht mehr, aber sie horchst. Worauf? Doch nicht etwa- „Ella — Du bist dran — bitte." Sie saß mit dem Rücken zur Türe gelvendet, das Musikstück tönst in lauten Akkorden und doch vernahni sic das keise Oesfnen der Türe. Zuerst wollte sie sich nicht nmsehen. Sie konnte es ja überhört haben — dann aber wandte sie fast demonsttativ das Haupt: kein Grund zu Geheimnissen. Sie war sich selbst ein Rätsel. Warum fühlte sie nun stichst Röte in ihre Wangen kommen, als er lächelnd grüßte. Sie nickte freundlich; er setzte sich still in die Nähe des Klaviers, doch so, daß sie ihn nur halb sehen konnte. Lebhafter als gewöhnlich übte sic und lehrte; das fiihlst. sie wohl selbst am besten, aber warum? Ja— warum?! — „Haben Sic heute noch Stunden, Fräulein Weiß," fragst er sie, als sic den Unterricht beendet hatte. „Nein — Gottlob heute nicht mehr." Er zog die Uhraus der Tasche: „Was machen Sie bis zum Abendbrot?" Er machst das Unschickliche in seiner Frage verspürt haben, denn er setzte hinzu: „Gehen Sic nicht mal ein wenig spazieren?" „Meine Gedanken spazieren führen?" „An/ wo, die läßt man zu Hause." „Wenn man's kann—" Er musterte sie einen Moment: „Wenn man zu Zweien geht, bleiben sie von selbst fort. Wollen Sie, eine halbe Stunde?" Sie schwieg. Er nahm es für Zustimmung nnd so traten sie beide aus dem Hause. Sie gingen über Felder und Wiesen dahin/ bis sie in den Park käme::, der dicht mit Bäumen besetzt ruhig, kühl und einsam balag. Auf dem Wege ■' sprachen sie nur wenig. Jetzt sagte David leichthin: „Das ist Einsamkeit," - „Zu Zweien?" „Ja. . , so ersehne ich es mir. Keine Einöde, keine große Einsamkeit, nur stilles Lauschen, einver- . ständ'nisvolkes Aushorchen ... - „Auf —?" Bon der Seite siel ein Lichtstrahl auf ihr Antlitz und sie schloß die Äugen. Er bettachtete sie, dann, gab er Antwort: „Auf die Stimme' des Glückes, des stillen Glückes." , : „Glück —?" Wie ein Aufschrei klang es, wie ein gequälstr Sehnsuchtston; auch Zweifel, stark,' fast unüberwindbar lag in diesen Worten. „Ob . es ein Glück gibt auf Erden, meinen Sie?" Sie konnte nicht antworten. „Für uns — meinen Sie," fuhr er fort; „ich habe mir auch schon oft, sehr, sehr oft diese Frage vorgelegt. Ich habe sie oft verneint — „Und jetzt —" halb würgend tat sie diese Frage. „Ich will Ihnen sagen, offen nnd ehrlich: Jetzt glaube ich an Glück. Wir suchen oft das Glück in lärmender, freudig - tollender Art — im Rausch — im wilden Trubel des Gesellschaftslebens. -Dort ist es vorhanden, manchmal-- aber es verliert sich im Lärm. Glück ist Stille .... Ruhe —" Sie blieb stehen und blickst in die Ferne, durch das Dickicht der hohen Tannen. Er fuhr wärmeren Tones fort: „Wenn sich zwei Menschen finden und sich sagen können: Wir brauchen , die Welt nicht — auch nicht ihre Leiden — — wenn sie das Bewußtsein haben, sich zu verstehen — wenn sic daS Gefühl nähren, sich gegenseitig ausfüllen zu können: durch Liebe und Hochachtung — ist das nicht Glück»? — Ist das nicht schönes, stilles, einsames und doch so großes Glück, daß es das Herz erbeben macht —? Myriam setzte sich auf eine Bank. Sie hielt den Blick gesenkt. David blieb vor ihr stehen und wiederholte die Frage: „Ist das nicht Glück — Fräulein Weiß?" . Da schlug sie die Augen auf — und der leuchtende, sonnige, warme Blick. gab ihm eine Antwort, die ihn zu befriedigen schien. Er nahm auch Platz. „Sehen Sie — das Glück geht noch weiter. Das Glück ist eine Sonne, die wärmt und spendet und heilt. Wenn sich solche zwei Menschen Zusammentreffen nnd still und einsam das Glück genießen, können sic es auch manchmal wage», Hand in Hqnd und Herz in Herz vertieft, hinauszugehen und Glück zu bringen, Sonne zu spenden." . - Sie ließ die Hände ans ihren 'Schoß sinken. Er faßte ihre Rechte, sie entzog sie ihm nicht. „Ich will offen zu Ihnen sprechen. Fürchten Sie nicht. Ich mache Ihnen keine Liebeserklärung 'mit abgedroschenen Worten und Phrasen. Das ist mir fremd. Ich habe Sehnsucht nach Leben und Glück. Meine Mutter ist gestorben — wir blieben allein. Ich bin jung und will leben. Seitdem ich Sic kennen lernte, fühle ich, daß'ich ein Recht habe aus diesen Willen. Meine Geschwister — wir alle haben Sie lieb." Er stockte; Myriams Ateni wurde rascher. Er nahm wieder das Wort: „Sie könnten uns alle glücklich machen. Ten Kindern wären Sie eine ältere, liebevolle Schwester nnd mir . '. ." Er zog sie langsam an sich; sic erhob das Haupt: „Soll ich Ihnen mit Worten sagen, was Sie mir sein könnten — Myriam — das Glück — —" <St erschrack. Zwei' große Tränen standen in ihren Augen. Er wollte sie loslassen, aber er fühlst den leisen, schüchternen und doch innigen Druck der Mädchenhand, der aus einem Wciberherzen kam. „Das Glück Die Tannen rauschten nnd schüttelten sich leis.- Die Sonne sandte einen Strahl,, der Beider Haupt berührst und ihrcpi Herzensbünd die Weihe gab.-'. Der Schadchen Israel Fleischmann war wie, aus allen Himmeln gefallen, als er die Kunde vernahm, daß ein Schidduch, eine Gottcssache, ohne sein Zutun zu Stande gekomnien war. Er murrte: „Das ist „neumodisch". Das ist . . . ." ' Als man ihm jedoch versprach, er solle für seine einstige Mühe nnd seinen guten Willen das_ „Schadchones - Geld" bekommen, wurde er milder ge-, stimmt und lächelte in seinen langen Bart hinein: „Auch gut. Nu — auch gut. Was Gott tut, — ist wohlgetan — — — — — — Der sterbende Jakob. Es ist ein Heller Sonnentag. In wunderbar tiefem Blau lacht der Himmel hernieder aus das von schwerer Not erlöste Egypten. Die harte» und schweren Jahre der Hungersnot sind nun vorüber. Mächtige kornbeschwerte Halme decken wieder die weiten'Fluren des Landes und schütteln flüsternd die Häupter im' leisen Säuseln des Windes! Träge wälzt der majestätische Strom, der alles Befruchtende, die gelben Fluten dem Meere zu. Pfeilschnell, fliegen die leichten Barken dahin, dicht