Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 60 (31.12.1903)
- Date
- 1903-12-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692357--00651-2695059- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Auch ist die jüdische Wohltätigkettspflege hier schon teilweise mit Erfolg bemüht, den bestehenden Uebelständen zu steuern. Sic sucht die ankommenden Auswandycer nach anderen weniger übervölkerten Plätzen zu dirigieren. Es hat sich eine Ecscllschast zum, Bau billiger Wohnungen gebildet, welche ein ganzes Stadtviertel in dem weniger von Juden übersetzten Norden Londons errichtet hat. Da ist für rituüle Aletzgcr, für Religionsunterricht und Synagoge gesorgt, sodaß tatsächlich alles dazu angethan ist, hier für viele hundert Familien aus dem übervölkerten Ostend eine Zuflutzstclle zu schaffen. Wir sehen aus alledem, wie die englischen Juden in jeder Beziehung bemüht sind, allen: Schaden, der etwa aus der Einwanderung für das öffentliche Wohl entstehen könnte, vorzubeugen. Sic haben auch sonst jede Gelegenheit eifrig benützt, um sich als nützliche Bürger und glühende Patrioten zu erweisen. Am Burenkriege haben mehr denn 2000 Juden von den höchstens 200000 des britischen Reiches als Freiwillige teilgenommen. 121 von diesen sind denHeldentod fürs Vaterland gestorben. Hier in England hatten die Juden, wie ein Redner bei dem jüngst für die jüdischen Freiwilligen veranstalteten Chanuckagottesdienstc treffend hervorhob, die schönste Gelegenheit, ihrenAlut und ihre Vaterlandsliebe zu beweisen. Wohl giebt es auch in anderen Ländern viele und tapfere jüdische Krieger. Aber dort sind sie ja durch den Dienstzwang zum Eintritt in die Armee verpflichtet. Hier in England haben sie freiwillig weit mehr aC den verhältnismäßig auf sie entfallenden Blutzoll für die Ehre des Landes gezahlt. Man kann auch nicht leugnen, daß diese Haltung der Juden auch im großen und ganzen in der öffentlichen Meinung ihre Anerkennung findet. Selbst die eifrigsten Vorkämpfer für die Fremdengesetzgebung hüten sich doch sehr vor direkt antisemitischen Allüren, mit denen sie sich doch heute noch hei. dem englischen Publikum diskreditieren würden. Und selbst Mayor Evans Gordon, der für eine mäßige Beschränkung der Einwanderung eintritt, hielt letzte Woche in einem jüdischen Literaturverein einen Vortrag über seine Erlebnisse und Erfahrungen in den russischen und galizifchen Ghettis und schloß seine Ausführungen mit den Worten: „Ich hoffe, daß, was immer ich tun oder sagen mag, Sie stets Heraussühlen werden, wie ich die höchsten Sympathien und Hoffnungen für das jüdische Volk hege. Ich glaube, daß ich in nicht allzu ferner Zukunft das Glück haben werde, dies zu beweisen und etwas wahrhaft Greifbares und Wertvolles für das jüdische Volk zu leisten." Mfsvereiu der Deutschen Juden. Berlin, den 29. Dezember 1903. Auf Einladung des Herrn James Simon, Vorsitzenden des Hilfsvereins der Deutschen Juden, hatte sich am Sonnabend, 26. Dezember, in dessen Privatwohnung eine stattliche Anzahl jüdischer Notabeln eingefunden, uni einen Bericht über die bisherige Tä.1gleit und die Erfolge des Hllfsvereins entgegcnzunehmen. Sjcrt James Simon begrüßte die Erschienenen und berichtete über die propagandistische Tätigkeit des Hilfsvereins im abgelaufenen Jahre. Die Organisation des Hilssvereins hat sich über ganz Deutschland verbreitet. Neue Provinzial-, res?. Loia'komitees s ud gegründet worden in: Kaüowitz, Gleiwitz, Zabrze, Königshütte, Bochum, Dortmund, Witten, Wen, Leipzig, Wiesbaden usw. Die Mttgliederzahl des Hilssvereins ist von LOM im Jahre 1902 auf rund 4500 gestiegen. Die Jahresbeiträge bettage» Mk. 40000. Einen erfteulichen materiellen Zuwachs hat der Hilssverein durch das Vermächtnis der verstorbenen Frau Baronin v. Cohn- Oppenheim im Betrage von Mk. 303000 erfahren, die vor allem für Schulzwecke bestimmt sind. Für Kischinew sind 543030 Mk. gesammelt worden. Der Verein kann seinen großen Aufgaben aber nur dann gerecht werden, wenn sich-alle Glaubensgenossen demselben anschließen. Hieraus ergriff Herr Paul Nathan das Wort, um in kurzen, aber eindrucksvollen Worten ein Bild der Tätigkeit des Hilssvereins zu entwerfen, glumänien, Galizien, Rußland und die Türkei bilden das hauptsächliche A.bettsgebiet des Hllssvcrcins. In Rumänien ist das grausame Handwerkergesctz infolge der Entrüstung der öffentlichen Meinung der zivilisierten Welt praktisch nicht zur Durchführung gelangt. In Galizien sind die Hausindusttieen eingesührt worden. Eine nicht kleine Anzahl unserer Glaubensgenossen finden jetzt einen Lebenserwerb. In Rußland hatte der Hllssverein infolge der bluttgen Massakres von Kischinew und Homel Gelegenheit, eine segensvolle Tätigkett zu entfalten. Auf Initiative des Hilssvereins hat in Berlin eure Konferenz sämtlicher jüdischer Organisationen der Well stattgefundcn, auf der die Hllfsorganisatton für Kischinew beraten worden ist. Der Hllssverein hat sich ferner angelegen sein lassen, Tatsachenmaterial zu beschaffen, auf Grund dessen es erst möglich geworden ist, der zivilisierten Wett die Wahrheit über die verübten Scheußlichkeiten mitzuteilen. In der Türkei ist mit der Gründung von Schulen vorgegangen worden. Der Hilssverein errichtet Schulen in der Warburgschen Cölonie, Karaja und Sazela. In Jaffa und Jerusalem sind Kindergärten gegründet worden. Ferner wird im Anschluß an die Lämel-Schule in Jerusalem ein Lehrerseminar errichtet, das dem Mangel an geeigneten Lehrern für den Orient in zweckmäßigster Weise abhelseu soll. Andere interessante Mittcllungen, die Herr Dr. Nathan machte, sind für die Oessentlichkeit.nicht bcstinimt. Herr Landtagsabgeordneter Justizrat Cassel betonte die Notwendigkeit und den Segen von dsu schcn Schulen für jene unserer Glaubensgenossen.im Oricnt, die bereits Deutsch, wenngleich ein schlechtes Deutsch, den sogenannten Jargon, sprechen. Herr Generalkonsul Eugen Landau richtete einen warmen Appell an die Anwesenden, bei sich bietender Gelegenhett auch durch testamentarische Zuwendungen oen Hilfsverein in späterer Zett zu fördern. Herr Geheimrat Professor Senator dankte namens der Anwesenden in beweglichen Worten dem Borstande für seine unermüdliche,, erfolggekrönte Tättgkeit zu Gunsten unserer bedrängten Glaubensgenossen. , tot 214 8 7 1 1 16 Aus aller WeA. Deutschland. Berlin, 21. Dezbr. Das neunte Heft der „Zeitschrift des Königlich Preußischen statistischen Bureaus" bringt Ziffern über die Geburten, Eheschließungen und Sttrbesälle im preußischen Staate während des Jahres 1902, denen wir die folgenden Daten, welche sich auf die Juden beziehen, entnehmen. Es wurden geboren: lebend beide Eltern jüdisch. 70722 Vater jüdisch Alutter evangelisch. 258 „ „ „ katholisch . 56 „ „ sonstig . . 15 „ evangelisch, Mutter jüdisch 238 „ katholisch, „ „ . 89 sonstig „ . . 15 uneheliche Kinder jüdischer Alütter 294 Dagegen starben Juden über 15 Jahre 4457 — 1,27 Prozent der Gesaintziffer unter 15 Jahre 1201 0,37 Wir sichen also wieder eine sehr günstige Sterbeziffer der Kinder, eine äußerst ungünsttgc der Erwachsenen; zusammen freilich ergießt sich mit 0,84 Prozent immer noch ein günsttges Resultat, dem dagegen' bei den Geburten mit 0,6 Prozent ein um so ungünstigeres gegenüb e r st e h t. Wir müyen uns immer vergegenwärtigen, daß 1,1 Prozent erst der Durchschnitt der Bevölkerung ist. Ehen wurden geschloffen beide Teile jüdisch ...... 2578 Mann jüdisch, Frau evangelisch . 187 „ „ katholisch -. 48 „ „ „ sonstig . . 7 „ evangelisch, Frau jüdisch . 169 „ katholisch „ „ . . 46 „ sonstig ., „ - ■ 9 Randegg, den 20. Dezember. Ein fröhliches Fest wurde gestern in unserem Orte gefeiert. Die israelitische Gemeinde hatte zum ersten Male beschloffen, eine öffentliche Chanukafeier zu veranstalten und Jung und Alt waren dem Rufe gefolgt. Die Feier wurde eröffnet durch einen fast einstündigen Vorttag des Herrn Dr. Hoffman«, unseres geschätzten Herrn Rabbiners, über Otto Ludwigs Makkabäer. In der Einleitung schilderte der Redner in lebendigen Farben die reichbewegte Zett, in welcher diese Heldengestatten der altisraelitischen Geschichte ihrem kleinen Bolle noch einmal zu einer, wenn auch kurzen Blüte unter den großen und mächttgen Nattonen des Altertums verhalfen. Er gab dann eine Uebersicht über den Gang der Handlung in dem erschütternden Trauerspiele. zu dem der große Dramatiker die Geschichte des Hasmonäergeschlechtes gestaltet hatte und trug dabei eine Anzahl der rührendsten und ergreifendsten Stellen aus dem Stücke selbst vor. Reicher Beifall lohnte deni Borttagcnden. Nach ihm kam die Schuljugend zu Worte, mit der Herr Lehrer Kauftnann einige ernste auf das Fest bezügliche und heitere aus dem Schulleben gegriffene Gedichte einstudiert hatte. Tapfer und geschickt entledigten sich die kleinen Deklanuüoren ihrer Aufgabe. Hierauf führten die jungen Damen der Gemeinde einige reizende musikalisch-deklamatorische Zwiegespräche vor, deren ansprechende Melodien, harmloser Humor und tteffende Satire die Zuhörer auf das höchste erheiterten und belustigien. Dazwischen wurde Klavier und Violine gespielt und gesungen. Die musikalischen Beittäge wurden in verständnisvoller Weise von Herrn Lehrer Fröhlich und Damen aus der Gemeinde besorgt. Es war im Ganzen ein zu Beginn erhebender und stimmungsvoller Abend, der in härurlosenr Frohsinn und jugendlicher Lustigkeit seinen harmonischen Abschluß fand.. Wir beglückwünschen die israelitische Gemeinde zu dem Erfolge ihrer Veranstaltung. Möge es ihr noch oft vergönnt sein, ähnliche Feste zu feiern. Stuttgart. „Der Beobachter" schreibt: Israelitisch -O b erkir ch e n b e h ö r d lich es. Me 3k. 66. israelitische Oberkirchenbehörde hat durch Tod zwei Mtgliedcr verloren, nämlich vor mehreren Jahren Herrn Fabrikant Elsas von Cannstatt und vor kurzem Herrn Kommerzienrat Beuzinger-Stuttgart. Da die Stelle des ersteren bisher unbesetzt blieb, war man auf dem Lande, wo man den wahren Sachverhalt so schwer erfährt, der Meinung, die Besetzung der Stellen unterbleibe bis — zur Neuorganisation der israelitischen Kirche.' Nun liest man plötzlich, Herr Rechtsanwalt-Schloß in Heilbronn sei zum Obcrkirchenvorsteher ernannt. Echt oberkirchenbehördlich! Herr Rechtsanwalt Schloß, der sich im Lande eines geachteten Namens erfreut, ist ein Herr, von dem es seit längerer Zett heißt, er werde stch hohen Mters halber von der Advokatur zurückziehen. Meser Greis ist gerade noch recht, der greisenhaften Oberlirchenbehörde als Mitglied anzugehören. Die Herren in der. Oberkirchenbehörde werden durch diesen neueintretenden Oberkirchenvorsteher in ihrer Behaglichkeit und Ruhe nicht gestört und künfttg werden die Läden des hochverehrlichen Kollegiums statt alle 2, vielleicht nur alle 4 Wochen geöffnet. Nach Auffassung der einflußlosen israelitischen Landbewohner wäre es ganz besonders angezeigt, noch einen israelitischen Theologen der sogenannten Oberkirchenbehördcmit Sitz und Stimme zuznführen, da es doch allzu mangelhaft ist, nur einen Theologen im Kollegium zu haben. Ten juristischen Anforderungen hat Herr Oberregierungsrat Dr. von Schmal voll und ganz entsprochen, zumat der Herr Vorsitzende doch auch ein hoher Staatsbeamter ist, der bei allen nicht theologischen Fragen Mitwirken kann. Die Neuregelung des israelitischen Kirchenwesens, welche seinerzeit durch Erlaß der Oberkirchenbehörde vom, 22. Oktober 1900 in Fluß gebracht wurde, scheint sanft und selig wieder entschlafen zu sein, wenigstens verlautet auch gar nichts über den gegenwärtigen Stand der Sache. Die Oberkirchenbehörde lüftet das Geheimnis und Dunkel nicht. Ist kein Abgeordneter da, der den Israeliten des Landes im Wege der Interpellation Auskunft über den Stand der Sache verschafft? 1 — Zweibrncke n. Zur Klagesache der israelitischen Knltusgemeinde dahier gegen den Bezirks- Rabbiner Dr. Mayer wegen Vertragsauflösung wird folgendes mitgcteilt: Das Kgl. Landgericht hat entschieden, daß der Rechtsweg unzulässig sei, indem nicht die Gerichte, sondern die Verwaltungsbehörden zuständig seien. Tie letzteren und zwar sowohl die Kgl. Regierung, als auch das Kgl. Kultus-Ministerium haben das Gegenteil entschieden, indem diese nicht sich, sondern die. Gerichte für zuständig erllärten. Die Sache geht jetzt auf Betteiben der Kultusgemeinde zum Kgl. Oberlandesgerichte. Wenn dieses das Urteil des Kgl. Landgerichts bestätigt, so muß alsdann der Kompetenz-Konfli.'thof in München die Stelle bezeichnen, welche in der Sache zu entscheiden hat. Ob Verwaltung oder Justiz von dem Kompetenz-Konflikthoje für zuständig erllärt werden, ist nachher ganz nebensächlich, da die so bestimmte Stelle unbedingt entscheiden muß. Samtei (Posen), 22. Dezbr. (Fünfzigjährig eTe mp e l feie r.) Ilm Sonnabend feierte die hiesige jüdische Gemeinde ein überaus wohlgelungenes Fest anläßlich des 50jährigen Bestehens ihres nach dem Synagogenbrand von 1851 neuerbauten Tempels. Vormittags fand in der mit Gnirlanden und Topfgewächsen sinnig ausgeschmückten Synagoge, die dank den Bemühungen des Gemeinderabbiners und zahlreicher Spenden von nah und fern durch zwei prachtvolle Zirkulationsöfen zum ersten Male erwärmt war, eine sehr zahlreich besuchte Festandacht statt, die namenllich durch die Gesänge des vom Kantor Gold ttefslich geleiteten Knabenchors, sowie durch die tiefergreifende und sormvöllendete Festpredigt des Rabbiners Dr. Wreschner einen sehr erhebenden und würdigen Verlauf nahm. Abends vereinigte sich auf Einladung des Vorstandes fast die ganze Gemeinde zu einem gemüllichen Beisammensein im Saale der Gielda. Dem schwungvoll vorgetragenen Prolog der Lehrerin, Frl. Perlitz, folgte ein mit lebhaftem Beifall ausgenommenes Festspiel, darauf der recht drastisch wirkende und vorzüglich gespielte Einatter „Ihr Romanhcld", woran sich ein recht ge« mülliches Tanzvergnügen anschloß, das die Teilnehmer bei fröhlichster Stimmung bis zum Nahen der Morgenstunde zusammenhielt. Um das Arrangement des Gemeindevergnügens hat sich außer dem Vorsteher, M. Kollenscher, nebst dem Komitee besonders Frau H. Gorzelancyk bemüht. Oesterreich-Ungarn. Wien. Nach einer Statistik der „Ostdeutschen Rundschau" praktizieren gegenwärtig in Wien einschließlich der Militärärzte insgesamt 2566 Aerzte, darunter 1399 Juden. Schweiz. Luzern (Schweiz). ‘ Es ist mit Freuden zu konstatieren, daß in der sich im Aufblühen befindenden jüdischen Gemeinde Luzern auch das jüdische Geistesleben nach und nach zur neuen Blüte gelangt. Der „Emunwh-Be-rein" hat am Sonntag Abend pen 27, Dezember die Gemeinde, zu einem Borttagabend eingeladen und noch selten