Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 60 (31.12.1903)
- Date
- 1903-12-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion unö Haupt-Expedition: JJranÄfutrf «. Wl. Bergerstraße 25, parterre. Herausgeber: Saty Geis. L> WonnementspreiS ML 1.— vierteljährlich, frei inS HauS. Durch die Post bezogen SO Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Postzeitungsliste 8741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband ML 1.50 vierteljährlich lAuSland ML 2.—). L> 8 JnfertionSpreiS für die viergefpaltme Petitzeile 25 Pfg., für die RSlame-Zeile ML 1.—, im kleinen Anzeiger (Famllien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Besuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, ML 5.— biS 8.— daS Tausend. e: No. 60. Donnerstag, den 12. Tewes 5664 (31. Dezember 1903). No. 60. Frankfurt a. M., den 31. Dezember.! Wir Juden sind krank. Langsam aber stetig siechen wir dahin. Mischehen und Taufen verrichten tagtäglich ihr Bernichtungswerk an unserm Körper, ihn seiner allmählichen Auflösung überliefernd. Nun, für Krankheiten gibt es doch Aerzte, höre ich dich antworten. Sehr wahr, mein Lieber! Aber die Aerzte sind in ihren Leistungen häufig so verschieden von einander, wie ein Schubkarren von einem elektrischen Schnellfahrer, ja noch mehr, denn während die einen heilen, machen die anderen nur noch kränker. Von dieser letzten Sorte sind auch jene Aerzte, die sich heute berufen fühlen, über den Zustand der jüdischen Gesamtheit Wacht zu halten. Alles, was sie leisten, sind einige Pflaster, welche die Wunden wohl dürftig nach außen hin verdecken, unter denen aber die Zerstörung ungehindert ihren weiteren Fortgang nimmt. Geh' doch einmal in die Gemeindestuben und sieh' dir die Herren an, denen das Wohl der Judenheit anvertraut ist. Erschöpft sich mit der Dermögenswaltung ihrer Gemeinde nicht schon das Gebiet, ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit? Du wunderst dich! — Ach, was bist du doch für ein'weltfremder Tyr! — Die Herrn verwalten deshalb so gern Vermögen, weil sie das in der Uebung haben. Sie sind ja nur wegen der ansehnlichen Größe ihres Geldbeutels die Erwählten und nicht in Anerkennung ihres jüdischen Wissens, das bequem in einer Nadelöhre Platz finden würde. Doch ich will nicht undankbar sein! — Würden bringen Bürden. Ihre Aemter, die immerhin Zeit rauben — und Zeit ist Geld —, bringen kein Geld ein. Auch gibt es' unter den Herren Gemeindepaschas Leute, die trotz ihrer rührenden Unwissenheit in jüdischen Dingen sich sehr wohl bewußt sind, daß sie eigentlich die geistigen Führer der ihnen anvertrauten Kreise sein sollen. Diese Herren haben wirklich das ehrliche Bestreben, etwas zu leisten, wenn auch leider gewöhnlich das Verkehrte; in der Synagoge modeln sie die altehrwürdigen jüdischen Bräuche in christliche um und sonst — nun, da werden flott Vereine und Organisationen in Hülle und \ Fülle ‘ geschaffen, die aber alle zusammen für die Besserung der inneren jüdischen Verhältnisse nicht mehr wert sind, wie ein Pflaster auf einer klaffenden, eitrigen Wunde. Die vollständige Bedeutungslosigkeit für die inneren jüdischen Verhältmsfe gilt auch von einer ganz neuen Art von Bereinsbetätigung, die sich seit einigen Monaten nach dem Lichte des Daseins ringt. Die , letztjährigen Wahlen in Stadt und Land haben ge- . zeigt, wie wenig die linken politischen Parteien noch! eine feste Gewähr für die strikte Wahrung der Gleich- 1 berechtigung der jüdischen Bevölkerung bieten, und i aus dieser Erkenntnis heraus sind nun Bestrebungen entstanden, die Juden zu vereinigen, um aus ihnen einen im politischen Leben maßgebenden Fak-; tor zu bilden. So ging durch die gesamte deutsche Presse . kürzlich die Nachricht, von der bevorstehenden Tati sache einer Gesamtorganisation der deut-! j chen Juden. Der engere Ausschuß habe schon in j Berlin getagt. Man sei in jüdischen Kreisen all- . gemein der Ansicht, daß die Verteidigung der staats-! bürgerlichen Rechte der Juden nicht-allein bestimm- , ten politischen Parteien überlassen werden dürfe, sondern von den Juden selbst in die Hand genommen werden müsse. . ■ Hand in Hand mit dieser Nachricht geht ein Bor- | schlag des in Breslau erscheinenden Jüdischen Bolks- : blattes, eine jüd.ische Bolksparteizn gründen. Wir. glauben, , daß. der Widerhall, den diese! Pläne in der deutschen Presse gefunden haben, genügen dürfte, die gefahrvollen Folgen derartiger politischen Organisationen schon vor ihrer Verwirklichung recht deutlich vor die Äugen zu rücken. — So schreibt die Kölnische Volkszeitung: „Ohne alle Folgen könnte eine gegen das Zentrum sich wendende Parteiorganisation allerdings nicht bleiben. Interessant könnte cs übrigens werden, zu verfolgen, wie gewisse Blätter, die sich stets über das Zentrum als angeblich konfessionelle Partei entrüsten, ich mit der „jüdischen Volkspartei" abfinden werden." Diese Worte reden eine deutliche Sprache. Die Organe anderer Parteirichtungen werden in derselben Tonart ihr Lied singen; und ehe wir uns verehen, ist der Jude in noch viel stärkerem Maße als bisher ein spielball der politischen Leidenschaften. Galizien und Böhmen geben grade hierfür ein gutes Beispiel. In diesen Ländern haben sich die Juden selbständig auf das politische Schlachtfeld gewagt'und damit nur eine Verschlechterung ihrer Lage erreicht. Bei ihren Freunden fanden sie im gegebenen Augenblicke nie die notwendige, energische Vertretung ihrer Rechte, während die anderen Parteien stets die Gelegenheit benutzten, ihrer Feindseligkeit — da durch keine Rücksichten gebunden — offenen Ausdruck zu geben. Der deutsche Jude hat bisher stets nach seiner politischen Ueberzeugnng gewählt und dieselbe nur nach der Richtung, hin eingeengt, daß er einem antisemitsch angehauchten oder durchseuchten Kandidaten seine Stimme verweigerte. Diese Praxis ist selbstverständlich und genügt auch vollständig. Er möge auch fernerhin seiner bisherigen Gewohnheit treu bleiben! Die lchk siMMk im lmseidr» Müll ist die heutige Ausgabe unserer Zeitung. Diejenigen unserer geschätzten Abonnenten, deren Abonnement am 31. Dezember beendet ist, wollen daher gefl. sofort am Schalter der nächsten Postanstalt unser Blatt aufs neue bestellen, damit die Zusendung keine Unterbrechung erleidet. In Frankfurt laufen die Abonnements, die nicht vor Quartalsschluß schriftlich abbestellt werden, stets von selbst weiter. Frei von Personenlultus und Liebesdienerei, werden wir auch für die Folge alle Ereignisse, die die jüdische Gesamtheit als solche interessieren, schlicht und sachgemäß registrieren; wir werden, wie bisher, unsere Hauptaufmerksamkeit daran : richten, die Erkenntnis des unsvonunsecen Borfahren überlieferten Judentums und die Liebe zur Judenheit zu wecken und zu pflegen. Wir betrachten es als die Grundlage und die Ausgabe unserer Zeitung, mit aller Kraft dafür zu arbeiten, daß wiäier wahrhaft jüdisch-bewußtes Leben unter uns blühe. ,Ln her Bereinigung liegt die Kraft!" Um unserer Aufgabe voll und ganz gerecht sein zu können, dazu bedürfen wir der ideellen energischsten Mitarbeit aller jener, die mitunsdenkenund fühlen. Es dürste Wohl kein Unternehmen mit weniger Mühe zu fördern sein, als gerade eine Zeitung; schon das Werben von Abonnenten in Berwandten- und Bekanntenkreisen und die Berücksichtigung der Inserate beim Einkauf macht den Leser einer Zeitung zum treuen Mitarbeiter derselben. Verlag und Redaktion des Frankfurter Israel. Famttieablattes. Briese aus London. London, den 26. Dezember. Mit großer Spannung erwartet man hier die Maßregeln, welche die Regierung nach 'Eröffnung des Parlaments in Sachen der Fremdeneinwanderung treffen wird. Die Borchläge der Fremdenkominiffion waren verhältnismäßig noch gemäßigt, wenn auch geeignet, den armen Flüchtlingen, welche vor der Barbarei des Ostens hier im freien Albion ein sicheres Asyl zu finden hofften, manche unnütze Plackerei zu bereiten. Es handelte sich bisher nur darum, Kranke, Verbrecher, Prostituierte und solche, welche nach zweijährigem Verweilen auf britischem Boden der Armenpflege zur Last fallen würden, vom britischen-Boden auszuschließen. Neuerdings aber gehen konservative Parteiführer wie der berühmte Chamberlain und andere noch weiter. Um Arbeiterstimmen für die vielleicht nicht niehr so ehr fernen Wahlen zu gewinnen, laffen sie sich zu Aeußerungen verleiten, wie man müffe der Einwanderung der fremden Teufel, welche den britischen Boden überfluteten und dem englischen Arbeiter das Brot aus dem Munde nähmen, ein energisches Halt gebieten. In Wahrheit ist die Zahl der. Fremden in England, welche etwa 200 000 beträgt, lächerlich gering, wenn man sie mit der anderer Länder wie Frankreich, Schweiz, Amerika vergleicht. Diese Fremden und zumal die Juden unter ihnen find Leute, die hart und schwer im Schweiße ihres Angesichtes arbeiten. Sie sind soweit davon entfernt, den englischen Arbeiter zu beeinträchtigen, daß sie sogar ganze Industrien auf britischem Boden neu schufen, in denen nunmehr neben der jüdischen auch britische Arbeit Verwendung findet. Die Herstellung billiger Konfeftion, Schuhe, Pantoffel, Möbel, Cigaretten, ist erst durch diese vielgeschmähten Fremden in England ermöglicht worden, welches bisher für diese Artikel aus den Import des Auslandes angewiesen war. Hunderten von englischen Arbeitern und Handwerkern ist es erst durch die in geschickte Arbeitsteilung organisierten jüdischen Schneider ermöglicht worden, sich für den Winter einen neuen Ueberrock anzuschaffen. Gewiß, es ist nicht zu leugnen, es giebt viel Armut und Elend im Londoner Oftend. Aber das fällt nicht der öffentlichen Armenpflege zur Last, sondern dem wird gesteuert durch die wunderbare und weitverzweigte Wirksamkeit der durch den Jewish Board of Guardianä geleiteten jüdischen Armenpflege. Unter den öffentlichen Einrichtungen, die dazu dienen, die schlimmste Not, den Hunger und die Entbehrungen zu lindern, nimmt die erste Stelle ein die seit siinfzig Jahren bestehende Suppenanstalt (8o»p Kitchen), welche im letzten Jahre in der Lage war, 182 000 Portionen zu verteilen. Ein Uebelstand allerdings ist, obwohl schon vorher in gewissem Umfange vorhanden, doch durch die Einwanderung in gewissen Stadtteilen Londons verstärkt worden, das ist die Wohnungsnot. Der Einwanderer, dem Sprache und Sitte des Landes, deffen gastlichen Boden er auffucht, völlig ftemd find, sucht naturgemäß solche Gegenden mit Vorliebe auf, wo er Landsleute trifft, die ihm über die erste Not hinweghelfen und Arbeitsgelegenheit verschaffen. Auch hatten die zum größten Teile streng orthodoxen Juden aus Rußland und Galizien nur hier Gelegenheit, solche Synagogen und religiösen Institutionen zu finden, wie er es in seiner Heimat gewohnt war. Zwar giebt es in England für festländische Begriffe sehr strenge Wohnungsgesetze, welche schon das Belegen eines Zimmer mit mehr als zwei Personen unter Strafe stellen. Aber diese Gesetze wurden bisher sehr lax gehandhabt. Gesteht man nun auch das Vorhandensein von Mißständen aus diesem Gebiete zu, so bedarf es doch, um hier Abhilfe zu schaffen, nicht des umfassenden und lästigen Apparates einer Fremdengesetzgebung. Dazu genügt die strenge Anwendung der bestehenden Gesetze.