Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 59 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Sprechsaal. (Wir übernehmen für diese Rubrik nicht die redaktionelle Verantwortlichkeit). ■' . Badisches. Will der Herr Rat Ein Tänzchen wagen Soll er's nur sagen Ich spiele auf. Es regt sich in Baden, das Volk steht auf, der Sturm bricht los. Ein Tausend jüd isch er Bürger des Landes haben sich gegen das Vorgehen des Oberrates erhoben^ uirs es ist wahrlich an der Zeit, daß hier eine Aenderung geschaffen wird. Seit dem Tode des seligen Oberrates Altmann . sind die religiösen Verhältnisse zurückgegangen. Es ist Zeit, daß an die Spitze der jüdischen Verwaltung des Landes wieder ein Geistlicher kommt, denn einem Manne, dessen Beschäftigung im Addieren und Revidieren besteht, fehlt die Fähigkeit an der Spitze der kirchlichen Verhältnisse eines Landes zu stehen. Der Herr Rat hat ja einen Onkel, der ein großer Gelehrter vor dem Herrn ist, und es wird ihm ein Leichtes sein, denselben nach Karlsruhe zu bringen, dann sind Neffe und Onkel, die schon Meisterstücke geliefert haben, beisammen. Doch diese Empfehlung ist nur im Scherz gemeint. Es wird schon der richtige Mann gefunden werden. Für heute nur der Ruf an die badischen Juden: Bleibet Eurem Vorhaben treu, Einigkeit macht stark. , — i— ■ * Frankfurt a. M., 25. Kislew 5664. Geehrte Redaktion! Ich war mit Interesse den Ausführungen des Herrn. Rechtsanwalt Dr. Korcf gefolgt, der in seiner Festrede zur Makkabäerfeier der Frankfurter Zionistischen Vereinigung, in lebhafter Weise die Zustände im jüdischen Staate zur Zeit der Hasmonäer geschildert und sowohl die äußeren Verhältnisse und Anfeindungen, als auch die inneren Zerklüftungen und Parteiungen einem aufmerksam lauschenden Auditorium vorgesührt hatte. ^cin Interesse wurde noch gesteigert, als der Rrduer begann, die damaligen Zustände auf unsere Zeit anzuwenden und mit unseren heutigen Verhältnissen im jüdischen Lager zu vergleichen. Drei Richtungen habe es damals in der Judenheit gegeben, und gäbe es auch heute noch: Chassidäer, Hellenisten und Makkabäer, auf modern deutsch übersetzt: Assimilanten, Orthodoxe und Männer der Tat. Die Assimilanten von damals, die alles Jüdische abstreiften und hellenische Sitten und Gebräuche dafür cintauschten, sowie die von heute, welche sich der Taufe zuwenden, seien immer die Verräter ihres Volkes gewesen. Die Orthodoxen von damals und heute, begnügten sich mit Beten und Fasten und griffen erst zu den Waffen, wenn ihr eigenes Leben bedroht sei, um sie jedoch sogleich wieder von sich zu werfen und wieder zu ihrem Gebetbuch zu greifen, wenn die augenblickliche Gefahr vorbei sei. Sie bedächten nicht, daß die Gefahr damit doch nicht bis auf die Wurzel beseitigt sei, sie vielmehr gar bald an anderem Ort, in anderer Gestalt ihr drohendes Haupt wieder erhebe. Ihnen, fügte der Redner hinzu, könne ja^kein Mensch einen Vorwurf machen, daß sie das Ihrige in der augenblicklichen Gefahr tun, und das Weitere Gott überlassen, der alles zu unserem Besten füge. Aber es gäbe doch noch etwas Höheres, Edleres und Erstrebenswerteres als dies, und das sei: „Kämpfen bis zum letzten Bluts- . tropfen für die Erhaltung des jüdischen Volkes." Nicht in Gebet und Kasteiung lag damals und liege heute die Rettung der Judenheit, sondern im kräftigen Dreinschlagen, wie es Mathisjahu und seine Söhne getan. „Und wir Zionisten, wir sind die Makkabäer von heute", wir haben zu den Waffen gegriffen und werden sie nicht früher niederlegen, bis wir dem Volke Israel die Ruhe und Sicherheft wieder gegeben haben. — Ich machte mich gerade daran, das eben Gehörte noch einmal zu durchdenken und auf seine Stichhaltigkeit zu prüfen, als die Glocke ertönte und Herr Assessor D r. Fri edemann, der bekannte zionistische Redner, die Kanzel betrat, begrüßt von der den Zionisten eigentümlichen Lebhaftigkeit. Das war eine Extra-Zugabe, im Programm stand nichts davon. Aber oft charakterisieren derartige kleine Einschicbungen eine Veranstaltung am besten, und so war es auch hier. Van dem Mo- . mente an, da Herr Dr. Friedemann, zu sprechen anfing, hatte ich das Gefühl, mich in einer zionistischen Propaganda-Versammlung zu befinden und nicht bei einer Chanuka-Feier. Derartige Metamorphosen wirkten unangenehm auf den Zuschauer, der hinkommt um sich zu unterhalten und zu belehren, und sind daher nach meiner Ansicht unstatthaft. Mer hören wir Herrn Dr. Friedemann. Er erzählt uns: Es war einmal ein Schiff, das strich friedlich durch die Wogen des Meeres. Da kam ein dichter Nebel, und man wußte nicht mehr, wo man sich befand. Der . Steuermann behauptete, man sei in der Nähe der Küste und könne jeden Augenblick scheitern, während der Kapitän dabei blieb, daß man noch auf hoher See sei, denn wenn Land in Sicht wäre, dann müsse es der Matrose im Mastkorbe zuerst sehen und der habe noch kein Zeichen gegeben. Während sie noch sttitten, fuhr, das Schiff auf und scheiterte. Der Mattose, der Kapitän und der Steuermann wurden wohlbehalten ans Land geschleudert, und nun stellte es sich beim gegenseitigen Befragen heraus, daß der Mastkorbmattose geschlafen hatte. Die Nutzanwendung ist nach Herrn Dr. Friedemann klar. Der Kapitän und der Steuermann, die sich darüber streften, wo . sich das Schiff befindet, das seien die Zionisten, die das jüdische Schifslein retten wollen, während der schlafende Matrose die jüdische Orthodoxie repräsentiere, die das jüdische Volk untergehen lasse. — Jedenfalls ist es nicht gerade bescheiden, wenn sich der Zionismus, eine Bewegung, die noch keine 30 Jahre alt ist, schon zum Führer der Judenheit aufwirst, während man der uralten Orthodoxie die Rolle des Mastkorbmatrosen zuerteilt. Warum steigt der Zionismus nicht selbst hinauf auf diesen so verantwortungsvollen Warteposten, und wirft die schlafende Orthodoxie aus. dem Mastkorbe heraus?! — Oder soll die Fabel vielleicht das Geständnis enthalten, daß von der Wachsamkeft der Orthodoxie die Existenz des jüdischen Schifsleins mitsammt dem zionistischen Kapitän und Steuermann abhängt?! Wer kehren wir zur Anekdote selbst zurück, und bettachten sie und ihre Nutzanwendung etwas näher. Da bemerken wir dann sogleich die ganze Ursache des — vermeintlichen — Untergangs des jüdischen Schiffes. Der Herr Kapitän und Steuermann haben etwas vergessen, sie haben vergessen den Kompaß mftzunehmen, den.unentbehrlichen niemals versagenden Kompaß, die Thauroh und Nerv tim, der uns seit den 2 Jahrtausenden, welche wir auf dem brausenden und stürmenden Meere der Völker hin und her geworfen werden, immer ein unverbrüchlicher Zeiger gewesen ist. Der keineswegs schlafende Matrose hat seinen Kompaß bei sich. Er sieht, daß sich das Schiss weit ab vom Lande leider immer noch auf hoher See befindet, ausgesetzt furchtbaren Stürmen, sieht manche Sturzwelle das Schiff überschlagen, die es in die Tiefe zu reißen droht. Er weiß aber auch, verniittels feines Kompasses, daß es niemals scheitern wird, daß ein ewig wachender unsichtbarer Steuermann sein Schiff, wie bis jetzt, so auch fürder leiten, und wenn er die Zeit für herangekommen erachtet, hinführcn wird in sicheren Port. Ein Scheitern und Zerschellen fürchtet die Orthodoxie nicht, das existiert nur Inder Phantasie des Herrn Dr. Friedcmann und seiner Genossen. Das weltgeschichtliche Schauspiel, das uns das Geschick der Judenheitund des Iudentums seit nunmehr 2 Jahrtausenden zeigt, wäre allein der Orthodoxie hierfür Bürge genug, hätte sie nicht ohnedies ihren Kompaß, ihre Thauroh und Newiini, die ihr dies ganze Geschick wirklich vorausgezeigt haben. Die Zionisten mögen nur immer an Gefühl und Mitleid appellieren. Es gab schon schlimmere Zeiten, in denen das jüdische Schiff näher als heute daran war zu zerscheitern, doch Gott hat es sicher um alle Klippen herumgeführt. Mögen die Zionisten doch in dieser Errettung aus allen Gefahren, die andere Völker längst aufgerieben hätten, die Hand Gottes erblicken, und nicht glauben das Ruder ergreifen zu müssen, um das Schiff sicher aus Land zu bringen!! Diese furchtbare Not und diese schrecklichen Leiden sind uns längst vorausgesagt und verheißen worden, und auch die Errettung von ihnen. Wenn uns die Thauroh die 98 Fluchverheißungcn verkündet, die unserer warten, wenn wir von ihren Lehren abfallen, so läßt sie dieselben doch in die Trostesverheißung ausklingen: „Aber selbst auch dies: selbst, so sie im Lande ihrer Feinde sind, habe ich sie d amft nicht verachtet und nicht verworfen, sie zu vernichten; denn ich Gott blcihe ihr Gott, und gedenke ihnen den Bund der Vorderen, die ich ja aus dem Lande Egypten hinausgeührt vor Augen, der' dem Lande Egypten hinausgeführt vor Augen der (lll. Büch Mose» 26/ 45.) 5h. 5». Und klingt es nicht , wie eine Verheißung und Ermahnung für unsere Zeit, wenn wir im 5. Buche Moses lesen: „Er (Gott) fand es (Israel) in der Oede, wo die. Wüste heult, umgiebt es, belehrt es, wartet sein wie des Auges Apfel. Wie der Adler weckt, zuerst sein Nest, über seinen Jungen schwebt, dann seine Flügel breitet, nimmt es, trägt es auf seinen Schwingen: so will Gott es ge-j sondert leiten, und neben, ihm kein fremder Gott. .Erläßt es besteigen Höhen der Erde, es genoß die Früchte der Felder, er säugte es mit Honig aus dem Fels, und Ocl aus Gesteines Kiesel.. Da ward fett Jeschurun und schlug aus, du wardst fett, wurdest feist und beleibt, da verließ es Gott, der es gebildet und betrachtete als wertlos den Hort seines Heils. Das sah Gott und wandte sich wegwerfend ab, vor Verdruß von seinen Söhnen und Töchtern, und sagte, ich will ihnen mein.Angesicht verborg en, will sehen was ihr Ende ist. . . . Leid auf Leid lasse ich über sie kommen, verschieße meine Pfeile wieder sie, die Auszehrung des Hungers und das Hinrasfen des Fiebers und giftige Pest, und den Zahn des wilden Tieres lasse ich los gegen sie, neben der Wut des Staubschleichers. Von draußen wütet das Schwert, von drinnen Angst, Jüngling wie Jungfrau, Säugling mit dem Greis. . . . Wären sie weise, sie verständen und bedächten ihr eigenes Ende. Wie könnte Einer Tausend verfolgen und wie schlügen zwei Zehntausend in die Flucht, wenn nicht ihr Hort sie preisgegeben, Gott sie ausgeliefert hätte. . . . Darum liegt es geborgen bei mir, besiegelt in meinen Schätzen: Mein ist das Rächrramt und. die Vergeltung: zur bestimmten Zeit wankt ihr (der Völker) Fuß, denn nahe ist der Tag ihres Sturzes und herbei eilt ihnen die Zukunft. Denn Gott richtet sein Volk erst dann und erbarmt sich seiner Knechte, wenn er sieht, daß ihnen jede Macht geschwunden und fort ist, was man bewahrt und verläßt. . . Sind hier nicht die Leiden und Martern, die unsere Väter in den Getthis und die unsere russischen Brüder noch heute zu erttagcn haben, von.Gottes Mund vorausgesagt als Folge unserer Treulosigkeit und ist hier nicht jedes eigenmächtige Eingreifen in Gottes Waltung, als zwecklos, ja als sündhaft bezeichnet! Werden wir hier nicht einzig und allein auf Gottes Hllfe hingewiesen, der uns noch immer auf Adlersflügeln trägt! Nach dieser Richtung können und dürfen wir zu unserer Rettung nichts tun, dies allein wäre schon eine Utopie. Aber die U r s a ch e unseres Gloluß können und sollen wir beseitigen. Wir büßten unsere nationale Selbstständigkeit ein, weil wir Gottes Thauroh verließen. Und erst, wenn wir zu ihr zurückkehrcn mit ganzem Herzen und ganzer Seeles wird Gott, der getötet, wieder beleben, der verwundet, wieder heilen. Die Thauroh und Mitzwaus sollen wir als unsere helligsten Güter betrachten und sie, wenn nötig, mit dem Schwerte in der Hand verteidigen, wie es die Makkabäer getan. Und. damit komme ich auf Herrn Dr. Koress Rede zurück. Jawohl ergriffen die Makkabäer das Schwert und ruheten nicht eher, bis sie den Feind vertrieben, Israel wieder Ruhe verschafft, und das Heiligtum wiederhergestellt hätten. Aber wann und weshalb griffen sie zu den Waffen? — Wir haben es aus dem Munde des Herrn Dr. Koref selbst gehört. Die schrecklichsten Metzeleien waren vorausgrgangen, die schlimmsten Judenverfolgungen hatten die Juden aus ihren Wohnsitzen vertrieben und sie mußten in den Bergen und Wäldern Zuflucht suchen. Aher kein Jude wehrte sich! Erst als ein Götzenbild im Heiligtum aufgestellt wurde, und diesem geopfert werden sollte, als Sabbat, Miloh u. s. w. verboten wurden, als die Syrer es wagten Lehaschkichom Misaurosecho ulehawirom michuke rezaunecho. Dlese Greuel erst 'trieben den Makkabäern die Zornesglut in die Wangen und sie griffen zum Schwert, um ihr Heiligstes, ihre Thauroh zu schützen und zu bewahren. Und in diesem Kampf errangen sie den wunderbaren Sieg, ttotz ihrer Minderzahl So oft Israel für seine geisttgen Güter die Waffen ergriff, da errang es stets den Sieg, aber zur Rettung seiner irdischen Güter und seines Leibes ward ihm eine andere Waffe gegeben, und diese heißt Gebet. M Charbecho tichje ward zu Esau gesagt und Jodajim jode Esow ist eine uralte Wahrheit... Aber Hakoul kaul Jaakow, das Gebet war noch immer Israels Wasfe'Und sichere Rettung aus jeglicher Bedrängnis, von Beer Schema bis Schuschan und bis aus den heutigen Tag. Und wenn Herr Dr. Koref dann dem Gebet eine so geringe: Rolle zuweist, dann möchte ich ihm'doch raten, einmal die GrfKiKte unseres Volkes nachzuschlagen, und' die