Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 59 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 59. f Ä -. * % n\ itter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. Siege und Erfolge, die es mit dem Schwerte in der Hand erkämpft hat, denen gegenüberzustellen, die es dem Aufschrei zu Gott,'zu verdanken. hat. Ach glaube, er lernte das Gebet etwas höher schätzen. Auch der Zionismus von heute mit seinem Waffengetöse und Sporengeklirr wird unsere und unserer Brüder Lage um nichts bessern; im Gegenteil: Umeos boosi el Parauh, Hera loom Hase, seitdem der Zionismus mit den Regierungen verhandelt, und Politik treibt, ist es schlimmer geworden. Seien wir weise, greifen wir wieder zu unserer altbewährten Waffe, dem Gebet und zu unserer Thorah, dann wird Gott uns sicher Rettung schicken: Uwo lezijaun gauel leschowe pescha lejäakauw N'um Laschem. P. A. 0 Feuilleton. 0 Das ffiliilt Novelle von A. H a l b e r t h a l. . (Fortsetzung.) Drittes Kapitel. An einem Sonntag-Nachmütag fand die Zusammenkunft, im gewöhnlichen Verkehr „Beschau" genannt, statt. Myrram hatte trotz allen Bitten der Mutter ein einfaches, enggeschlossenes Kleid. angezogen und nur ein schwaches, gequältes Lächeln war die einzige Antwort, die die Mütter ihr zu entlocken vermochte. Kurz ehe die „Machtonim" eintrefsen sollten, machte sie nochmals den Versuch: „Willst Du nicht Dein Helles Kleidchen anziehen, Kindleben? Bei solcher Gelegenheit." Etwas gereizt und 'bitter, wie nie sonst, erwiderte Myriam: „Er will'doch üicht das Kleid heiraten." Die Mutter verstummte. Und so saßen sie beide harrend, still, ohne ein Wort zu sprechen. Etwas fremdes war in Myriams Herzen eingekehrt — ein kaltes, eisiges Gefühl beklemmte sie, wie ein großer mächtiger Klumpen, wie ein schwerer, drückender Alp. Sie starrte vor sich hin —, sie dachte nichts —, und doch überstürzten sich die Gedanken, wild und jäh und taumelnd. — Ter Schadchen kam fast atemlos ins Zimmer. Er rieb sich freudig die Hände: : „Gottlob, sie kommen schon!" Und sie kamen. Ter Vater, ein ehrwürdiger, alter ^Mann, mit langem, grauen Bart und sehr markanten Zügen, wie sie Erfahrung hervorbringt, aber doch, bei näherem Zusehen waren es nur Falten — stark ausgeprägte Mterssalten. Ter Sohn hatte ein angenehmes Aeußere. Nur der Bart sah etwas vernachlässigt aus und gab ihm ein wildes Aussehen. Er war in der Tat reich — wie Myriams Mutter es vermutet hatte. Herausgeputzt sah er aus, vom Hut bis zu den Sttefeln; aber gerade diese Tatsache erregte Myriam noch mehr: Alles schien neu — eben vom Schneider oder vom Schuster gekommen. Falten, überall Falten — fein, geglättet, sorgfältig — peinlich. Sogar die Handschuhe in der Hand waren in der Fayon, als ob sie eben der Schachtel entnommen wären. Myriam gab sich Mühe freundlich zu erscheinen, zuvorkommend zu sein. Am Anfänge kostete sic das nur wenig Mühe. Tas Gespräch wurde allgemein, drehte sich um alltägliche Tinge. Aber plötzlich ging der Schadchen hinaus. An der Türe zwinkerte er mit den Augen und wie. aus ein verabredetes Signal, erhob sich der Vater und folgte ihm. - Nur Myriams Mutter blieb noch eine Weile. Dann kam der Schadchen wieder: „Frau Weiß — auf ein Wort." Beide waren allein. Der Bräutigam m spe schwieg. Da begann Myriam: „So ein Moment ist der ernsteste und zugleich komischste Moment im menschlichen Leben — nicht?" Er lächelte breit, da er sie nicht zu verstehen schien: „Ja—a—a—" Myriam hätte in der Tat weinen und lachen mögen. Sie fuhr sott: „Zwei junge Menschen tteten sich gegenüber, die sich niemals gesehen haben — jeder hat eine Weltanschauung, ein Gefühlsleben für sich und diese sollen zusammengetan werden — für ewig.... gebunden aneinander." So sprach sie, immer fort. Ter Bräutigam reagiette nur mit einem Kopfnicken oder einem milden Lächeln. Einmal sprach er sogar „von dem, was Schiller" und einmal von dem, was Heine (— der war nämlich Jude — bemerktesr) sagt .... Und dann guckte der Schadchen durch die halbgeöffnete Türe. Er flüsterte den draußen Harrenden zu: „Sie verstehen sich ganz gut. . ." und öffnete dann ganz die Mre., - . , Myriam verschwand — um Kaffee zu besorgen. Sie atmete auf. Drinnen aber verhandelte man. Die Mutter lobte ihre Tochter, die eine wahre Perle von Mädchen, ein wahrer Diamant von einer „jüdischen Tochter" sei und der Vater sprach vom „Tachlis", vom Zwecke oder zu Teutsch: Vom Gelde. ' Dann, als Myriam nicht wiederkam, ging die Mutter in die Küche. „Nun — was meinst Tu, Kind?" Myriam stand mit gesenktem Haupte und erst als die Mutter ihr Haupt berührte, zeigte sie ihre ttänenvollen "Augen und ihre nassen Wangen. Tie Mutter trocknete sie sorgfältig: „Ja, ja. Es ist ein schwerer Schritt." Und dann: „Aber doch der erste Eindruck — Kindleben?" „Ich weiß nicht." „Aber er will doch Antwort haben." Mit Mutterstolz fügte sie hinzu: „Tn hast Eindruck gemacht, Kindleben." Ein schwerer Seufzer enttang sich Myriams Brust: „Ich will überlegen." Tie Mutter brachte dem Schadchen diesen Bescheid im Flüstertöne bei. Er rief sie ins andere Zimmer. Ta wurde er fuchswild. „Ueberlegen? Warten? Du, lieber, guter Vater im Himmel und über alle Welten! Hat man schon owas gehört seit die Welt steht?" „Warten! Bei Schidduchsachen warten! Damit die Sache sauer wird? Ganz — und dann Essig? Was — das wollen Sie — ha" „Wer ich kann doch das Mädchen nicht zwingen," sagte die Mutter, von diesem Redeschwall eingeschüchtert. „Zwingen?! ,.,Chas-wescholom". — I, bewahre. Sagen sollen Sie ihr, bei solchen Sachen ist nicht gut warten. Sie hat Eindruck gemacht — „zuklappen und fertig." "Aber warten — heißt auseinandergehen — heißt das Glück aus Händen geben." Doch nichts half. Myriam kam, der Schadchen sprach auf sie ein — sie blieb dabei: „Ich muß erst das Glück prüfen," sagte sie mit einem gezwungenen Lächeln. Tie Mutter verhielt sich neutral, das heißt, sie sagte nur: „Ich wünsche so einen Schwiegersohn, wir könnten glücklich werden — alle. Mache wie Tu willst — ich spreche kein Wort." Und so trennte man sich, mit dem Versprechen: „zu schreiben." Ter Schadchen gab den „Machtonim" das Geleite, kam aber dann zurück, um Mutter und Tochter ins Gewissen zu reden: „Mit einer Sache, die von Gott ausgeht, darf man nicht spaßen: da heißt es zugreifen." „Und Sie wissen so sicher, daß Gott —?" Er unterbrach die skepttsche Fragerin: „Schiduchim werden im Himmel geschlossen." Frau Weiß war längst zu Bette gegangen, als Myriam noch, an das Fensterbrett gelehnt, dastand und in die leere Straße hinausblickte. Es war ein klarer, lauterer Sommernachtshimmel mit hellem Halbmond und glitzernden Sternen, in den sie blicken konnte, aber sie vertiefte sich in ihre eigne Seele und suchte den Stern ihres ferneren Lebensschicksals zu ergründen. , Sie hatte kein Auge für die erhabene Helle, sie' hatte kein Ohr für die' geheimnisvolle Stille ihrer Umgebung — sie lauschte auf die hämmernden Schläfen und auss heftig - pochende Herz —: sie sah nur die Düsternheit der Zukunst, an der Seite eines Mannes gehen zu müssen, den man nicht kennt — nie wird kennen lernen können. Sie erinnerte sich eines Ausspruches ihres Vaters: Jüdische Töchter sind Königstöchter und die Tugend einer Königstochter ist Häuslichkeit und Keuschheit-— und ihr wurde bang vor dieser Hoheit. Eine verzweifelte Trostlosigkeit lag in ihren Zügen, auch noch, als sie zu Bette ging —- Im Reiche der Träume nur lag ihr Glück. Schluß folgt. Personalien. s. Aus Offenbachs Umgebung. Tiefer Tage verstarb Herr Götz Wolf in Dietzenbach im Alter von'60 Jahren. In ihm verlor dessen Familie den tteuherzigen sorgsamen Vater und Gatten, die Gemeinde den biederen zweiten Vorsteher und die politische Gemeinde einen beliebten und ordnungsliebenden ruhigen Bürgersmann. Unter reger Teilnahme von Glaubensgenossen der umliegenden Ortschaften wurde die Leiche nach dem Friedhose des benachbarten Heusenstamm verbracht und hier widmete ihm der Lehrer am Grabe einen warmen Nachruf und hob die guten Charaktereigenschaften des teuren Entschlafenen in hohem Maße hervor. Der Verstorbene war ein echter Jehudi, fromm, gottergeben und brav. Berlin. Geheimer Kommerzienrat Gumpert in Brandenburg a. H. hat den Roten Adlerorden vierter Klasse erhalten. — Ter Gymnasialoberlehrer Prof. Dr. B. Mendelssohn in Posen hat einen Lehrauftrag für Naturwissenschaften an der königlichen Akademie daselbst erhalten. — Dr. S. Galliner vom Rabbinerseminar zu Berlin wurde zum Prediger und Religionsschuldirektor in Beuthen gewählt. — In Schrimm wurde Dr. M. Silberberg-Königsberg zum Rabbiner gewählt. Berlin, 21. Tezbr. Rabbiner Dr. S. Manbaum, der langjährige Prediger der hiesigen jübischen Gemeinde und Dozent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, hat vom Kultusminister den Titel Professor erhalten. Hamburg. Herr Adolf L. Cohen, Mitinhaber der bekannten Firma Rothschild, Behrens u. Co.» eine Tn weiten Kreisen der Kaufmannswelt beachtete und geachtete Persönlichkeit, ist nach langem Leiden im besten Mannesalter im 56. Lebensjahre verschieden. Ter Verblichene gehörte auch vielen gemeinnützigen Institutionen an; er war einer der Mitbegründer der Theresiensttstuug der deutsch-israelitischeu Gemeinde: sein so frühes Hinscheiden erregt in weiten Kreisen ttefes Beileid. H a m b u r g. Tie eiserne Hochzeit beging am Montag, 21. Tezember, das Ehepaar Hirsch-Cohn und Frau, geb. Cohn, die im israelitischen Altenhaus in der Sedanstraße wohnen: das ehrwürdige Paar ist noch vollkommen rüstig. Herr Hirsch-Cohn zählt 93, seine Gattin 86 Jahre. Ploschen. In den Schulvorstand der evangelisch-jüdischen Schulsozietät wurden Rechtsanwalt Asch, Kreissekretär Graeve, Kausmann Strelitz und Grundbesitzer Karl Erbe gewählt. R a w i t s ch. Ter Kaufmann A. Sternbcrg in Breslau, der bis vor Kurzem hier in Rawitsch eine Kommandite inne hatte, hat jetzt der hiesigen jüdischen Gemeinde die Summe von 10000 -M. geschenkt mit der Bestimmung, diesen Betrag dazu zu verwenden, armen jüdischen gewerbetteibenden Bürgern unserer Stadt zinslos Tarlehne zu gewähren. London. Der berühmte englische Novellist und Zionist Zangwill hat sich, wie „The Academy" me'det, mit Miß Ayrton verlobt. Die Sttefmutter von Miß Ayrton gilt als das Vorbild der Mirah in George Eliot's berühmten jüdischen Milieuroman „Daniel Deronda". Ein anderes Mitglied der Familie Ayrton ist Prosessor Gregory, der zwei Bücher über den Distrikt in -Ostafrika geschrieben hat, der jüngst von der britischen Regierung den Zionisten «»geboten worden ist. Abgesehen von diesen mannigsalttgen zionistischen Interessen bei der Verlobung Zangwill's sind auch die feministischen stark in der Familie seiner zukünftigen Frau vertreten. Miß Ayrton selbst, die Braut Zangwill's, hat verschiedene Novellen geschrieben; ihre Mutter war Doktor der Medizin und die Vorkämpferin für die Zulassung der Frauen zur Ausübung der ärzllichen Praxis in England. Außerdem hatte sie große Reisen gemacht und ei» Buch über „das Kind in Japan" nicht allein geschrieben, sondern auch selbst illustriert. Bern« zur Pflege jüdische» Wissens. (Tiferes Bachurim). Sonntag, den 27. Dezember, 3 Uhr nachmmittags: Generalversammlung. Tatmud-Thora- Bern». Jeden Freitag Abend im Anschluß an den Gottesdienst wissenschaftlicher Vorttag des Herrn Dr. I. Heinemann, im Hörsaal, Börneplatz. Bern» zur Pflege jüdischer Leöeusanschauuug (Rachalath Zwi>. Mittwoch, den 30. Dezember, Seilerstt. 22: Schluß der O.uellenstudienabende: Die Gesetzgebung am Sinai. _ _ Verein Mekor-Chajim. Sonntag, den 27. Dezember, abends 6 Uhr, Schützenstraße 14: Bortrag des Herrn Julius Hirsch über Jesaias. Hebräischer Sprachverein. Nächste Unterttchtsstunde: Freitag, den 25. Dez., vormittags 9y2 Uhr, in der Aula der Israelitischen Religionsschule, Hermesweg 25/7. Annahme neuer Teilnehmer. Briefkasten. M. . . . . i. Das Gedicht „Sei ohne Furcht" wurde von Fräulein Rost Mayer vorgetragen; das Fräulein wird Ihnen Wohl gern mitteilen, in welchem Buche das Gedicht zu finden ist. Lekundauer. "No. 4 unserer Beilage „Jüdische Jugend" erscheint nächste Woche; im nächsten Vierteljahr wird die Jüdische Jugend häufiger erscheinen, als bisher. Vakanzen. N e ck a r st e in a ch. Unverheirateter Lehrer und Schächter per sofort. Einkommen Mk. 1000.— und freie Wohnung. -