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Neue jüdische Presse · 1903-12-25 · Heft 59 (25.12.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 59 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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S!r. 59. frankfurter Israelitische Familienblatt. Naturlebens stehe. Wenn es noch Winter ist und noch dichter Schnee Wald nnd Flur bedeckt, da hört schon , der.Jude in den Bäumen den Frühling wachsen (Chanuscho - ojor), und wenn der Frühling naht, .. besingt er seine Herrlichkeit am Parschath hachodesch in Mussafpiutim, aus deren beflügelten Worten ein Sprossen und Keimen in die Seele dringt. Rosenduft atmet sein „Lied der Lieder" zur Frühlingswende; zur Erntezeit reichen uns unsere Weisen das Buch Ruth, aus dem uns Aehrenrauschen, Sensenklingen und das Geplauder der Schnitter nnd Schnitterinnen entgegentönt, lind ini Herbst sehen wir im Koheleth die welken Blätter fallen und die Nichtigkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen verkünden. — Von besonderer Wichtigkeit aber ist die Institution der Bcrachoth, deren doppelte Bedeutung als Ge fühl sausdruck wie als gedankenmäßige Belehrung der Redner kennzeichnet. Sobald der Jude ein Schönes erblickt, so spricht er die Brocho: Gesegnet der, dem solches in seiner Welt ward. Das scharf präcisicrende Verb fehlt hier und in der Brocho selbst liegt etwas weiches Harmonisch- Berschmolzenes. Von der Tatsache ausgehend, daß die angeführte Brocho beispielsweise über ein unter Verletzung der Natur- und Sittengesetze erzeugtes Tier, wenn es auch in noch .so großer Schönheit strahle, nicht gesprochen werden dürfe, wandte sich der Redner zu einer kurzen Besprechung des Verhältnisses von Naturschdnheit und Sittlichkeit, dessen Erkenntnis eine Reihe charakteristischer Sätze aus Mischna und Talmud vermitteln, um schließ.ich nachzuweise», wie die rechte Beziehung zwischen Naturschönh:it und Wahrheit nur auf dem Boden des Judentums sich entwickeln könne. Weder Materialismus und mechanische Wcltcrklärung, noch Buddhismus nnd Christentum vermöchten den .Vorgang der Naturbeseelung — mit dem die Würde des Naturschönen stehe und falle — ausreichend zu legitimieren, wie das auf dem Boden der jüdischen Gottes- und Weltschöpfungslehre der Fall sei. Einen prägnanten Ausdruck fände diese Tatsache in den Psalmversen, die der Jude allmorgenlich mit verhülltem Auge — ehe er an die Anschauung der Welt herantritt — spricht: „W e n n bei Dir (oder weil bei Dir) der Quell, der Ursprung alles Lebens ist, dann und darum schauen wir überall Licht in Deinem Lichte." Anders wie in der Natur, ist der Begriff des Aesthetischen in der K n u st. Kunst ist Leben und Gestalt; der Künstler hebt die Seele ans den Dingen heraus und reicht sie uns in schöner Gestalt, wobei allerdings von der subjektiven Persönlichkeit des Künstlers mit in das Bild hineinfließt. Tie Betrachtung eines Kunstwerkes ruft einerseits eine mächtige Belebung aller unserer Gefühle in uns hervor, wir werden aufgerüttelt aus dem Alltagsleben und in eine neue lebendigere Welt versetzt, andrerseits tritt eine Entlastung, eine Befreiung ein. - Ter Redner suchte nun zunächst uachzuweisen, daß und ans welche Weise nach beiden Richtungen die Wirksamteit der Kunst dem Geiste des Judentums entspreche. Andrerseits ergeben sich aber aus dem einseitigen Ueberwiegen künstlerischer Bildungscinslüsse eine Reihe von Gefahren, die namentlich bei der weiblichen Jugend mit ihrem leicht erregbaren Gefühlsleben — aber nicht bei dieser allein — häufig in die Erscheinung treten. Das Judentum legt das Schwergewicht auf sittliche Pflichterfüllung im realen Leben. Demgegenüber ist von seiten über- ' tricbener ästhetischer Kultur Vierfaches zu befürchten: ein Auspeitschen des Gefühlslebens, das zur Sucht nach Sensationen 'ührt und stumpf macht gegenüber den keuschen Reizen des jütischen Pflicht!, bew-, zweitens das Ciuspinuen in eine Phanta.iewelt, mit dem dadurch erzeugten ästhetischen Egoismus. Weiter sind zu beachten, die aus der Individualität des Künstlers in das Knnsttverk und damit in die Seele des Genießenden eingehenden besonderen Lebensanschauungen undendlich die wichtige — erst von , Eduard v. Hartmann genügend klargestellte Tatsache — daß die ästhetischen Gefühle überhaupt ganz besonderer Natur, daß sie sogenannte „Schein-Gefühle" sind. Daran knüpfen sich sehr wichtige Konsequenzen. Der Redner bemühte sich, durch eine Anzahl von Beispielen die skizzierten Gedanlengänge klarzumachen und ging dann zur Betrachtung der ästhetischen Elemente im Judentum, im Pflichtenleben und im Gottesdienst, über. „In Schönheit" müssen alle Gottesgebote erfüllt werden (Hiddur Mizwoh) und vor allem besteht eine beinerkenswerte Analogie zwischen vem eigentlichen Wesen der Kunst (Versinnlichung des Geistigen- und den von Gott uns gereichten S y m b o l gesetzen. Im Anschluß an die bekannte Stelle in der Schiro: „Der ist mein Gott, ich will ihm in Schönheit dienen (nach der Erklärung der Weisen)" begründete der Redner dies m eingehender Weise. Unerschöpflich sind z. B. unsere Weisen in der Ausschöpfung des Lulab- und Esrog- Symbols, bei welchem ja in erster Linie die Forderung nach dem Schönen an uns herantritt. Auch bei den Symbolgesetzen liegt die Gefahr nahe, sich in eine Scheinwelt zu verlieren, daher ist es notwendig, diese Gesetze nicht nur vom gefühlsmäßjgenStandPunkte aus zu erfüUen, sondern man mutz sich ganz und gar von der Bedeutung und dem Gedanken, der dadurch zum Ansdruck kommen soll, durchdringen. Bum Schlüsse kommt Redner auf das Verhältnis des Aesthetischen zu unserem Gottesdienste zu sprechen. Unsere Gebetordner haben das Aesthetische in unsere Tesifloh hineingetragen, aber seine Gefahren für die Umnebelung des sittlichen Wollens in bewunderungswürdiger Weise erkannt und eliminiert. So arbeitet das Morgengebet bis Schma stark mit ästhetischen Elementen, aber ihr vorbereitender, das Gemüt reinigender Charakter trete klar zu Tage, wenn alles verstummt und im Schmone Esre lautlos die Seele vor dem Gotte der Wahrheit stehe. Aehnliches biete die Awaudo am Versöhnungstag. So sei auch die Orgel auf dem Boden des jüdischen Gottesdienstes, von allem andern abgesehen, schon ästhetisch unmöglich. Leider erlaube die Beit nicht, diese Gedankengänge weiter zu verfolgen und die zahlreichen ästhetischen Bestandteile des jüdischen Lebens alle aufzuzeigen. Ebenso erklärte der Vortragende, auf die Besprechung zweier weiterer Punkte, des Aesthetischen als Grundlage der Sittenlehre (Herbart) und des Aesthetischen als Element der Weltanschauung (Bölsche), ganz verzichten zu müssen. Ter Redner schloß mit einem Citate aus Schillers „Künstlern", in dem die Weltstellung des Schönen als Vorstufe des Wahren und Sittlichen betont wird. Das aber sei auch der Sinn des alten Seherworts, daß Gott die Gemüter der Menschen zwar dem Japhet öffnen, aber seine Herrlichkeit in den Belten Sems thronen lassen werde. In diesen Belten vollende sich das jiidische Ideal: gottgewolltes, energisches Handeln auf dem Grunde klaren Denkens und lebendigen, reichen Empfindens. Mit gespannter Aufmerksamkeit war das Publikum dem gedankenvollen und anregenden Vortrag gefolgt, und, nachdem der Redner nun geendet hatte, da brach der Beifall, in einem andauernden Händeklatschen lauten Ausdruck findend, mit spontaner Gewalt los. Der Knäuel der dicht gedrängten Buhörer lichtete sich und das Publikum zerstreute sich in die verschiedenen Säle, wo reichhaltige Büffets für eine kleine Stärkung sorgten. Ter zweite Teil des Programms ward in prompter Reihenfolge erledigt. Rezitation einiger Gedichte (Fräulein Rosi Meyer, Fräulein Martha Schames), Chorgesänge des Gesangvereins „Jeschurun" unter Leitung seines Dirigenten, des Herrn Papperle, nnd einige Lieder, von Herrn Oberkantor Pessachowitsch und Herrn Schwarz geschmackvoll vorgetragen, wechselten mit einander ab und vereinigten sich zu einem harmonischen Ganzen: zu ästhetischem Genießen aus dem Boden echter jüdischer Lebensanschauung. F r a n k f u r t a. M. Der Gesangverein Jeschurun (gegründet von Mitgliedern des Synagogenchors der Israelitischen Religionsgesellschaft unter Leitung des Dirigenten Herrn I. Papperle) hielt vor kurzem seine erste ordentliche Generalversammlung ab. Der Verein zählt bereits 50 aktive Mitglieder, deren eifriges Mitarbeiten der Vorsitzende rühmend konstatiert; eine Anzahl Freunde des Vereins gehört demselben als passive Mitglieder an. Ter in der konstituiereiiden Versammlung gewählte provisorische Vorstand wurde in der Hauptversammlung wiedergewählt und besteht aus den Herren Aron Klibansly, Vorsitzender, Oberkantor Pessachowitsch, Robert Aron, Gordon und Max Ltern. Neben seiner Hauptaufgabe, der Pflege des Männergesangs, möchte der Verein eine Pflegestätte edler Geselligkeit unter den Gesinnungsgenossen bilden. Ter Verein hosst in beiden Beziehungen einem lebhaft gefühlten Bedürfnis entgegenzukommen und bittet man freundliche Anmeldungen (Mitglicderbeitrag für aktive Mitglieder 6 Jf, pro Jahr, für passive Mitglieder pro Jahr 3 M) an Herrn A. Klibansky, Schöne Aussicht 11, gefälligst gelangen zu lassen, lieber das erste öffentliche Auftreten des Gesangvereins Jeschurun wird an anderer Stelle Ihres geschätzten Blattes berichtet. Frankfurt a. M. Tie diesjährige CHann k a f ei e r des Vereins „M o n t e f i o r e" hatte ein überaus zahlreiches Publikum in den Räumen des Kaufmännischen Vereins versammelt, das mit regem Interesse jeder einzelnen Nummer des reichhaltigen und gutgewählten Programms folgte. Nach dem Anzünden der Chanukalichter durch Herrn Kantor Levi hielt Herr Dr. Heinemann mit bekannter Meisterschaft die Festrede. Herr Dr. Heinemann hob in seiner Ansprache im Hinblick auf die bevorstehende „Eiuweihu n g" des neuen Heimes des Vereins Montesiore die Beziehungen zwischen den Idealen der Makkabäer und denen des Vereins Montesiore h:rvor. Der Gegensatz zwischen dem Judentum der Makkabäer und dem gleichzeitigen Hellenentum zeige sich, so sührte der geschätzte Redner aus, deutlich, wenn man die in lateinischer Bearbeitung uns ererhaltenen griechischen Lustspiele der., Jeit heranzieht; sie zeigen uns das Ueberhandnehmen der Sittenlosigkeit in beiden Geschlechtern und besonders häufig eine auffallende Kluft zwischen Vätern und Söhnen, indem die elfteren an der tüchtigeren Weltaüsfassung früherer Beilen noch festhalten, letztere aber dem Leichtsinn verfallen sind und mit Hülse schlauer. Sklaven die Väter überlisten. Im Gegensatz dazu ist die Kraft der Makkabäer aus dem ,«eite 3, Familienleben hervorgewachsen nnd die freudige Instimmung der Söhne zu den Idealen der früheren Generation führte den endlichen Sieg des Judentums herbei. So will auch der Verein Montesiore seinen Jünglingen die iin Familienleben in ihnen geweckten Ideale erhalten und eine zugleich kraftvoll und ideal gesinnte Jugend um sich scharen. Und wenn die edelsten der Hellenen, wie Platon, gemeint hatten, nur der Philosoph könne und. solle auf das Leben der Gemeinschaft fördernd einwirken, so soll uns Juden das nicht hindern, der lleberzeugung z» leben, daß auch der Einfachste zum Wohl des Ganzen beitragen kann und muß, indem er die sittlichen Anlagen in sich entwickelt, die in jedem Menschen schlummern. Einen Beitgenossen der Makkabäer, Philopömen, nannte man „den letzten der Hellenen", mit den Makkabäern ist das Judentum nicht gestorben, wie gleichzeitig die hellenische Kultur; und an uns ist es, die Ideale der Ahnen ungeschmälert zu erhalten. Reicher Beifall lohnte diese Ausführungen. Tann folgte das Absingen der Chanukahymne mit deutschem Texte, der sich künstlerisch vollendete deklamatorische, musikalische und gesangliche Leistungen seitens der sreien Chorvereinignng nnd der einzelnen Dilettanten anreihten. — Der Vorstand darf mit Befriedigung auf ein Fest zurückblicken, das ihm seitens der Teilnehmer volle Anerkennung eingetragen und den Verein selbst sicher neue Mitglieder znführen wird. m. Kassel, 21. Tezbr. Der hiesige israelitische Krankenpflegeverein, der bereits über 130 Iah e besteht, hatte zu einem Festmahl am Samstag Abend seine Mitglieder in das Hotel Meier eingeladen, die der Aufforderung zahlreich entsprachen. Galt es doch, das 50jährige Jubiläum eines der verdientesten Mitglieder, des Herrn Salomon Hossa, zu begehen, der zugleich über 20 Jahre Vorsitzender des Vereins ist. Das Mahl nahm einen sehr angeregten Verlauf, und in den mannigfachen Trinksprüchen wurden die Verdienste werktätiger Menschenliebe, die der Jubilar in den fünf Jahrzehnten in hingehendster Weise geübt, gebührend gepriesen. Eine andere Feier fand tags zuvor in der Wohnung des Herrn Hossa statt. Eine prächtig ansgestattete Adresse, welche die Wirksamkeit des Jubilars in beredten Worten anerkennt, wurde vom Vorstand des obengedachten Vereins überreicht Möge es dem wackeren, schlichten Manne noch lange beschieden sein, in dem ihm liebgcwordenen Kreise zum Wohle seiner Glaubensgenosten und zu seiner eigenen Befriedigung zu wirken. Grussenheimim Elsaß. In unserer Gemeinde wurde das Chanukasest besonders jestlich gefeiert. Nachdem für die zahlreiche Kinderschar während der Woche ein vergnügter Chanukaabend veranstaltet wurde, riefen die süßen Klänge eines Orchesters beinahe die ganze jüdische Gemeinde am Samstagabend ins Hotel Geisinar, wo im neuen Tanzsaale die hiesige Jugend unter der trefflichen Leitung ihres allgemein geehrten und tüchtigen Dirigenten, Herrn Heinrich Stüssel, eine theatralische' Vorstellung gab. Das war ein Genuß, etwas Seltenes, das jedermann von Herzen erfreute. Gegeben wurden 2 Lustspiele in elsäjsischer Mundart und ein Schwank in altdeutscher Sprache. Man glaubte sich nicht in Grussenheim, nein, in das Theater einer Großstadt glaubte man sich versetzt. Nur Lob und Dank ernteten die Mitwirkenden, woran besonders der Komiker Leo Hildenjinger den Löwenanteil verdiente. Folgte doch ein Witz dem andern, so daß die zahlreichen Zuschauer, darunter viele Fremde von nah und fern, aus dem Lachen nicht mehr herauskamen. Tem Herrn Slüsfel nochmals besten Tank! Er hat wirklich etwas Schönes geleistet mit seiner Künstlerschar. Und wie schön war der Moaus-Jur, den er mit dem Orchester (Streichorchester) einstudiert hatte! Er versteht es! Auf Wiedersehen am Purim, so Gott will. ' Ein Anwesender: JÜ. Srhorrr jetzt nehmen sämtliche Briefträger und P o st a n st a l t e n Abonnements für das I. Guartal entgegen Das „Frankfurter Israelitische Familienblatt" kostet in Frankfurt a. M. Mk. ft.— einschließlich Bringerlohn, auswärts Mk. ft 02 einschließlich Bestellgeld (bei Abholung von der Post 12 Pfg. weniger). Auch im Auslände nehmen sämtliche Postanstalten Abonnements entgegen. Berkades Frankfurter Israel. Familieublattes.

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