Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 59 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Die Anstifter und Lefter, die im Aufträge der russischen Behörden gehandelt/ haben, gehen frei aus. Einige unwissende, arme Kerls sind wohl verurteilt worden, aber auch ihnen wird bin Strafe nicht so schlimm zu stehen kommen. * * * Die Verhandlungen haben gezeigt, datz die russische Regierung ihre jüdische Bevölkerung vernichten will, und an uns Westeuropäern ist es nun, uns die Frage vorzulegen, wie wir das Centrum der jüdischen Vollskrast — und damit das ganze jüdische Voll — retten können. Eiu weißer Rabe im Kischiuewer Zustizgebaude ist der Rechtsanwalt Karabtschewski, bevor er mit seinen Kollegen sein Amt niederlegte, hielt er vor dem Gerichtshöfe noch eine Rede, die sich durch eine klare und eingehende Auffassung der wirklichen Sachlage auszeichnete. Er sagte u. a.: „Sie erinnern sich, was die Zeugin Bcila Chadschi und viele andere ausgesagt haben, daß mehrere Leute aus deui Volke einige Tage vor Ostern die Juden neckten und ihnen zuriefen: „Wozu schmückt ihr denn eure Wohnungen zum bevorstehenden Feste, es ist ja ein B e f e h l herabgelangt, euch alle insinsgcfanlt totzuschlagen!" Tiefe Ucberzcugung war eine allgemeine. Es ist also zweifellos die Aufgabe des Gerichts, vor allem festzu st eilen, wer der eigentliche Entrepreneur, der llrheber,der Autor dieser Gerüchte war; wer hat sie ersonnen,.erdacht und wie eine Brandfackel in d!e Volksmenge gejchlludcrt — diese unerhörte, schamlose, lügenhafte Version von einem kaiserlichen Befehl, die Juden zu schlagen, well sie angeblich Feinde des Zaren seien? Im Gegensätze zu den von einigen Verteidigern geäußerten Hoffnungen bin ich in Bezug auf den schwebenden Prozeß kein Optimist; ich glaube kaum, daß es gelingen wird, alle wirklich Schuldigen zu überführen und zu bestrafen. Es gibt historische Momente, in welchen man die volle Wahrhell nicht enthüllen kann, und ich glaube, wir befinden uns jetzt in einem solchen Zeitpunkt, allein das darf den Richter nicht verhindern, seiner Pflicht bis zum Ende nachzukommen; er muß alle Mittel erschöpfen, die ihm das Gesetz an die Hand gibt. Ich will genau angeben, in welchen Tatsachen und Umständen ich die Anzeichen einer Organisation und Vorbereitung zu den Exzessen finde. Es sind eben diejenigen Tatsachen, welche seitens der Voruntersuchung nicht nur nicht genügend beleuchtet, sondern geradezu sorgfäligst verschwiegen wurden. Vor allem bitte ich Sie, Ihre Aufmerksamkell auf bas äußere Bild der Vorgänge des 20. Aprll zu lenken; in der Stadt, tvar eine mehr als außerordenüich starke Militärmacht, die zur Unterdrückung ausreichend gewesen wäre; die Regimenter standen in Bereitschaft, in Erwartung der Befehle und inzwischen gänzlich untätig. Die Juden hatte man entwaffnet, man gestattete ihnen nicht, sich zu sammeln und sich zu verteidigen. Dann geschieht, wie auf ein gegebenes Signal, etwas Entsetzliches: Es zerstreuen.sich kleine Banden in den Straßen, zu gleicher Zeit entstehen an unzähligen Orten, an allen Ecken und Enden der Stadt gleichmäßig verlaufende Ausschreitungen. Ist das die Explosion einer Volksleidenschaft? Nein! Im Kommunique der Regierung wurde angeführt, irgend ein Zusammenstoß zwischen dem jüdischen Karusselbefttzcr mll einer christlichen Frau habe Anlaß zum Entstehen der allgemeinen Bewegung gegeben, die Untersuchung jedoch hat diese Behauptung umgestoßen. Es zeigt sich, daß ein Grund gesucht wurde, und daß man nachttäglich einen solchen erpichter hat, da es in Wirklichkeit keinen gab. Wäre aber ' ein Grund vorhanden gewesen, so hätte sich sicherlich das Bi.'d der statigehabten Unruhen anders gestattet und einen norma.cn, in gelvissen Grenzen sich entwickelnden Verlauf genommen; aus einem Funken wäre vielleicht an einem bestimmten Orte ein verheerendes Flammenmeer enflanden. Hier aber wurde ganz etwas anderes beobachtet! An hundert weit auseinander liegenden Punf« ten wurde gleichzeitig Brand st iftung geübt, es war ein notorisch künstliches Feuerlegen und kein natürliches Auflodern einer Volksleidenschaftl Und wie hörte plötzlich alles auf, wie legte sich dieser Sturm, den man als elementaren Ausbruch der Volks gesühle deuten möchte? In einem Augenblicke fast war gänzlich Ruhe. Als bekannt wurde, daß „v o n O b e n" ein Befehl cu gegl ben worden sei, den Unruhen ein Ende zu mache,, brauchte kein einziger Schuß abgefeuert werden, und sie waren zu Ende! Beruhigt sich so leicht eine aufgewühlte Volksmenge, die nach unwidcrs.eZllchen inneren Impulsen handelt? Anfang und Ende der. Ausschreitungen geschahen förmlich wie auf die Bewegung eines Zauberstabes! Die Vorgänge glichen einem bisher noch nie dagewesenen eigenarttgen Festspiele, von dem der Beginn und der Schluß Programm« . Frankfurter Israelitisches Familienblatt. gemäß angelündigt. wurden. Sie müssen zu-estehen, meine Herren des GcrichEhoses, daß ich von der Wahrheit nicht um ein Jota abweiche und ■. daß selbst nach den amllichen Protokollen im. Verlaufe weniger Stunden so viel Unheil angestiftet wurde, daß der Untersuchungsrichter mehrere Tage benötigte, um sich, eine Uebersicht zu verschaffen. Auf Grund verbürgter Tatsachen muß man sagen, daß ganz Kischenew während der E zessr gl ichsam in einen gigantischen r ö m i s ch e n Z i r -- kus des Altertums verwandelt war, wo vor den Augen des vergnügt dreinschauenden Militärs, der festlich applaudierenden Menge in der Tiefe der Arena sich das entsetzliche blutige Schauspiel entwickelt, daß von der einen Seite wehrlose Opfer hereingejagt, von der andern wütend gemachte Bestien gegen sic losgelassen werden; auf ein gegebenes Zeichen heißt es: „Schluß!", und das grauenhafte Schauf iel endet plötzlich. Ich behaupte, daß die äußeren Merkmale der Vorgänge di: besten Beweise für ihren inneren Zusammenhang und ihre Organisation sind." Aus aller Welt. Deutschland. Berlin. Jüdische Fortbildungsschülcr werden auf Antrag ihrer Ettern bezw. der gesetzlichen Vertreter der Eltern an den Samstagen und hohen jüdischen Feiertagen von dem Besuche der Fortbi.dungsschule befreit. Mit Rücksicht darauf, daß der jüdische Feiertag von Sonnenunlcrgang bis Sonnenuntergang dauert, hat der Kultusminister jetzt bestimmt, daß die Dispensation in der Leit vom 15. September bis 14. März nur für den Vorabend des Feiertages, in der übrigen Zeit nur für den Feiertag selbst stattfinden darf. Köln, 17. Dezbr. Die diesjährigen Repräsentantenwahlen haben zu einen, endgültigen Siege der liberalen Partei in unserer Gemeinde geführt. Indem diesmal die Kandidaten des , Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" in der 1. und 2. Wählerllasse durchgedrungen sind, ist nunmehr eine absolute liberale Majorität im Repräsentantenkollegium vorhanden. Der „Jüd. Volksverein" hat seine Kandidaten lediglich in der 3. Klasse, da allerdings mit überwältigender Majorität, durchbringen können. Tie Wahlbeteiligung war in allen drei Klassen eine gegen die früheren Jahre ungemein starke. Dieser Sieg der Liberalen ist jedoch nur ein künstlicher, durch das ungerechte und unjüdische Dreillassenwahlshstem errungener, denn die Kandidaten der konservativen Richtung erhielten zusammen 715 und die der liberalen Richtung 440 Stimmen und bei diesem Stimmenverhältnis-sind 12 SüBernle und 6 Konservative gewählt. Dresden. Im Königreich Sachsen sind im Jahre 1802 31 Uebertritte von Juden, hauptsächlich in Dresden und Leipzig, vorgekommen, während zum Judentum nur ein Mitglied der Landeskirche in Chemnitz übertrat. Wenn man bedenkt, daß das Königreich Sachsen kaum 10 060. jüdische Seelen zählt, so redet die Zahl von 31 Ncbertritten eine sehr traurige Sprache. Frankreich. P a r i s, 20. Dezbr. Die Zionisten hielten gestern Abend im Saale „Charras" hinter der Großen Oper einen Ball ab. Gegen Mitternacht erschien ein ärmlich gelleidetcr russischer Student, der um Einlaß bat. Er nannte sich Chaim Luban. Nachdem Luban eingetretcn war, durchlief er den Saal und machte vor einer Fenstcrecke Halt, wo Mar Nordau in einer Gruppe von Freunden plauderte. Luban zog plötzlich einen Revolver hervor und legte aus Nordau an. Ein daneben stehender Freund Nordaus schlug schnell auf den Arm des Attentäters und lenkte so die Kugel ab, die Nordau kaum streifte und ihn nicht verletzte. Dagegen traf eine zweite Kugel einen anderen Zuschauer am Unterschenkel und verletzte ihn leicht. Ter Attentäter wurde von den Anwesenden nach der Polizeiwache gebracht. Er gibt an, selbst Zionist nnd aus Bern gekommen zu sein, um das Todesurteil an Nordau zu vollziehen im Namen der wahren Zionisten, die in der Rückkehr nach Jerusalem die einzige Rettung erblicken, während der letzte Kongreß in Basel auch die Auswanderung in andere Gegenden zuließ. Luban hatte außer einem sechsläufigeu noch viermal geladenen Revolver nur zehn Centtmes in seinen Taschen, sonst nichts. Rußland. Petersburg. Jüdische Handlungsreisende in Rußland. Zu der Forderung deutscher Blätter,' datz in dem neuen Handelsverttage mll Rußland für deutsche Handlungsreisende mosaischer Konfession das Recht des ungehinder.en Besuches Rußlands und des Aufenthaltes daselbst ausbedungen werde, bemerkt die „Nowoje Wremja", das russische Gesetz könne keinen Unterschied zwischen russischen und. deutschen Juden machen und auch der Handelsvertrag keine den Nr. 59. russischen Grundgesetzen widersprechenden Punkte enthalten. Kiew, 13. Dezbr. Auf der Universität herrschte gestern Ruhe. In mehreren Hörsälen wurden vor einer kleinen Anzahl von Hörern Vorlesungen gehalten. Im polytechnischen Institut hielten trotz dessen zeitweiliger Schließung etwa 400 Studenten anläßlich dir Beschimpfung jüdischer Studenten durch russische eine Versammlung. Eine Bekanntmachung des Gouverneurs verfügte die administrative Bestrafung, von 25 Personen, welche der Veranstaltung von Versammlungen in Privatwohnungen zur Beratung staatsfeindlicher, die öffentliche Ruhe ge.ährdender Handlungen überführt wurden, mit Arrest von einer Woche bis zu drei Monaten. Unter den Bestraften befinden sich 19 J,wen. Kischinew. Mit der veränderten Haltung des Vorsitzenden und des Staatsanwalts im Prozeß, stimmt neuerdings das Verhalten des Gouverneurs, Fürsten Urussow, dessen Unparteilichkeit bisher tadellos war, überein. Er ließ Dr. Mutschnik, den Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Kischinew kommen und ersuchte ihn, mit den angesehenen Glaubensgenossen und deren Frauen an dem ossizicllen Weihnachtsempfang tcilzunehmen. Ms Mutschnik in einer zweiten Unterredung erllärte, daß nach Lage der Verhältnisse bei der gedrückten Stimmung der Juden der Plan nicht ausführbar sei und daß vor allem die jüdischen Frauen nicht teilnehmen, wurden, wurde Fürst Urussow sehr schroff. Ec erklärte, daß durch den Prozeß eine neue Erbitterung, namentlich auch beim Militär, erzeugt sei. Wenn daher neue Unruhen ausbrächen, trügen die Juden die Schuld. In gleichem -sinne äußerte sich der Chef der politischen Polizei, so daß man auf eine generelle Anweisung der Zentralinstanz schließen dars. Um die Anwälte der Zivilkläger von weiteren Schritten abznhalten, werden die Kischinewer Juden von neuembedroht und sollen auf die gebildeten Kreise Rußlands wirken, daß auch diese kleine weiteren Anstrengungen machen, die wahren Anstifter der Kischinewer Verbrechen der Bestrafung zuzusühren. Mit diesem Situationsbcricht stininit eine Alarmnarchicht überein, die heute dem Hilssverein der deutschen Juden von der russischen Grenze zuging, wonach neuerdings Exzesse zu den bevorstehenden russischen Feiertagen vorbereitet seien und eine Panik herrsche. Gouverneur Urussow fragte Mutschnik nach dem eventuellen Verhalten der Judenschaft. Mutschnik erwiderte, diese würde sich verteidigen,-worauf der Gouverneur andeutete, das MUitär würde voraussichllich zu .Gunsten der Exzedenten intervenieren.. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Der Verein Nachakath Zwl . eröffnete seine Chanukaseier mit einem Vortrag des Herrn Jacob Rosenheim über: „Das Ae st h e ti s ch e im Lichte des Judentums." Der Redner begann etwa wie folgt: Zu seinem Thema habe ihn das Chanukafest angeregt, denn, wenn auch noch andere Ursachen bei den Maccabaerkämpfen mitgespielt hätten, so sei doch das eigentliche Motiv derselben der Kamps zweier P.inzipien gewesen, der .Kämpfdes Hellenentums mit dem Judentume; und das Hellenentum hatte ja bekanntlich allerdings in historisch bedingter Form dem Aesthetischen — ohne genügendes Gegengewicht anderer führender Lebensmächte — zu seinem Prinzipe gemacht. Was den Begriff des Aesthetischen anbelangt, so fuhr der Redner fort, so sei das ästhetische Verhalten etwas Angeborenes, etwas schlechthin Menschliches, nichts künstlich Hervorgerusenes, in den Menschen von außen Hineingettagenes und schon darum allein sei es eine bedeutungsvolle Aufgabe der ftidischen Pädagogik, den ästhetischen Bildnngselementen Stellung und Begrenzung innerhalb des jüdischen Lebens anzuweisen. Hierzu anzuregen und Material zu einer solchen'Arbeit zu liefern, sei die Absicht des Redners. Wenn man z. B. das Meer betrachtet, so kann dies von drei Gesichtspunkten aus .geschehen: 1. vom erkennenden, ich kann das Meer ans seine Bestanbtelle hin untersuchen, die Ursachen von Ebbe und Flut ergründen usw., das Erkennen soll sich nach logt sichen Gesetzen vollziehen; 2. ich kann es meinem Willen dienstbar machen, ein Bad darin nehmen» um mich zu erquicken usw., das Wollen vollzieht sich nach ethischen Gesetzen; 3. Anschauend und empfindend, das Meer .— abseits von allem Denken und Wollen — in seiner Erscheinung betrachtend, in seiner Schönheit und in seinem majestättschen Gewoge; dieses Verhalten in seiner Reinheit heißt das ä st h e t i s ch e. Es gibt nun ein Aesthetisches in der Natur und ein Aesthetisches in der Kunst, das natürlicherweise, aus dem. Ersteren entstanden ist. Das Schöne in der Natur ist uns Inden sehr, geläufig und selbst die betende Lippe des Ghettojuden besingt, ohne es recht zu wissen, in brausenden Hymnen die Fülle des Schönen, das die. Natur durchdringt. Der Redner trug als Beleg für die Schätzung des Naturschönen im. helligen Schrifttum eine Reihe von Tnach-Stellen vor und betonte dann, wie auch das gottesdienstliche Leben in steter inniger Beziehung zu dem Wechsel und Wandel des