Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 59 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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car ♦ . Sg Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei inS Haus. Durch die Post bezogen SV Pfg. viertel- ' jährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Postzeitungsliste L741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.-). fif =a Redaktion und Haupt-Expedition Frstnkfurr «. Wl. Bergerstraße 25, parterre. Herausgeber: Kaly Geis. JnsertionspreiS für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zelle Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (Famllien-Rachrichten, Stellen-Angebote und »Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk 5.— SiS 8.— das Tausend. No. 59. Freitag, den 6. Tewes 5664 (25. Dezember 1903). No. 59. Bogelfrei! Draußen Frost und Schnee, drinnen beim gemütlichen Schein der Lampe behagliche Wärme Um den Tisch gruppiert sitzt die Familie; der Vater in die Zeituug vertieft, die Mutter die Stricknadeln hin und her bewegend, die Schwester mit verträumten Augen ganz auf dem wundervollen Balle, auf den das großbuchstabige Büchlein in dem eleganten Phantasie-Einband sie versetzt hat und der hoffnungsvolle muntere Tertianer mit einer gar grausigen Raubritter-Erzählung auf den Knieen. Ihr Alle habt einmal die Ritter-Heldenthaten an euch vorbeiziehen laffen; triefend von rotem Blut, erzählten sie euch von gar harten, unmenschlichen Zeiten. Auch ihr saßet dann beim Lampenscheine, wäret begeistert für die Kämpfe und Heldenstückchen jener schwertumgürteten Kraftmenschen, jauchztet mit ihrem Siege und wehklagtet mit ihrer Niederlage. Aber alle Wunden und Martern, ja selbst der Tod euerer Helden schmerzte euch nicht so sehr, als wenn ein Fürst ihn in Acht und Bann gethan hatte und er nun „vogelstei", gejagt wie ein gehetztes Wild, durch unwirtliche Wälder irren und an der friedlichen Wohnung des ärmsten Kohlenbrenners mit bang klopfendem Herzen vorbeischleichen mußte. Heimatlos, vogelstei! Uns stieret im warmen Zimmer, wenn diese Worte an unser Ohr gellen, und wir danken Gott, daß er uns in einer Zeit mit milden, menschlichen Sitten hat leben lassen. Doch am Ende sind jene unglücklichen Geächteten gar nur die Ausgeburt eines phantasievollen Schriftstellergehirnes? Soviel Hölle kann nicht in der Menschheit seinl — Und unser flotter, thatendurstiger Gymnasiast will schon wieder beruhigt in seinem Lesen fottfahren, da begegnet sein Auge dem des Vaters, oer die Zeitung plötzlich erregt zur Seite geworfen hat; und wie der Wolf unter die Lämmlein, ' so fällt jetzt dasWort „Sifdjineto" mit all' seinem, schon genügsam bekannten Jammer, der es durchwebt und umspannt, gleich einer Bombe in die eben noch so heitere Tisch- ' gesellschaft hinein. * . * Kischinew und wieder Kischinew! Im Sommer nach dem Geschehen des grausigen Hexensabbathes wochenlang die Berichte in den Zeitungen, und jetzt, nachdem oie Stimme des öffentlichen Gewigens der russischen Regierung wenigstens eine Prozeßkomödie abgezwungen hat, wieder der gleiche Vorgang. Das Martern und Morden unschuldiger Menschen hatte uns die Thränen in die Augen getrieben, aber die Prozeßkomödie läßt! unser Herz stocken. Wir find daran gewöhnt, daß viel Gewalt und Unrecht bei uns auf Erden geschieht, und haben uns deshalb über die Kischinewer Morderei getröstet, denn all die Gewalt und all das Unrecht werden wenigstens durch Gesetz und Recht eingeengt. Der Kischinewer Prozeß jedoch hat mit grellen Blitzstrahlen gezeigt, daß unsere lebenden Brüder in Rußland mehr zu bedauern find, als die Gemordeten; für sie giebt es kein Gesetz und Recht, sie sind vogelfrei, jeder, der sie trifft, darf sie töten. ■ ' Hoffnungsftohe Optimisten hatten trotz der ungünsttgen Vorzeichen wenigstens einen äußeren Sieg des Rechts durch den Prozeß erhofft, sie klammerten sich daran, daß es auch in Rußland doch wenigstens ein scheinbares Recht geben müsse, sie mochten nicht daran glauben, daß 5 Millionen Menschen in einem geordneten Staatswesen als Geächtete dem Untergange preisgegeben werden könnten. . Doch die Wendung, die die Verhandlung am 8. Dezember plötzlich nahm, zerstörte auch die letzte Spur von Hoffnung. An diesem Tage schlug nämlich der Vorsitzende eine neue Methode ein. Statt an die Zeugen die üblichen Fragen zu richten, waS ihnen von der Sache bekannt sei, stagte er nur danach, wie hoch der den Juden zugefugte Schaden sei, und ließ andere Fragen nicht zu. Die Vertreter der Zivilkläger protestterten gegen diese Fragestellung energisch, worauf sich der Gerichtshof zur Beratung zurückzog. Sein Beschluß erregte allgemeines Staunen und lautet: „Obgleich der Protest der Zivilkläger berechtigt ist, Arabische Händler.vor dem Jaffathor in Jerusalem. hat der Gerichtshof doch beschlossen, ihm nicht stattzugeben." Vermutlich war inzwischen ein Befehl des Justizministers eingetrosfen, der diesen Beschluß anordnete. Mit einem Schlage wurde nun die ganze Physiognomie der Gerichtssitzungen eine andere. Nun wußten es ja alle, daß die Verhandlungen nur noch aus das eine gewissermaßen vorbesttmmte Ziel hinsteuern: über die auf der Anklagebank Befindlichen das Urteil zu fällen, die wahren Schuldigen jedoch in ih rerunter dem Schutze der Obrigkeit geführten Hetze ruhig sortfahren zulassen. Niemand zweifelte mehr daran, daß der zweite Teil der Verhandlungen eine leere Formalität ist, jedes echten Wahrheitswortes, jeder Regung des Schamgefühls bar. Und da dies allen einleuchtete, so war das Interesse für die Verhandlungen erlahmt; der Sitzungssaal wurde leer, da auch die wenigen Besucher, die es vermocht hatten, sich Eintrittskarten zu verschaffen, den Sitzungen nunmehr fernblieben. Von den Zeugen fahren die einen fort, die Tragödie wiedcrzugeben, die anderen stellen die Tatsachen noch frecher auf, da es ja nach dem Fernbleiben der meisten Verteidiger und Vertreter der Zivilklage noch weniger Grund gibt, sich zu genieren. Trotz alledem machen auch die Zeugen dieser letzten Kategorie zuweilen sehr wertvolle Aussagen. Ein Schutzmann gibt aus die an ihn gerichtete Frage: „Warum habt ihr denn die Plünderer nicht auseinandergejagt?" zur Antwort: „Wieso sollen wir sie denn nicht auseinandergejagt haben? Wir taten es wohl. Einmal stürzten wir mit dem Polizeileutnant Offowski auf die Menge und riesen ihr zu: „Was macht ihr denn? Ihr überfallt ja ein christliches Haus!" Als man ihn dann stagte. wie oft er außerdem die Menge auseinanderzutreiben versucht habe, erwiderte er: „Nein, sonst war es ja nicht nötig!" Ein Soldat sagte aus, daß am Tage der Judenexzesse die jüdischen Soldaten nicht r n die Patrouillen geschickt worden sind, sondern in der Kaserne belassen wurden. Eine höchst charakteristische und bemerkenswerte Tatsache. Wir übergehen die Einzelheiten der Verhandlungen, die sich nun sehr schnell abspielten. Wie bekannt hatten die Verteidiger der Angeklagten und der Beschädigten fast sämtlich ihr Amt niedergelegt, da das Gericht sich weigerte, trotz vieler neuer durch die Zeugenaussagen zuweg" förderten Tatsachen, die Veryanvlungen zu unterbrechen und die Sache an die Voruntersuchung zurückzuleiten. Am 17. Dez. stellten auch die 4 letzten Advokaten, die bei dem Exodus der Verteidiger und Anwälte zur Vertretung der Sachen der Beschädigten zurückgeblieben waren, ihre Funkttonen ein und verließen den Saal. Anlaß hierzu bot die im Laufe dieses Tages vom Präsidenten bei der Einvernahme von Zeugen angewendete Methode, alle Fragen der Anwälte, die sich auf den Ursprung, Charatter, Zusammenhang und die Organisation der Ausschreitung beziehen, auszuschließen und die Fiktion festzuhalten, als wären lediglich einzelne zufällige Mordtaten oder Plünderungen vorgekommen, und als ob die Täter aus eigenem Antrieb gehandelt hätten. Dieses System ermöglichte ihm allerdings, im Zeitraum von zwei Stunden summarisch 50 Zeugen zu vernehmen. Da die Beschädigten niemals daran dachten, ihre Ersatzansprüche an die auf die Anklagebank gesetzten rohen und unwissenden Menschen zu stellen, sondern sich an die Hoffnung klammerten, daß die aus dem Kreuzverhör unwiderleglich sich ergebende Schuld der gutfituirten und hochstehenden eigentlichen Ansttster die Justtz zwingen würde, sich mit diesen zu befassen, so schwand bei der gegenwärtigen Haltung deS Gerichtshofes jeder Boden für die Wirksamkeit der Vertreter der Juden. Das Ende der Tragikomödie war: Gretochiu und Morosjuk, gegen welche die Anklage auf Mord lautete, wurden zu 7 bezw. 5 Jahren Zwangsarbeit, 22 weitere Angeklagte zur Einreihung in die Arrestantenkompagnien verurteilt und 12 steigesprochen. Die anhängig gemachten 48 Zivilklagen wurden sämtlich unberücksichtigt gelassen. Erläuternd bemerken wir, daß dieser Prozeß nur die erste Gruppe in der Prozeß-Reihe darstellt, daß damit aber schon für die folgenden Prozesse das Urteil gesprochen ist.