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Neue jüdische Presse · 1903-12-18 · Heft 58 (18.12.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 58 (18.12.1903)
Date
1903-12-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Nr. 58 Die Kinder kamen; Evchen stürmte herein, während' Ella langsam mit ihrem Bruder kam. David Schuhmann blieb nur noch eine Weile im Zimmer und ging dann. Zweites Kapitel. Das. Fenster stand offen. Eine leichte, leise Luft kam und fächelte die weißen Vorhänge, wie ein Windhauch, der still die Blätter bewegt. Die Pendeluhr schlug drei. Ella saß beim Klavier, während Evchen in vollem liebermut Allotria trieb. Jetzt erhob sich <Ma und nahm die voll aufgeblähte Rose, die auf dem Klavier in einer kleinen Vase stand und stellte sie aus die Komode. Da hatte sie es aber schön gemacht! Evchen ward fuchswilli: „Ich hab's doch „eigens" yergestellt, weil rch's dem Fräulein schenken will." „So, — darf man etwas Geschenktes wieder verschenken?" Eifrig erwiderte die Kleine in etwas trotzigem Tone: „Weiß ich auch, du darfft as aber verschenken, dem, den Du lieb hast." Sie nahm die Rose und, sich auf die Zehen stellend, wollte sie dieselbe, aus ihren alten Platz zurückstellen: da ertönte aber die Glocke der Haustüre, Myriam meldend. In hellem Jubel sprang sie der geliebten Lehrerin mit dem duftenden Geschenke entgegen. Myriam gab ihr einen Kuß. „Wo hast Du die schöne Rose her?" „Von meinem Bruder; der-hat sie mir gegeben." „Aber wenn mau etwas geschenkt bekommt, gibt man's nicht wieder fort." „Er sagte doch aber, ich Dürfte." Schmeichelnd schmiegte sie sich an Myriam: „Ich habe Sie lieb." Myriam verstand den Zusammenhang nicht ganz, aber sie heftete die Rose an den Busen. — Einige Minuten vor 4 Uhr kam David mit dem Ueberzieher und dem Hut in Händen. Ms Myriam sich zum Gehen anschicktc, fragte er, ob sie nach Hause gehe; er hätte auch in dieser Gegend etwas zu besorgen. Und so gingen sie. Die Straße war menschenleer. Nur hie und da einige Frauen, die Einkäufe besorgten, oder ein Bauer, der mit der Heugabel 'aufs Feld ging. „Man sollte nicht glauben, daß hier 1500 Menschen wohnen," bemerkte der junge Mann. „Sie lieben wohl den Großstadttrubel?" „Das grade nicht; obwohl ich 'eine Zeit lang . in der Großstadt wohnte. Aber diese Oede, die Straße sogar sieht ermüdet a-s." „Diese Mattigkeit grade gefällt mir. Wenn man letzt im Zimmer sitzen kann uuo arbeiten . . . still . . vor sich hin . . ." sie unterbrach sich, um dann hinzuzufügen: „Nicht Stunden geben müssen ... ." David blickte verwundert aus. „Sie tuen cs nicht gerne?" „O, doch . . . manchmal . . . zum Beispiel bei Ihren Schwestern! Aber systematisch — ohne Liebe, ohne Freude seine Zeit, einen halben Tag seines jungen Lebens hingeben, verkaufen." Ihre Stimme wurde verschleiert, der Tonfall, der immer so hell und llar war, dämpfte sich. Sie schwieg. Sie waren auch bei 'ihrer Wohnung angelangt und verabschiedeten sich freundlich. Nur der Druck seiner Hand war warm. „Wir verkaufen alle mehr oder minder unsere Zeit!" Sie nickte freundlich, verständnisvoll und verschwand. Zu Hause traf sie die Mutter im dunkelgemachtcn Zimmer. Sie saß und strickte. Myriam legte den Hut ab und setzte sich zu ihr: „Etwas Neues, Muttel? War jemand hier?" „Ja, rate einmal, Liebling." „Wie soll ich das?" „Nun Israel Fleischmann." ■ Myriam wußte nicht warum ihr kalt und kühl ums Herz wurde. Fleischmann war der Heiratsvermittler des Ortes. Fast tonlos fragte sie: „Was wollte er?" Die Mutter blinzelte sie gutmütig an: „Was will er, Kindchen?"> Myriam schwieg und die Mutter hielt es für angezeigt, for'zusahren: „Einen Schidduch wollte er Dir antragen, wie er Dir zum zweiten Male so glänzend nicht wieder ins Haus gebracht wird. Jossel Braude's Sohn will Dich, und', wenn Du ihn willst, dann haben wir ausgesorgr." Myriam llammerte sich an diesen Gedankengang der Mutter .... „Ja — dann haben wir ausgesorgt." Und sie spann diesen Gedanlensaden noch fort, als sie abends allein in ihrem Bette lag. „Schön wäre es, aller Sorgen entledigt zu sein. „ Die Bjuhtex» Wüßte Feine;; Kummer mehr haben — sie würde sie natürlich zu' sich ins Haus nehmen —; sie würde ihre Zeit nicht mehr verkaufen, einen TeU ihres jungen Lebens. Doch hier angelangt, kam eine Wolke der Bedenklichkeit und überdeckte das zarte schöne Blau der Hoffnung und Zuversicht. Leben! Mtt wem? Mit einem Manne, den der Schadchen, der „Seelenverkäufer" ihr zugeführt. Der Seelenverkäufer, ja, das war so ein Schadchen in ihren Augen; er handelte mit Seelen und verschacherte sie seines Profites wegen. Doch konnte er nicht auch einmal das Richttge tteffen? Wieder kam die Hoffnung hervor und lugte sie freundlich an. Das Richttge, was war es? Sie, eine jüdische Tochter, ein armes Mädchen, des Synagogendicners Kind ... Sie wollte ja gar kein großes Glück. Was ist überhaupt Glück? Sie war aus der großen Jugend heraus; sie wollte keinem unerreichbaren, der Seifenblase ähnlichen Ideale nachstreben, nur Zufriedenheit und Behaglichkeit, Hochachtung, gegenseitiges Vertehen .... Nur Verstehen . . . .! Jemehr sie doch darüber nachdachte, desto klarer wurde es ihr, daß dieses „n u r" alles bedeutet, daß zwei Naturen nur, wenn sie gleich fühlen und denken und empfinden, sich verstehen. Und plötzlich kam ihr ein Gedanke, pfeilschnell durchs Hirn . . . David Schuhmann! Sie wurde verlegen — jene Verlegenheit, die wir aus uns selbst empfinden, wenn wir uns bei Gefühlen und auf 'Gedankengängen „ertappen" — die uns bis jetzt fremd waren. David Schuhmann, — kannte sie ihn? Und doch, — wie sie sich verstanden! Sie lachte still in sich hinein, ironisierte sich elbst: Verstanden! Bah! Kaum dreimal gesprochen. Ueber Kindererziehung und Aehnliches. Aber der Gedanke ließ sic nicht los: Ihn würde ie immer verstehen, ihn, der so überlegt und so bedächttg seine Worte setzte. Unsinn! Sie legte sich auf die andere Seite. „Wollen sehen, was der Seelenverkäufer morgen bringt." So ein Schadchen ist ein eigenartiges — Tier, hätte ich fast gesagt . . . Mensch, wollte ich agen. Pfiffig und ernst zu gleicher Zeit; wahr und doch verlegen. Er übertreibt, wo cs gilt, „die andere Seite"' zu heben, ins Unermeßliche, Uferlose . . . lügt also auf gut. Deutsch. Er sagt aber auch die Wahrheit, die bitterste, ungeschminttestc Wahrheit. Das können wir jetzt so recht sehen. - Frau Weiß sitzt mit verschränkten Armen und nickt nur mit dem Kopfe. Myriam sitzt regungslos und starret den Sprecher an. Israel 'Fleischmann aber läßt sich nicht einschüchtern. Er ist unbarmherzig. Jetzt schnäuzt er sich geräuschvoll und sährt fort: „Ja — nu — ich meine: Sagt doch selbst, was hat so eure jüdische Tochter zu erwarten? Nichts. Mit einem Worte. Mädchen „wie Mist" gibt es. Jawohl. Ich meine: nu — ja . . . Und wenn nun Euere Tochter ein Glück machen kann — ein wahres Glück, daß sie Gott und Leut' beneiden — wollt Ihr nicht? Das ist unerhört! Warum — nur — warum?! Eine Zusammenkunft doch . . . warum nicht — ha? Kann das schaden? Kostet das was? Nichts kostet eS, sage ich," und er wird witzig: „Zwei Glas Kaffee, nicht mehr. Ich verzichte auf meinen Teil. Nu — ha — ich meine: Warum nicht. Er ist ein reicher Mann — ein „gelernter" Mann, ein gebildeter Mann. Kann alles. — Wollt Ihr deutsch, wollt Ihr polnisch, wollt Ihr russisch, — ja — sogar französisch spricht er; kurzum: Alles, „was Ihr nicht wollt," — hä, — warum wollt Ihr nicht? Worauf warten? Bis Ihr einen grauen Zops bekommt?" Das letzte, Wort galt dem Mädchen. Und so fuhr er fort zu sprechen — wer weiß wie lange. tFortsetzung folgt) Personalien. Aus der Provinz Starkenburg. Dieser Tage verstarb die älteste jüdische Frau in der israelitischen Gemeinde zu Heusenstamm, Frau Wwe. Sara Doiny geborene Feist im hohen Alter von 85 Jahren. Es fei hierbei erwähnt, daß diese Frau in Mitzwah misassek b'mes groß war und ihres gleichen suchte. Reichtümer hinterließ sie nicht; sie hatte stets einen guten Humor und gab schlagfertige jüdische Antworten. Sie war auf die Mildtätigkeit edeldcnkender Menschen und auf Unterstützungen der Wohltätigkeitskassen angewiesen und flössen ihr Gaben reichlich zu. Stets besorgt, um den jom hamisoh, bestellte sie schon bei Lebzeiten den Grabstein. — Von ihrer Schwiegermutter in Mannheim, einer hohen Neunzigerin, wird sie noch überlebt, gewiß eine Seltenheit. München. (Beerdigung.) Unter sehr großer Antellnahme, hauptsächlich von Angehörigen des Kaufmannsstandes, wurde am Freitag Nachmittag auf dem israelitischen Friedhofe der im Aller von 51 Jahren verstorbene Großhändler Herr Isidor Braumann der Erde übergeben. Der Verstorbene, Teilhaber der weltbekannten Firma Braumann u. Thannhauser, Rohprodukten- und Lederhandlung hier, genoß in der Münchener Handelswelt nicht nur, sondern auch in weittren Kreisen hohes Ansehen. Hamburg, den 1. Dezbr. Goldene Hochzeit. Herr I. S. Drucker und Frau, die Eltern des Herrn Theaterdirectors Emst Drucker feierten heute das Fest der goldenen Hochzeit. Das Jubelpaar, von dem 8er Ehegatte im 75,, die Ehegattin im, 73. Lebensjahre steht, erfreut sich noch einer seltenen geistigen und körperlichen Frische, Die Eheleute, die sich auch in weiteren Kreisen großer Beliebtheit erfreuen, waren heute Gegenstand vielfacher Ovationen. Schon in früher Morgenstunde and, in der Synagoge Heinrich Barthstraße eine entprechende Feier statt. In der Wohnung des Jubelpaares in der Bogensttaße fand sich später Herr Oberrabbiner M. Hirsch ein, um im Aufträge des Senats die von diesem gestiftete Ehejubiläumsmedaille zu überreichen. Gleichzeitig mit der Medaille wurde ein Schreiben überreicht, in dem Herr Senatssetteiär vr. - Hagedorn den Oberrabiner beauftragt. dem Jubelpaar mit der Medaille die Glückwünsche des Senats auszusprechen. Hamburg. (Delegicrtenwahl.) Bei der stattgefundenen Wahl zum Delegiertenlolle ium des Shnagogenberbandes der, deutsch-israelitischen Gemeinde wurden die Herren Dr. S. P. Nathan, Martin Mathiason, Js. Jakobsen, Ludwig Mainz und Einil Helft zu Mitgliedern neu- und wiedcrgewählt. Leipzig. Sonntag mittag fand unter außerordentlich starker Beteiligung der Vertreter der Rauchwarenbranche und vieler auswärtiger Freunde des verstorbenen die, Beerdigung des Seniorchefs der Firma Leopold Apfel, Herrn Joseph Apfel, aus dem Israelitischen Friedhöfe statt. Herr Rabbiner Dr. Porges schilderte in ergreifender Rede die edlen Charaktereigenschaften des Verstorbenen, seine Herzensgüte, seinen Wohltä.igkcitssinn, seine allgemeine Beliebtheit, er erwähnte ferner seine Tapfe,keit im letz en Kriege, welcher er das Eiserne Kreuz zu verdanken hat. . H ö r i n g s h a u s e n. Am 28. Dezember werden mit Gottes Hülse, .Herr Abraham Biclhardt und Frau Esther geb. Lion das Fest ihrer goldenen Hochzeit feiern. Ter Jubiläumsbräutigam ist 78 und die Jubelbraut 74 Jahre, und erfreuen sich beide noch einer vollen Rüstigkeit. Die gesamte Gemeinde nimmt regen Anteil an der Feier, denn Herr Bickhardt hat sich durch seine aufrichtige Religiösität und eine unermüdliche Schaffensfreude, die Achtung und die Liebe seiner Mitbürger erworben. Gott hat dieses echt jüdische Ehepaar mit Kindern gesegnet, die treu in seinen Bahnen wandeln und im Leben eine angesehene, geachtete Stellung einnchmen; mögen Herr und Frau Bickhardt noch weiter den S'chus ihres Tuns genießen und in Gesundheit die diamantene Hochzeit erleben! A m st e r d a m. Ter Nestor der hiesigen Chasonim, Herr B. Kals ist hier im Mtcr von 70 Jahren gestorben. Newyork. Salomon Loeb, ein bekannter Newyorker Philanthrop ist gestorben. Loeb, der aus Süddeutschland stammt, kmn 21 Jahre alt, 1849 nach den Vereinigten Staaten und begründete in Cincinnati ein Manufakturwarengcschäft. Im Jahre 1865 siedelte er nach Newyork über und 1867 gründete er im Verein init den Herren Kuhn und Wolfs ein Bankgeschäft unter der jetzt noch bestehenden Firma Kuhn, Loeb n. Co. Seitdem er vor drei Jahren sich von seiner geschäftlichen Tätigkeit zurückgezogen hatte, widmete er sich vorzugsweise philanthropischen und wohltätigen Werken. Er war Gründer und Förderer einer Anzahl gemeinnütziger Korporationen. Tie. jetzigen Inhaber der Bauk,irma sind die Herren Jacob H. Schiss und Paul M. Warburg (Schwiegersöhne des Verstorbenen), ferner Mortimer L. Schiff und Felix 'M. Warburg (seine Enkel), Louis H. Heinsheimer und Otto H. Kahn. Eine dritte Tochter des Herrn Loeb ist die Gemahlin des Herrn Jsaac Newton Se.'igman, Teilhaber der New-, Yorker Firma I. u. W, Seligman n. Co. und von seinen beiden Söhnen ist Herr Morris Loeb Professor an 'der Newyorker Universität, der andere, Herr James Loeb widmet' sich ebenfalls wissenschaftlichen Aufgaben. Sprechsaal. lWir übernehmen für diese Rubrik nicht die redaktionelle Verantwortlichkeit). Zionismus und Judentum. In der Nummer 88 des „Israelit" ist an leitender Stelle. eine Kritik des Jüdischen Vottskalender mit der Unterschrift T. erschienet Diese Kritit beschäftigt sich in Wirklichfeit nicht mit dem reichhaltigen Inhalte des Buches, sondern bricht wieder einmal den Zionismus vom Zaune. Tie durchaus unsachlichen Ausführungen des Herrn ü. zu beleuchten, sollen meine Zeilen, um deren Ausnahme, verehrter Herr Redakteur, ich Sie ersuche, bezwecken. Der erste Vorwurf, den ich Herrn L. zu machen habe, ist, daß er im Fahrwasser der Antisemiten segelt, indem er gleich ihnen Vergehungen Einzelner einer Gesamtheit zur Last legt. Herr L. würde sich sehr dafür-bedankeg,, ipcjm man ihm jeden sogenannten orthodoxen Juden an ' 'seine. Nockschöße hängen wollte; — soll es doch auch orthodoxe Juden geben, die es nur dem Namen nach sind und. in Wirklichkeit die Lehren des Judentums geradezu mit den Füßen tteten. Ein Herr Schiller spricht von Entwicklung des Judentums. Dies ist Apikorsus! Herr Schiller ist Zionist; er schreibt ja doch in einemjüdischen Volkskalender, den Herr Zlocisti, ein Zionist, redi-

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