Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 58 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 58. frankfurter Israelitisches Familienblatr. Seite 3. leine Geschichte an uns vorbei' ziehen lassen!; sie wird uns die Festesstimmung geben, die uns heute vereinen soll. . In drei große Gruppen ließ sich damals unser Volk teilen, in Chassidäer, Hellenisten und Maccabäer. Die Chassidäer, das waren die Frommen, die sich mit der Lehre beschästigten, die am liebsten ruhig und friedlich innerhalb ihrer 4 Wände saßen und die jeher Politik abhold waren. Es bedurfte erst der größ.en Freveltaten eines Antiochus, um sie aus das Gebiet des öffentlichen Lebens hinauszulocken, und gar schnell kehrten sie wieder in ihre Bethäuser zurück,.den Gang der weiteren Entwickelung Gott überlassend. — Die zweite Gruppe waren die Hellenisten, die mit unseren heutigen Assimilationsjuden vergleichbar, die unter Abstreifung alles Jüdischen, sich dem Griechentum Hingaben und besonders in der Nachahmung der Auswüchse griechischer Denkungsart sich als Meister zeigten. — Als dritte Gruppe tommen die Hasmonäer, die das Judentum im Herzen und das Schwert in der Hand des Feindes Herr wurden und das Vaterland retteten. Versetzen wir nun jene fernen Zeiten in unsere Gegenwart, so sehen wir, daß auch wir unsere Chassidäer, unsere Hellenisten und unsere Maccabäcr haben. Auch wir haben unsere Chassidäer, sie fühlen sich unliebsam berührt, wenn jemand kommt und sie von ihrer lobenswerten Beschäftigung aufstört. Sobald die Lage unserer unglücklichen Brüder im Osten wieder einmal so unerträglich geworden ist, daß der Schmerzensschrei ihrer Beraubten und Gemißhandelten die Welt durchzittert, dann besinnen auch sie sich und sammeln — Almosen. Ist es nicht menschenwürdiger, ist es nicht mehr im Sinne des Judentums gehandelt, unseren Brüdern dadurch zu helfen, daß man sie existenzfähig macht, als daß man sich damit begnügt, ihnen Almosen zu geben? — Aber auch ihre Hellenisten hat unsere zeitgenössische Judenschaft, nänilich die große Zahl jener, die sich glücklich fühlen, wenn sie alles Jüdische abstreifen, die gleichgültig den schweren Sorgen der Judenheit gegenüberstehen, die jedes jüdische Brudergefühl in sich zu töten trachten und im stillen Her-enslämmerlein den Un ergänz des Judcntums begrüßen würden. — Schließlich gibt es bei aller Not der Zeit auch noch ein Maccabäerhäuflein, dem es nicht geniigt, sich durch Spenden der Bruderpflicht zu entledigen, sondern die gelobt haben, nicht zu ruhen und nicht zu rasten, bis die jüdische Station das erreicht hat, was ihr fehlt, nämlich ein sicheres Heim." Reicher Beifall lohnte den Redner, und der Beifall setzte sich fort, als Herr Assessor Tr. Friedcmann das Wort nahm, „hioet Borwürfe," so sagte Herr Dr. Friedemann, „werden den Zionisten gemacht. Der erste Vorwurf ist, daß hauptsächlich die jüngeren Elemenle die Mannen der zionistischen Bewegung stellen, junge Leute, die noch nicht dazu berufen sein können, über das Geschick eines Volkes entgegen den Anschauungen der berufenen Kreise zu. entscheiden. Eine kleine Geschichte dürfte hiergegen die beste Antwort geben. Im rasenden Sturme schaukelt ein Schiff auf dem Meere. Kapitän und Steuermann stehen auf dem Deck, um zu beratschlagen, ^wie der drohenden Gefahr zu entgehen sei. Sie können sich nicht einigen.; der 'Steuermann meint, die Küste sei noch weit entfernt, der Kapitän, sie sei nahe. Plötzlich sagt der Kapitän: „Was sind wir für Esel, fragen wir doch den Matrosen im Masttorb, denn der ist doch der Berufenste zur Entscheidung dieser Frage, da er den weitesten Ausblick hat." Kaum hat er das Wort gesprochen, da rennt das Schiff auf und zerschellt. Kapitän, Steuermann und Mastkorbmatrose retten sich an das Land. „Du hättest doch das Land sehen müssen!" sagt, nachdem sie sich vom schlimmsten Schrecken erholt haben, der Kapitän zu dem Matrosen gewendet. „Jawohl, berufen wäre ich dazu gewesen, aber — ich habe geschlafen," war die Antwort, die der Matrose gab, und das ist auch die Antwort, die die Zionisten den „berufenen" Kreisen geben. Weil ihr schlafet, darum sollen wir das Schiff zerschellen lassen? — Nein, niemals! Als zweiten Vorwurs bekommen die Zionisten immer zn hören, daß ihre Pläne „Utopien" seien. Aesop, der griechische Fabeldichter, wurde einst auf der Landstraße von einem ihm als Faulpelz bekannten Manne angeredet, wie weit es noch bis zur nächsten Stadt sei. „Geh!" erwiderte Aesop. „Aber ich frage Dich doch, wie lange ich noch zu gehen habe!" „Geh nur, erst muß ich Deine Schritte sehen, dann erst kann ich beurteilen, wie lange Du bis zur nächsten.Stadt gehen wirst." — Nun, die Zionisten gehen. 120 000 der ärmsten Juden haben 7 Millionen Mark für die Kvlonialbank und innerhalb zweier Jahre 1 Million für den Nationalfond sich abgehungert. Wenn die westeuropäischen Juden etwas mehr ' als günstigsten Falls „Sympathie" hätten, wenn auch sie helfen würdey, nutz, dann, kqnnt!; der Zionismus sich der Ausführung seiner Pläne schneller nähern." Herr Dr. Friedemann schloß mit der Aufforderung, heute Abend des Nationalfonds zu gedenken und der Frankfurter zionistischen Ortsgruppe beizutreten. 170 Mark Bar und 12 Beitrittsanmeldungen, Ware» der Erfolg. Nach der Rede des Herrn Dr. Friedemann trat ■ eine halbstündige Panse ein. Ter zweite Teil des Programms wurde neben 2 weiteren Violinvorträgen des Herrn Großkopf durch den von Herrn Max Speier gedichteten Einakter „Aus Zions Lager' ausgefüllt. Das- Stückchen fand allgemeinen Beifall. Wir selbst möchten für spätere Aufführungen die Rolle des Cpielmannes und des Schriftsteller: missen, dagegen aber den Sieg des Weltmannes über den Prediger etwas erschwert sehen: cs dürfte dann das Ganze noch mehr zur Geltung kommen. Die Aufführung war nicht ganz frei von den Folgen der schnellen Einstudierung — noch nicht einmal 2 Wochen —, jedoch wurden die Hauptpersonen (Frankfurter, Weltmann, Russe) ihrer Rolle im vollsten Maße gerecht. Mit dem Bewußtsein, einen vergnügten Slbend verlebt zu haben, trennte sich um 12 Uhr das Publikum. Frankfurt a. M. Das diesjährige Chanuka- Fest des Montefiore - Vereins findet am Samstag in den Räumen des Kaufmännischen Vereins statt, und dürfte das von erstklassigen Künstlern ausgeführ.e Programm allseitigen Beifall finden. Das in diesen Tagen ausgegebeuc Vortragsverzeichnis für die Monate Januar—Februar—März ist mit hervorragenden hiesigen und auswärtigen Rednern besetzt und wird dem rührigen Verein gleichfalls eine Reihe neuer Freunde zufübren. Die feierliche Einweihung der neuen Bercinsräume findet am Sonntag, den 3. Januar 1904 Nachmittags .1 Uhr statt. Eintrittskarten werden vom Vorstand kostenlos verabfolgt. Wiesbaden. Am 13. Dezember hielten im Logensaale zu Wiesbaden Herr James Simon und Herr Dr. Paul Nathan aus Berlin einen Vortrag über „Die Aufgaben des Hilfsvercins der Deutschen Juden und seine bisherige Tä.igkeit". Die sehr gut besuchte Versammlung nahm beide Borträge beifällig auf. Es erfolgten sogleich zahlreiche Beitrittserklärungen und es konstituierte sich ein Lokal.omitec in Wiesbaden, bestehend aus den Herren: Simon Heß, Moritz Heimerdinger, Jacob Hirsch, Bernhard Liebmann, Simon Morgcnthau, Moritz Simon. Tr. Lecpold Seligsohn, Mayer Baum, Josef 'Blumenthal, Felix Goldschmidt, Dr. H. Kornblum und Hermann Strauß. Es sind die genannten Herren zugleich die beiden Vorstände der dortigen Gemeinden, und zwar der israelitischen und der altisraelitischen Kultusgemeinde. Mosbach. Herr Bezirksrabbiner Dr. Löwcnstein wird Samstag Abend im Verein für gesellige Unterhaltung über das Thema „Messiauische Schwärmereien (Zionismus)" sprechen. Würzburg, 11. Dezbr. Bei der Neuwahl eines Kassierers für den israelitischen Frauenverein dahier, wurde an Stelle des verlebten, verdienten Herrn Levi Forchheimer, Herr S. M. Strauß hier gewählt. Hoffen wir, daß dem Vereine wieder eine Kraft gewonnen wird, die ihre Dienste den guten Zwecken so uneigennützig widmet, wie es in rastloser Arbeit per leider so jäh aus dem Leben geschiedene Herr Forchheimer seit mehr als zwei Jahrzehnten getan. K ö n i g s b e rg. Der israelitische Verein für Krankenpflege und Beerdigung beging in den Räumen der Bürgerressourcc am letzten Sonntag in üblicher Weise die Feier seines 199jährigen Bestehens. Tie zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste, so-- wie die Vertreter des Gcmeindevorstandes wurden durch den stellvertretenden Vorsitzenden Herrn Max Arendt herzlich begrüßt, wobei er sein Bedauern aussprach, daß der erste Vorsitzende, Herr Herrmann Wolffheim, infolge Unwohlseins leiser an der Teilnahme verhindert wäre. Zugleich widmete H rr Arendt dem im letzten Vereinsjahre verstorbenen langjährig n Borstandsmitgliede Herrn Naumann Landsberg einen warmen Nachruf. Herr Tr. Vögelst, in sprach aus den Verein, Herr Löwensteiu auf den Vorstand der Gemeinde, Herr Obersekretär Klein auf die aktiven Mitglieder und Vereinsärzte, während die Worte des Herrn Stadtrat Magnus itt ein Hoch auf den Vorstand des Vereins ausk.angen. Weitere Toaste brachten noch die Herren Dr. Eliassow und Meyerowitz. Die von Herrn Oberkantor Birnbaum vorgetrazenen Lieder ernteten stürmischen Beifall, ebenso das von Herrn G. Michaelis gedichtete Festlied. B e u t h e n, 6. Dezbr. Der Israelitische Franenverein veranstaltete heute im Sanssouci-Etablissement ein Wohltäligkeitsfest in großartigem Rahmen. Ter Saal war nach Angabe des Ingenieurs Hermann Grünwald in wahrhaft sürstlicher Weise dekoriert und durch Aufstellung einer Anzahl von Verkaufsstellen, Buffets usw. für den Zweck des Festes bestens vorbereitet. Eine Schar von Mädchen und jungen Frauen in geschmackvoll gewählten farbenprächtigen Kostümen hatten es übernommen, Ansichtspostkarten, Rauch- und Eßwaren aller Art an den Maün zu bringen. Ein ad hoc gedichteter stimmungsvoller Prolog, von Frl. Kopfstein gesprochen, von Herrn Tr. Kopfstein gedicb'et, leitete die reichhaltigen Darbietungen ein. Zuerst enthü lle der Vorhang ein sehr wirksam arrangiertes lebendes Bild „Szene aus dem 2. Mt des „Fliegenden Holländers", dem sich ein von 16 jungen Damen getanzter Wiener Wäschemädeltanz anschloß. Ein weiteres lebendes Bild, „Vorstellung der Braut" (Rokokko- Szene), gefiel ebenfalls sehr gut. Zur Abwechselung wurde dann ein Riesen - Grammophon vorgesührt, das eine Anzahl Lieder und Chöre wiedergab. Ten zwei en Teil der dramatischen Abteilung bildete das humoristische .Mosersche Singspiel „Aus Liebe zur Kunst", von den Herren Max steinitz (Strobel), Frl. Castelly (Kawline) voni Stadttheater, als Gast, Herr Reichmann (Kulike), Herr Koplowiy (Trillhase), Herr Pinkus (Reumann', Fräulein Spiegel (Jette) mit einer Gewandtheit dargestellt, die bei Tilettanten selten ist. Zum Schluß folgte Tanz. Breslau. Bor einem Publikum von ca. 1000 Personen, sprach Herr Tr. Klee-Berlin, Mitglied des zionistischen Aitionskomitees, in einer Versammlung über „Tie Bedeutung des 6. Zionistenkongresscs in Basel für die Gesamtjudenhcit". Er wandte sich mit besonderem Nachdruck gegen jene Gegner, die sich in kosmopolitischen Träumen wiegen, und verteidigte den Gedanken der Harmonie von deutschem Patriotismus und zionistischer Gesinnung. Er zeigte das enorme Wachstum der Bewegung in den letzten Jahren, die zahlreichen differenten Anschauungen auf religiösem und politischem Gebiet, die in den „Fraktionen" zum Ausdruck kämen, und sich allesamt zn einem gemeinsamen jüdischen Ideal bekennen, besprach das Afrikaprojekt und die Aussichten des diplomatischen Zionismus. Zum Schluß zeichnete er in kurzer, Strichen ein Bild des der Kultur zugeführten alten Heimatlandes. Wahre Beifallsstürme entfesselten jene Stellen der Rede, an denen der Redner in warmer Begeisterung für di: jüdischen Zukunstsideale gegen die bisherige Anbiederungspolitik der westeuropäischen Juden zu Felde zog, die einem neuerstarkten jüdischen Bolksbewußtsein habe weichen müssen, lieber 70 Beitrittserklärungen zur Ortsgruppe, reiche Nntionalsondsspenden und einen großen moralischen Erfolg brachte jener Slbend der hiesigen zionistischen Ortsgruppe. Königshütte (Oberschlesien). Ter israelitische Krankenpflege- und Beerdigungsverein hielt kürzlich unter dem Vorsitz des Kaufmanns L. Altmann seine Plenarsitzung ab. Aus dem vom Vorsitzenden erstatteten Rechenschaftsberichte geht hervor, daß im vergangenen Jahre für die Zwecke des Vereins 6901,20 Marr größtenteils auf die Unterstützung einheimischer Glaubensgenossen und 1465,06 Jk auf die durch die Choleraepidemie in Notlage geratenen Glaubens-Genossen in Jerusalem und die unglücklichen Glaubensgenossen in Kischinew, sowie diverse Kur- und Krankenpslegevereine entfallen. Wie in allen Jahren,, so legt auch diesmal der Jahresbericht Zeugnis von dein segensreichen Wirken des Vereins ab. Das ließ vor Allem das Wachsen erkennen, denn der Verein weist jetzt die stattliche Anzahl von 433 ordentlichen und drei Ehrenmitgliedern auf. Budapest, 3. Dezbr. Der Ungarisch - Israelitische Handwerks- und Ackerbauverein hielt gestern unter dem Vorsitze Dr. Armin Neumanns eine Ausschußsitzung. Der Bericht des Exekutivkomitees, daß 73 Handwerkerzöglinge ausgenommen wurden, ist genehmigend zur Kenntnis genommen worden. Aus den Stiftungen „Markus Pollak" und,.Enlilie Singer" wurden an sieben nenetablierte Handwerker, einstige Zöglinge des Vereins, Subventionen in - der Höhe von 3000 Kronen bewilligt. Stuf Antrag Dr. Emil Farkas' wurden fünf Maurerlehrlingen zur Absolvierung des Winterlehrkurses für Baugewerbe und zwei Weberzöglingen zur Absolvierung des Webereilehrkurses Stipendien im Betrage von 700 Kronen bewilligt. Semkketon Das Glück. Novelle von A. H a l b e r t h a l. (Fortsetzung.) Er blickte auf und sah 'in das Gesicht Myriams, das fragenden Zweifel an seine Worte ailsdrückte. Toch bald verschwand die Unsicherheit aus ihren Mienen: sie war mit sich ins Reine gekommen und hatte ihre Antwort. „Stein, ich bin der Meinung, die Jugend will genossen sein, immer, überall. Man darf sie nicht einengen, nicht künstlich ebben, sonst verliert sie entweder das Gleichgewicht oder versinkt in Schwermut. Und Beides ist gleich gefährlich, gleich ungesund." Sie blickte gedankenvoll, in Erinnerung verjunken vor sich hin. „Sie sprechen ja, als ob Ihre' persönliche Erfahrung . . .?" Myriam hob die Lider. Ihre großen, schönen Augen blickten den Frager an. Diese persönliche Frage berührte sie augenscheinlich unangenehm. Auch Tavid Schuhmann mochte das empfunden haben, demi als jetzt die Klingel gezogen wurde, erhob er sich rasch: „Das sind sie . . . Verzeihung." Dieses letztere Wort bezog sich wohl auch auf seine letzte Frage.