Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 58 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 58. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. giert; — also sind die Zionisten Apikorsim. Ein anderer Herr schreibt im Kalender „Scheuet nicht allzusehr die Sünde". Tics ist gottlos! Auch dieser Herr ist Zionist, also sind Zionisten gottlose Gesellen. Herr k., ist das eine ehrliche Kampfesweise?! Herr k. stellt zwei Fragen, die ihm von sehr ernster und schwerwiegender Natur zu sein scheinen: l) „Warum die Eltern eines vom Judentum Abgcfallenen ihr Kind ' gleich einem Verstorbenen betrauern, da doch das Kind noch weiter Nationaljude nur nicht jüdischer Konfession ist!" Herrn X. ist ein kleiner Irrtum unterlaufen, statt vom Judentum zu sprechen, spricht er vom Christentum, denn das Christentum ist bloß konfessionell und mithin international, das Judentum aber ist durch und durch national und derjenige, der formell vom Judentum abfällt, verleugnet gleichzeitig die jüdische Nationalität. 2) „Wieso ein Richtjude zum Inden dadurch werden kann, daß er die verpflichtende Kraft der jüdischen Religion erkennt und anerkennt, nicht aber dadurch, daß er das Bürgerrecht in Palestina erwirbt." Eben deswegen, weil das Judentum keine bloße Konfession ist, sondern eine soziale Gesehgebli,ig, eine jüdische Staat-Verfassung nach Gottes Recht und ohne die Verfassung des Landes, die gleichzeitig Religion des Volkes, auzucrkenneu, ohne ihre Gesetzgebung zu akzeptieren, kann man kein Bürgerrecht erlangen. Nun will, ich meinerseits zwei Fragen au den Herrn k. richten: 1) Kann ein Jude, der seine jüdische Nationalität um die Nationalität seines Wohnortes, sagen wir um die deutsche 'Nationalität cintauscht, als guter Jude gelten? 2) Kann ein Nichtjnde, der bloß den religiösen Teil des Judentums anerkennt, nicht aber den nationalen, als Jude gelten? Oder g'nügt es, das; man bloß die 12 Glaubensartikel aner.ennt und den einen, der sich aus die jüdische Zukunft und entgültige Geulo bezieh!, als Phrase gelten läßt?.. Ich könnte noch manche Fragen aufwerfen, unterlasse cs jedoch, da ich als religiöser und nationaler Jude auf dem Verständigungsboden .-wischen den orthodoxen und nationalen Inden stehe, wie der Leser aus den folgenden Zeilen ersehen wird. Herr.1. meint, der Gegensatz zwischen den Nationaljuden und den Religiösenjudeu sei unüberbrückbar, es gebe keinen gemeinsamen Boden. Tem ist es aber nicht so. Tie Basis: der Verständigung ist Liebe und Vernunft. Liebe macht den Stammesbruder, der die Fahne feines Volkstums hoch hüll, zum wirklichen Bruder, ohne zu fragen nach seiner Gesinnung. Tie Liebe ist es, die das Verhältnis des Juden zum Juden nach den 3 Grundsätzen : 1j „Kol Israel becheskns Kaschrus“. („Jeder Jude ist als guter Jude beglaubigt ssolange ihm das Gegenteil nicht nachgewicscn Isis"), 2) „Panschei Israel meleim Mizwo Kerimaun" („Sogar die Frevelnden in Jiroel sind voll guter Thaten. wie Granatäpfel"). 3) Israel af al pi schechoto Isröel hu“ („Ein Jude" bleibt Jude, wenn er auch gefehlt hat") festgestellr hat. Tie Liebe ist es, die da sagt, daß die Grundregel des Judentums: ,.Ein saumchin all haneis“ („Ter Jude soll sich nicht aus Wunder verlassen") nicht nur für den einzelnen Juden, sondern auch für dir Gesamtheit gilt und ebenso, wie der einzelne Jude selb st zu, handeln hat. im festen Vertrauen aus Gott, daß er ihm zu Hilfe komnien werde, so auch die G e s a m t h e i t. Die Liebe ist es, die aus „Piknach Nofesch“ („Erhaltung des Einzellebens") des Einzelnen auf „Pilcvaoh Nefesch“ der Gesamtheit ein Kalwocbaumer zieht. Tie Liebe — nicht aber „p u r e Politik" — wie Herr X. dem augenscheinlich die Liebe zur Gesamtheit ganz und gar abhanden gekommen ist — meint — ist es, die nach dem Vereinenden im Judentum und Judenhcit sucht und daher die Hervorhebung und Betonung des Nationalen.' Tic Liebe ist es. die keine Verallgemeinerungen kennt und von den Handlungen des Einzelnen keine Schlüsse auf die Gesamtheit zieht, und die Vernunft ist es, die die Unhaltbarkeit der Lage der Judcnheit und zugleich des Judentums einsehen läßt. Liebe und Vernunft lehren uns» den eigenen Brüdern zu vertrauen, — daß in ihren Händen das Judentum viel besser aufgehoben sei» wird, als in den Händen fremder Völler, die von ihrem Hasse gegen das jüdische Volk unzählige Mal t.eugnis abgelegt haben; und wenn Tausende streng orthodoxer Ji den, darunter hunderte Geäunim, sich dem Zionismus mit Herz und Seele angeschlosseu haben, so ist es lediglich deshalb, weil sie diese Liebe und Vernunft besitzen. Nur derjenige, welcher die Liebe und Vernunst nicht kennt, kann nicht und will nich: den Zionismus verstehen: er kann weder die richtigen Ursachen seiner Cntst.hung begreifen, noch seine Cxi'ienzberechtigung anerkennen, noch an seine Verwirklichung glauben. Eines möchte ich noch sagen: Herr .1'. ha: weder klug noch ehrlich gehandelt, im Namen der orthodoxen Juden zu sprechen, denn alle Welt weiß, daß der Zionisten aus orthodoxen Juden bestehen: Herr .1. hat höchstens nur im Namen weniger Politikmacher das Wort geredet.*) X. i. Briefkasten. B. in I. In Oesterreich ist die Sozialdemokratie ganz beträchtlich von dem 'Antisemitismus infiziert, und auch in Teutschland haben wir in letzter Leit bei-den Sozialdemokraten öfters antisemitische Aenßerungen vernehmen 'müssen. So schrieb der „Vorwärts", das Parteiorgan der deutschen Sozialdemokratie, anläßlich der Wahlergebnisse der preußischen Landtagswahieu: „Natürlich ist die Frankfurter Souueinannokratie setzt Mansche oben ob dieses Wahlsieges." Frau Dr. L. in M. Ob Honigkuchen rituell erlaubt ist? — 'Ans Ihre Frage hin haben wir im *) Wir haben zu den obigen, uns von sehr geschätzter Seite cingesandten und gewiß aus eingehendste Beachtung Anspruch erhebenden Ausführungen einige Bemerkungen zu machen: wollen jedoch damit warten, bis unser Leserpublikum hierzu keine Stellungnahme bekundet hat. Anm. d. Red. Kochbuch nachgesehen und dabei folgendes Rezept gefunden: Honigkuchen. Zutaten: 2 Kg. Weizenmehl, 2 Kg. Sirup, 100 Gr. Schweineschmalz, lf,0 Gr. Butrcr, 200 Gr. gemahlener Zucker, 10 Stück gestoßene 'Nelken, 10 Gr. gestoßene Zimtblüte, 10 Gr. Kardamom und 20 Gr. gereinigte Pottasche. Tie Pottasche, die tags vorher mit etwas Roscnwasser aufgelöst ist, wird mit allen Zntatei^ zu einem festen Teig verarbeitet, den man einige Tage an einem kühlen Ort ruhen läßt, worauf man ihn mit ein wenig unterstreutem 'Zucker dünn ausrollt und runde Kuchen aus der ausgerollten Platte sticht. Tie Kuchen bestreicht man mit Rosenwasser und backt sie dann. P. A. Ihr Eingesandt — Entgegnung auf die Ausführungen der Herren Dr. Korer und Dr. Friedemann — kann, da zu spät eingetroffen, erst in nächstwöchentlicher Nummer Aufnahme finden. G., Herlishai». Das Schulgeld in der Israel. Realschule der hiesigen NeligionSgescllschast, ist für auswärtige dasselbe, wie für einheimische Schüler; es steigt von Mk. 130 bis Mk 190 pro anno. Familiciruachrichteu. (Aufnahme in diese Rubrik kostenlos.) iSeburten. Eine Tochter, Herrn Rechtsanwalt Dr. Ludwig Haas, Karlsruhe. Eine Tochter, Herrn Max Marx. Frankfurt a. M., Wiescnau 52. Verlobte. Flora Mayer, Mannheim, Fricdrichsring 46, mit Leopold Werlheimer, Mannheim. Lorenzstraße 14. Rosa Hecht. Bamberg, nüt Sigmund Weil, Fürth. Rosa Cranier, Frankfurt a. M., mit Arthur Oppenheimer, Frankfurt a. M. Sterbesälle. Bertha Rothschild, geb. Ottenstein Wwc., 62 I., Frankfurt a. M., Bärenstraße 6. Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 19. Dezember, Wochenabschnitt Mikeiz. Sabbath Ausgang in Frankfurt a. M., 5 Uhr 15 Almuten, Cassel 5 Uhr 03 Minuten, Berlin 4 Uhr 44 Minuten. Israelitischer Mädchenklub Fahrgaese 1-16. Jeden Abend von 7 Vs—10 Uhr geöffnet. f Colonial- Häusl G. m. b. H. Stiftstrasse 7. © (jrünebnrgwegv 71. Rotlintstrasse 2. Wir offerieren Ia. garantiert koschere weisse Kernseife per Pfund 33 Pfg. Neu aufgenommen die Niederlage der Zwiebackfabrik Ehrlich. Ferner empfehlen wir: Tafel-Feigen in Präsent-Kistchen ä 48 Pfg. 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