Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 58 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ante 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 56. ist ihm deshalb „Nachahmung des Höchsten im menschlichen Bilde". Auch hier werden wir den Einfluß jüdischer Anschauungen an Herder erkennen, wenn wir an Grundsätze, wie folgende deuten: „Die göttlichen Gebote sind nur zur Läuterung des Menschen gegeben". Oder: „das biblische Wort: „An.Ihn (Gott) sollst du anhangen"" heißt: „Hange dich an Seine Eigenschaften" usw. Schon aus dem bisher Berührten erkennen wir, daß der Geist, der uns in den Schriften Herders anspricht, aus dem iiäm'ickicn Borne geschöp't hat, der der nie versiegende Lebensquell des Jul en ums ist und daß so der Geist Heroers eine Richtung verfolgt, die ln paralleler Linie zu demselben Ziel hinstrebt, wohin uns unser Judentum weist. Offenbarer wird uns aber diese Richtung des Herderschen Geistes, wenn wir jenen Gedanken folgen, die der unvergleichliche Kenner des Judentums bei der Betrachtung der Selle des Judentums, des jüdischen Schrifttums gedacht. Gelegentlich eines Vergleiches mit der klassischen Literatur des Mtertums, spricht er sich über die heilige Schrift mit den folgenden Worten aus: „Ich gebe gerne zu, zur Abbildung der Schönheit, Milde und einer gewissen menschlichen Würde der Gottheit, kann man von Griechen und Römern lernen, besonders die schöne Kürze, das Unübertricbene, Prächtige und Angemessene in den . Beschreibungen. Aber Weisheit, Macht, Majestät, alles Hohe nnd gleichsam Unbegreifliche in der Gottheit — darin sind . . . die Dichter des alten Bundes eine wett reichere, unerschöpfliche Quelle". Oder an einer andere» Stelle: „In solchen Bildern sind die Römer gegen Hiob, Mose, Jcsaija und auch David wie ein Tropfen zum Ozean, und Schande ist's, an einem Tropfen zu lecken, wenn ein Abgrund von Größe, Hoheit, Majestät vor uns ist." Und er stieg auch zu dieser unerschöpflichen Quelle, zu diesem Abgrund von Größe, Hoheit und Majestät herab und holte Schätze hervor, die er in ihrem wahren, bis dahin ungekannten und ungeahnten Werte zu würdigen verstand. (Fortsetzung folgt.) Aus aller Wett. Deutschland. Frankfurt. An den Ausschußwahlen zur israelittschen Gemeinde nahmen 139t Gemeindemitglicder Teil. Es entfielen aus Leopold Jgersheimer 1386, Ad. Baer-Goldschmidt 1379, Dr. R. Stern 1332, Jos. Wisloch 719, Raphael Ettlinger 693, Leo Ellinger 681, L. Kaufsniann 670 Stimmen. Die 5 ersten Herren sind gewählt. — In den Vorstand wurden die Herren 'Raphael M. Kirchheim, Wilhelm Theodor S.crn und Sanitätsrat Dr. Jafft gewählt. m. F e l s b e r g, Bz. Kassel, 15. Dezbr. Die hiesige Synagoge, in welcher im Herbst ein Teil der schweren Lchmdecke über der Einporc Herabsiel, sodaß Pulte und Sitzplätze beschädigt wurden, wird jetzt vollständig renoviert. Tie ettva 180 Quadratmeter umfassende Lehmdecke, die auch an mehreren anderen Stellen gefahrdrohende Risse zeigte, ist gänzlich abgenommen und cur bereit Stelle eine Tielenbedeckung getreten, mit deren Fertigstellung Man gegenwärtig beschäftigt ist. Nürnberg, 11. Dezbr. (Vermiedene Panik.) Während des Gottesdienstes in der Synagoge erlosch die elektrische Beleuchtung. Ter Gottesdienst wurde nicht unterbrochen^ und das Publikum bewahrte eine musterhaft ruhige Haltung. Tadurch wurde eine Panik vermieden. Nach einer Viertelstunde erst erstrahlte das elektrische Licht wieder. Berlin. „Der Verein Deutscher Studenten" hatte, wie alljährlich vor den Lesehalle-Wahlen, von seinen „Mten Herren" eine Akademiker-Versammlung nach den Eermaniasälen einberusen lassen, die von allen Parteien stark besucht war. Die Versammlung hatte vielleicht diesmal eine größere Bedeutung äls in den Vorjahren, da in diesem Semester die Universität mtt fast 8000 Studierenden ihre Höchstbcsuchszahl erreicht hat und also der Zufluß an jungen Studenten, die der D. D. St. gern an seinen schon etwas ramponierten „nationalen" Wagen spannen möchte, ungewöhnlich groß ist. Tie Referenten des V. D. St. fanden es unerhört, daß 40 Prozent der jüdischen Schüler höhere Lehranstalten besuchen, während die christlichen Eltern einen weit geringeren Prozentsatz ihrer Sprößlinge dazu anhalley. Interessant waren die Verbeugungen der „Nationalen" vor den Zionisten, obgleich sie von diesen zurückgttviesen würden. Aber immer wieder bezeichneten die' ^Nationalen" die Zionisten als sympathische Gegner gegenüber den „Assimilationsjudcn". A.'s das Thema „Antisemitismus "angeschnitten wurde) wurde der B. D. St. sehr ttefsend als „Akademische Sektion der antisemitischen Part.i" bezeichnet, worauf stud. Rcinan vom V. D. St. den antisemitischen Charakter seines Vereins ableugncte und die höchst interessante Erklärung abgab, daß ia „die antisemitische Partei ihrem Untergänge entgegengehe" nnd für den unerfreulichen Ausgang verschiedener Fälle, wie z. B. den Konitzcr, verantwortlich sei. Viel zur Belebung der Stimmung trug ein „nationaler" Finke bei, der den Antisemitismus „philosophisch" erklären wollte und bei Gegnern und Freunden wahre Lachstürme entsesfelte. Zum Schluß aber rektifizierte er sich selbst, indenr er erklärte, er» hätte nur „gespaßt". Wie immer schloß der V. D. St. die Versammlung damit, daß er sich durch eine Resolution selbst ein Vertrauensvotum erteilte. Karlsruhe, 14. Dezbr. Vorgestern Abend ist der 60 Jahre alte israelitische Vorbeter Löb Hann aus Riga auf der Etllingerbrücke tot aufgefunden worden. Er mag dort aus Unachtsamkeit einem Zuge der Mbtalbahn zu nahe gekommen, von diesem erfaßt, zu Boden geworfen und eine' Sttecke weit geschleift worden sein, ohne daß es vom Zugspersonal bemerkt worden ist. Ter Verunglückte hat eine schwere Verletzung am Hinterkopf und ein paar Rippenbrüche erlitten. Hannover. (Aus der Shnagogengemeinde.) In einer am 8. d. M. stattgehabten Versammlung zahlreicher Gemeindemitglieder wurde u. a. auch die Einführung des Religionsuntcrrichls an den höheren Knabenschulen besprochen. Tie recht lebhafte Diskussion über diesen Gegenstand bewies, daß innerhalb der Gemeinde ein großes Interesse an dieser Frage vorhanden ist, und daß mau im allgemeinen dieser Neuerung mit Sympathie begegnet. Dagegen wurde von vielen Rednern hervorgehoben, daß die bislang von den städtischen Schulen bewilligten zwei Stunden pro Woche durchaus ungenügend seien, um den seitherige» guten Leistungen der Gcmeindeschule gleichzukommen, und daß daher dahin zu wirken fei, daß als Ergänzung dieser zwei Stunden die Religionsschule in ihrer jetzigen Bol.kommenhsit beibehalten werde. Ein dahingehender Antrag au den Gemeindevorstand soll in einer demnächst zu berufenden neuen Versammlung beschlossen werden. Freiburg. Hier hat sich, ein Verein )übischer Studenten konstituiert. Posen. Ein Legat von 300 JL hat das Gemeindemitglied Markus der hiesigen jüdischen Gemeinde vermacht. Die Zinsen sind an seinem Sterbetage zu verteilen. Frankreich. Paris. Ein antisemitisches Tcndenzdrama von Maurice Tonnay ist die letzte Novität des Pariser Gymnase-Theaters. Sie entfesselte bei der Premiere wllde Radauszenen. Das anmutige Stück Betitelt sich „Die gkückkehr von Jerusalem". Eine getaufte Jüdin entführt einen edlen und tugendhaften Arier seiner ebenso edlen Gattin, die cs natürlich mit der verderbten berechnenden Semitin nicht aufnehmen kann. Er gerät in eine ausschließlich jüdische Umgebung, lernt alle Verworfenheit der jüdischen Rasse von Strebern, Schmarotzern, Feiglingen kennen und trennt sich endlich angeekelt von der getauften Jüdin. Diese jüdische Bankierstochter, die sich taufen läßt, um Gräfin zu werden, sich aber während des Taufaktes auf den Altarstufen zuschwört, ihr unterdrücktes Volk an ihrem Gatten und seinen Standesgenosseu zu rächen, ist ein lächerliches Hirngespinst. In Wirllichkeit trachten diese Frauen ihren Ursprung vergessen zu machen und eignen sich eher zu komischen Verwickelungen als zu tragischen Konflikten. In dieser Vernachlä sigung der Wirklichkeit beruht der Hauptfehler des' Stückes, das an Stelle psychologischer En Wickelung nur wohlfette Schlagworle setzt. Tic beiden ersten Akte sind äußerlich unterhaltend, der dritte armselig mit seiner konven ionellen Lösung. Das Drolli'ste aber ist, daß der Direktor des Gymnase-Theater Frank, die Hauptdarstellerin Madame Lebargy und — der Verfasser Maurice Donnay Juden sind. Sonnabend pfiffen einige Zuschauer nach der Rede, die der Held des Stückes über den Antimilitarismus der Juden hält, andere Zuschauer -gerieten mtt den- Pfeifern in Wortwechsel. Ein großer Lärm entstand; die Polizei mußte erscheinen und die Streitenden entfernen. Auch dann begann der Skandal immer von neuem, bis der Schauspieler Dumeny an die Rampe trat und erklärte, die Vorstellung würde abgebrochen werden, falls sich das Publikuni nicht beruhigte. Draußen aus der Straße kam es dann noch zu 'Schlägereien zwischen beiden Parteien. Rußland. Petersburg. Eine Folge der Vorgänge in Kischincw scheint die gewesen zu sein, daß man in Rußland den jüdischen Rekruten nicht mehr kraut und sie aus Garnisonen wcgzuhalten bestrebt ist, in denen die jüdische Bevölkerung besonders hervortritt. Bisher wurden die jüdischen Rekrulen aus den größeren Städten des Südens meistens nach Kischinew gebracht. Jetzt hat man aber in Odessa und Kiew aus Petersburg den Befehl erhalten, in Zukunft keine jüdischen Rekruten in solche Garnisonen zu senden, die der Schauplatz von Unruhen waren. Statt dessen werden die Rekruten nach Warschau, nach dem Kaukasus und nach dem fernen Osten abgeschoben werden. Die russischen Militärbehörden machen den bei der Fahne dienenden Juden, besonders sowett dieselben aus den Städten kommen, den Vorwurf, im russischen Heere in sozialistischem und revolutionärem Sinne zu wirken. Kischinew. (Judenauswanderung.) Ein Korrespondent des „Odessk. Listok" meldet, daß sich zutn Frühjahr eine sehr bedeutende Judenauswanderung aus Kischinew vorbereitc,' und zwar aus allen Schichten der Bevölkerung, vom armen Schuhmacher bis zum wohlbestallten Kapitalisten. Die Auswanderung soll drei Richtungen einschlagen. Die Anhänger des alten Zionismus gehen nach Palästina, ändere nach Nord- und Südamerika und der größte Teil nach Südafrika, in das „neue gelobte Land" Uganda. Politische Vergewaltigung, lieber politische Prozesse gegen Juden, durch die nachgcwiesen werden sollte, daß die revolutionäre Strömung von den Juden erzeugt sei, wird der Voss. Ztg. aus Petersburg geschrieben: In den letzten beiden Monaten fanden drei derartige Prozesse in Minsk, Kowno und Odessa statt. In den ersten beiden Prozessen hat die Administration eine kiägliche Niederlage erlitten, denn sämtliche Angeklagten wurden vom Gericht frcigesprochen. Als der Vorsitzende Z:s Gerichts die Angeklagten darauf für frei erk.äete, ließ der anwcjende Chef der lokalen Gendarmerieverwaltüng du Frcigesprochenen f e st n e h m e n. Sie werden nun Wohl auf administrativem Wege verbannt werden. In Odessa hatte die Administration mehr Glück mtt ihrer Anklage. Sämtliche sechs Angeklagten wurden schuldig erkannt und zur Verbannung nach Sibirien „auf ewige Zeiten" verurteilt. Tie Gerichtsverhandlung fand hinter verschlossenen Türen statt. Ans den Vereinen. Frankfurt. Am ersten Chanuka - Abend fand unter sehr starker Beteiligung eine Sijumfeier des hiesigen Mekor-Chajim-Vereins in den Räumen des Restaurant Neuhof statt. Ueber 50 Personen hatten sich zu dieser Seudas Mizwoh eiugefunden, darunter eine große Anzahl Herren, die unter der bewährten Leitung des Herrn Rabbinats - Assessor Gerson Posen die Masechto Schowuaus selbst durchgelernt hatten/ Nachdem das übliche „Auslernen" vor sich gegangen war, begrüßte der Vorsitzende b 's Vereins, Herr Marcus Hirsch, in warmempsundener Rede die Festteilnehmer, indem er dem Wunsche Ausdruck verlieh, daß der Verein auch bei seiner ernsten Täsigkeit, die darin besteht, junge Leute zu bewußten, pflichterfüllten Juden hcranzubilden, stets eine derartige Frequenz zu verzeichnen haben möge. In sinnreicher Weise schilderte Herr Hirsch den Wert des Vereinslebens, pries das Zusammenwirken von Lehrer^ nnd Schüler und endigte mit einem Hoch auf den eigentlichen Veranstalter des ■ Abends, Herrn Rabbinats- Assessor Posen. Herr Posen erwiderte in ausführlicher Weise, indem er ein getreues Bild von den jüdischen Zuständen entwarf, wie sie vor ca. 60 Jahren an hiesigem Platze herrschten, -wie sie sich im Laufe der Zeit mit Gottes Hülfe durch das unvergängliche Wirken des Frankfurter großen Rabbiners Samson Raph. Hirsch in. erfreulichster Weise besserten und wie das; Lernen, in der Weise, wie es jejjt hier am Platze betä.igt wird, nicht zum Wenigsten dem Einflüsse seines Lehrers, des Herrn Rabbiner Dr. Breuer zuzuschreiben sei, dem auch das Hoch des Redners galt. Noch manche wohldurchdachte und zündende Redewurde gehalten. Herr Neuhof trug durch das Vorsctzen von vorzüglichen Speisen in reichhaltigster Weise viel zum Gelingen der Feier bei. Der große Humor der Festteilnehmer, welche sich alle in Channka- Stimmung befanden, kam durch humoristische Vorträge und Gesänge — ich erinnere hier auch an den Gesangsvor rag des Herrn Oberkantor Pessachowitsch — zum Ausdruck. Nachdem längst nach Mitternacht Herr Posen das Tischgebet gesprochen hatte, verließ man unter den Klängen von Moäus Zur den Festsaal mit dem Bewußtsein, einer schönen, altjüdischen Seudas Mizwoh bcigewohnt zu haben. Frankfurt a. M. Schon bevor die von der hiesigen zionistischen Ortsgruppe im Saale des Kaufmännischen Vereines veranstaltete Maccabäer-Feier ihren Anfang genommen hatte, konnte die Festgcberin einen großen Erfolg verzeichnen,- denn an 600 Personen waren der Einladung gefolgt. Der Vorsitzende des Festkomitees, Herr Dr. med. Jos. Meyer, erössnete den Abend mtt einer kurzen Besprüßungsansprache. Herr Arthur Rosenheimer rezitierte in vollendeter Weise mehrere, das jüdische' Goluselend ergreifend schildernde Gedichte des Tichters Morris Rosenfeld, und Herr A. Weiß erfreute das Publikum mit einigen Liedern. Nun betrat der begabte Violinvirtuose,/Herr S. Großlopf, die Bühne, um unter allgemeiner Sstännüng 2 wundervoll und vollendet gespielte Piecen vorzutragen. Herr Rechtsanwalt Dr. Koref aus Hanau hielt dann die Festrede, die wir hiermit im Auszuge wiedergeben. „Der Schimmer des Lich.es, der Schall 'des Liedes, das wir im Anschluß daran zu Hause gesungen, sie führen uns zurück in längst verflossene Zetten. Das Geschlecht der Häsmonäer erscheint wieder vor unserem geistigen 2ttrge, und so wollen wir