Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 58 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692355--00621-2695026- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
cv ♦ fl ♦ Mbonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) 'Postzeitungsliste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. l.50 vierteljährlich (Ausland Pst. 2.—). Redaktion uni» Haupt-Erpeüition Fr«nKfrrrr «. Ml. Bergrrstratzr 25, parterre. Herausgeber: Saly Geis. Jnsertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zelle ML 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Rachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, DL 5.— biS 8.— daS Taufend. No. 58. Freitag, den 29. Kislew 5664 (18. Dezember 1903) No. 58. Herder und das Judentum. Zum hundertsten Todestage Herders. Von Benno Fischer. Das deutsche Volk feiert am 18. Dezember, an dem hundertsten Todestag I. G. Herders, das Andenlen eines seiner größten Geister und zugleich eines der hervorragendsten Genien der Menschheit. Und mit warmer Begeisterung niinmt auch der Jude in Gemeinschaft mit seinen nichtjüdischen Mitbürgern Anteil an dieser Feier, sowohl dem freien Zug des eigenen Herzens folgend, wie auch getreu der Weisung seiner alten Lehrer, die die Ehrung und Würdigung weiser und genialer, um die Wissenschaft verdienten Männer in jenen schönen, die Menschenweisheit in ihrer Größe und Beschränktheit, in ihrem wahren Werte erkennenden und einzig richtig wertenden Segensspruch gefaßt haben: „Gelobt sei, der von seiner Weisheit dem hinfälligen Menschen verliehen hat." — Das 18. Jahrhundert war ein Frühling der Menschheit, ein Völtermai, wo das ganze intellektuelle Leben aufs neue ausblühte, eine wunderbare Periode, wo in den Höhen, wie in den Niederungen der Gesellschaft, in den Kreisen der Bildung, wie in den Massen der Völker, ein stetiges Ahnen für die höchsten Güter der Menschheit sich kundgab und die Hpffuung auf eine Erlösung aus allerlei Sklaventum des Mittelalters die Menschengemüter erfüllte. Diese Geistesrichtung ist gewiß ein gemeinsames Werk, aller jener großen Geister, jener in Wahrheit llassischen Menschen, jener Dichter und Denker, an denen dieses durch und durch emanzipative Jahrhundert geradezu beispiellos reich war. Aber unter diesen zeitgcstaltenden Genien, die ihrem Jahrhundert die Grundstimmung von edlem Scelenschwung, von erhebendem Enthusiasmus, von hoffnungsfteudigem Idealismus, von stolzen Humanitätsgedanken und vertrauensseligem Glauben au den Fortschritt der Menschheit ansdrückten und die so scharf von dem verdrossenen Materialismus, dem mechanischen, allem Höhern verständnislos und feindselig abgewandten Egoismus, dem engherzigen, ungerechten Partei- und Rassenhaß unserer Zeit absticht; unter diesen hohen Geistern des im besten Sinne Ausklärungsjahrhunderts und namentlich unter den Schöpfern der llasi'chen Literatur Deutschlands, deren Wirlsamkeit und Wirkung, "deren Streben und Vollbringen nicht nur ihrem eigenen Volle, sondern der ganzen Menschheit galt: unter diesen menschheiterziehendenGenien steht in der vordersten Reihe H e rd e r, der vermöge des reinmenschlkchen Seelengehalts, vermöge der erhabenen, ewii frischen Humanität, welche in seinen Werken pulsiert. Lehrer und Begeisterer, Prophet und Tröster aller Völker wurde und gewiß noch den fernsten Geschlechtern der Zukunft bleiben wird. /Wenn nun der Jude freudig einstimmt in den Preis des deutschen Volkes für seinen großen Dichter und 'Denker, für einen seiner Klassiker, mit Begeisterung teilnimmt an der Huldigung, die dem großen Humanitätsapostel von' allen guten, für Menschheit und Menschlichkeit sich erwärmenden Menschen aller Völler und Nationen dargebracht wird — so hat er-damit seine Pflicht noch nicht ganz getan. Es bleibt ihm noch eine besondere Würdigung Herder'scher Geistestätigkeit übrig, eine kleine Hausfeier, die das Judentum den Manen Herders noch schuldig ist. Tenn wenn auch allen edlen Geistern, die an dem Fortschritt der Menschheit zu echter Humanität mitgestrebt und mitgearbeitet haben, der seines Judentums bewußter Jlide sich nahe fühlt und in ihren Bestrebungen, das Vordringen zum gleichen Ideale sieht, welch es d a s H o ch z i e l des Judentums bildet, und für. diese Mitarbeit an dem gleichen Werk aufrichtigen Dank weiß, so' muß. er dem hehren Geist Herders sich doppelt nahe fühlen, der wie selten einer außerhalb des Judentums, das Wesen dieses Judentums erkannt und gewürdigt hat. Was Herder als Dichter und Ikebersetzer, als einer der Meister der klassischen Literatur der Deutschen, als Sprachforscher, als Literatur-, Kunst- und Kulturhistoriker, als Pädagog und Theolog war: Tie Würdigung aller dieser Eigenschaften kann nicht Aufgabe dieser Zeilen sein. Wir möchten vielmehr den Tendenzen dieser Blätter entsprechend nur diejenige Seite Herderischen Geistestä.igkeit, die eine'Beziehung zum Judentum hat, hervvrzuheben und im Verhältnis zum jüdischen Geist zu. betrachten versuchen. Für die angedeutete Betrachtungsweise mögen außer jenen Schriften und gelegentlichen Aussprüchen, die Volk und Religion der Juden besonders behandeln, jvenn auch nur flüchtigst, noch jene Werke Herders in den Rahmen unserer Behandlung einbezogen werden, in denen Herder als Denker, sei es in der Auffassung der Natur und der Geschichte, oder in der Erkenntnis Gottes und der Aufgabe des Menschen, dem Geiste des Judentums verwandte Seiten anschlägt. Seine Gedanken über diese verschiedene Richtungen edelster Geistesarbeit legte Herder in den beiden bedeutsamen Werken: „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit"" (4 Tle. 1784—91) und „Briefe zur Beförderung d e r H u m a n i t ä t" (3 Bde. 1795—6) nieder. Einer besonderen Behandlung von Religion, Literatur und Volkstum der Juden sind mehrere Werke gewidmet. So die „Aeltesten Urkunden des M e n s ch e n g e s ch l e ch t s" (1 T'e. 1774—6; ein Entwurf zu dieser Schrift und der Titel „Fragmente zu einer Archäologie des Morgenlandes" 1781), „Lieder der Liebe" (1778), „Iüdische 'Dichtung e n"" (1781), „Dom Geiste der ebräischeu Poesie"" (2 Tle. 1782—3) und einige Kapitel in den schon erwähnten „Ideen" und Briefen, wie auch zerstreut in den Werken „A d r a st e a'" (6 Bde. 1801 bis 1803), Kritische Wälder (1769) und „Gott! Einige Gespräche" (1787). In seinem Meisterbuch, den „Ideen"", gab Herder eine Philosophie der Geschichte der Menschheit, die als ein Musterbild wahrer Geschichtsauffassung und als das Fundament anerkannt wurde, auf welchem sich eine wahrhafte Historik der menschlichen Zivilisation ausbauen läßt. Seine edle, idealistische Weise in der Auffassung der Geschichte, sein feiner Sinn in dem Aufsinden der Fäden des Gewebes der Weltgeschehnisse und der inneren Zusammenhänge, sein klares Verständnis für die genetische Entwicklung der Ereignisse, flößt uns Erstaunen ein und läßt uns in ihm einen genialen Wegebahner in der Geschichtsphilosophie erkennen; selbst wenn heute diese Wissenschaft in. ganz andere Bahnen eingelenkt hat, von wo aus betrachtet der Herder'sche Standpunkt in vielem mehr poetisch und phantasievoll, als streng wissenschaftlich erscheint. Bewundernd müssen wir zu seinem Geiste aufblicken, .wenn er, wie er selber ausspricht, in seinen Darmellungen nichts anders will, als dem „Gang Gottes an der Natur und Geschichte"" nachzuspüren, „die Ge« wanken, die der Ewige uns in der Reihe seiner teerte tätlich dargelegt hat", „mit Treue und Eifer, gu buchstabieren"' und „die ewige Weisheit und Güte; jdes unerforschlichen Schöpfers in seinen Werken" mift -^andachtsvoller Begeisterung zu preisen. Er Verstandes zu zeigen, wie der alles nach Maß, Zahl nndf. «Gewicht ordnende Meister der Natur,. der alle Wesen-, wunderbar erhaltende Schöpfer und mit Weisheit,' Güte und Macht beherrschende Gestalter des Alls auch der Gott der Menschheit ist, der wie die Natur auch die Geschichte und Geschicke des menschlichen Geschlechts nach seinem weisen und gütigen Plan eingerichtet und sie immerfort leitet. Emsig strebte er, diesen Plan zu entdecken, im Vertrauen darauf und in der Ueberzeugung, daß wenn Gott „uns in der niedern Schöpfung so viel von den Gesetzen eines ewigen Entwnrses zeigte, er jenen Plan nicht » verbergen wollen möchte." — Gleichwie nun Herder in der Betrachtung der Natur zuerst den Zweck derselben dargelegt und ihn in dem Menschen gefunden hatte, sodann zu zeigen unternahm, wie die Entwickelung der Natur in dem Menschen tatsächlich ihre höchste Blüte findet, so stellte er auch vor allem den Zweck der Menschheitentwickelung, das ist der Mcnschengeschichte in der Menschh:itidee, in der Humanität auf und zeigte sodann, wie der Gang der Geschichte der gerade Weg zu diesem >- Ziele ist. Höchste Blüte der Natur: der l Mensch; höchste Blüte der Menschenge- « schichte: Humanität! Humanität! In diesem Wort ist die Formel gegeben für den Gedanken, daß der Mensch zur „M e n s ch l i ch k e i t" geboren und daß folglich die Geschichte eine fortschreftende Erft.hung des menschlichen Geschlechtes zu dieser „Menschlichkeit" sei. Mit begeisterter, fester Sicherheit ist da zum erstenmal die Ueberzeugung von der siegreichen Fortentwickelung der Menschheit in der Geschichte ausgesprochen worden und mit erfolgreichen Wassen der ' entmutigenden Skepsis entge,'engetreten, welche in dem Verlaufe der Geschichte nichts anderes sehen will, denn eine mechanische, ermüdende Wiederholung derselben Szenen, nur in veränderter Gestalt, ohne Sinn, ohne Zweck, ohne Ziel. In diesem Gedankengang mögen Herders Meister unsere Propheten gewesen sein, die in ihrer kernigen, einfach - großen und gewaltigen Weise, in de» Schicksalen der Völker, in den Siegen, die sie errangen, in den Niederlagen, die sie erlitten, in dem Glück, wie in dem Unglück, das über sie kam, den Finger der göttlichen Vorsehung zu erkennen gelehrt und in ihrer mächtig ergreifenden Sprache gepredigt haben. Er hat aus ihren Reden die trefflichste und erhabenste Auffassung über Wesen und Ziel der Geschichte schöpfen können, denn — wie einmal ein moderner Philosoph bemerkt — ist „die Geschichtsl Philosophie die Schöpfung Israels, wie Mathematik j und Kosmologie die der Griechen." Auch rn seinem Philosophieren schwebt Herder das menschheitliche Ideal der Humanität als Ziel vor Augen. Die Art seines Philosophierens ist keine unfruchtbare Spekulation, metaphysische Gedankenspielerei, vielmehr eine solche, die er für das Leben ftuchtbar machen willz weshalb sie dem Geiste des Judentums so verwandt ist. Seine „menschliche Philosophie" ist praktische Philosophie, die Früchte des Denkens stellt er sogleich in den- Dienst der Erziehung der Menschheit zur Humanität. Und wenn uns der Gottesbegriff Herders etwa fremd erscheinen sollte, weil er sich als Anhänger Spinozas, des Philosophen des Pantheismus ausgibt, so werden Herder-Kenner wißen, daß es mit diesem Spinozismus nicht so weit her ist. Herder hat den spinozistischen Gottesbegrisf nicht einfach übernommen, sondern ihn ganz umgedeutet und umgewertet, und hat in die äußere Form einen ganz anderen Inhalt gegossen. Den logisch - mathemathischen, von der Natur al hängigen Gott Spinozas verwandelt er in eine alllebenoige, selbständige Urkraft, in welcher Persönlichkeit, Macht, Weisheit und Güte, vereinigt ist, die sich in den Wesen der Schöpfung bildend und gestaltend offenbart und als Vorsehung über die Menschenwelt wallet, von Anfang bis zu Ende alles umfaßt, alles durchdringt, gestaltet, lellet und dem Ziele der Vollendung entgegenführt. So leitet Herder sein Ideal auch auf das Gebiet der Religion über und findet in der wahren Religion das Mittel zur Erreichung dieses Ideals, der höchsten Humanität. Sie ist, die alles Menschliche in eine höhere lichte Region hebt, „das menschlich irdische. Leben zum Nachbilde der Gottheit macht" — ,ft>as Menschliche vergöttlicht". „Wahre Religion"