Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 56 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692353--00595-2694993- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ü ii mmm f ' i n im Aranksurler JsraelttisitzeS FamttlenvlaN. Wim- Herstellung der gestörte» Ordnung behilflich zu sein. — Präs.: Warum war dies bei den blutigen Exzessen nicht der Fall? — General Beckmon schweigt. Aus weitere Fragen erzählt General Beckmon, daß in einer Unterredung mit dem früheren Gouverneur von Raaben während des Höhepunktes der Kravalle dieser ihm sagte, er sei in großer Angst, die .Exzedenten könnten in ihrer Verwilderung ihre Raub¬ und Mordgier auch aus die christliche Bevölkerung ausdÄhnen; aus Grund dieser Befürchtung wurden auch am Montag Mittag Maßregeln ergriffen, welche bald zur Herstellung der Ruhe führten. Ms dritter Zeuge wird Zeig in, Korrespondent der „Odeßki Nowosti", vernommen. Er schildert seine vielfachen Wahrnehmungen, daß die Angeklagten nur Werkzeuge in der Hand gewissenloser Agitatoren aus den gebildeten Ständen waren, und nennt als einen dieser Agitatoren in erster Reihe den (inzwischen durch Selbstmord rn einem verrufenen Lokale aus dem Leben geschiedenen) .Pissarcziwski. Der Vorsitzende unterbricht den Zeugen und macht ihn darauf aufmerksam, daß er von Personen nicht sprechen dürfe, die nicht unter Anklage stehen. Der Vertreter der Beschädigten, S a r u d n h , protestiert energisch gegen diese Einschränkung der Redefreiheit: .er ruft: Es sitzen auf der Anklagebank arme Teufel, die von den kolossalen Schäden, die sie in ihrer Zerstörungswut angerichtet haben, sowie von den begangenen schweren Verbrechen nicht einmal, eine richtige Vorstellung haben. Es' seien Leute, welche von der Hand in den Mund leben, und an welche sich die ruinierten jüdischen Familien znm Zweck eines auch nur teilweisen Ersatzes, der materiellen Verluste nicht halten können, während die geistig hochstehenden und wohlhabenden eigentlichen Urheber der Verbrechen im Hintergrund gelassen werden. Man gestattet den Zeugen nicht einmal, den Namen! auch nur. eines dieser traurigen Helden bei der Gerichtsverhandlung öffentlich zn nennen. Mle sollten'sic aus ihrem Verstecke hervorgeholt und zur Rechenschaft gezogen werden, diunit diese Verführer mindestens den materiellen Ersatz zu leisten verpflichtet werden. Der weitere Verlaus der Verhandlung gestaltet sich höchst dramatisch. Der temperamentvolle Vertreter Saruduy droht, sein Amt niederlegen zu wollen, wenn der Gerichtshof nicht darauf eingeht, die wahren Schuldigen in die Anklage einzubeziehen. Ihm schließt sich Rechtsanwalt Karabtschewski an und legt eine gestern vom Senat in Petersburg eingetroffene, auf die Appellation in diesem Gegenstand bezughabende Erledigung vor, wonach der Gerichtshof angewiesen wird, auch aus 'diejenigen Personen die Anllage zu erstrecken, deren Mitschuld während der Voruntersuchung nicht sestgestellt wurde, gegen die aber die Verhandlungen schwer kompromittierende Momente zu Tage fördern sollten. Der Staatsanwalt Dsibelli widersetzte sich mit aller Kraft den Ausführungen und der Auf- ‘ fassung Karabtschewski's. Er behauptet, der Sinn der Senatscntscheidung könne nur der sein, daß die bereits angellagten Personen, eventuell auch wegen anderer Vergehen oder Verbrechen verfolgt werden Wunen, die ihnen bisher noch nicht zur Last gelegt wurden, nicht aber, daß die Anklage auch auf weitere Kreise ausgedehnt werde, gegen die vorzugehen bisher kein Anlaß sich geboten hat. Bier Vertreter der Angellagten schließen sich dem Mrtrag der Rechtsanwälte der Juhen an. Den Standpunkt des Staatsanwalts vertritt der antisemitische Rechtsanwalt S ch m a k o w. . Der Gerichtshof weist den Antrag aus Verfolgung der intelleünellen Urheber ab, und der Zeuge Feigin wird gezwungen, bei Fortsetzung seiner Aussage jede Namensnennung aus dem Kreise der Intelligenz zu unterlassen. Bezüglich des unhellvollen Einflusses des „Bes-, sarabetz" deponiert Feig in, daß während der letzten drei Jahre die Folgen der von diesem Blatte verbreiteten Verleumdungen allenthalben llar hervortraten und sich unter Anderem in den Schulen in grellstem Lichte zeigten; in einer Mädchenschule neckten die christlichen Mädchen ihre jüdischen Mitschülerinnen damll, daß sie ihnen vorwarfen, sie hätten das Blut eines in Dubossary ermordeten Knaben getrunken. , Der Prozeß wurde, .der „N. Fr. Pr." zufolge/ trotz der sonst bei Russen streng beobachteten Sonntagsruhe bei Gericht auch am Sonntag verhandelt. Der Arzt Dr. Szinsky, sell einigen Wochen Nachfolger des tags vorher vernommenen Bürgermeisters Schmidt, war während der Exzesse Primärarzt im städtischen Krankenhause, er hatte dort 62 verwundete Juden, darunter 15 schwer und acht durch Revolverschüsse verwundete. Ms Zeuge erllärte er, daß die Juden gerade in letzter Zeit zahlreich durch schwere Wrpcrlichc Arbeit ihr Brot verdienten und daß unter ihnen viele Handwerker sind. Wenn in Äischinew viele . Juden durch Handel reich wurden, so sei dies auch bei vielen Armeniern, Griechen und Bulgaren der; Fall gewesen. Regimentsarzt. Miller sagt aiis, er habe sich persönlich von vielen vorgekonnncne» Mißhandlungen und Plünderungen überzeugt, alles sei unter den Augen der Polizei und des Militärs / geschehen. .Er habe vergeblich den Gouverneur um Schutz für die Juden gebeten. Polizeiinspektor Witkowsky erklärt, er habe 14 Tage vor Ausbruch der Unruhen ein geheimes Rundschreiben, das an die Schankwirte gerichtet war, in die Hand bekommen, worin diese äufgefordert wurden, ihre Gäste zur Teilnahme an der Mtion gegen die Juden aufznfordern. Er höbe dieses Schreiben dem PrisawSolonlln übergeben, der cs aber unbeachtet ließ. Daraus habe er sich Weisungen vom Gendarmerie - Obersten Chanenkow erbeten. Dieser erwiderte aber: „Die Juden müssen' sich selber helfen, wir können ihnen keinen Beistand leisten." Rechtsanwalt Konigschop hat beobachtet, wie die ausgestellten Truppen den Vorüberziehenden zu Plünderungen den Weg freigaben. Die Polizei sei ganz untätig geblieben. Primarius Slutzly am Judenspital bestätigt aus eigener Beobachtung, daß. an den Verwundeten Grausamkeiten vorgenommen worden. Der ftüherc Kronrabbiner Ettinger bestätigt, daß roh vergewaltigte Frauen und Mädchen zu ihm flüchteten, er habe über deren Behandlung-Protokolle aufgenominen. . Die verstimmte Orgel. (Korrespondenz aus Berlin.) Das hätte jemand vor jenen 50 Jahren ahnen blteji! . Ich glaube, jene Helden, di: im Kampfe für den Kultus der Reform gestorben, würden sich noch einmal im Grabe umdrehen, wen» sie jetzt die Summe ihrer Erfolge in der Hochburg ihrer Tätigkeit in Berlin überblicken. In Berlin werden heute Verämmlungen abgchalten, tie zuin großen Teile aus iberal gesinnten Juden bestehend, Ovationen und ogar Resolutionen — gegen die Orcel erlassen. „Wie kommt das?" — fragte ich meinen Freund, einen guten Kenner der jüdischen Verhältnisse Berlins, als ich ihn bei einer solchen Versammlung, die am 19. November d. I. im Saale der „Brauerei Königtadt" stattgefundcn, traf. „Ganz einfach!" antwortete dieser. — „Die Männer, die im Prinzivc so sehr für die Orgel sind, finden, was ihre eigne Person anbetrifft, 'am Samstag ihre Kassebücher oder Geschäft, liden noch immer interessanter und anziehender als di: feierlichsten Chorgesänge und Orgelklänze. .Und di: anderen, die den Sabbat Hallen, wollen dies auch durch einen jüdischen Gottesdienst bekunden. .So konimt es, daß die prächtigen Tempelpalüste immer mehr an Platz gewinnen und die Kubikmeter der leere» Luft in gar keinem Verhältnis zu den Klängen des unglückseligen Instrumentes stehen, das soviel Zerwürfnis in Israel bewirkt hat. Nun ist der Neubau einer Synagoge im Nordbezirk geplant. Der Bau existiert bis dato nur auf dem Papiere des Architekten. Aber, schon schwebt, unheimliche Schatten um sich werfend, das fürchterliche Gespenst über dem Ganzen — die Orgelfragc, der wir auch die heutige Versammlung verdanken." Herr Sanitätsrat Dr. Blumenthal führte den Vorsitz und der erste Redner, Herr Aron Hirsch, bestätigte mit einleuchtenden Worten das, was mir mein Freund über das Bedürfnis der Berliner nach einer Orgel mllgeteilt, ganz und voll. „Die Bethäuser der Privatsynagogenvereine — so lautete sein llasstsches auf statistischen Daten beruhendes Zeugnis — sowie die anderen orgellosen Synagogen sind stets überfüllt." Mit mutiger Logik und großer Kampflust wie immer, trat Redalleur Klausner auf. Wer er hatte keine Rivalen, denn die Herren der Diskussion erllärten sich im wesentlichen mit ihm darüber einig, gegen die Orgel Front zu machen. Tie Orthodoxie ist Herrn. Klausners Geschmack ganz und gar nicht, aber Orgcltöne machen ihn nervös. Und dieser Nervosität machte er bei dieser Versammlung durch einige dieses Mal unangebrachte Angriffe gegen die.anwesenden konservativen Repräsentanten Luft. Seine Angriffe wurden von Herrn Rechtsanwalt Cohn überzeugend zurückgewiesen, wobei dieser Herr auch die traurige Tatsache konstatierte, daß mehrere Rabbiner den Vorstand in seiner Orgelbestrebung unterstützen. Der Kamps der orthod. Repräsentanten wird kein leichter sein, weshalb sie zur Stärkung des Rückgrates sich zur Einberufung der Versammlung veranlaßt sahen. Nach einer kurzen Replik des Herrn Klausner wurde einstimmig eine Resolution angenommen, die in entschiedenster Weise gegen die Absicht, in der neuen Synagoge eine Orgel einzuführen, Protest erhebt. Aus dem niederösterreichischen Landtag. In, der letzten Landtagssitzung richteten die Abgeordneten Schneider und Genossen an den Herm Statthalter folgende Interpellation/ die ein beredtes Zeugnis von den schweren Staatssorgen der österreichischen Antisemiten ablegte: „Die natürliche Abneigung der Nichtjuden gegen Juden,' insbesondere gegen jüdische Aerzte, sowie das Mißtrauen, welches sich in der nichtjüdischcn Bevölkerung gegen jüdische Aerzte innucr mehr ausbreitct, seitdem cs bekannt geworden ist, daß cs dem Talmud — Joreh Dea — zufolge den Juden gestattet ist. (Diese Behauptung ist natürlich Unsinn. Anm. d. Red., an Nichtjuden Versuche anzustellen, ob Arzneien nützlich oder schädlich sind (Vide die hundert Sätze aus dem Talmud, gerichtsordnungsmäßig festgestellt als richtig übersetzt von Professor.Dr. Ecker), bringen es mit sich, daß jüdische Aerzte, welche als solche schon durch ihren Namen erkannt wurden, eine ihnen, nicht genügende Praxis erlangen. Infolgedessen streben dieselben vielfach an, durch Veränderung ihres Namens die Abstammung zu verschleiern und finden dabei bei der niederösterreichischen Statthalterei eine bedeutende Förderung und Untertützung. Die betreffenden Organe machen sich der bewußten Irreführung des Publikums schuldig, was doch unmöglich als korrekt bezeichnet werden kann. Wie die Judennamen verändert werden, möge nachfolgender Zusammenstellung entnommen werden: Früher hieß der Jude:- — Heute heißt' er: - - Jakob Pollak, Prof. D. Jacques Pal. ’ Wolf Pascheles, Prof. Dr. Wolfgang Pauli. Leopold Lohn, Dr. Leopold Kürt. Moritz Menzeles, , Dr. Moritz Menzer. Wilhelm Kohn, Dr. Wilhelm Käaner. Die nun folgenden Juden haben ihre Namensänderungen .von der niederöstcrreichischen Statthalterei erst in den letzten Jahren bewilligt erhalten: Früher hieß der Jude: Heute heißt er r Viktor Stern, Dr. Viüor Seybert. Bertold Basieches, Dr. Bertold Bosse. Anselm Feitel, Anselm Falkner. Arnold Knödl, Dr. Arnold Knedel. Hugo Kohn, - Dr. Hugo Karting. Max Engländer, Dr. Max August Egghart. Johann Max Polaczek, Dr. Joh. Max Paalen. Johann Pollitzer, Dr. Johann Pöllhofer: ' Isidor Wolf Katz, Dr. Isidor Wilhelm Kautz. . Leon Mayer, Dr. Leo Martens. Vittor Abeles, Dr. Viktor Albert. Der Erwähnunghalber führen wir noch einige 50 Kreuzer-Magyaren an: Steinherz, , Dr. Tobias Szterenyi. Grünfeld, Dr. Siegmund Salomon Gara. Policzer, Dr. Adolf Petö. Deutsch, Dr. Leopold Dömeny. Die Unterzeichneten fragen Seine Exzellenz, was er zu tun gedenft, um der behördlichen Unterstützung systematischer Irreführungen des Publikums wirksam ' entgcgenzütreten?" Das antisemitische „Deutsche Volksblatt" in Wien bemerk zu dieser Interpellation: „Es war hohe Zeit, daß Abgeordneter Schneider die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit aus diese Fälschungen lenkte und dem Volke die Möglichkeit bietet, sich in Hinkunft vön den absichtlichen Irre- , leitungen seitens der hebräischen Aerzte zu schützen. Wie kann aber der Schutz wirksam erfolgen? Wohl nur in der Weise, daß jeder Mensch Tag für Tag daran erinnert wird: Stimm keinen jüdischen Arzt, sieh dich wohl vor, daß sich dir kein Jude unter christlicher Maske als Arzt aufdrängt. Das Publikum muß vor allem darüber aufgeklärt werden, welche Aerzte Christen und-welche Juden. Es erfüllt jeden Denkenden -oft mit Grausen, wenn er von einein Krankheitsfälle in einer befreundeten antisemitischen Familie hört, und auf die Frage, wer den Kranken behandle, die Antwort bekommt: O, der Doktor R o s e n b l a t t im 5. Bezirk, Castelligasse 23. Aber der ist kein Jude, der sicht nur so aus, ab:r er ist Christ. Oder: Meinen armen. Mann behandelt der - Herr Dr. Morgenstern,, aber das ist nicht derJud e Morgenstern in der Praterstraße 44, sondern das ist der Protestant Morgenstern in Währing, in der Martinstraße 90. Diese so nöttge Anfklärung kann aber nur auf dem Wege erfolgen, daß ein genaues Verzeichnis der christlichen Aerzte in Wien angelegt- und verbreitet wird. Es darf fürderhin keine öffentliche Versammlung abgehalten werden, ohne daß. die Frage der jüdischen Aerzte besprochen.wird und daß die Anwesenden auf die eminente Gefahr des Ueberwucherns der Juden im ärztlichen Stande aufmerksam' gemocht werden. Jeder Teilnehmer der Versammlung soll ein kleines Buch mitbekommen, das die Rainen aller christlichen Aerzte Wiens oder doch wenigstens seines Bezirkes enthält, und in Hunderttausendcn müssen diese ausklärenden Blätter hinausflattern. Die nächste Aufgabe unseres Blattes soll es sein, ein derarttges genaues Verzeichnis anzulegen. Wie fordern alle unsere Freunde und Leser auf, daran mitzuwirken und hoffen, bis Weihnachten diese Arbeit fertigstellen zu können. Wir waren stets bestrebt, für die ehrlichen, anständigen, christlichen Aerzte cinzutreten, für diesen Stand, der eine Zierde des Landes ist und * blerben soll. Wir kennen die hohen Verdienste der christlichen Aerzte, wir ehren ihre unermüdliche Arbeit zum Heile der Menschheit und bewundern ihre Erfolge auf dem Gebiete der Wissenschaft. Frei soll ihre Forschung, unabhängig ihre Stellung sein und blühen. Ilnd daß dem so sei, woll.cn wir ihnen aus allen Kräftxn in ihrem Kampfe -mit den Juden beistehen, und wenn viele von ihnen heute noch aus falscher Kollegialität sich scheu an die Wand drücken, so wollen wir ihnen zurufen: Blutig voran, geht kühn auf den Kampfplatz; die ganze'christliche Welt istmitench, und eure Losung sei: Juden hinaus!" Man könnte Oesterreich fast nm seine Kultur beneiden! /X