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Neue jüdische Presse · 1903-12-04 · Heft 56 (4.12.1903) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 56 (4.12.1903)
Date
1903-12-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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+ Der Name Israel. Bon Lehrer Höxter-Jesöerg. .. Nach dunkler Nacht, nach heißem Kampfe mit einer feindlichen Macht, die vor den Strahlen des ausgehenden Sonnenlichtes nicht bestehen kann, die nicht den Anblick der lieblichen Morgenröte erträgt, nach einen: solchen Kanipfe erst, ist der Nanie ..Israel" entstanden, gleichsam als die liebliche Sonne selbst, die alle Schichten der Finsternis durchdringt, alle Geister der Macht in ihr finsteres Reich zurückvannt. „Und Jakob blieb allein und es rang ein Mann mit ihm." . Wenn auch der unbefangene Beobachter schon eingeschen hat, daß das ganze Tun und Treiben unseres Erzvaters Jakob aus ideellen Anschauungen entsprungen — auf materiellen Vorteil war sein Auge nicht gerichtet, da er bei seiner Rückkehr dem ihm entgegenziehenden Esau alles geben will —, so sollte, doch die Unschuld Jakobs sonnenklar, in ihrer ganzen Größe hervortreten. Dazu war jener Kampf mir dem ihm entgegentteirnden Manne nötig. Es'ist finstere Nacht. Jakob ist allein, da beginnt der Kampf, der mit dem anbrechendcn Morgen und dem Segen des Angreifers sein Ende erreicht Und wirklich, je mehr die Unschuld in ihrer ganzen Größe he,vortreten kann, je mehr ste von den düsteren Schatten des Verdachtes umgeben war, desto reiner' ' und makelloser erscheint die Pairiarchengestalt Jakobs nach dem Kampfe mit jenem Wesen. Dieses selbst zeigt der Welt, welche Motive Jakob bei seinem Handeln geleitet haben, ki soriso im elaukim w’im anoschim — watucliol. Denn du hast niit Gott, d. h. mit göttlichen Gedanken beseelt, niit Menschen gestritten, oder mit anderen Worten, da sein Augenmerk. nur auf das höhere göttliche Ziel gerichtet war, nahmst den Kampf auf mit einem Esau, dessen Gedanken nur auf das Irdische, Vergängliche gerichtet, du hast obgesiegt. Dein Name sei daher nicht niehr ferner Jakob, d. h. der Ferscnhalter, der Hinterlistige, nein „Israel" sei dein Name. d. i. der Gottesstreiter. Welche glänzende Anerkennung und welche herrliche Rechtfertigung der Taten Jakobs. Jener Kamps, die anstretenden Käinpfer, die begleitenden Umstände — alle sind typisch für unsere jetzige Zeit. Treten nicht heute noch Menschen gegen uns auf, die gleich Esau ausrusen: bocbi kor» selimau jaakauk. Fürwahr, hat man ihren (nämlich unfern) Namen umsonst Jakob genannt. Die Erstgeburt haben sie genommen und auch den Segen. Unsere Gegner können es nicht verwinden, daß wir nach dem 22. Vers des 4. Kapitels im 2. Bch. M. Gottes erstgeborener Sohn sind, daß wir von ihm vor allen Völkern auserkoren sind, sie zeihen uns auch noch, daß wir den Reichtum und die Wohlhabenheit an uns gerisien, wir besäßen die schönsten Häuser, die größten Geschäfte und das. meiste Geld. Aber nicht im offenen, redlichen Kampfe, beim klaren Tageslicht, nein im Dunkeln treten sie gegen uns auf, aus dem Hinterhalte schleudern sie ihre giftigen Pfeile des Hasies und der Verachttrng, im Verborgenen treiben sie die vcrabscheuungswürdige Agitation der Masienverhetzung, der Judenverttlgung. Dann bleiben wir leider, ebenso wie unser Stammvater Jakob, allein. Niemand ist da, der für uns Partei ergreift, dann ist auch finstere Nacht für uns herangebrochen. Wir rnüffen nun'kämpfen bis der Helle Tag anbricht, bis das undurchdringliche Dunkel des falschen Verdachtes, der Nebelschleier finsterer Vorurteile sich lichtet, kämpfen bis die Gespenster des Blütmärchens in das Reich des Fanatismus zurückgebannt, bis die Sonne der Aufklärung hinter den Wolken des Aberglaubens hervorbricht, bis die Wahrheit sich Bahn schafft, vor der Lüge und Heuchelei nicht bestehen können, dann schwinden unsere Ankläger von der Bildfläche, wir aber fühlen uns dann desto muttger, freier und gehobener. Das ist der Segen, den sie uns bringen müffen. Doch weil unsere Feinde, ebenso wie jenes Wesen den Jakob nicht niederwerfen konnte, uns ebenfalls nicht vollständig niederbeugen können, so suchen sie, wie jenes Wesen, auch unsere Hüstpfanne zu verrenken, d. h. unseren Gleichschritt mit den Völkern zu hemmen. Die Annalen der Zeitgeschichte bieten hierfür reichlichen Stop. Diese und jene Karriere ist uns versagt, dies und jenes Amt ist uns verschlossen, weil wir Juden sind. Sei dem, wie ihn, wolle. Für Dich den Sohn Jakobs, gilt die Losung: Willst Du — wie einst Dein Stammvater — Deiner Ausgabe als Jude treu bleiben, so lebe so auf Erden, daß, wenn du dereinst in dein Vaterhaus zurückgehst, und dort vor Gott Rechenschaft über dein Erdenwirken abzulegen hast, du dann beweisen kannst, daß du nicht ein Jaakanf, ei» solcher gewesen, der mit unrühmlichen Mittel gewirtschastet, »ein, daß du ein „Israel", ein Gotteskämpser gewesen bist, würdig des Rechtes der Erstgeburt und des Vatersegens. . Und noch im anderen Sinne kannst du dir den Namen .Israel" erwerben. Wenn die Sonne des Glückes sich dir verbirgt, wenn drohende Wolken des . Verderbens über deinem Haupte sich ballen, wenn das Verhängnis hereinbricht, Schlag aus Schlag, Unglück aus Unglück, dann murre und verzage nicht, dann zweifele nicht an der Liebe und Gerechttgkeit deines Schöpfers, nein dann nimm den Kampf auf mit des Geschickes Mächten, dann sei ein „Israel", den solche Heimsuchungen und Schickfalsschläge nicht niederbeugen, sondern der sie geduldig erträgt, zur Ehre Gottes, bis der Morgen der Erlösung für ihn heranbricht. Wengs finster um dich wird, Die Glückessonne nicht mehr scheint, Wenn du nun glaubst,.du seist verloren, Dann kämpfe mutig niit dem Feind, Nach dunklerNacht nur ward derName„Jsrael" geboren. Der Prozeß von Kischinew. Am 2ü. November begann die erste Verhandlung unter Vorsitz des Präjiden-en Dawidow. Seitens des Vertreters der Anklage wurde beantragt, Üaz die Verhandlung gegen sämtliche Exzedenteic einheitlich geführt werde und nicht, wre es beabsichtige ivar, in 22 Einzelprozessen: dieser Antrag wurde vom Gerichtshof mit der Motivierung abgelehnt, daß eine Zusammenziehung sämtlicher Prozesse mit Rücksicht aus digroße Zahl der Beteiligten zu Verwirrungen führen wurde. Tie erste Cinze.klage betrifft 3« Angeklagte und 53 Beschädigte, wozu 545 Zeugen vorgeladen sind. Nach Verlesung der umfangreichen Anklageschrift schreitet der Gerichtshof zur Beeidigung der <,eu„en. Da ' erhebt sich der antisemitische Rechtsanwalt S ch m a k o w und verlangt, daß man die Juden moi o juäavleo in der Synagoge bei schwarzen Kerzen und im Gebetmantel beeidige, da man sonst dem Eide der Inden kein Vertrauen ■ schenken könne. Der Staatsanwalt entgegnet hierauf, daß er zum ersten Mal eine derartige Insinuation gegen die Juden vernehme-, es sei ihm nicht bekannt, daß feit Einführung der neuen russischen Prozeßordnung, im Jahre 18.0, jemals behauptet worden sei, daß der Schwur des Juden, nur wenn er in der Synagoge geleistet werde, Geltung habe. So viel ihnr bekannt sei, haben die Juden keine an sich heilige Stätten, sondern jeder Ort, an welchem der Jude Gott anrust, gelte als heilig. Ter Vertreter der beschädigten Juden, Advokat Kar ab ts'chews ki, erklärt, daß die jüdischen Zeugen trotz der im Anträge der Verteidigung liegenden schweren Beleidigung bereit seien, um nicht die geringsten Zweifel über ihre vollkommen mit der Wahrheit übereinstimmenden Aussagen auskommen zu lassen, den Cid unter allen verlangte». Zeremonien in der Synagoge abzulcgcn. Der Gerichtshof verwirft de» An.rag der Ve.» teidigung. Als erster Zeuge wird oer ehemalige ■ Bürgermeister von Kischinew Karl Alexandrowltfch Schmidt vernommen. Er sagt: Kurz vor Ostern verbreiteten sich in Kischinew Gerüchte, daß l^zesse gegen die Juden bevorstehen. Man glaubte jeooch nicht ernstlich daran. Man erkannte zwar, daß die seit sechs Jahren von Kruschewän im „Besjarabetz" ununterbrochen veröfjenttichten gemeinen Beschuldigungen einmal zu einem Ausbruche der Leidenschaften führen müßten; man rermochte aber nicht anzunehmen, daß in einer so großen Stadt bei einer wohlorganisierten Polizei und einer Garnison von 10000 Mann Militär so furchtbare Bluttaten sich vollziehen werden. Am ersten Lstertage, Sonntag den 10. April, zwischen. 5 und 6 Uhr nachmittags, machte ich einen Besuch bei. einem Bekannten, Bi.tor Sinadino. Während . ich dort war, hörte ich in der Nähe Klirren von Fensterscheiben, woraus ich vermutete, daß Ausschrcttungen gegen die Juden tatsächlich stattfinden. In großer Aufregung begab ich mich nach Hause; unterwegs traf ich schon größere Hausen von Burschen, welche die Häuser und Läden von Juden demolierten. Ms ich in mein Haus trat, erzählte mir meine Familie, daß man auch unser Heim demolieren wollte, aber ein Offizier sei an die Erzedentcn herangetreten und habe ihnen den Rat erteilt, an das Nachbarhaus sich zu wenden, da in diesem Hause der Bürgermeister logiere. Ich blieb darauf in meiner Wohnung, die ich bis^ Dienstag morgens nicht verließ. Meine beiden söhne, die an den Tagen der Krawalle viel in der Stadt herumgingen, erzählten mir herzzerreißende Vorfälle und schilderten die furchtbar grauenhaften Bluttaten. So erzählte mein älterer Sohn, er habe an der Ecke der Mexandrowslafa und Michaelhowsiaja eine Bande getroffen, die sich laut rühmte: „Vor wenigen Minuten haben wir einen verfluchten Juden blutig geschlagen, so daß er bereits im Sterben liegt." Mein Sohn sprach den Exzedenten ins Gewissen; da wollten sie auch über ihn herfallen und sagten: „Der ist Wohl auch ein Jude, sonst würde er uns keine Vorwürfe machen und uns loben." Mein Sohn war ganz entsetzt über diese Mordgier und schrie die Leute an: „Ihr gemeinen Kerle, ist Euch nicht genug, daß Ihr einen Juden gemordet und ausgeplündert habt, daß Ihr auch einen Christen totschlagen wollt?" Die Exzedenlen fragten höchst erstaunt: „Hast Du denn den „Bessarabetz" nicht gelesen, der alltäglich darüber schreibt, wie die Juden dep Dubo ssary, den Christenknaben, ermordet und sein Blut ausgetrunken haben?" — „Mer das ist ja schon längst amttich widerlegt und als niederträchtige Lüge bezeichnet worden," erwiderte mein Sohn; „habt Ihr denn die Berichtigung im „Bessaräbetz" nicht gelesen?" — „Was geht uns die Berichttgung an!" erwiderten die Leute, „wir haben gehört, die Juden hätten sich verabrede!, alles abzuleugnen, was im „Bessarabetz" steht." Der Bürgermeister erzählt ferner, daß sein jüngerer sohn in der Alexandrowskaja in der Nähe der Kiliskigasse gesehen habe, >vie eine Gruppe von Plünderern jüdische Frauen und Mädchen mißhandelte; er wandte sich an einen Offizier des in der Nähe befindlichen Mi itärdetachements mit der Bitte, den Unglücklichen Hülse zu leisten, es geschah jedoch nichts, erst später tttnr eine andere Truvpenabt.ilung vorüber und zerstreut: die Bande. Im allgemeinen hat der Zeuge beobachtet, daß die Polizei sich Wäh7 rend der Ausschreitungen konsequent weigerte, zü Gunsten der geplünderten und mißhandelten Juden zu intervenieren, während die Offiziere der in zahlreichen Detachements aus den Straßen postierten Truppen auf die dringende» Bitten, einzuschreiten, erwiderten, daß teine diesbezügliche Ordre erteilt wurde. Viele Juden sind zu mir gekonimen, um mir Wertsachen zur Aufbewahrung zu übergeben; Schutz konnte ich ihnen leider nicht biete». Bors.: Waren die Juden bewassnet, die zu Ihnen kamen, oder hatten sie irgend welche zum Angriffe dienende Werkzeuge oder Gegenstände mit sich? Zeuge: Tie Juden waren derart eingeschüchtert und verzweifelt, daß sic wie Schatten wandelten, und sie erschienen gänzlich hülflos. Von einer Bewaffnung kann keine Rede sein. Staatsanwalt:. Haben die Juden mit den Christen sonst in Eintracht und Frieden gelebt? Zeuge: Soweit ich mich seit meiner frühesten Kindheit erinnerln kann, hat in ganz Bessarabien das beste Einvernehmen geherrscht Erst seitdem der „Bessarabetz" zu erscheinen begann, verbreitete sich allmählich der Judenhaß. Tie zahlreichen gegen die Juden erlassenen einschränkenden Gesetzesbestimmungen haben vielfach dazu beigetragen, ihr bürgerliches Zinsehen und ihre Stellung in den Augen der christlichen Bevölkerung herabziyetzen, so daß man in manchen Kreisen anfing, sie wie Parias und außerhalb der Gesetze stehende Leute zu befrachten. Trotzdem aber wäre der Haß gegen die Inden in den besjeren bürgerlichen Klaffen niemals dazu gelangt, daß Exzesse gegen sie veranstaltet werden, wenn nicht in den erwähnten Handwerkerkreisen, welche aus den „Bessarabetz" geradezu schwören und deisen Behauptungen wie Orakelspriiche ausnahmen, die systematische Aufreizung geübt worden wäre. — Auf die Frage über das Verhaltender gebildeten Stände ltnter den Christen während der tl n r,l h e n ailtwortet der Zeuge, daß diese ganz teilnahmslos dem Nnglück der Juden gegenüber sich stellten. Es sec ein Plan bei den Plünderungen genau zu bemerken 'gewesen. Tie Mutter des Dr. D u b i n a, deren Haus sich in der Nähe einer jüdischen Wohnung befindet, hatte bemerk', daß eine Bande Exzedenten in ihr Haus eindringen wollte, und machte ihnen Borwürfe, daß sie nicht zwischen einem jüdischen und christlichen Hause unterscheiden. Hierauf zog einer der Mordgeselleu ein Notizbuch aus der Tasche, suchte nach und sagte: „Tein Haus ist Nr. 7, bei uns ist es eingetragen als Eigentum eines Juden, Tu mußt daher den Irrtum verzeihen, und ,m übrigen sei sicher, es wird Tir nichts geschehen." Kischinew, 21. November. Verteidiger 2 ch m a k o w läßt durch den Vorsitzenden an den Bürgermeister Schmidt die Frage richten, ob ihm betannt ist, daß die Inden den ganzen Handel von Kischinew und Umgebung an sich gerissen haben. Zeuge Schmidt: Eine große Anzahl der größeren Handelshäuser und der größte Teil der kleineren Geschäfte ist aus ganz natürlichen Gründen in' jüdischen Händen, da den Juden fast alle Wege abgeschnitten sind, außerhalb der kommerziellen Tätigkeitihre Existenz zu finden; mit Ackerbau und selbst mit Pachtungen von Landgütern dürfen sie sich nicht befassen, und seitdem namentlich von den Dörfern und Grenzorten die Juden ausgewiesen werden, sammeln sie sich in den von der Grenze entfernteren Städten in größeren Massen an und sind, um nicht Hungers zu sterben, daraus angewiesen, Handel zu treiben. Als zweiter Zeuge wird General Beckmon vorgerufen, der während der Ausschreitungen den ihn um Hilfe anstehenden Juden jede Unterstützung verweigert hat, indem er sich darauf berief, daß ohne Befehl des Gouverneurs seitens des Militärs gegen die Exzedenten nichts geschehen könne. Ter Zeuge gesteht, daß am 19. und 20. April in Kischinew min- > bestens 5000 Manu Soldaten disponibel waren, die den Ausbruch der Unruhen sofort hätten unterdrücken können; er habe jedoch keine Ordre gehabtt Er gibt des Weiteren zu, daß nach den bestehenden Reglements das Militär beauftragt sei, wenn die Polizei sich zu schwach erweist, entstehende Unruhen zu bewälttgen und der Polizei in jeder Weise zur Wieder-

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