Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 56 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 11. Nr. 56. v .■ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Das Gluck. Novelle von A. Halbertyal. Zwei junge Menschenkinder standen sich gegenüber.' Sic sollten Mann und Frau werden und kannten einander kaum. - „Dazu ist die Brautzeit . da," meinte der Schadchen. Das junge Mädchen schwieg. Sie war eine gehorsame Tochter; nicht gewohnt zu widersprechen. Nur als der Schadchen ging, blieb sie beim Fenstergesims stehen und aus die Frage der Mutter, ob sie denn nicht Klavierstnnde habe, fragte sie: „Muß ich denn schon heiraten — Mutter?" Die Mutter lachte. Als ob sie die Verhältnisse, die vorherrschten, nicht kannte! Ob sie mußte. . . . Welche Frage! Ihr Vater war vor einiger Zeit gestorben und ließ die . Mutter, sie und noch einen kleinen Bruder mittellos.zurück. Er war ein gewöhnlicher Synagogendieuer. Bei diesem Berufe ließ sich wohl leben, wenn eine sparsame Hand wirtschaftete, doch nicht für die Zukunft sparen. Was sollte mit ihr werden? Dieses Thema regte der Vater bei Lebzeiten immer wieder an, wenn er mit seiner Ehehälfte allein war. Er seufzte oft und machte sich Kummer. Seine Gattin hatte nur einen. Trost: „Sie ist ein Mädchen, wie andere jüdische Mädchen in diesem Stande. . . . Gott wird schon Helsen. . ." Abraham Weiß schüttelte zweifelnd das Haiipt. „Es ist schlimm. . . . Sie ist gebildet. . . . Lic stellr höhere Anforderungen an ihren Mann. . ." „Das hast Du Dir eingebrockt. . . . Du selbst." „Aber. ich meinte doch — die Frauen können heutzutage studieren. ..." „Ja, wenn sie Geld haben, — sonst nicht." .„Sie hat aber entschieden Talent für Musik." „Wer Geld hat, hat alles." Nach dieser Weisheit letzten Schluß Pflegte Abraham Weiß in Schwermut zu versinken. Er war ein alter, biederer Mann mit klarem ehrlichem Charakter. Seine . Ahnen, soweit sich der „Stamm" überhaupt verfolgen ließ,' waren stets in Amt und Würde gewesen — in jeder Generation ein Rabbiner oder ein Lehrer —; und deshalb schätzte er, der Lynagogendiener, sich glücklich, wenigstens auch ein Amt in' der Gemeinde zu bekleiden. Seine Tochter, Mnriam, hatte er zuerst für den Lehrerberns bestimmt, da sic aber musikalisches Talent zeigte, faßte er den Entschluß, sic Musik studieren zu lassen. Doch — Pläne machen ist leicht: sie auszusühren ist häusig schwer; manchmal sogar sehr schwer. Dieses Bewußtsein kam ihm allmählich. ö Mark pro Stunde sollte er für den Klavierunterricht zahlen und das war bei seinen Verhältnissen nicht möglich. So kam er allmählich davon ab. Er gewöhnte sich' an den Gedanken: „Myriam ist ein Mädchen, wie andere jüdische Mädchen." Ja, noch mehr. Wenn er niedergeschlagen, von der Sorge um das Fortkommen, seiner geliebten , Tochter geplagt, nach Hause kanr und sic mit ihrem heiteren, immer lächelnden Gesichte sah, mußte er -sich sagen, daß sie sonnig, daß sie schön sei. Sie war schlank gewachsen, ebenmäßig entwickelt, hatte ein schönes, offenes Gesicht, und klare, sonnige, kindliche Augen. Sie war nicht übermütig, schien jedoch immer zufrieden. Sie liebte die Musik. Und da sie einsah, daß ihre Ätern zu unvermögend seien, um ihr die nötige Fortbildung zu Teil werden zu lassen, gab auch sie den Studiumplan auf; übte aber nach .wie vor aus dem Klavier und freute sich der Macht der Töne. > ' Ihr Verkehr war sehr eingeschränkt. Sie ivollte sich keinen „Kleineren" anschlicßen und „Größere" verkehrten mit ihr nicht. Insbesondere spielte hier die soziale Stellung eine große Rolle — ja: fast die ausschlaggebendste. Myriam blieb also abgeschlossen vom Verkehr mit der Außenwelt und suchte ihr Genüge im Elternhause. Da starb der Vater. _ Jetzt, kam zu der Vereinsamung »och die ^orge. . Die' Bittere, harte, erbarmungslose Sorge ums tägliche Brot. ' Was tun? Myriam wollte eine Stellung annehmen, aber dann blieb ja die Mutter ganz allein. .Das konnte sie nicht übers Herz bringen. Sie. versuchte mit dem „Stnndengeben". Anfangs schleus gut zu gehen. Sie kam in verschiedene Häuser, zu denen sie niemals Zutritt hatte, noch suchte. Jetzt aber mußte, sie es wohl oder übel ' versuchen; und obwohl ihr Erniedrigungen und naseweise Abfertigungen nicht erspart blieben, erwarb - sie sich die Liebe ihrer Schülerinnen und verdiente das Nötige für den Haushalt. Besonders gefiel sie im Hause des Schnittwarenhändlers Schuhmann. Die Kinder, ein-13- und ein Ljähriges Mädchen, hingen an ihr mit einer wahrhaft zärtlichen, hingebungsvollen Liebe. Wenn sie klingelte, wußte sie im voraus, daß das liebe, kleine, pausbäckige 8jährige Ding schon im Korridor steht, ihr zu öffnen. Diesen Dienst ließ es sich nicht nehmen, lind wenn es seinen „Knix" gemacht hatte, sprang es ins Zimmer und rief jauchzend: „Ella! Das Fräulein Lehrerin ist da." Ella war älter und gelassener. Sie trug bereits ein Kleid, das bis über das Knie reichte. Sie war nicht so gesund und rund, wie die Kleine, nicht so voll und blntvoll. >-ie war schlank, hatte ein feines, zu Zeiten aber etwas blasses Gesicht. Sie ging Myriam lächelnd entgegen, grüßte freundlich und nicht selten hängte sie sich in ihren Arm. So gingen sie ins andere Zimmer, das sie Salon nannten, weil ein Plüschsofa und ein Klavier darin Aufstellnng. gesunden hatten. (Fortsetzung folgt.) Ans den Litteratnrvereinen. Rosheim, 26. Nov. Letzten Samstag wurde in hiesiger Gemeinde ein Verein zur Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur unter dem Namen „Israelitischer Litteraturverein Rosheim" gegründet. Der Hauptzweck des Vereins soll sein: das Halten von Vorträgen mit anschließenden Tiskusiionen. Ferner soll eine Bibliothek angeschayl werden, die den Mitgliedern zur Verfügung gestellt werden lvird. Eine Reihe von jüdischen Zeitungen sollen wöchentlich im Vereinslokal aufliegen. In den Vorstand wurden gewählt: Fabrikant Meyer Blum (Präsident», Samuel Bloch, Lehrer Weil, Paul Weil, Mare Weil und Julien Bloch. Der Verein zählt etwa 30 Mitglieder. Wünschen wir dem jungen Vereine viel Glück. Hamburg. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach gestern abend Herr Tr. A. Löwenthal-Hamburg über Björnsons „lieber unsere Kraft" und das Wesen des Judentums. Ter Redner bemerkte einleitend, daß seit langer Zeit kein Drama so sehr die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt habe, wie „lieber unsere Kraft". Das Drama hat ein merkwürdiges Schicksal erlebt. Im Jahre 1882 erschien der erste Teil, erst 1893 der zweite Teil. Trotz des christlichen Kolorits enthält das Stück Gedanken, die jeder Religion eigentümlich sind und eriveckt Fragen, die von jeder Religion beantwortet werden müssen, also auch von der jüdischen. Die Religion belehrt'uns über die Kräfte, die in unsere»! Innern wunderbar schlafen. Wo der religionslose Mensch nicht weiter kann, findet der religiöse neue Kraft zur Umkehr und Buße, zur Hoffnung, zur selbstloseu 'Nächstenliebe. Redner zeigt, daß das Bild Sangs keineswegs frei von religiösen Schwächen ist, die Schilderung hat ein zuviel und ein zuwenig. Dem llebermaß von Begeisterung steht gegenüber ein Mangel an Gefühl für das Wirkliche, ohne das die Religion nicht auskommen kann. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Tie Freie Chorvereinigung (gegründet 1901 von Mitgliedern des Synagogenchores der Reuen Geineinde-Synagoge am Bvrneplatz) veranstaltet am Samstag, den 5. Dezember, abends 8lh Uhr, in den Räumen der „Frankfurter Loge" ihr diesjähriges Konzert. Zum Vortrag kommen u. a.: Priesterchor a. d. Oper „Zauberflöte", „Lol vidrö", Gesang des Wolfram: „Blick ich umher in diesem edlen Kreise„ aus „Tannhäuser", Arie des Renato aus der Oper „Maskenball" re. Dem Konzerte wird sich ein Ball anschließen. Eintritts-Karten sind bei Herrn S. Halberstadt, Brückhofstraße 211., zu haben. Frankfurt a. M. Die diesjährige Makkabäerfeier der zionistischen Vereinigung findet am Sonntag, den 13. Dezember, abends 8 Uhr (1. Chanukähabend) im Kaufmännischen Verein statt. Karten zunr Minimalpreis von 50 Pfg. sind im Vorverkauf erhältlich bei I. Kaufmann, David Strauß, Zernes und Kroll. W ü r z b u r g, den 29. November 1903. Gestern Abend fand im Hotel Eoldschmidt eine Versaininlung —- aus den Mitgliedern des Vereins Mekor Chajim und aus Mitgliedern der hiesigen zionistischen Vereinigung bestehend, — statt, die die Beachtung dieses geschätzten Blattes verdient. Herr Präzeptor Oppenheimer referierte weiter über das Thema: „Hellenismus und Judentum", und er verstand es, den reinen historischen Stoff mit solcher Würze zu schildern, daß die anwesenden Damen und Herren — unter letzteren eine Anzahl Studenten — von seinen 'Ausführungen hingerisien wurden. Dann kamen zionistische Angelegenheiten zur Debatte. Herr Präzeptor Oppenheimer, der Anhänger des Ostafrikaprojektes ist, erklärte, daß der Vorwurf, „die Anhänger des Ostafrikaprojektes vernachlässigen das Palästinaprojekt oder haben es ganz und gar beiseite geschoben", unberechtigt und unbegründet sei. Herr stad; phil. Schön, der ganz aus dem Herzen des Herrn Or. Alfred Nossig spricht, nahm dann das Wort und stellte unter anderem folgende Fragen auf: Wer würde den jüdischen Kolonisten den wilden Negervölkern gegenüber politischen und militärischen Schutz gewähren? Auf was für Forschungsreisen werden die off. zionistischen Führer sich begeben, wenn ie in Ostasrika dasselbe erreichen, was sie bis jetzt in Palästina erreicht haben « u. s. w. Es schloß sich eine lebhafte Diskussion an, in der Herr Präzeptor Oppenheimer, «aml. jur. Mehle r, Herr Strauß und Herr Kaufmann (Stuttgart) gegen Herrn Schön polemisierten. Herr Präzeptor Oppenheimer und Herr Mehl er verstanden es, in ruhiger und trefflicher Weise die Ausführungen des Herrn Schön zn widerlegen und bewiesen, daß die Anhänger des Ostafrikaprojektes im Palästinaprojekte eben so. tätig sind, wie ihre Gegner. Das anwesende Publikum spendete den Herren Oppenheimer und Mehler Beifall. Rehclup. Personalien. Hanau a. M. Ein Sohn unserer Gemeinde, Herr Leo Hambur g e r - Frankfurt a. M., hat der hiesigen israelitischen Gemeinde den Beirag von 15 000 Mark überwiesen zur Stipentien-Verteilung an junge Leute, die sich dem Lehrerberufe widmen. Al a n n h e i m. 30. 'Novbr. Während heute Vormittag auf dem israelitischen Friedhof eine Beerdigung von statten ging, schlich sich der 60 Jahre alte Leichenbegleiter Abraham Hirsch beiseite und machte seinem Leben durch Erhängen ein Ende. Solingen, 23. Novbr. Kommerzienrat Gustav Koppel, Mitinhaber der bekannten Stahlwaren- und Waffenfabrik Alexander Koppel, hiersetbst, stiftete heute aus Anlaß feiner 50jährigen Mitinhaberfchaft ein Kapital von 20 000 Mark zur Gründung einer Unterstützungskaffe für die Arbeiter der Firma Alex. Koppel und überwies ferner dem Vaterländischen und Katholischen Frauenverein, der Synagoge und der Freiwilligen Feuerwehr Geldgeschenke im Gesamtbeträge von 5000 Mark. Berlin. In vergangener Woche hat der Student der technischen Wissenschaften an der Hochschule zu Charlottenburg. Herr Moritz Philips aus Ruhro r t, als jüngster und einziger unter seinen Commilitionen, das Examen als Diplom-Ingenieur mit dem Prädikat „Mit 'Auszeichnung bestanden" absolviert. Gleichzeitig ist ihm die 'Medaille seitens der Hochschule und ein Reisestipendium im Betrage von 1500 Mk. verliehen worden. _ Breslau. Ter Geheime -anitätsrat Herr Dr. 2. Caro ist am 23. November nach kurzem Leiden verschieden. Der Verstorbene war Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde und des jüd. Schwesterheim. Duisburg, 20. Nov. In der heute vormittag unter dem Vorsitze des als Wahlkommissar der Regierung ernannten Herrn Beigeordneten Heinrich vollzogenen Wahl der Repräsentanten der hiesigen jüdischen Gemeinde wurden die Herren Max Nach mann, Joseph Heimann, Theodor Lauter und Gustav Katzenstein und als Stellvertreter Ludwig Lilienfeld, Rudolf Alsberg und Richard Löwenthal gewühlt. Familieuuachrichlen. (Aufnahme in diese Rubrik kostenlos.) Geburten. Ein Sohn, Herrn Bl. Gundelfinger, Frankfurt a. M., Karlstraßc. Eine Tochter, Herrn Realschuldirektor Tr. G. Lange, Frankfurt a. M., Am Tiergarten 52. Ein Sohn, Herrn Mainzer, Frankfurt a. M., Fichardstraße 45; Verlobte. Hennp Abraham, Bonn, mit Emil Goldfchmidt, Bamberg. Eheschließungen. Luise Baum, Frankftirt a. Al., mit Pinkus Tavies, Frankfurt a. M. Sterbesälle. Marx Haas, Privatier, 70 I., Frankfurt a. M., Rotteckstraße 3. Isaak Meyer, 56 I., Schifferstadt. Betty Präger, geb. Herzberg, 85 I., Frankfurt a. M. Sophie Langenbach, geb. Koppel, 67 I., Frankfurt a. M., Grüneburgweg 96. Woche»-Kalender. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag den 28. Novbr., Wochenabschnitt Majiseblaob. «abbath-Ausgang in Frankfurt a. M., 5 Uhr 15 Minuten, Caffel 5 Uhr 03 Minuten, Berlin 4 Uhr 44 Minuten. Wilhelm Glücklich Gegr. Schillerstrasae 4,1 6egr. 1879. Frankfurt a. 9K. 1879. Immobilien, Hypotheken»