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Neue jüdische Presse · 1903-11-27 · Heft 55 (27.11.1903) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 55 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Frankfurter Israelitisches ^Familienblatt. Nr. 55. verzählen. Sic sorgen für ihre Alten und sie bauen Altersasyle." Antonio deutete pathetisch aus den halbsertigen Bau hin. Dann streckte er sich aus 'den weichen Rasen und pfiff sich ein lustiges Tischgebet. Wie sonderbar und herrlich! Mir schwirrte es im Kopfe umher. Dort in einem armseligen Neste der Lombardei alte Leute, die sonst hungern müßten, und da zieht der junge, muskulöse Sohn in die Welt hinaus und schafft und singt, um sein Brot mit den Men zu teilen. Hier erhebt ' sich ein prächtiger Bau und wächst mit jedem Tage empor, um bald die Alten, die wie lebende Ruinen aus einer schlechteren Vergangenheit der schweizerischen Judenschast umherwandeln, in Liebe aufzunehmen und ihnen einen geordneten, angenehmen Lebensabend zu bieten. Hier die heiße Kindesliebe, die lachend und singend alles zu grinsten der Alten entbehrt, und da das prächtige Denkmal der jüdischen Liebe, der jüdischen Fürsorge für die Alten. Und friedlich beleuchtet die Mittagssonne das lachende Gesicht Antonios, friedlich und hellleuchtend schaut sie aus dre grünen Bäume und die grauen Dächer im Tale hinunter und sogar das schwarze, mit struppigem Haare bedeckte Gesicht des lleinen Männleins erhelll sich im lieblichen Sonnenglanze.- Die Kirchenglocke im Tale ließ ihre letzten Töne langsam und dumpf erschallen. Die Arbeiter erschienen nach einander auf dem Bauplätze. Ein schwärm von Käfern ließ sich zur Erde nieder und strebte ,ummend den herableuchtenden Sonnenstrahlen entgegen. Auch Antonio pfiff, sich erhebend, die letzten Variationen seiner Melodie langsam und feierlich zu Ende. „Adio Signore! Muß wieder an die Arbeit! —" Mir aber schwirrte es im Kopfe umher und in meinen Ohren summte ein altes, ergreifendes Pjalmlied: „Wirf o Herr uns nicht von Dir, „23ertn unsre Tage schwinden; ,/Laß, wenn einst gealtert wir, ,/L>chutz bei Dir uns finden." Aus den Litteraturvereiuen. Hamburg, 13. Nov. Am »Verein für jüdische Geschichte und Literatur" sprach gestern -Abend Herr Dr. Moses- Berlin über Morris Rosenfelds „Lieder des Ghetto." Der Redner gab zunächst einen Ueberblick über die jung-jüdische Dichtkunst im allgemeinen, die hervorgegangen ist aus der national-jüdischen Bewegung der Gegenwart. Diese letztere zeigt sich zunächst im Wiederaufleben der neuhebräischen Dichtung in hebrgischer -spräche, die eine solche Bedeutung erlangt hat, daß kein Geringerer als Maxim Gorki in seinem „Sbornik" verschiedene Uebersetzungen derselben gebracht hat und es somit sich zeigt, daß die alte, tausendjährige spräche durchaus nicht mehr tot ist; in ihr erscheinen jetzt verschiedene Tageszeitungen und daneben im Entstandensein eine vollständig' eigenartige moderne Literatur des „Jüdischen" (Jiddischen), d. h. jenes eigenartigen deutschen Idioms, das im Mittelalter zur Zeit der Judenvcrtreibungen aus Deutschland aus der Vermischung der deutschen Sprache mit verschiedenartigen, fremdländischen, namentlich slavischcn und hebräischen Brocken entstanden ist, das man im allgemeinen „Jargon" nennt, und das heute von 6—7 Millionen Juden auf der ganzen Welt gesprochen wird, also so die eigenlliche Sprache des geknechteten und bedrückten jüdischen Volkes bildet. — Auch in dieser Sprache, im „Jargon", erscheinen viele Tageszeitungen, Dichter und Schriftsteller bedeutender Art sind in chm. entstanden. Der Meister der jüdischen Prosa ist David Perez, und der der lyrischen Dichtung Morris Rosenfeld. — Dieser wurde vor vier Jahren gewissermaßen entdeckt von.Professor Wiener-Eambridge, der eine. Ausgabe seiner Dichtungen unter dem Titel „douM trom the Ghetto" veranstaltete, während Gorki die Gedichte ins Russische übersetzte, und vor Jahresfrist endlich erschien eine Meisterhafte deutsche Uebersetzung von dem jungen jüdischen Dichter Berthold Feiwel mit Zeichnung von E. M. Lllien. Redner schildert sodann den äußeren Entwickelungsgang Roscnfelds, der 1862 in einem lleinen russisch-polnischen Städtchen geboren wurde und als Kind mit den Eltern nach Warschau kam. Hier ging er. ins Eheder, wo seine ganze Bildung im,. Talmud und Jargon bestand. Hier hat er nach Art der russisch-polnischen Juden bereits mit 18 Jahre», geheiratet, und ist dann später nach Amsterdam ausgewandert, um sich dort mit Diamantschleifen zu ernähren. Aber bereits nach einem halben' Jahr wänderte er nach London aus, um dort drei Jahre ^lang als Schneidergesclle in dem berüchtigten schwitzsystem zu arbeiten. Später wanderte er nach Newyork aus, wo er noch heutals schneidergeselle in der kümmerlichsten Weise sein Leben fristet. Hier begann er sein singen von Leid und Unterdrückung von seinem vergeblichen Ringen nach Befreiung aus den Fesseln des Sllavenjoches. Seine „Lieder des Ghetto" zerfallen in drei Abteilungen; ,/Lieder der Arbeit", „Lieder des Bülkes" und ,/Lieder des Lebens". Aus ihnen spricht der ureigenste Geist dcS Proletariats, der Schmerzensschrei der Arbeit, der Weheschrei des jüdischen Proletariats, des Aermstcn der Armen, die von einem Ort zum andern gehetzt, selbst von ihren Brüdern mitleidig über die Achsel angesehen werden. Und das Milieu der Dichtungen! In der Umgebung des Lasters der Trunksucht und Roheit, die in den Proletariervierteln Londons und Newyorks herrschen, weht dusch die Gassen des Ghetto ein eigentümlicher, melancholischer, auf religiösen Traditionen beruhender Geist und in solchem Milieu ist der Genius Rosenfelds entstanden. Schmerzen und Verzweiflung sind seine Melodien, er hadert mit dem Schicksal, und möchte die Fesseln zerbrechen, aber seine Kraft ist zu schwach. In den „Liedern der Arbeit" schildert uns der Dichter das Los der Ausgebeuteten, wie die Maschine sein eigenes Ich verschlingt und er selbst nur noch Maschine ist. Tiefe Ergriffenheit übermannt uns, wenn wir den Aufschrei des wunden Herzens vernehmen im „Lied der Not". Mein krankes Weib liegt im Bette Und schläfert den Kleinen ein. sie summt ganz leise, leise Dem Kind eine schlummerweise. Mein Husten llingt heiser darein. Ich denk' mir — und möchte weinen: Wenn heut' mich trifft der Tod. Was soll aus ihnen werden. Wen haben die Armen auf 'Erden, Wer schafft ihnen Bett und Brot? Die beiden, wo nehmen sie morgen Auch nur das lleinste Geld? Wer wird ihnen leihen und borgen. Wer schützt, sie vor Not und Sorgen, Wer schert sich um sie in der Welt? Ich denke und denke — da saßt mich Der Schlummer. . . Ein kurzes Glück. . Ich schleppe die zitternden Glieder Zur dumpfen Werkstatt zurück. Und wer würde nicht vom Mitgefühl mit dem Vater hingerissen, wenn er von seinem „Jingele" spricht, das noch schläft, wenn er zur Arbeit muß und schon wieder schläft, wenn ermüde und gebrochen heimkehrt: Mir ist so bitterweh zu Mut So weh, — mein Herz wird schwer. Mein Kind, mein Kind,,einst wachst du aus Und findest Pa nicht mehr! Der Redner rezitiert ferner aus diesem Zyllus „Die Landstreicher", in dem der Dichter das unverschuldete, menschliche Unglück seiner aus der Heimat vertriebenen Brüder in ergreifender Weise schildert. In den „Liedern des Volkes" verschlingen sich religiöse und nationale Gefühle zur hinreißenden Verkündigung an eine neue Zeit, die für seine geächteten Brüder heranbrechen wird. Von gewaltiger dichterischer Kraft zeugt auch das ergreifende Gedicht „Mancher" (Bastard), das ebenfalls vom Redner rezitiert wurde. Zu imposanter Kraftcntfaltung schwingt sich aber der Dichter empor in dem packenden Gedicht „Der sturm", in dem mit genialer Dichtcrkraft^ die Majestät der tobenden Elemente geschildert wird. Aus 'dem Ozean befindet sich ein schiff, das im tobenden Sturnie dem Untergang geweiht ist. Im Zwischendeck desselben sind zwei von Amerika wieder nach Rußland zurückgeschickte Juden, die ruhigen Auges dem Untergange entgegensehen, denn sie haben keine Heimat mehr. Der Dichter läßt sie zu ihren Mitreisenden sprechen: „Ihr habt wohl Grund zum Weinen und Beten, Und mögt Euch entsetzen vor jähem Tod, Habt alle ein Heim, darinnen zu wohnen, Euch jagt übers Meer nicht die grausame Not. Doch wir sind verloren, verlassen wie Steine, Die Erde gibt uns kein Fleckchen frei; Wir fahren. Doch keiner erwartet uns drüben. Vielleicht wisset Ihr, wohin fahren wir Zwei? Mag's brausen und brüllen und sieden und kochen, Mag's stürmen und stürzen um uns her. Wir sind verlor'ne, verlassene Juden, Unsere brennende Wunde löscht nur das Meer. Den letzten Teil des Zyllus bilden die „Lieder des jüdischen Mai", in denen der Dichter mit hinreißender, fast visionärer .Gestaltungskraft eine nepe Zukunft seines Bülkes im^heiligen LandeHitzoKez^it,- Redner wendet sich dann dem Illustrator Rösenfelds, dem bekannten Schwarz-weiß-Zeichner E. M. Lllien zu, der ebenfalls eine ganz eigenartige Gestalt ist. Auch er stammt wie Rosenfeld aus dem jüdischpolnischen Proletariat. In Galizien geboren, versuchte er verschiedene Male vergebens, sich aus seiner Umgebung zu befreien, bis es ihm endlich nach unsäglichen Mühen gelang, sich nach München durchzuarbeiteu. Hier erkannte man gleich seine seltene Begabung und brachte ihn mit den Zeichnern der „Jugend" zusammen, später wurde dann der jüdifche Proletarier mit dem sprößling eines der ältesten deutschen Adelsgeschlechter dem Freiherr Börries von Münchhausen bekannt, mit dem er zusammen den Balladen-Zyklus „Juda", der übrigens auch von Gorki übersetzt ist, herausgab, welcher seinen Ruhm begründete, um dann den Höhepunkt seines Schaffens in den grandiosen Zeichnungen zu den Werken des ihm' kongenialen Dichters Rosenfeld zu erreichen. — So hat der Zeichner sich zu lichter Höhe auch äußerlich emporgerungen, während der Dichter noch immer unter den Fesseln des- Ansbeutungssystems der Schwitzarbeit seufzt; doch hoffen wir, daß der demnächst vom Literaturverein zu Gotha zu erlassende Ausruf für den Dichter, demselben ein von äußeren Sorgen Ungetrübtes Schaffen' ermöglicht. Sprechsaal. (Für diese Rubrik übernimmt die Redaktion nicht die Verantwortung.) Hanau, 23. November 1803. Sehr geehrter Herr Redakteur! Eine von mir für eine kleine Gemeinde meines Bezirkes ausgestellte Empfehlung, öetr. S am m - lung für einen Synagogenbau, ist vor einigen Wochen nebst der zugehörigen Sammellistein die Hand zweier Unbefugter geraten, welche von Frankfurter Glaubensgenossen daraufhin Spenden erbaten und zum Teil erhielten. Nachdem der Betrug entdeckt, die Empfehlung sowie die Liste wieder an die Berechtigten zurückgegeben und seitens der Angehörigen des einen der Sammler Ersatz für den der Gemeinde entgangenen Betrag gewährleistet ist, bitte ich die verehrl. Leser dieses Blattes, Spenden für den genannten Zweck nur denjenigen zu übergeben, die sich als berechtigt ausweisen und, sofern sie in jüngster Zeit Beiträge für den Synagogen bau in Somborn gegeben haben, mir davon freundlichst Mitteilung, zu machen, damit die Höhe des veruntreuten und zurückzuerstattenden Betrages festgestellt werden kann,. Mit bestem Danke für Veröffentlichung vorstehender Zeilen Hochachtend Dr. Salomon Bamberger Provinzial-Rabbiner. Bunte Chronik. A s s i m i l a t i o u s b l ü t e n. Der Arzt Doktor Hersch Sirop tu Neumarkt in Galizien kam vor längerer Zeit bei der galizischen Statthalterei um Richtigstellung der Geburtsmatrik in Neumarlt dahin ein, daß sein dort eingetragener Vorname „Hersch" durch den Namen Hermann ersetzt werde. Die galizische Statthalterei und in zweiter Instanz das Ministerium des Innern wiesen das Gesuch ab, weil die Aenderung des Vornamens gesetzlich unzulässig sei. Dr. Hersch Sirop rekurrierte an den Verwaltungsgerichtshof und begründete seine Beschwerde damit, er habe gar nicht um Aenderung seines Vornamens, sondern um Richtigstellung der Geburtsmatrik angesucht. Ein Vorname „Hersch" existiere überhaupt nicht, könne ihm daher auch nicht verliehen worden sein. „Hersch" sei nur die jüdischpolnische Diminutivform des deutschen Namens Hermann und werde als Rufname für Personen, die Hermann heißen, verwendet. Er verlange daher, daß der mit Unrecht als Vorname eingetragene Rufname in der Matrikel berichtigt werde. Der Verwaltungsgerichtshof gab der Befchwerde statl und loies das Ministerium an, zu prüfen, oh „Hersch" überhaupt ein Vorname sei. . In dem neu eingeleiteten Verfahren wurde ein Rabbiner der Lemberger Kultus gemeinde als Sachverständiger vernommen, der erklärte:,,Hersch" sei die jargonisierte Form des d e u t s ch e n T i.er - namens Hirsch; wenn sich Personen mit Namen „Hersch" iin Deutschen Hermann oder Heinrich nennen, so geschehe das nur auf Grund der lautlichen Aehnlichteit. Das Ministerium des Innern wies auf Grund dieses Gutachtens das Gesuch neuerlich ab. Dr. Sirop brachte neuerdings eine Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof ein, welche in der letzten Verhandlung vom Sektionsrat Jeckey als Vertreter des Ministeriums des Innern bekämpft wurde. Der Verwaltung^gerichishof unter. Vorsitz seines Präsidenten Grasen Schönbor u wies die Beschwerde ab, weil es dem Beschwerdeführer nicht gelungen sei, die von ihm behauptete Identität der Parsten „Hersöhl^unh „Hermanns nachzuweisen. Aus der Lehrerwelt. Königshütte. Der Verein der. israelitischen Religionslehrer Oberschlesiens hielt am Mittwoch in Beuthen im Saale des Deutschen Hauses unter dem Vorsitz des Herrn Bernhard-Tarnowitz seine Generalversammlung ah. Zu derselben hatten sich .außer den'.Vereinsmitgliedern als geladene Gäste auch eingefunden' die Herren. Amtsgerichtsrat Levy und Rabbiner Dr. Koppstein. Die Rechtsstellung der nicht definitiv angestellten Religionslehrer und Kultusbeamten war der erste Punkt der. Tagesordnung, über die Herr Amtsgerichtsrat Levy in längerer

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