Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 55 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Vellage zu Nr. 55 des Frauksurter JsmeMschen FamllieMattes. Die Bilanz des Zionismus. Kritik und Reform von Dr. Alfred Nossig. Besprochen von S. Schoch nowitz - Endingen. (Schluß). Das einzig sympathische an der ganzen Arbeit des Herrn Dr. N., das von vorneherein dazu angetan wäre, unser Herz zu gewinnen, ist, daß sie vom prophetischen Zionismus auszugehen angibt und sich an ihn anzulehnen sucht. Denn ist es nicht in der Tat für jeden wahrhaft zionistischen Juden schmerzlich, daß einige Offiziellen der Partei so wenig auf die prophetische Messiasidee, aus der allein sich doch der politische Zionismus herausentwickelt und auf der er bewußt oder unbewußt basiert, Rücksicht nehmen. Da wird von gewisser Seite täglich der Resormpartei ihr Glauben an die „Mission Israels" vorgeworfen; eine abgeschmackte und unglückliche Version von seiten einzelner in unserm Generalstabe. Als ob es das einzige und schlimmste wäre, was wir unseren Assimilanten vorzuwerfen hätten, ihre Missionsfase, l«. Im Gegenteil! Mögen sie nur recht viel von der Mission reden, und auch die nötigen Konsequenzen für sich daraus ziehen. Diese werden dann sicherlich nicht im Sichgehen- und Aufgehenlassen bestehen können. Denn auch wir glauben an die Mission Israels, wie sie uns die Propheten darstellen; wir sind Zionisten , geworden oder geblieben, weil wir unentwegt auf dem Boden der Missionsidee stehen. Wir waren schon beinahe bereit, Herrn Dr. N. die Bruderhand zu reichen, als wir 'auf Seite 4 und 5 seiner Schrift die schönen Worte vernahmen „Die Thora ist der eigentliche Schlüssel unserer Volksexistenz", „Me Idee der jüdischen Mission darf nicht bekämpft werden" und die uns bekannten Belege aus Mosis, Jesajas und anderen Propheten. Allein unsere Freude wird bald gründlich verdarben. Im Laufe der Ausführungen werden wir skeptisch und unsicher; wir wissen nicht recht, was Herr Dr. N. unter jener Mission, die der Zionismus anzutreten hat, versteht. Heute muß man nicht jedem glauben, der besch em haschem kommt. Das Wort Gottes im Munde der Propheten, das mit uns gelebt und uns ewige Lebenskraft verleiht, ist recht und gerade, aber die Menschen sind es nicht immer, und solange dies der Fall ist, haben wir Grund zum Mißtrauen. Wissen wir doch nicht, ob nicht in diesem Falle Herrn N. das heilige Gotteswort als Barrikade erscheint, fest genug, um sich hinter sie verschanzen zu können, hoch genug, um von ihr aus die giftigen Pfeile in den Leib des Totfeindes zu senden. Wir wissen nicht, was Herr Dr. N. unter dem messianischen Traum der Propheten versteht und wie er sich seine Realisierung denkt. Wir wissen aber wohl, wie es seine Freunde aus der Kulturfraktion damit meinen; haben sie es doch ziemlich offen und unumwunden gesagt. Da ist, um nur ein kleines Beispiel anzuführen, jüngst im vom Verfasser glorifizierten jüdischen Berlage ein Buch von Herrn Lublinski erschienen, das uns unter dem Titel „Entstehung des Judentums" die verblüffendsten Mnge erzählt und namentlich von den P r o p h e t e n, für die er wie für alle sozialistischen Redner undZeitungssch r e i b e r sich zu begeistern vermag. Also wie meinen Sie es nun, Herr Dr. Nossig? Der Zionismus soll lediglich vom Standpunkte der Propheten ausgehen und dann Berläge subventionieren und Bücher sanktionieren, die die Propheten als sozialistische Straßenredner und Volksauswühler därstellen? Wo hat man schon gehört, daß die Worte eines Straßenredners und Demagogen von so bleibender und unverwischlicher Bedeutung sein können, daß Volksbewegungen nach 3000 Jahren von ihnen ausgehen müssen? Für uns sind aber jene prophetischen Lehren und Verheißungen in der Tat von ewiger und heiliger Verbindlichkeit. Daß der Kongreß die Thora ignoriert, d. h. nicht von ihr spricht, bedauern wir zwar mit Herrn N., aber wir begreifen es. Ist doch der Kongreß keine Akademie, kein Lehrhaus, in dem Ideen und Probleme des geistigen Lebens zum Austrage kommen, sondern lediglich die Vertretung eines unglücklichen Volkes, das eine Heimstätte sucht, eine Heimstätte, wo es sich frei nach seinen nationalen Eigenheiten, d. h. für mich nach den Grundsätzen der Thora ausleben könnte. Aber schlimmer, viel 'schlimmer ist, wenn einige Herren im Namen der Kultur die Prophetenworte nicht ignorieren, sondern an ihnen drehen und deuteln und sie durch kurzsichtige Anschauungen aus der Straße prosanieren und entweihen. Wir verwahren uns auch schließlich dagegen, wenn sie andere dazu benutzen, um mit ihnen ihre merkwürdigen Ideen, die durch einen Wust von persönlichen Ausfällen sich den Weg bahnen, zu würzen und ihnen den Nimbus der Göttlichkeit zu verleihen. Me andern, rein persönlichen Angriffe sind derart, daß sie keiner Erörterung würdig sind. Ein Manu wie Dr. Herzl, der sein Leben nicht, wie Heye D». Nossig der Idee de» Judentums, fnbtm dem Albsntum«, dem jüdischen Volke gewidmet, hat naturgemäß den bekannten Weltenlohn verdient, und kein Rechtdenkender wird Herrn N. um das Vorrecht beneiden, diesen Lohn auszahlen zu dürfen. So erübrigt nur noch ein kurzes Wort über der Brochüre zweiten und bessern Teil, die Reform. Die Resormvorschläge des Herrn Dr. N. haben nicht mehr ganz den Reiz der Neuheit. Sie sind in den verschiedensten Variationen bereits auch von anderen Seiten empfohlen worden. Aber dies sei gesagt, sie gehören zum Teile zu denen, die ewigj neu immer gut und praktisch bleiben. Der Verfasser will für die neue Phase, die angebrochen ist, auch einen neuen Kurs eingeschlagen wissen, der in einer Aenderung des Geistes, der Prinzipien, des Arbeitssystems, der Taktik und der Organisation des Zionismus bestehen soll. Die Tätigkeit des Zionismus soll eine dreifache sein und die drei Punkte, nach denen sofort und mit aller Energie die ganze Aktion hinzuleiten sei, sind: 1. Die Schaffung einer ununterbrochenen, fortlaufenden Rettungsaktion für die Gegenwartsarbeit. 2. Das Streben nach einem jüdischen Jdealstaate, auf der Basis von gründlichen Studien als Verwirklichung der Prophetenträume. 3. Und drittens muß sich die Wirksamkeit des Zionismus auch auf die ausländischen (?) Juden, die trotz Rettungs- und Staatsaktion in der Diasphora bleiben werden, erstrecken. Der letzte Passus klingt eigentümlich schön und anmutig. Die ausländischen Brüder, die in der Zerstreuung, fern der staatlichen Zentrale leben, bedürfen unseres Schutzes. Wie schön und rührend! Nur müßte diese Zentrale, dieser jüdische Jdealstaat, wie er erst im Punkt 2 als Verwirklichung der Propheteuträume anzustreben sei, schon in seinem weit hinreichenden Glanze da stehen. — Zu den elfteren zwei Punkten des Reformvorschlages sei jedoch folgendes gesagt: Wenn sie Herr Dr. N. unter anderen Resolutionen und Thesen dem Kongresse zu unterbreiten gedachte, wo sie am Platze wären, was aber nicht geschehen ist, welchen Sinn und Zweck hat es nun noch, sie beim heutigen völlig veränderten Stand der Dinge nach dem 6. Kongresse unter die Leute zu bringen? Hat doch Herzl den Kongreß mit der von Dr. N. gewünschten Rettungsaktion eröffnet! Und Nordau hat dieses Mal seine glänzende Rhetorik dem Gedanken des Nachtasyls gewidmet. Welchen Sinn und Wert haben jetzt noch jene Auseinandersetzungen und Vorschläge? Einen rein historischen, sagt der Verfasser in seiner Randbemerkung. Nun wohl! Ta hat aber Herr Dr. N. dem Geschichtsschreiber ein für sich ungünstiges Material geliefert. Denn, was wird die zukünftige Geschichte des Zionismus zu einem Manne sagen, der Verirrung und Verwirrung ins Lager wirst, just zur Zeit, da sich die großen Taten, für die er plädiert, darin vorbereiten?! Den einigen Kernchen von praktischen Wahrheiten, die im Büchlein hier und da zerstreut liegen, werden sich trotzdem unsere leitenden Kreise nicht verschließen können, schon aus dem Grunde, weil sie bereits zu wiederholten Malen auch von andern Seiten, deren Liebe zur heiligen Sache gewiß außer allem Zweifel steht, betont wurden. Jnterwiev mit einem Mitarbeiter ■ von S. S ch achnowitz- Endingen. Zur Einweihung des Schwzr. Israel. Alterasyls. Der geneigte Leser wird von vornherein gebeten sich von dem modernen Titel zu keinerlei politischen Voraussetzungen verleiten zu lassen. Ich habe nicht bei Höfen angeklopft und habe keine Fürstlichkeiten in ihren Privatkabinetten besucht. Ich habe nicht in den Wandelgängen des Frredensgebäudes im Haag gelungert, um Muravjew über die Vorgänge in Kischinew zu interwiewen, ebenso wenig ist mir bis letzt durch irgend eine Persönlichkeit der wahre Grund bekannt worden, warum die Zarenreise nach Italien verschoben wurde. Ich weiß nicht, wie es in Ostasien aussieht, und hatte auch nicht das Glück, wie etwa ein Mitarbeiter der „Welt", von einem Mitgliede des Aktionskomitees etwas über Ostafrika zu erfahren. Kein Entlaufener aus dem großen, welterobernden Makedonien, der sich in mein Dorf verirrte, und kein Ehamberlain, der mich für seine Politik interessierte. So einfach wir Surbthaler in unserm Privatleben sind, so einfach sind wir auch in unserem Interwiewen. — Ich habe einen Mitarbeiter interwiewt, einen Mitarbeiter des Schweizerisch-Israelitischen Altersasyls. Karlos Antonio ist sicher einer der eifrigsten Mitarbeiter und Förderer der Anstalt. Er hat keine Agitationsartikel für dieselbe geschrieben, denn in der schwarzen Kunst der schristzeichen hat er es nur bis zur Namensunterschrift — und zwar nur in der Muttersprache gebracht. — Er hat auch keine Summen und Unsummen gespendet, denn die einzigen Sümmchen von Kupfer und Nickelmünzen, die er seinem Munde abspart, schickt er, wie ich später erfuhr, gewissenhaft nach der lombardischen Heimat. Antonio ist ein Mitarbeiter im einfachsten, aber vollkommensten sinne des Wortes. Mit Herz und Hand hat er am Bau mitgearbeitet, von seinem Grundsteine bis zur Dachzinne. Mit der Kraft seiner Muskeln und mit der Freude seines jungen Herzens, seine schönsten Gedanken und Gefühle hat er in die Mauern eingegraben, seine schönsten und lieblichsten Heimatslieder hineingesungen. Karlos Antonio ist ein junger Bursche aus einem Arbeiterdorfe in der Lombardei. Er hat ein rundes Gesicht und einen Helten Teint. Mit ^eu goldblonden kurzen Locken, die seine glatte Stirn umsäumen, glaubt man, wenn man ihn am Sonntag in seiner kurzen Joppe und der Sammthose mit dem bunten Gürtel sah, eine Troubadour-Gestalt vor sich zu haben. Auch im Arbeiterkittel mit den groben Hemdärmeln am Blocke hantierend, ist er immer noch eine imposante südländergestalt. Und manche Mchternaturen, die den Hügel besteigen, um das Asyl zu besichtigen, bleiben unwillkürlich stehen und betrachten Karlos Antonio. Antonio ist mit andern italienischen Arbeitern für den Bau angeworben worden. Er hatte bis jetzt an Bahnstrecken und Straßenbauten gearbeitet; mißmutig stieg er zur neuen Arbeit hinauf, mit Unbehagen machte er sich ans aufgerichtete Gerüste heran. Doch fand er bald, daß die neue Arbeit nicht schwerer ist, und gewann sie wegen der 2lbwechslung lieb. Der stete Fortschritt, dieses ewige Wachsen war interessant und machte seinem jugendlichen Herzen spaß. „Wie so aus einem Nichts ein herrlicher Palast entstehen kann!" — mußte Antonio fortwährend denken. — „Und ich Antonio aus Lomino m der Lombardei habe mit dazu beigetragen! Und wenn es gar bald fertig da steht! welcher herrliche Zweck! ®ht Altersasyl! Wie schön doch dieses Wort Uingt!" Mit lachendem Herzen überschaute Antonio das Werk, an dem er mitarbeitet. „Noch eine Reihe! Dann der sims! Bald auch schon die Fenster! Jetzt geht es an die Oberetage! Ah das Dach!" Und Antonio fühlte, wie sich sein Herz im Jubel erweitert. Und während seine Hände immer mutiger den Eisenhammer schwingen, spitzt sich der schöne Mund zu den lieblichsten und lebensfrohsten Heimatsromanzen zu. Wer Antonio so arbeiten sah, konnte nicht umhin ihm einige Aufmerksamkeit zu schenken. Und auch ich blieb stehen und interwiewte Karlo Antonio. Im Tale läutete ein Kirchenglöcklein und kündete den Mittag an. Die Arbeiter begaben sich sofort hinunter und am Bauplatze trat Ruhe ein. Die Mittagssonne beschien den Neubau, dessen frische steine rot glitzerten, und warf ihre glänzenden Strahlen aus das Tal mit seinen grünen Bäumen und grauen Dächern. Nur zwei waren am Platze anwesend; ein Leines schwarzes Männlein, eine tägliche Erscheinung hier, das, überall prüfend und forschend, sich tit der Sonne wie ein Schatten hin und her bewegte, und Antonio. Antonio ging nicht ins Dorf hinunter, sondern setzte sich auf's Gras. Mit einem zierlichen Taschenmesserchen schnitt er sich aus einem großen" Laib Brot kunstgerechte Scheiben ab, die er mit Appetit verzehrte, und trank aus einer Flasche dazu. „Guten Appetit, Antonio!" „Märsi, Signor!" „Wie schmeckt der Vkno italiano?" „Ist kein Bino, Signor, ist nur pure Wasser!" Antonio lachte und aß weiter. „Antonio!" ,LmI?" „Antonio! Verdienst Du nicht soviel, um Dir bei der schweren Arbeit ein besseres Mittagsmahl leisten zu können?" _ „Verdienen? O ja Signor! habe viel, viel Soldi, aber hm . ." — Antcnio stockte, er rang nach einem deutschen Ausdruck für euvas ungeheuer Subjektives, das sein italienisches Herz erfüllte und konnte ihn nicht aus den ersten Augenblick finden. „Aber? —" drängte ich. „Ich Hab' Sorgen" — lachte er ernst — „Darf mir nicht erlauben Divertimento. Muß alle Soldi heimschicken. Ist dort Mann und Frau-." „Mann und Frau?" — Ich schaute Antonio prüfend ins Gesicht. — „Bist Du gar schon verheiratet?" Da lachte aber Antonio so laut und so herzlich auf, daß auch ich unwillkürlich mitlachen mußte. heiraten?! Nein, nein! tale quäle werde nit nimmer geheirat werden können. Aber alter Vater und Mutter daheimo und ich ihnen mit meinem Soldi ernähren muß." Er lachte immer noch, aber seine Augen funkelten im ernsten stolze. „Antonio, wird denn dort vom Staate, der Gemeinde oder sonst jemand nicht für die Alten gesorgt?" „Gesorgt?" — lachte er bitter — „da sorgt keiner nit etwaS! Da ist es nit wie bei den Juden." „Wie ist es denn bei den Juden?" „Schön ist es da! Tie Magnat! geben viel und die alten Kranken brauchen nicht hungern. Ber Jsraelito ist es schön! Das muß ich daheim,