Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 55 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. S5. schichte. Der Vater des Gedankens, Dr. Vogelstein in Stettin, verfaßte vor Jahren für den Westfälischen GemeindevKrband ein „modernes" Gebetbuch (s. Verordnungsblatt 1897 8. S. 17). Die Folge war der Austritt einer respektablen Anzahl westfälischer Gemeinden aus dem Verband, ihr Zusammenschluß zu einem besonderen, den Tendenzen des traditionellen Judentums huldigenden Verein. Nicht wir sind es also, welche „die beiden Richtungen im Judentum einander entfremden und einen Keil in die Landesorganisation treiben." Wir dienen vielmehr den Interessen des Friedens, wenn wir aus die Gefahren, die durch das Gebetbuch der badischen Jüdenheit drohen, bei Leiten Hinweisen. Wenn am Schlüsse des Flugblattes die Lehrer und Synagogenräte (besonderen Wert legen wir auf die elfterengegen uns scharf gemacht werben, so verwahren wir uns aufs entschiedenste gegen diese Unterstellung. Gerade die Lehrerschaft, als die Organisation, die am ehesten für die Verwirklichung unserer Tendenzen arbeiten und dem Jndifferentismus am besten steuern kann, rufen wir auf als Bundesgenossin für unsere idealen Ziele, und sie wird uns bei ihren anerkannten Intelligenz ihre Hilfe nicht versagen. Soviel zur Begründung unseres Aufrufs; Vorschläge zur Besserung werden wir sobald als möglich aus dem Wege des Petitionierens an geeigneter Stelle vorzubringen uns nicht scheuen. Der Verein zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums in Baden. Aus aller Welt. Deutschland. Berlin. Die erste außerordentliche Generalversammlung der Jüdischen Orient-Kolonisations-Gesellschaft fand am 25. Oktober er. statt. In derselben gelangte das folgende Schreiben der Regierung der Insel Cypern zur Verlesung: „Ich habe die Ehre Ihnen mitzuteilen, daß ich beauftragt bin, auf Ihr Schreiben vom 3. Juli 1903 mit der Anfrage, zu welchen Preisen und Bedingungen Asie Kolonisationlgefellschaft die Staatsländereien i:> der östlichen Messaoria erwerben könnte, zu erwidern: daß die Regierungsländereien im Ausmaße von ca. 3000 Acres (1200 Hektar) jetzt zu einem Preise von 6 Lstr. per Acre (gleich 300 Mk. per Hektar) zu verkaufen sind unter der Bedingung, daß das Land innerhalb einer noch zu vereinbarenden Zeit unter Kultur genommen wird/ Die Hälfte des Kaufgeldes wäre bei Abschluß und der Rest in zwei Jahresraten zu zahlen. Die Ländereien würden soweit als möglich in Blocks von 500 Acres (200 Hektar) verkauft werden. „Ich habe die Ehre.... usw." lieber die in obigem Schreiben erwähnten Ländereien sagt der letzie Jahresbericht von Cypern pro 1901—1902: ■ „Die Abgrenzung und Vermessung der Staatsländereien im Bewässerungsdistritt der östlichen Messaoria ist vollendet, und die Regierung ist bereit, dieselben jetzt zu einem angemessenen Preise zu verkaufen. Das Gesamtareal beträgt hier 4350 Acres, die drainiert sind und aus den kürzlich angelegten Reservoirs bewässert werden können. Der eben im Bau begriffene Hafen von Famagusta und die projektierte Bahn, die diese Ländereien berühren wird, sollten , sie außerordent.ich wer voll machen." Was den Preis betrifft, so läßt sich vor genauer und sachkundiger Prüfung ein definitives Urteil natürlich nicht fällen. Hier sei nur erwähnt, daß es das beste Land in Cypern zu sein scheint, sowohl in bezug auf Boden, als sicherlich in bezug auf die Lage (an Wasserwerk, Stadt, Hafen und Bahn). Voraussichtlich eignet sich auch der Boden zur Baumwollkultur. Solches Land erzielt in Aegypten zur Zeit den fünfzehnfachen Preis, und zwar bei steigender Tendenz. Schließlich sei noch gesagt, daß andere cyvrische Offerten (darunter eine von einer englischen Gesellschaft und mehrere von» der Banque Ottomane sowie' von Privateigentümern) vorliegen und erheblich billiger find: 5 Lstr. und weniger per Hettar für Güter mit Gebäuden, Pflanzungen usw. Die Regierungsofferte dürste sich bei event. Verhandlungen auch wohl noch billiger gestalten lassen. Keineswegs ist Beschluß oder Kauf ohne Hinzuziehung von Experten beabsichtigt. Eine Antwort des englischen f.KoloniäWmtM,,in London, wohip dys, Gesellschaft sich gleichfalls gewandt, steht noch aus." Die Jüdische Orient - Kolonisations - Gesellschaft verfolgt den Zweck, durch genossenschaftliche Kolonisation im Orient wirtschaftlich schwachen oder verfolgten Juden den Weg zur Selbständigkeit zu ebnen. So anerkennenswert diese Bestrebungen sind, so ist uns doch unverständlich, wie damit den 5 Millionen wirtschaftlich schwachen und verfolgten Juden Osteuropas geholfen werden soll. Die Judenfrage bleibt ungelöst, auch wenn auf der Insel Cypernsogar 50 000 Juden (was undenkbar) angesiedelt werden sollten. < Würzburg, 18.November. Antisemitischer Wahlsieg. In Pfarrkirchen wurde bei der ssraiüsurter. Israelitische» Faunlienblatt. Seite & gestrigen Landtagsnachwahl der Bauernbündler Buchdruckereibesitzer Memminger in Wür bürg gewählt. Gleiwitz. Die feierliche Einweihung des am Stadtwalde belegenen neuen jüdischen Friedhofes und der Friedhofshalle fand kürzlich statt. In der im gotischen Styl erbauten Friedhofsha.le hatte sich die Synagogengemeinde, Vertreter der S.tadt und der Stadtverordnetenversammlung und zahlreiche Mitbürger eingefunden, um dem feierlichen Akte beizuwohnen. Mn Chor leitete die Feier ein, worauf der Wiener Architekt Fleischer, der die Pläne zur Halle entworfen hatte, dem Vorsitzenden der Synagogengemeinde, Rechtsanwalt Schüller, mit einer kurzen Ansprache das Gebäude übergab. Rechtsanwalt Schüller hielt darauf die Festrede, in der er den am Werke Beteiligten für ihre Mühewaltung dankte und Halle wie Friedhof in Gewahrsam der Synagogengemeinde nahm. Nach einem Chorgesange hielt Rabbiner Dr. Münz eine Fest- und Wciherede, womit nach festlichem Gesänge die Feier ihr Ende hatte. Metz. Israelitische Feier. Nahe vor dem Friedhostore befindet sich bekanntlich ein alter Friedhof, der von 1585 bis 1793, also über zweihundert Jahre, den Israeliten der Stadt als Begräbnisstätte diente. Da das Terrain in den Besitz der Militärverwaltung überging, ließ das israelitische Konsistorium die Gebeine, welche dort ausgegraben worden, sammeln und auf dem jetzigen israelitischen Friedhofe in einem Massengrabe beisetzen. Vorigen Sonntag nun hielt der Oberrabbiner Herr Dr. Netter vor der an dem Massengrabe versammelten Gemeinde, nachdem verschiedene Psalmen gesungen worden waren, eine warmempfundene Ansprache. Amerika. New Mark, im November. Major Alfred Morris Rap hall, Vertreter der kommerziellen Interessen der Bereinigten Staaten in Aguas Calientes, Mexiko starb daselbst, wie jetzt erst gemeldet wird, am 20. Juni. Er war als Sohn des Newyorker Predigers und Wortführers der Orthodoxie, Morris I. Raphall, in London geboren, wo sein Vater damals Sekretär des Oberrabbiners Salomon Herschell war. Er diente als Freiwilliger im Bürgerkriege, verlor in der Schlacht bei Gettysburg seinen rechten Arm, diente dann aber weiter und wurde wegen Tapferkeit zum Major ernannt. Nach Beendigung des Krieges wurde er zum Offiziere in der regulären Armee ernannt und erhielt nach seiner Verabschiedung,, 1883, eine Steilung im diplomatischen Dienste der Bereinigten Staaten. Newdort. Heivvrrogende Iiraeinen. Vertreter aller Gemeinden Amerikas, hatten eine Konferenz mit dem Kongreßausschuß für auswärtige Politik. Sie erstreben eine gleichmäßige Behandlung amerikanischer Bürger in Rußland. Die Agitation soll jetzt unahlässig betrieben werden, bis Rußland nachgiebt. Ans den Vereinen. Frankfurt, lieber die Tätigkeit des Talmud- Thora-Bercin. der ca. 150 Mitglieder zählt, wird uns berichtet: Freitag Abend direkt nach dem Gottesdienste wird abwechselnd von Herrn Dr. Jakob Horovih und Herrn Or. Isaak Heinemann ein belebiender Bortrag gehalten. Samstag Nachmittag */« Stunde vor Minchah hält Herr R.ibbinats-Affeffor Lipinsky einen Raschi-Boitrag und Sonntag früh von 9—10 Uhr ebenderselbe Herr einen Schulchan-Aruch-Borirag. Zu allen Vorträgen sind Nichtmitglieder willkommen. Würzburg. <8.1 Der Verein zur Psicge jüdischer Lebensanschäuung (Mekor Chasim) veranstaltet auch in diesem Jahre in Verbindung mit der hiesigen zionistischen Ortsgruppe historische Vortragsabende, welche bereits ihren Anfang genommen haben und zwar fand der erste Abend am Montag, den 16. cr., im Hotel Goldschmidt statt. Bedauerlicherw.ise hielten sich dabei die meisten Mitglieder erstgenannter Vereinigung fern und höchst auffallend muß es sogar erscheinen, daß die Verwaltung des Vereins „Mekor Chajim", von welcher doch die Anregung zu solchen Vorträgen gegeben wurde, nicht anwesend war. Die Versammlung bestand so in überwiegender Mehrheit aus Zionisten, welche den interessanten Ausführungen des Referenten, Herrn Präceptor Oppenheimer, über das Thema „Hellenismus und Judentum" mit gespannter Aufmerksamkeit folgten. Ein Schüler Spinozas. Erzählung aus dem Amsterdamer Ghetto. Bon Henny Rosenbaum. lFortsetzung.) Vor dieser Entscheidung stand Mynheer ter Borg an Jans Grabe. Tränenschwer glitt sein Blick über des Selbstmörders kahlen Hügel, der alles Hoffen seines alten Lebens deckte. Dann ging er zurück in das Haus des Sohnes und setzte mit fester Hand seinen Namen unter das Schriftstück, durch das er sich verpflichtete, alle Forderungen an Jan ter Borg zu begleichen. Er war nach dieser Handlung ein.armer Mann, aber der Name Jans war wieder makellose Freilich hatte derselbe auch Gerta Rubens Vermögen verspekuliert und der alte Mynheer ter Borg besaß nicht genug, es ihr gleichfalls zu ersetzen. Mer dieses Vermögen hatte Jan laut Aron Rubens Testament nach eigenem Ermessen anlegen und verwalten können, bis zur Großjährigkeit der Erbin. Niemand außer Gerta selbst hatte ein Recht ihn, weil ihm seine Anlage sehlgeschlagen war, anzuklagen. Und Gerta war Jans Braut gewesen. Sie mußte ihren materiellen Verlust so selbstverständlich tragen wie seine Eltern. Solange er lebte und sorgen konnte, war Gerta vor Not geschützt: ' Mynheer ter Borgs Gesicht trug tiefe Gramfalten, als er sein liebes Amsterdam wieder bettat. Aber ttotzdem er den grauen Kopf ungebeugt aus dem starren Nacken trug, bangte ihm vor dem Wiedersehen mit JanS unglücklicher Mutter und seiner schönen jungen Braut. Bisher hatte er den beiden Frauen in seinen kurzen Nachrichten die furchtbare Katastrophe noch verschwiegen. Wie würde er sie ihnen nun beibringen? Mtt schweren, zögernden Schritten bettat ber alte Handelsherr sein Haus. Frau Rate und Gerta, die nichts von seiner Ankunft wußten, überraschte er im Wohnzimmer. Seine Angst war umsonst gewesen. Die blassen Frauen mtt den ttänenumflorten Augen wußten alles. Jan hatte kurz vor seinem selbpgewählten Tode einen Brief an Gerta geschrieben, der bereits in ihren Händen war. In Worten, wie sie so ehrlich und warm nur eine ttefe, leidenschaftliche Liebe findet, schilderte er der jungen Braut sein unseliges Verhängnis und warb am Rande des Grabes stehend um ihre Verzeihung. Ein großer Wunsch) schrieb er, war durch sein Leben gegangen, und dieser Wunsch wäre Gerta gewesen. Tie Liebe für' das schöne, lleine Töchterchen seines Freundes, sei zur tollen Leidenschaft für die Heranwachsende geworden. Glücklich über ihr erhaltenes Jawort, war er nach. Deutschland zurückgekehrt. Jedoch Per Zeitpunkt, der sie ihm geben - sollte, war so fern gewesen. Seine heiße Sehnsucht nach ihr, habe er nur damit, stillen können, daß er mehr und mehr Geld zu erwerben suchte, um dann später alles, alles was das Leben Schönes und Kostbares bieten konnte, auf ihr geliebtes, blondes Haupt zu hä:f:n. — Aber das Schicksal hatte gegen ihn entschieden. Ein Mißerfolg nach dem andern ttaf seine Unternehmungen. In der Absicht das Verlorene wieder erraf'en zu können, hatte er allmählich Besonnenheit und Ruhe verloren. Nur Gertas Vermögen hatte er zuletzt noch retten wollen. In der Wahl der Mittel dazu war er nicht mehr wählerisch gewesen. Aber auch diese letzte Hoffnung sei fehlgeschlagen. — Mittellos und entehrt blieb ihm nur der fteiwillige Tod. Denn er konnte nicht weiter leben, mit dem Borwurf, sie, der er alle schätze der Welt hätte bieten mögen, beraubt und arm zu wissen. Um die Verzeihung seiner Eltern glaubte er nicht erst werben zu müssen. Ihre Liebe zu ihm war erhaben über jeden Zweifel gewesen. „Gerta, mein lleiner. süßer Liebling, Tu sollst nicht um mich ttauern," schloß der Brief. „Du darfst es nicht, hörst Du? — Und wenn sich Glück und Liebe Dir naht, dann verschließe Dich ihr nicht aus falsch angebrachtem Mi'leid gegen mich, den Toten. Deine blühende Jugend gehört dem Leben Ich aber werde erst Ruhe finden im Grab, wenn Du glücklich und geborgen bist." Dieser Mschiedsbrief voller Selbstanklagen, der Gerta in Frau Rates Gegenwart übergeben wurde, hatte der unglücklichen Mutter schonungslos die ganze Wahrheit enthüllt. Aber in ihrem liebevollen Mutterherzen begann sie den Sohn sofort zu entschuldigen. Er ttug keine Schuld. Das Schicksal war nur gegen ihn gewesen. Und er hätte dem Schicksal gettotzt, wäre das schöne schöne Mädchen nicht gewesen, ohne das er nicht leben konnte, und an welches er kein Anrecht mehr zu haben glaubte. Nach ihrer Meinung war Gerta Jans Verhängnis gewesen. Seit jener Stunde hingen Rate ter Borgs Augen mtt düsterm Borwurs an dem Mädchen. Gerta fühlte das und wich ihr aus. Saßen sie aber beide zusammen, bann schwiegen sie. Tie Braut und die Mutter des,/Toten hatten sich lüchtsamchr >zu sagen. So fand Mynheer ter Borg die Beiden. „Mut, Rate, Gott hat es so gewollt," flüsterte er ihr ernst zu. Gerta strich er zärtlich über das schöne Blondhaar. „Mein armes, gutes Kind. Du bleibst natürlich bei uns. Und solange ich schaffen kann, soll Dir nichts fehlen." Das junge Mädchen sah ihm ernst in die ttüben, grauen Augen und nickte leicht. Trotzdem fühlte sie genau, daß hier ihres Bleibens nicht mehr lange war. Sie ging leise hinaus und ließ Jans Eltern allein. Ihr Zimmer, in dem sie jetzt doch schon Monate hauste, erschien ihr urplötzlich fremd. Sie hafte es genau so gelassen, wie Frau Rate es ihr am