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Neue jüdische Presse · 1903-11-27 · Heft 55 (27.11.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 55 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitische Familienblatt. -ersten Tage übergeb:» Holle. niemals etwas darin aus eigener Initiative geändert. Hatte sie gleichsam instinktiv geahnt, daß sie hier nicht Dauernd heimisch werden könnte? Noch war sich Gerta über ihre Empfindungen bei Jans tragischem Tode nicht klar. Für dessen einschneidende Bedeutung auf ihre eigene, materielle Existenz hatte sie bis jetzt überhaupt noch kein volles Verständnis. Sie war tief erschüttert, daß er, der stets liebevolle Freund ihrer Kinderjahre, sein zerstörtes Leben durch eigene Hand enden mußte. Ihre Trauer um ihn war ernst und wahr. — Jetzt hatte sie ja keinen Menschen mehr, dem sie cttvas galt. Und doch hätte sie ein unerklärliches Gefühl der Erleichterung. Ihr war, als wäre der düstere Alp, der sie geängstigt hatte, von ihr genommen, als hebe ihr lange gelähmter Lebensmut prüfend die Flügel zu neuem, sieghaften Flug. Gerta schämte sich dieser Empfindung in tiefster Seele, ohne sich ihrer erwehren zu können. XVIII. ■ Das Haus der ter Borgs war still geworden wie ein Grab. Frau Rate wollte keinen ihrer Freunde sehen. Biele hatte sie allerdings auch nicht zurückweisen lassen brauchen, denn die geschwätzig: Fama hatte nicht nur von Jans Tode erzählt, sondern auch dessen Begleitumstände hinausposaunt, die die reichen ter Borgs zu armen Leuten machten. Solchen aber beweisen nur wenige Beileid. Frau Rate schloß sich in ihr Zimmer ein, wohin sie sich 'alle Dinge getragen hatte, die sie an den toten Sohn erinnerten und starrte stundenlang reglos auf dieselben. Oder sie ging in ihrem langschleppenden, düster» Tranerkleid langsam durch das ganze Haus und nahm Abschied von den hohenreichen Räumen, iu denen ihr Jan geboren und erzogen worden war, und die sie nun bald mit weit armseligeren vertauschen mußte. Traf sie aus diesen traurigen Wanderungen mit Gerta zusammen, dann wich sie ihr scheu aus. Und dem Mädchen schnitten die vergrämten, vorwurfsvollen Züge der Frau, .die sie voll mütterlicher Liebe ans Herz genommen hatte, tief in dir Seele. Würde Rate ter Borg nicht vielleicht eher verwinden, wenn sie nicht mehr erinnernd ihren Weg kreuzte, fragte sie sich. Wer wohin sollte sie gehen? Weichest'Menschen hatte sie, der ihr raten konnte? Der alte Mynheer ter Borg? 'Immer ernster und schweigsamer kam er aus seinem Kvntor, wo er die aus Deutschland mitgebrachten Bücher und Papiere durcharbeitete. Konnte sie ihn noch mit Fragen quälen? Und Dr. Seelig. Zwei Mal war er schon bei .den ter Borgs gewesen, ohne daß er sie getroffen hatte. Sollte sie nun zu ihm gehen? Er würde ihr sicherlich raten und helfen. Er hals ja allen. Warum nicht auch ihr? — Sie glaubte förmlich seine ruhige Stimme zu hören. „Gerta, ich stehe Ihnen Jederzeit zur Verfügung. Ich werde schon einen geeigneten Aufenthalt für Si: finden." Wer Gerta lebte nicht mehr wie früher in einer Traumwelt. Sie wußte, dag das L:ben G:ld kostet. Und sie — hatte keines mehr. Plötzlich wurde ihr klar, was der Verlust ihres Erbes für sie bedeutete. — Whängig sein, vielleicht sogar nehmen müssen. Geld nehmen müssen, sie, Gerta Rüben von Adam Seelig, nie würde sie das tun, nie. Eher blieb sie hier ihr Leben läng unter Frau Rates vorwurfsvollen Augen, wenn es keinen andern Ausweg gab, als den zu ihm. Eine brennende Scham überkam sie bei dem Gedanken, daß sie unbrdachter Weise hatte zu ihm gehen und ihn um Hilfe bitten . wollen. Seit der Großmutter Tode war er ihr ja ein Fremder geworden. In trostlosem Sinnen blickte sie vor sich hin. Was sollte sie tun? Arbeiten? Sie wußte und konnte nichts, das sich in klingende Münze umsetze» ließ. Darauf hin hatte niemaild Aron Rubens einziges Kind erzogen. . Wer — hatte, denn Dr. Seelig nicht immer gesagt, daß sie mit ihren leichten, vorsichtigen Händen die geborene Krankenpflegerin sei. Mit krankhaft gesteigerter Erreg lh:it arbeitete sie an diesem Gedanken weiter. Ja. ja, sie wollte Krankenpflegerin werden. Zu den Unglücklichen und Elenden gehörte sie, für die wollte sie sich aufopfern. Keine Einrede würde sie davon zurückhalten. — Wer wie tonnte sie zu ihnen gelangen? Dr. Seelig würde ihr Vorhaben nicht unterstützepr,, das wußte sie. Denn, schon damals .im Ghetto,' als sie ihre Samäritertätigkeit zu . eifrig ausgeübt, hatte er immer gewarnt: „Das hält Ihre zarte Gesundheit nicht aus. Sir übernehmen sich." Nun würde er ihr doch nicht dazu als Beruf verhelfen. Wer sie fürchtete die Ueberanstrengung nicht. Und wenn selbst? Wäre es denn nicht das Beste für sie, wenn man sie auch bald in die Erde bettete, wie den. Vater, die Großmutter und Jan? Mary Paters Eintritt schreckte Gerta aus ihren, schweren Gedanken. „Jetzt habe ich mich.aber nicht wieder von Euren Leuten abweiscn lassen. Du böse Gerta. wir konntest Du nur einen solchen Befehl, der auch auf mich Bezug hat, erteilen," sagte Mary vorwurfsvoll und küßte sie zärtlich. .Hattest Du denn in diesen schweren Tagen nicht Sehnsucht nach einer Freundin?" Die warmen, aufrichtigen Worte, die liebevollen, streichelnden Hände Marys versehlten ihren Eindruck aus Gerta nicht. Schluchzend - berichtete sie der Freundin ihren Kummer. Sanst nnhm diese die Erregte in den Arm. „Du kommst zu uns, meine Gerta," sagte das kränkliche Mädchen mit einer Bestimmtheit, die ihm sonst premd war/ (Fortsetzung folgt.) Tas Judentum einst und jetzt. (Fortsetzung.) Drei sogenannte Lebensanschauungen waren Mode in den letzten Jahren, die, ich als. Entartungen des menschlichen Denlens betrachte. Der Materialismus, der Pessimismus und der in Anarchismus einmündende' Individualismus. Allen diesen er,randen Propheten und die Propheten hatten Jünger gefunden,, Inn.er aus der Mitte unserer Brüder. Ter Materialismus, d:r th:or:tsiche sowohl als auch der praktische, war das Evangelium unserer Brüder zur linken Hand in den Anfängen desvorigen Jahrhunderts und' sie vergaßen, daß ihre bloße, Existenz der schlagendste Beweis gegen den Materialismus ist. Wäre die Materie das alleinige Weltprinzip, so wäre schon längst keine Spur mehr da von Juden und Judentum. Nur dem Umstand allein, daß die Juden zu Trägern von unsterblichen Ideen berufen worden sind, verdankt das Judentum sein- Bestehen. — Und als nun gar um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Denk:r di: unheimliche Theorie einer im Absterben begriffenen Kultur zu neuem Leben erweckte, nach der das Dasein der Welt ein liebet ist, da fand dieser Mann in den von ihm gehaßten und verspotteten Juden die eisri. sten Apostel. Wie wurde uns da gepredigt, daß die Welt flüchtig und nichtig ist, nichts in ihr vermag sich bleibend zu behaupten. Glück und Liebe dauern einen bloßen Augenblick, auch die innigsten Verbindungen der Menschen gleichen fluch ig:n Begegnungen von Hvlzsp'lltcrn im unermeßlichen Ozeon. Fruchtloser Aufregung und unaufhörlicher Täuschun, ist daher verfallen, wer solchem flüchtigen Schein eine Wirklichkeit bcimißt und an ihm sein Glücksverlangen stillen will. So gilt es eine Befreiung von diesem unseligen Wahn; , sie wird erfolgen, wenn wir mit der ganzen Kraft unserer Seele den'Schein als Schein durchschauen. Als dann endlich um die Wende des Jahrhunderts eine Reaktion eintrat, eine Reaktion dergestalt, daß sie dre pessimistischen Lehrsätze für die Gemeinschaft als zu Recht bestehend anerkannte und nur dem Individuum Daseinsberechtigung zubilligte, dä waren es wieder Juden, die dem Modepropheten zujubelten. Entnervte Jünglinge, die längst ihr Menschentum eingebüßt hatten, predigten den „Herrenmenschen" und glaubten „jenseits von gut und böse" zu stehen., Es muß ja ein beseligendes Gefühl sein, all die tierischen Instinkte zu befriedigen und dabei noch das erhebende Bewußtsein zu haben, dies im Dienste eines Prinzips zu tun. Was die Menschen in sich, bekämpft hatten, die in ihnen' schlummernde Bestie, ward so zum Ideal erhoben und Mles was man für menschenunwürdig betrachtete, ward a's Ausstrahlung des „Uebermenschen" verherrlicht. Diesen Lehren, die von jüdischem Standpunkte aus nicht schwer zu widerlegen sind, wie wir dies noch in einem anderen Zusammenhang auseinanderzusetzen gedenken, warfen sich auch die Abkömmlinge der Ghettojuden in die Arme. Welcher Kontrast zwischen einst und setzt! Einst empfingen die Juden ihre Ideale aus dem Borne ewigen Lebens und diese. Ideale, behielten ihren Wert und ihre Wirkung auch in den dumpfen Gäßchen. Sie verschönten das Leben der Eingekerkerten, die ganze äußere Welt war ihnen gleichgültig, denn ein Jeder trug Line Welt in sich, in der Frieden, Wahrheit und Liebe herrschte. Diese Ideale drückten auch dem Familienleben ihren Stempel aus, und in diesem Leben, in der Familie, und für sie fanden die Geächteten Ersatz für den Ausschluß aus der Gesellschaft. Welche Wärme und Innigkeit herrschte auch da zwischen den einzelnen Gliedern und'ein Schimmer von Poesie verklärte das Leben dieser unglücklichen Glücklichen. Wahrlich' die sogenannte Emanzipation, die bürgerliche Gleichberechtigung war ein gar ma erer Ersatz für all das Schöne und Wertvolle, das sie zerstörte. - We. zerstörte vor Allem das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit unter uns^Judenst Ter Bruder will 'den 'Bruder nicht mehr kennen, 'der eine freut sich nicht mehr mit der Freude des andern und. auch das Leid des einen bewegt nicht die Herzenssaitcn des anderen. Sie zerstörte auch jenen dem Ghcttosuden eigentümlichen Stolz auf sein Volkstum. Wir suchen. alle' Zeichen unseres Judentums ängstlich zu verbergen, wir. haben längst unsere Selbstachtung verloren und wir müssen es nun als selbstverständlich finden, daß unsere nichtjüdischen Mitbürger uns unter diesen Umständen , nicht achten. — Die Emanzipation war es endlich äuch, die jene Innigkeit zerstörte, die unser Familienleben ganz besonders auszcichnete. Oder ist jemand so scharfsichtig und tiefblickend, noch heute Poesie in den jüdischen Famslien zu finden? ' ' - ' - , f .. i 1 '; Schluß folgt. ' fei- Nr. 55. Personalien. Aus Frankfurts Umgebung. Von einem tragischen Geschick, ereilt wurde die Familie Fried in dem benachbarten O f f e n b a ch, welche heute den Verlust' eines lieben vierjährigen Töchterchens beilagt. Das Kind war nämlich > in ' einen benachbarten Laden gegangen, um einen kleinen Auftrag auszuführen. Dort sah es eine Zuckererbse auf der Theke liegen, welches es, wie alle Kinder tun,, zu. Munde führte. Aber sehr verhängnisvoll ward ihm dies, denn die Erbse nahm.ihren Weg in die Luftröhre, und das Kind mußte nach , wenigen Stunden schon daran ersticken. Die Mutter war der Verzweiflung nahe. Die Teilnahme der israelitischen Familien vier war eine allgemeine. Berlin. Aus dem Nachlaß des Geheimen Kommerzienrats Louis Simon ist . eine Summe von 2„0.aj ^.art ver Maischen Gemeinde in Berlin zu Wollfahrts wecken überniesen Worten. Berlin. Dem außerordentlichen Professor in der medizinischen Fakullät Dr. Martin Bernhardt . wurde der Charakter als Geheimer Medizinalrat verliehen. ■— Dr. Max Herrmann, Privatdozent der Germanistik an der hiesigen Universität, ist zum Professor ernannt worden. Berlin. . Am 22. d. M. feierte der Synagogen- Vorsteher Herr Max Berg. Große Frankfurter- Straße 73, seinen 70. Geburtstag in voller geistiger und körperlicher Frische. Herr Berg ist in mehreren Wohltätigkeits-Vereinen Vorsitzent ec. Lahr. Der Großherzog ließ dem Mos e.s Moch in Nonnenwrier anläßlich dessen 103. Geburtstages ein Geschenk von 103 Mark überweist». Gleiwitz, 16. Nov. Heute verschied der bis zum Jahre 1r03 während 43 Jahre im Dienste der hiesigen Synagoaengemeinde gestanden habende Kantor Heymann B'er in Ratibor. Altona. 2 5 jähriges Jubiläum. Herr Marcus Bcith, Mitinhaber der Firma Heine. & Fleisch- ' mann in Altona, feiert dieser Tage sein 25jähriges Jubiläum als Mitg ied des Krankenhaus-Kollegiums der Israelitischen Gemeinde Hamburg. "Zu Ehren des Jubilars, der dem Kollegium z. Zt. als Vorsitzender angehört, veranstaltet die Verwaltung des Jsraelltifcheu Krankenhauses ein Festmahl. ‘ Marienburg. Herr Kaufmann Köhne in" Berlin, ein alter Marienburger, hat dem Magistrat aus Anlaß ■ seiner goldenen Hochzeit 500 Mark für die Armen jüdischer und 503 Mark für die Armen christlicher Konfession überwiesen. Schlau (Böhmen). Am 14. d. M. beging der hiesige hochverdiente und allgemein beliebte Kantor Herr L. Blum das Jubiläum seiner 25jährigen Amtstätigkeit. Der J.bilar würde vom Kul.u. Vorsteher. Herrn Löwncr und dem Tempelvorfleher Herrn I. Herz aus seiner Wohnung in den. festlich geschmückten Tempel gelci et, wo ihn der Rabbiner begrüßte, der in einer herzlichen Ansprache den Werdegang, die Leistungen und Verdienste des Gefeierten schilderte und die Ansprache mit Segensworten schloß. Nach. beendigtem Gotte.bienste fand die Beglückwünschung des Gcf.ie.teii statt. Der Kultusvorstand mit seinen! Präses an der Spitze überreichte eine prachtvoll ausgestatte e Adresse und ein Ehrengeschenk und d:r Vorstand der Beerdigungsbrüderfchast das Diplom eines Ehrenmitgliedes. AbmilkUlliils fm DkWlikr auf das' . Frankfurter Israel. Familienblatt nehmen sämtliche Postanstalten Deutschlands und des Auslandes entgegen. Abonnements für Dezember kosten in Deutschland: bei der Post abholbar. 30 Pfg., frei ins Haus 34 Pfg. Mit der nächsten.Nummer nimmt ein neuer, spannender Roman seinen Anfan g. Wir machen auch ans unsere, bei unseren jugendlichen Freunden so schnell beliebt gewordene Beilage. „Jüdische Jugend" aufmerksam, .die stets dann rrscheint.'Menn. „SchuA Mnjp, .Haus" ausbleibt. *7 Verlag des Frankfurter Israel. Familicnblattes. Der heutigen Nummer unserer Zeitung ist eine Beilage der Frankfurter Schaukasten- Fabrik mit Dampfbetriebvon A. Borndra» ' beigesügt. Die. Vorndran'schen Fabrikate sind mit den höchsten Auszeichnungen prämiiert -worden und gelten, als die heften Deutschlands ■iüBi

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