Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 54 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 54. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. sich der greise Gelehrte Theodor Monimsen bereits zweimal mahnend und warnend gewandt. Es ist immer und überall die gleiche Erscheinung. Wundern muß man sich nur. billig darüber, daß neben Friedenskongresse», neben Weltausstellungen, Fürstenvisite», großen internationalen Gelehrtenkongresscn und Kunstausstellungen immer noch der Chauvinismus so viel Macht und Ausdehnung gewinnt, daß mit ihm wie mit einem Feuer zu rechnen ist, mit dem man nicht spielen darf. Es wird vermutlich noch viel Wasser zum Meere hin fließen, bis man in Millionen von Köpfen die Erkenntnis dämmern sieht, daß wahrer Patriotismus der größte Feind des Chauvinismus bleibt. Es wird noch lange dauern, bis man auch uns Juden in diesem Sinne als die besten Patrioten anerkennt, die kraft ihrer geschichtlichen Vergangenheit, kraft ihrer traditionellen vaterlandstrcuen Denkart jedem Reiche von Stutzen sind. Die Wahrheit läßt nicht mit sich spielen, und bis zum siegreichen Vordringen derselben können wir zwar noch manches Unrecht, manche Unbill erfahren, nichts indes vermag'den eheren Schritt des Rechtes aufzuhalten. Bis dahin werden unsere Stammesglieder und Glaubensgenossen festhalten an der Devise: Allezeit treue Patrioten — nirgends und niemals vaterlandsfeindliche Chauvinisten! -- Aus aller Wett. Deutschland. Berli«. Das jüdische Mädchensttst zur unentgeltlichen Ausbildung unbemittelter Mädchen für den Dienstbotenberuf nimmt für die zum 1. Januar ftei werdenden Stellen schon letzt Anmeldungen, die an .den Vorsitzenden Dr. Strelitz, Schönhauser Mlee 162, zu richten sind, entgegen. Berli«. Das Wesen des Judentums. Der liberale Verein für die Angelegenheften der jüdischen Gemeinden zu Berlin, hat im Januar 1902 ein Preisausschreiben für die beste Schrift über das Wesen des Judentums erlassen. Die Prämie beträgt 10C0 Mark. Diese Summe hat sich bis jetzt kein jüdischer Schriftsteller verdient, da eine Auszeichnung einer Schrift „nicht hat erfolgen können." Nunmehr wird dies Preisausschreiben erneuert Berlin. Ein jüdischer Studententag findet Mitte Dezember in Berlin statt Die kartellierten jüdischen Studentenvereine der deutschen llniversftäten und technischen Hochschulen werden auf dem Studententage, der zionistischen Tendenzen nahe steht, vertreten sein. Esse«. Die Flashoffsche Besitzung am Steelertor, Ecke Steeler- und Alsredistraße, ging durch Kauf zum Preise von 180000 JL in den Besitz der israelitischen Gemeinde über, die dortselbst eine neue Synagoge errichten wlll. Köln. Das Preisgericht für den Wettbewerb zur Errichtung eines Krankenhauses und einer Altersversorgungsanstalt nebst Nebenanlagen für das Israelitische Asyl für Kranke und Allersschwache in Köln hat den ersten Preis im Betrage von 3000 Mark dem Architekten Wilhelm Winkler in Charlottenburg zuerkannt und drei Preise dritter Waffe im Betrage von je 1000 Mark den Architekten Alfred Ludwig in Leipzig, H. Weßkaluys in Saarbrücken und Arthur Werner in Leipzig-Connewitz. München. Der Studien- und Arbeitsbeförderungs- Verein für Israeliten in Bayern gibt bekannt, daß bayerische Israeliten, welche ein Handwerk oder die Landwirtschaft erlernen, aus .den Mitteln des Vereines durch Ermunterungspreise unterstützt werden. Die Bewerber haben den Nachweis darüber, daß sie bei 'einem Handwerker oder esnem Ockonomen in die Lehre, in eine landwirtschaftliche Schule als Zögling bereits eingetreten sind, oder daß ihnen die demnächst bevorstehende Ausnahme zugesagt ist,, sowie über guten Leumund und Mittellosigkeit zu erbringen. Es ergeht deshalb die Aufforderung zur Bewerbung durch Einreichung von schriftlichen, mit den erforderlichen Belegen ausgestatteten Gesuchen zu Händen des Schriftführers des Vereines, Sonnenstraße 24/1; die Gesuche müssen bis längstens 30. November 1903 eingereicht, sein. München. Genehmigt wird, daß zur Aufbringung der Mittel für die Wiederinstandsetzung des israelitischen Kultusgebäudes zu Höchberg, BA. WLrzbnrg, eine Sammlung in sämtlichen Synagogen des Königreiches vorgcnommen werde. Münchener Chronik. Die hiesigen Anüsemiten sind fleißig an der Arbeft. Erst kürzlich wurde von einem Studenten ein Tenster der großen Synagoge eingeworfen. Daß die intensive Arbeit der Anttsemiten so manchmal auch recht kräftig sichtbare Resultate zeitigt, ist nicht zu verwundern; zu verwundern ist nur. daß 9000 Juden bei einer Bevölkerung von einer halben Million Menschen, selbst bei schwerfälligen Bierpolftikern ein Gegenstand schwerster Staatssorgen sein können. Verwunderung flößt dem objectiven Beobachter auch ferner ein, daß es immer noch zahlleiche Juden giebt, die so ehrlos sind, jede Verbindung mit dem Judentum und der Judenheit der nichtjüdischen Außenwell gegenüber zu leugnen. Wft haben wahrhaftig nichts dagegen, wenn unsere reichen, jüdischen Brüder allgemeine Zwecke unterstützen, müffen aber unser Mißbilligung aussprechen, wenn sie unsere nur auf die jüdische Wohltätigkeit angewiesenen Institutionen zurücksetzen oder sogar einfach negieren. So hat der vor einigen Jahren verstorbene Privatier Neustätter Mk. 100000 und so hat auch ferner der kürzlich verstorbene Millionär Jonas von Hirsch Mk. 30000 der Stadt vennacht; die jüdischen Institutionen sind aber leer ausgegangen. Wie wenig wir bei aller Liebesmüh auf Anerkennung zu rechnen haben, zeigt folgendes: Kürzlich hat die Verwaltung der israelitischen Gemeinde ihr schon einmal gestelltes Gesuch, die Besoldung der israelitischen Religionslehrer zu erhöhen, erneuert. In der Sitzung des Gemeindekollegiums wurde nun als Antwort auf dieses wahrlich sehr berechtigte Gesuch kurzweg erklätt, daß man „Privatpersonen nicht antworte.", Dresden. Dem sächsischen Landtags ist u. a. ein Gesetz über die israelitischen Religiönsgemeinden zugegangen, wodurch das bisher bestehende Gesetz über die Religionsübung der Juden vom Jahre 1837 aufgehoben werden soll. Nach dem Gesetze haben die israelitischen Religiönsgemeinden die Aufgabe, die zur Pflege des israelitischen Kultus erforderlichen Anstalten und Einrichtungen zu treffen und zu unterhalten. Zu diesem Zwecke haben sie u. a. das Recht, unter staatlicher Aufsicht Bethäuscr und Begräbnisplätze cinzurichten, Rabbiner und sonstige Religionsdicner anzunehmen, gottesdienstliche Zusammenkünfte in den dazu bestiiumtcn Räumlichkeiten zu veranstalten usw. Das den christlichen Konfessionen nach dem Paragr. 56 der Verfassungsurkunde zustehende Recht öffentlicher Religionsübung steht den israelitischen Religiönsgemeinden nicht zu; die Ausübung ihres Kultus soll nur als private zugclasscn werden. Sämtliche israelitische Glaubensgenossen des Landes sind zu Religiönsgemeinden zu vereinigen, deren Abgrenzung durch Verfügung des Kultusministeriums. erfolgt. Die Mitglieder der Gemeinden haben zu deren Lasten durch Zahlung von Gebühren und Anlagen angemessen bcizutragen. Die Religionsgemeinden sind juristische Personen des öffentlichen Rechts. Für jede ist ein Statut zu errichten. Das Nähere hierüber wird vom Kultusministerium bestimmt, das Statut und jede Abänderung bedarf der ministeriellen Genehmigung, die widerruflich ist. Das bisher schon bestehende Verbot der Privatsynagogen wird auftecht erhalten, doch 'bleibt das Kultusministeriunl ermächttgt, Ausnahme zu gestatten. Ans dem Unterclsatz. Am 29. d. M. finden in allen jüdischen Gemeinden des Unterelsaß die Neuwahlen für die infolge Ablaufs ihres Mandats ausscheidenden drei Mitgliedern der Jsr. Konsistorium statt. Tie ausscheidenden Herren ' Präsident Dr. Gustav Levy. Straßburg. Mathias Bloch. Straßburg und Jules Klein, Bischheim, haben ihre Kandidatur wieder ausgestellt. Tilsit. Ein russischer Jude, der hier mit Gänsen zum Markt gewesen war, machte auf dem Heimwege des Sabbats wegen im Kruge des Kaufmanns Böhnke in Jecksterken Rast, fütterte seine Pferde ab und fuhr nach Mitternacht weiter. In Jeckstcrken war bereits ein Individuum zu sehen gewesen, das sich am Wagen des Russen zu schaffen gemacht hatte. Als' der Russe den Wald bei Jecksterken passierte, wurde er von Wegelagerern überfallen, unmenschlich geschlagen und eines Beutels mit 120 Jk beraubt. Die Räuber müssen verjagt worden sein, denn einen Beutel mit ca. 150 JL hatte der Russe noch bei sich. Der übel zügerichtete Russe wurde von Passanten gefündcn und bei einem Besitzer in Pflege untergebracht. Oesterreich-Ungarn. Wien. Martinigänse. Einem althergebrachten Brauche gemäß werden bekanntlich alljährlich von der Preßburger israclittschen Kultusgemeinde Sr. Majestät dem Kaiser am Martinitage die Martinigänse übersendet. Dieselben wurden bereits am Vortage St. Martini durch die Gemeindesekretäre Wilhelm Grünsfeld und Leopold Löwy in der kaiserlichen Kammer in der Hofburg abgeliefert. Es waren vier prächttge Gänse, die mit Bändchen und Maschen in den ungarischen Nationalfarben geschmückt und mit Weißen Linnen verhüllt waren. Zwei andere gleich schöne Gänse wurden in der Kammer Sr. k. u. k. Hoheit des Herrn Erzherzogs Franz Ferdinand im Belvedere von der Deputatton abgegeben. Bei den nächsten allgemeinen Audienzen in der Hofburg werden die Vorsteher der Preßburger israelitischen Gemeinde Dr. Stein, Herzfeld und Gstetncr vom Kaiser empfangen werden. Rußland. Petersburg. In diesen Tagen weilte einer der Eigentümer des „Daily Telegraph", Herr Wolf, in St. Petersburg. Wie erzählt wird, war der Hauptzweck seiner Reise nach Rußland der Wunsch, sich mit der Lage der russischen Juden und mit der Stimmung der russischen Negierung gegen ihre jüdischen Untertanen bckanntzumachen. Am 25. Oktober wurde Herr Wolf von dem Minister des Innern, Herrn v. Plehwe, empfangen und er hatte mit ihm eine längere Unterredung. Wie zu erwarten war, bemühte sich der rusiischc Minister, den englischen Journalisten zu überzeugen, daß die Beziehungen der russischen Regierung zu den Juden die allerhumansten seien und er wies besonders darauf hin, daß er persönlich keinerlei feindliche Gefühle gegen seine Mitbürger jüdischen Glaubens hege; im Gegenteil strebe er danach, ihre Lage zu erleichtern, zu welchem Zwecke in dem ihm unterstellten Ministerium entsprechende Projekte bereits ausgearbeitet würden.. Aus die Entgegnung Herrn Wolfs, daß die große Masse der jüdischen Bevölkerung sich in einer traurigen Lage und in vollständiger Rechtlosigkeit befinde, antwortete Herr v. Plehwe, daß die Rechtsbeschränkungen durch die Notwendigkeit hervorgerufen würden und daß s ü r d i e I u d e u d e r b e st e Ausweg — die Auswanderung sei. Petersburg. Ein Ausflug der Zöglinge der Libauer Handelsschule nach Moskau hat ein sehr plötzliches und wenig befriedigendes Ende gefunden. Nach zweitägigem Aufenthalt in der allen Zarenstadt wurde dem die Schüler' begleitenden Direktor der Schule von dem Oberpolizeimeister von Moskau mitgeteilt, daß die an dem Ausflüge teilnehmenden Schüler mosaischer Religion auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen, die Hebräern den Aufenthalt in den Hauptstädten untersagen, sofort die Stadt verlassen'müßten. Da die christlichen Schüler ihre Kameraden mosaischer Konfe>sion — die sich in recht beträchtlicher Zahl an dem Ausfluge beteiligt hatten — nicht im Stich lassen wollten, wurde die gemeinsame Rückfahrt angetreten. Petersburg. Die russische Regierung hat neue Maßregeln gegen die Juden getroffen. Der Minister des Innern hat durch einen besonderen Erlaß bekanntgegeben, daß es den Juden verboten ist, nach 'Moskau zu kommen, um in den dortigen Kliniken Aufnahme zu suchen. Zu gleicher Zeit ist den kranken Juden „strengstens verboten" worden, den Luftkurort Jalta in der Krim und den ganzen Kreis von Jalta aufzusuchen. Somit sind die wichtigsten Luftkurorte der Krim den ^kranken - Juden . versperrt. Die Heilbäder des Kaukasus sind es schon seit vielen Jahren, ebenso die Seebäder der Ostsee- Provinzen und Finnlands. Diese Maßregel, für die man beim besten Willen keinen vernünftigen Grund finden kann, sei er wirtschaftlicher oder politischer Natur, zeigt, daß der russische Antisemitismus in eine sinnlose Verfolgungssucht ausgeartet ist. Ter Kongreß russischer Badeärzte ist kürzlich gegen die genannten Verfügungen bei der Regierung vorstellig geworden, wie schon früher andere russische Organisationen, die für die Jnteresseir der Volksgesundheit Verständnis haben. Alle diese Vorstellungen waren erfolglos. Lodz. Die Zahl der in Petersburg lebenden Juden beiderlei Geschlechts beläuft sich nach den statisttschen Aufstellungen des Stadtamtes auf 19 279. Von diesen beschäftigten sich 4748 mit der Herstellung von Kleidungsstücken und Schuhwerk, 1665 beschäftigen sich mit anderen Handwerken und 1125 sind auf dem Gebiete der polygraphischen Künste beschäftigt. Die Zahl der jüdischen Rechtsanwälte und Rechtsanwaltsgehülfen beträgt 208, der Aerzte 657, der Zahn- . ärzte und Dentisten 190, der einem Lehrberufe Angehörigen 177, der Gelehrten, Literaten und Künstler 423. Frankreich. Paris. (Bericht der Alliance Jsraelite Universelle.) Tie Schule von Tanger nimmt unter den von der Allianz gegründeten Unterrichtsanstalten die zweite Stelle ein, da ihr Bestehen auf das Jahr 1864 zurückzuführen ist. Seitdem hat die Allianz dieser Stiftung jährlich beträchtliche Opfer bewilligt, denen sie aber nun mit großer Zufriedenheit entgegenschen darf. In der schule wurden nämlich Zöglinge ausgebildet, die jetzt zu tüchtigen und gelehrten Männern unb_ Frauen herangewachsen sind; sie stehen an der -spitze der jüdischen Gemeinde und halten es für eine Pflicht, die Kosten der jetzigen Schule aus sich. zu nehmen. Daher werden heutzutage die Spesen/ abgesehen vom Gehalt der Direktoren, fämtlich von der Gemeinde entrichtet. Ferner ließ diese Gemeinde auf ihre eigenen Kosten ein prachtvolles und geräumiges Schulgebäude errichten, dessen Einweihung vorige Woche mit großer Feierlichkeit, im Beisein aller Lokalbehörden stattsand. Eine solche Stiftung ist der beste Beweis dafür, daß dieser marokkanischen Gemeinde eine neue Aera bevorsteht, und daß sie sich hinsichtlich der Kultur allmählich den Gemeinden des Westens gleichstellen wird; auch wird dies einen segensreichen Einfluß auf. die übrigen Gemeinden Marokkos ausüben. . Der Allianz schwebt als einziges Ziel vor, die Gemeinden in die Bahn des Unterrichtes als des höchsten Lebensideals, zu lenken. Hat sie diesen ihren Zweck erreicht und sind einmal die Gemeinden, wie es in Tanger der Fall ist«, so zu sagen mündig geworden und fähig ein eigenes Leben zu führen, so überläßt ihnen die Allianz die Verwaltung ihrer Unterrichtsanstalten, um ihr Kulturwerk anderswo in weniger begünstigten und geistig zurückstehenden Gemeinden fortzusetzen.