Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 54 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Fvsnkfrrvtev Israelitisches iüiiliroMatt. Wonnementspreis Ml. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen SO Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Postzeitungsliste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Dü. 1.50 vierteljährlich (Ausland Dü. 2.—). Ue-Mian und Haupt - Expedition JJmnftfurf «. m. Bergerstraße 25, parterre. -»«4- Herausgeber: Saly Geis. a JnferttonspreiS für die viergespaltene Petitzelle 25 Pfg., für die Reklame-Zeile ML 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Bellagen je nach Gewicht, Dü. 5.— bis 8.— daS Taufend. Gf No. 54. Freitag, den 1. Kislew 5664 (26. November 1903). No. 54. Ein freundlicher Wind wehte uns den folgenden Brief auf unseren Redaktionstisch : Frankfurt a. M., 15. Nov. 1903. An die christlichen Herren Geschäftsinhaber, Frankfurts. Weihnachten, das Geburtsfest unseres Heilands, steht wieder vor der Tür, Eltern und Kinder, Verwandte und Freunde sinnen daraus, wie sie einander durch Ueberreichung eines „Ehristkindchens" eine Freude machen können. Diesen Tausenden und Abertausenden wollen wir jetzt eine ernste Mahnung zuschicken, die Weihnachts-Einkäufe nicht bei den Juden, den Feinden der christlichen Religion, zu machen, sondern in christlich deutschen Häusern^ Ganz besonders soll sich diese Mahnung aber gegen die Warenhäuser und Ramschbazare, den Ruin vieler Spezialgeschäfte, wenden. An Sie richten wir nun, da unsere Mitglieder gar keinen Vorteil von einem solchen Flugblatte haben, dieser Vorteil vielmehr einzig und allein Len christlichen Geschäften zu Gute kommt, die höfliche Anfrage, ob «ie Interesse an einer größtmöglichen Verbreitung eines solchen Flugblattes haben? Wenn ja, wenn Sie gerne sehen würden, daß zu mindest 150 000 in Frankfurt, Darmstadt, Hanau, Homburg, Friedberg, Vilbel, Cronberg, Langen, Offenbach rc. rc. zur Verteilung kämen, dann bekunden Sie dies durch Zuweisung eines Teilbetrags der Kosten. Diese Ueberweisung bitten wir aber bis längstens zum 20. ds. Monats zu machen, da sich nach der Höhe des zur Verfügung stehenden Betrages die Höhe der Druckauflage richten wird. Wir. versichern Sie, daß Ihr Name, falls Sie eine Zuwendung machen, auf Wunsch streng ge- , heim bleibt und daß das Flugblatt in keiner Weise partekorganisatorischen Zwecken dienen soll. Mit christlich deutschem Gruß Der Vorstand des Deutschen Vereins. P. d. Alle Zuschriften bitten wir an unfern Vorsitzenden, Herrn Herm. Laaß, Gneisenaustr. 3, zu richten. * * * Es ist bei uns Frankfurter Juden eine stereotype Redensart: „In Frankfurt gibt es keinen Antisemitismus." Wir hatten bereits bei der letzten Reichstagswahl darauf aufmerksam gemacht, daß Einviertel sämtlicher bürgerlichen Stimmen Frankfurts auf den antisemitischen Reichstagskandidaten entfallen waren und daß von dem restlichen Dreivicrtel in der Zahl von 15 000 noch mindestens 3000 als von uns Juden abgegebene Stimmen abznsetzen sind. Also Frankfurt ist schon sehr stark von dem Antisemitismus-Bazillus infiziert; und es gehört wirklich eine sehr harmlose Gemütsart dazu, bei so deutlich sprechenden Zahlen immer noch Vogel-Strauß- Politik spielen zu wollen. - Bei der Vorlesung des Wochenabschnittes aus dem Buche der Bücher wird uns am nächsten L-amstag erzählt, wie die Philister, wenn Isaak einen Brunnen für seine Heerde gegraben hatte, den Brunnen jedesmal wieder zuschütteten. Sie wollten damit den Viehbestand Isaaks dem -Hungertode überliefern und so seinen Lebenserwerb zu Grunde richten. — Wenn wir die Tätigkeit unserer gesetzgebenden Körperschaften während der letzten 2 Jahrzehnte betrachten, so können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, als ob die Gesetze nur nach der Richtung hin auszuarbeiten wären, der jüdischen Bevölkerung Deutschlands.die Brunnen ihrer Existenz zuzuschütten. Die Vernichtung des Börsengeschäftes, des Viehhandcls, die Erschwerung des Hausiergewcrbes sind Gesetze, die fast nur die jüdische Bevölkerung betroffen haben. Heute ist nun der Kampf gegen die Warenhäuser das -Feldgeschrei; sie allein werden der Schuld an dem schweren Ringen des Mittelstandes angeklagt. Und mit welchem Rechte? Haben sie vielleicht den Handwerker ruiniert, oder sind des Handwerks Totengräber nicht vielmehr die Fortschritte der Technik, die das Aufblühen und die Ueberniacht der meistens in christlichen Händen sich befindenden Fabriken begünstigen? Haben sie vielleicht den deutschen Bauernstand geschwächt; waren auch hier wiederum es nicht der Technik Fortschritte, welche die Leistungsfähigkeit des Kleinbauern, der Ich keine kostspieligen Maschinen anschaffen kann, gegenüber den Großbauern verringerten? Wohl haben die Warenhäuser, die sich heute noch zum größten Teil in jüdischen Händen befinden, ganze Klassen Gewerbetreibender (Grossisten und Tetaillisten) in eine kritische Lage gebracht; aber auch die Warenhäuser sind keine Erfindung des jüdischen Belzebubs, sondern ein Kind der Zeitverhältnisse, und ihre jüdischen Inhaber befinden sich in der guten Gesellschaft der' christlichen Fabrikherren und der christlichen Großgrundbesitzer, jener Leute, die als die Stützen und die Leiter der Nation in Staat und Gemeinde die Führung haben. Und wenn wir es genau betrachten, so sehen wir, daß die Warenhäuser gerade am meisten der jüdischen Bevölkerung schaden: daher ist nirgends der Haß gegen die Warenhäuser größer, als unter den jüdischen Grossisten und Tetaillisten, die ihnen die Erschwerung ihrer Existenz zuschreiben. Neidische Mißgunst, die weiter nichts will, als sich jede Konkurrenz fcrnzuhalten, war einst die Triebfeder der Philister gegen unfern Stammvater Isaak; neidische Mißgunst ist auch heute noch das einzige Motiv des Kampfes gegen uns Juden; und neidische Mißgunst, die lieblos dem Nächsten den Bissen im Munde nicht gönnt, hat. auch bei der Abfassung des Briefes Pathe gestanden, den wir oben der Oeffentlichkeit übergeben haben. Im übrigen wird in dieser Flugschrift der alte Kniff versucht, für den Fall, daß der Slppell an den wirtschaftlichen Neid nicht ziehen sollte, das seit Urväter Zeiten in vielen Gemütern unbewußt schlummernde religiöse Vorurteil zu Hülfe zu rufen. Der Satz jedoch, daß wir Juden Feinde der christlichen Relrgion seien, ist geradezu eine Niedertracht und eine Frechheit, die sich selber richtet. Unseren jüdischen Mitbürgern rufen wir aber zu: Alle Selbsttäuschung hilft euch nichts; ihr seid Juden und könnt den Juden nicht von euch abwaschen. Nur wenn ihr euch als Juden achtet, wird man euch als Juden Achtung entgegenbringen. Steht ihr Alle für Einen und Einer für Alle, dann werdet ihr wenigstens in euch einen Halt gewinnen.. Erfüllet aber auch trotz allen.Undankes weiter ehrlich und treu euere Bürger- und Menschenpflichten und vergeltet Haß mit Liebe. Glänzend rein seid ihr bis jetzt durch die Zeiten gegangen; ihr wäret stets der Amboß und nicht der Hammer, und in einer Zeit, die Gott bald herbeiführen möge, wird euch jene Anerkennung auch in nichtjüdischen Kreisen allgemein gezollt werden, die ihr als das das Böse mit Gutem vergeltende Aschenbrödel der Menschheit verdient habt. (j.<3j Patriotismus und Chauvinismus. Von 'Albert Wahrmund. (Schluß). 1 Es kann daher — rein psycholo gisch betrachtet — auch gar nicht sehr wunder nehmen. daß auch in Babylonien, wohin man Israel nach der ersten Tempelzerstörung ins Exil führte, das Verständnis für Land und Volk des Eroberers reichlich vorhanden gewesen. „Bauet Häuser und wohnet darin, pflanzet Weingärten und genießet ihre Frucht, fördert das Wohl der Stadt, wohin ich euch vertrieben habe und betet für sie zum Ewigen; denn in ihrem Wohle wird auch euer Wohl sein." Diese weisen Mahnworte, die der Prophet Jirmijah damals seinen Glaubenvbrüdern in Babylonien nachrief, fielen nur aus zu fruchtbaren Boden. Noch nicht 70 Jahre waren dahin — und aus den Juden waren Babylonier und Perser geworden. Als der gütige Perserkönig die Erlaubnis erteilte, zum 2. Tempelbau nach Jerusalemziehen zu dürfen, machte» nur verhältnismäßig wenige hiervon Gebrauch. Nicht einmal alle Leviten zogen zurück. Der Fall dürfte typisch sein für alle Zeiten! Es ist ja längst bekannt, welch überaus große Akkommodationsfähigkeit der Jude besitzt, wie schnell er sich an Land, Leute und Klima anpaßt und rnbequemt. Das ist aber ein Beweis mehr, wie die Juden nach ihrem ganzen Fühlen und Denke», Leben und Streben Bollbürger des Landes werden, das sie ihre Heimat nennen. Das ist selbst da der Fall, wo man ihnen Menschen- und Bürgerrechte versagt. Als Ende der 80er Jahre eine hochgestellte Persönlichkeit der amerikanischen Union Rußland bereiste, um die traurigen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen an Ort und Stelle zu studieren, sagte dieser Herr in seinen Reiseberichten, daß die Juden dort trotz ihrer elenden Lage „royal und loyal bis zur Impertinenz" seien. Aus der Akkommodationsfähigkeit der Juden schmieden freilich unsere Gegner wiederum eine Waffe, den Beweis nämlich, daß wir in der Tat international seien. O, heilige Einfalt! O, edler Chauvinismus! Sie haben Augen und sehen nicht, wie die Welt über dergleichen Rückständigkeiten zur Tagesordnung übergeht! Der Kosmopolitismus, das verbrüdernde Weltbürgertum ist freilich edler als die wahnwitzigen Polterer innerhalb ihrer vier Staatswände. Welcher Staat, welches Volk, welcher Staatsmann und Fürst muß denn heute nicht international sein? Muß beispielsweise Deutschland nicht „internationale" Handelsbeziehungen anknüpfen, um wirtschaftlich bestehen, ja um überhaupt leben zu können? International ist unsere ganze Kultur, international ist unsere Post, international unser Telegraphen-, unser Eisenbahnwesen, International ist und muß der Austausch aller Güter und Wohltaten der Knlturmenschheit sein. Oder würde man französische Chauvinisten nicht verdientermaßen bespotten und belachen, wenn sie bei Wagnerscher Musik sich die Ohren zuhalten? Es ist die gleiche Perfidie, wie wenn deutsche Antisemiten nicht Meyerbeers „Hugenotten" mitanzuhören vermögen. Mit dem Borwurf der Jnternationalität treffen die antisemitischen Chauvinisten indes nicht uns Juden allein. Wir befinden uns in guter Gesellschaft: auch die fürstlichen Dynastien Europas sind rein international, und das diplomatische Korps an den Höfen naturgemäß erst recht. Ob die Chauvinisten wohl auch vor drei Jahren den Grafen Waldersee als internationalen „Weltmarschall" für den Führer einer Judenschutztruppe ansahen?!-Wer weiß! Wir wissen aber genau, daß der Antisemitismus international ist und überall der betreffenden Landesregierung Verlegenheit bereitet, diplomatische Aergernisse schafft und vorbereitet. Man denke nur an den Dreyfußprozeß, unter dem Frankreich erzittert und bei dem unsere Antisemiten mit den Chauvinisten Galliens krsres et eocboos waren trotz der schmachvollen Ausfälle gegen Deutschland und sein kaiserliches Oberhaupt. Man denke an den Judenslintenprozeß, an die Anglophobie, die zum Schaden unseres geliebten Vaterlandes immer einen Druck auf die leitende Kreise auszuüben sich bestrebte und gegen die