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Neue jüdische Presse · 1903-11-20 · Heft 54 (20.11.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 54 (20.11.1903)
Date
1903-11-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 54. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. In der Mitgliederversammlung des Hebräischen Sprachvereins wurden als weitere Vorstandsmitglieder Herr Jacob B e st h o f f und Herr Referendar Siegfried Schwarzschild gewählt und als Unterrichtszeiten Samstag Nachmittag von 2%-3s/< und Sonntag früh von 9—10 Uhr festgesetzt. Hamburg. Die zionistische Ortsgruppe von Hamburg-Altona hielt in Pletichas Gesellschaftshaus, Grindelallee, eine sehr gut besuchte Versammlung unter Vorsitz des Herrn Tr. med. Frank-Altona ab. Der Vorsitzende gab zunächst seiner Freude über die in so großer Anzahl erschienenen Gäste Ausdruck, um dann mitzuteilen, daß die Ortsgruppe beabsichtige, in diesem Winter eine ganze Reihe von öffentlichen Vorträgen zu veranstalten. Tie vom Kassierer.verlesene Wrechnung wurde als richtig anerkannt. Bei den sodann vorgenommenen Vorstandswahlen wurden die Herren Tr. Frank und Ed. Levinson durch Zuruf wieder zum ersten resp. zweiten Vorsitzenden gewählt; zum Schriftführer wurde Herr Tr. jur. Letty und zu Revisoren die Herren Martin Behrend und L. Friedenheim gewählt; als Kassierer wurde Herr Margulies neugewählt. Nachdem die geschäftlichen Angelegenheiten erledigt waren, hielt Herr Gustav G. Cohen einen Vortrag über „Tas ostafrikanische Projekt". Ern Schüler Spinozas. Erzählung aus dem Amsterdamer Ghetto. Bon Henny Rosenbaum. (Fortsetzung.) _ „Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Doktor? ‘aie sehen vorzüglich erholt aus. Italien hat offenbar seine Schuldigkeit an Ihnen getan," überbrückte sie gewandt die 'stille. „Ja, danke, der „alte Adam", regt sich wieder," versuchte er zu scherzen. „Aber Sie sehen schmal ans, Jevrauw — — —" Ihr Rufname wollte in diesem großen, prächtigen Zimmer nicht über seine Lippen. „Immer gleich forschender Arzt," lächelte sie flüchtig. „Bei mir ist aber weiter kein Grund znr Besorgnis vorhanden. Tas bischen Blässe ist nnr noch die Folge der letzten Aufregungen." „Allerdings. Sie niüssen unsagbar gelitten haben bei dem plötzlichen Verlust. Tie gute, alte Mutter Rüben. Ich habe nicht geglaubt, daß ich sie nicht mehr Wiedersehen würde." Gerta kämpfte mit Tränen bei seinen warmfühlenden Worten, sie wollte aber nicht mehr weich werden. „Ich habe mich an Ihren Trost gehalten, daß es Naturgesetz ist, wenn die Jungen die Alten begraben. Mit der 'Natur hadern aber heißt gegen sich selbst wüten. Tarum bin ich ruhig geworden." Tas schöne Mädchen konnte verletzend gleichgültig sein. Ter Arzt war betroffen von ihrer Kälte. „Sie haben keine freundliche Heimkehr gehabt, Herr Doktor," wechselte Gerta das Thema. „Da Frau Arcndsohn verreist ist, sind Sie ganz allein in Ihr still gewordenes Heim gekommen." „Ja. Es ist todeseinsam jetzt in dem lieben, alten Hans. Ich glaube nicht, daß ich es noch lange darin aushalten werde." „Wie? Sie wollen fort aus dem Ghetto," fragte sie hastig. „Aus dem Ghetto, nein; darin bin ich festgewurzelt. Nur aus Mutter Rubens Wohnung vielleicht. Ich fühle mich gerade dort jetzt sehr allein." „Für mich wird Großm utters Haus auch bald nur wie ein Traum, sein, aber wie ein lieber. Ich gehe nämlich bald stach Deutschland zurück, Herr Doktor." Gerta hatte bei diesen ihren eigenen Worten die Empfindung, als risse etwas in ihr entzwei. Würde Adam Seelig widersprechen? „Ich wünsche Ihnen alles Gute in der alten Heimat." Mevrauw ter Borg rauschte in diesem Augenblick ins Zimmer und begrüßte den Arzt mit ausgesuchter Höflichkeit: „Ich danke Ihnen, Herr Toktor, frankfurter Israelitischer Familienblatr. daß Sie sich um unfern kleinen Kopfhänger kümmern." Seelig antwortete mit einer belanglosen Phrase. „Sowie mein Sohn in den nächsten Tagen aus Teutschland kommt, beabsichtigen wir mit Gerta auf einige Wochen nach Scheveningen ^u gehen. Tie Meerluft wird hoffentlich gut tun." sie strich zärtlich über des Mädchens blasses Gesicht. „Ta bin ich vollkommen Ihrer Meinung, gnädige Frau." „Tas freut mich, daß wir init Gertas Vormund einer Ansicht sind." Frau Rate wurde immer liebenswürdiger. „In liebevollere Hände könnte ich ja die Vorsorge für Jevrauw Rüben nicht legen," verbeugte sich der Arzt. Mail sprach stoch einige unnötige Worte, dann wollte sich Tr. Seelig verabschieden. „Wir werden doch noch öfter das Vergnügen haben," fragte Mevrauw ter Borg. „Wenn Sie gestatten." „Mein Sohn wird Sie natürlich gleich nach seiner Ankunft aufsuchen, um mancherlei mit Ihnen zu besprechen." „Mynheer ter Borg ist mir jederzeit willkommen." Fraii Rate blieb zurück. Gerta geleitete den Gast zur Tür. „Adieu, Herr Toktor. Aus Wiedersehen. Grüßen Sie das Ghetto von mir." Er suchte ihren Blick. Aber sic sah zu Boden. schlaff lag ihre Hand in der seinen. „Auf Wiedersehen,"' antwortete er da mutlos und ging hinaus. Ohne sich noch einmal umzuwenden, schlug er den Weg nach dem Ghetto ein. „Gott sei Tanks" dachte er. „Ich - habe viel zu tun. Ich muß scharf arbeiten." Er kam gerade noch zu seiner Sprechstunde zurecht. Tie kleine, blasse Antje war auch wieder unter seinen Patienten. „Wo ist dennj Gerta fetzt immer," fragte sie vorwurfsvoll. „Gerta ist weit ivcg, Antje," antwortete er ernst. „Ach schade. Warum hast Tu sie denn fortgehen lasten?" „Ja, waruin, Antje?" Tr. Seelig riß hastig die Vorhänge vom Fenster. Er fand es plötzlich unerträglich schwül und dunkel im Zimmer. XVII. Bei den ter Borgs herrschte fröhliche Stimmung, denn Jan hatte seine Ankunft für die nächste Woche angekündigt. Frau Rate ließ schon die großen Koffer packen, die sie und Gerta für den auf Wochen berechneten Aufenthalt in Scheveningen benötigten. Sie erhoffte viel von dem Einfluß des eleganten Weltbades auf stiinmung und körperliches Befinden des blassen Schwiegertöchterchens, das ihr lieb geworden war, wie ein eigenes Kind. Nur Gerta, die zwar äußerlich hie Freude über Jans Kommen teilte, konnte die wachsende, quälend angstvolle scheu ihres Herzens nicht betäuben. Sie juchte auch nicht mehr Trost in den alten Mauern des Tempels, denn sie wollte das Ghetto und alles, was sie darin erlebt, vergessen lernen. Tas Schicksal hatte sie in andere Kreise geschlendert, in Kreise für die das Ghetto nur ein Traumbild sein durfte. Wollte sie diesem andern Kreise pflichtgetreu angehören, dann war kein Platz mehr für sie in dem Tempel'Israels. Tie einzige Beziehung, die sie noch zu ihren früheren jüdischen Bekannten hatte, war ihr Verkehr mit den Paters. Von diesen erfuhr sie auch tim die großen Unternehmungen, die Tr. Seelig im Ghetto begonnen hatte. Ihn selbst hatte Gerta seit seinem Besuch nicht wiedergesehen. Er schien voUkommen von seiner Praxis und der Ueberwachung des Baus der großen Turnhallen in Anspruch genommen, die er auf seine eigenen Kosten errichten ließ, um darin die jüdischen Knaben und Mädchen der Heranwachsenden Generationen durch körperliche Hebungen zu kräftigen, für den Lebenskainpf gesundheitlich gefestigten Menschen zu erziehen. Ein kluger Plan, dem seine Großmut, Verwirklichung gab. Mary Pater konnte sich nicht genug tun, mit ihrer Schwärmerei für „den bedeutenden Mann", die Gerta mit nervös verhehlter Ungeduld anhörte. Sie woUte nicht mehr an das Ghetto erinnert sein. — — — — — — — Seite 3- Jan kam an dem Tage, an dem man ihn erwartete, nicht. Er sandte nur eine kurze, hastige Depesche, in der er den Grund seines plötzlichen Fernbleibens nicht angab. „Komme nicht, später mehr. Jan." Ter alte Mynheer ter Borg hatte das nichtssagende Blatt kopfschüttelnd aus der Hand gelegt und war mit schweren Schritten aus dem Zimnier gegangen. Frau Rate hatte verstört zu Gerta hinübergesehen, die aber kein Zeichen besonderer Erregtheit vertet. „Was denkst Du davon, mein Kind?" „Ich weiß nicht, was ich davon denken soll, Mama. Es kann sich doch alles ganz harmlos aufllären." „Wenn Tu Jan lieb hättest, Gerta, dann würde Tich sein plötzliches, unerklärtes Fernbleiben, das sonst so garnicht in seiner bestimmte» Art liegt, ebenso ängstigen wie uns," erklärte Frau Rate herb. Tas junge Mädchen hatte eine abweisende Bemerkung aus den Lippen, unterdrückte sie aber. Jans Mutter hatte doch eigentlich Recht mit ihrem Vorwurf. Stumm saßen sich die beiden Tamen eine Weile gegenüber, während die Schatten der grauen Regenwolken wie düstere Geister durch das reiche Zimmer glitten.- Tie Aufklärung über Jans rätselhaftes Benehmen kam nicht so schnell, als die ter Borgs erwarteten. Und als sie kam, da hätten sie die grauenvolle Gewißheit am liebsten noch 'weit hinausgeschoben. Nach vier Tagen, die den harrenden Eltern endlos lang erschienen waren, kam die Tepesche eines fremden Arztes mit der Nachricht, daß Jan ter Borg schwer erkrankt sei. Mit tröstenden Worten, die ihm nicht aus überzeugtem Herzen kamen, schied Mynheer ter Borg von der erregten, schluchzenden Mutter und der ruhigen, blassen Braut und fuhr zu dem kranken Sohn. Er kam zu spät. Jan ter Borg hatte sehr sicher aus sich gezielt. Mitten durch die Brust war der Schuß gegangen. Nur ein paar Stunden hatte er noch gelebt. Tann kam der Tod, den er selbst gerufen hatte. Ter Vater jand nur noch seine Leiche, an deren «chläfen das Blondhaar eisgrau schimmerte. — Bor dem erschütterten, alten Mann lag ein schuldiger, der sich selbst gerichtet hatte. Jan hatte sich in waghalsige Spekulationen eingelassen, die fehlgeschlagen waren. 'Aber iticht nur sein eigenes Vermögen war dem tollen Börsenspiel zum Opfer gefallen, sondern auch Gertas, seiner Obhut vertrautes Erbe hatte er bei seiner rasenden Glücksjagd verloren. Wollte der Vater wenigstens den Schatten der Unehrenhaftigkeit von dem Andenteu des toten Sohnes nehmen, dann mußte er aus ein sorgenfreies Alter verzichten, mußte er alles hingeben, was sein war. (Fortsetzung folgt.) Vereinigung znr Pflege jüdischer Lebensanschauung (Nachalas Zwi). Einladung zum Bereinsabend auf Mittwoch. 25. November 1903, abends 8*/* Uhr, in der »Loge zum Adler", Seilerstraße 22. Tages-Ordnung: 1. Lehrgang: Kerngedanken aus dem jüdischen Gebetbuch. Leitung: Herr Oberlehrer vr. E. Fink. Bortrag des Herrn Stiftsrabbiner B. Blumgrund aus Karlsruhe: Der historische Aufbau unseres Gebetbuches. Ev. Fortsetzung der Diskussion über Schemone Esre. Familteuuachrichteu. Verlobte. Anna Feibelmann, Mannheim, mit Sally Wolff, Mainz. Sterbefälle. Amalie Horchheimer, geb. Heß, Wiesbaden, Mauritiusstraße 4. Michael Schuster, Frankfurt a. M., Reuterweg 69. Heinrich Meyer, Bonn, 63 I. Bertha Oppenheimer, geb. Strauß, Heilbronn. Woche»-Kalender. Samstag, den 21. Rovbr., Wochenabschnitt Tauldaus. Sabbath-Ausgang in Frankfurt a. M„ 5 Uhr 20 Minuten, Cassel 5 Uhr 10 Minuten. Berlin 4 Uhr 45 Minuten. Hans Vierfuss Zeit 50f neben der Hauptpost — -.—- billigste und reellste Bezugsquelle für ..—— XJhren und G-oldwaren eigene Werkstatt» Koscher Koscher Jeden Mittwoch und Donnerstag treffen wieder die nur mit Mais gestopften schweren jungen Gänse mit fast durchweg grossen Lehern und kolossalem Fett ein. Einzelne Gansteile, Grieben, rohes und ausgelassenes Gänsefett empfiehlt Telephon2026. MAX REISS 98Fahrgasse98. Elegant gebundenes Kochbuch f. d. M. Küche ävon Frau Wwe. 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