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Neue jüdische Presse · 1903-11-13 · Heft 53 (13.11.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 53 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 53 r , , - Frankfurter Jjraeliiischü Faukilienblatr Leite 3. Lassen 'ssit mich also ein außergewöhnlicher sein. Tie holde Braut sei das Wesen des Judentums. Der glückliche Bräutigam die Methodik und die Pädagogik. Damit die Ehe nun doch nicht gar zu modern, fast übermodern zwischen einem sächlichen als Weib gedachten und zwei weiblichen als Mann gedachten Wesen scheine, lassen Sie mich die Braut als die Tauroh und den Bräutigam als den Menschen mit den Produkten seiner Bernnnft und seines Geistes hinstellen. Als ehrlicher, einwandfreier Vermittler habe ich zuerst bei mir die Vorzüge und Mängel meiner Klienten zu prüfen, um so zu erkennen, ob ich die Hand bieten _barj zu einem festen Bande, das beide umschlingt, sollte meine Erwägung ein bejahendes Resultat ergeben, so bitte ich nur noch nur die Erlaubnis, die TrauungSrede halten zu dürfen. Ter sicheren Hoffnung bin ich, daß Sie meinen Wünschen freundlich gegenüberstehen: so grüßt sie in aller Hochachtung r Ihr ergebener B. Al. Aus alXex Wett. Deutschland. Berlin. Grober Unfug in der Wohlt ätigkeitspfleg e. Es hat sich neuerlich der Unfug breit gemacht, bei Aufrufen für wohltätige Zwecke nicht durch die Verständigkeit des Zwecks und ähnliche sachliche Argumente, sondern durch die Menge der Unterschriften auf das „wohltätige" Publikum zu wirken. Dieser Unfug trägt in sich die Richtung sich zn steigern: Während vor einem Jahr ein jüdischer Verein als eines Zeichens seiner Beliebtheit der nahezu 200 Unterschriften seines Aufrufs sich berühmte, versendete kurz darauf ein Herr L. einen (interkonfessionellen) Aufruf mit nahezu 300 Unterschriften. Augenblicklich dürfte den Record ein interkonfessioneller Aufruf, veranstaltet durch Frau 0. 0., halten Seine mehr als 750 betragenden Unterschriften nehmen sieben volle Druckseiten ein — und dieser Aufruf wird versendet — mit dem Ersuchen, ihm die Unterschrift beizufügen! Es wäre wünschenswert, daß wenigstens in der jüdischen Wohlrätigkeitspflegc mit dieser eigentlich durchaus unjüdischcn Sitte gebrochen wird. Sie bedeutet ein stillschweigendes Eingeständnis, daß man zu den Mitteln geschästlicher Konkurrenz greift, um bei dem Nebeneinanderbestehen so vieler jüdischer Vereine die Aufnierksamkcit auf sich zu lenken. Derartige Aufrufe erfordern viel Arbeit und Kosten und können niemals durch Vereine geleistet werden, bei denen lediglich im Ehrenamt gearbeitet wird. Sie führen Häher schließlich dahin, daß mehr und mehr die Tätigkeit im Ehrenamt durch die weit kostspieligere der bezahlten Sekretariate ersetzt wird. — Diesen Sekretariaten, welche nicht durch anderweitige bürgerliche Beschäftigung in Anspruch genommen sind und daher genügende Muße besitzen, wird es niemals schwerfallen, von einer großen Anzahl wohlnicincnder oder eitler Honoratioren die Unterschriften zu beschaffen und dadurch auf die Gedankenlosen zu wirken. Köln. DieKölnerVolksschulen zählten zum Beginn des Winterhalbjahres 50 875 Schulkinder in 940 Klaffen, und zwar 22210 bzw. 22 307 katholische Knaben und Mädchen, 3158 bezw. 3148 evangelische Knaben und Mädchen, sowie 321 bezw. 331 israelitische Knaben und Mädchen. Münchener Chronik. [W.] Es gießt eine Zeit des Niederreißens und eine Zeit des Aufbauens heißt es im Kohelet. Das Haus Maximiliansplatz 4 war, solange sein Eigentümer Herr Abraham Merzbacher, lebte, ein Haus, in dem stets Thoragelehrte aus allen Ländern gastfreundlich ausgenommen und Arme reichlich unterstützt wurden. Dort war auch die herrliche, berühmte Merzbacher'sche Bibliothek. Jetzt ist dieses Haus heruntergerissen. Dagegen ist nebenan ein prachtvoller Neubau entstanden, der bestimmt ist, die Bildergallerie des vorstorbenen jüdischen Malers und Kunsthändlers David Heinemann aufzunehmcn. Heinemann, der das hohe Alter von 82 Jahren erreicht hatte, war streng religiös, trotzdem er sehr viel in Künstlerkreisen verkehrte. Straßburg. Der hiesige Tierschutzverein hat die Absendung einer Eingabe an die zuständige Behörde beschlossen, in welcher Eingabe um das Verbot des Schächtens im hiesigen Schlachthause ersucht wird. Die „Straßburger Neueste Nachrichten" begleiten diese Nachricht mit dem Stoßseufzer: Wann wird endlich dieser Grausamkeit ein Ende gemacht werden? Auf diese Bemerkung hin hat nun das Blatt aus seinem Leserkreise folgendes eingesandt erhalten: „Im allgemeinen Interesse richte ich nachfolgende Zeilen an Sie mit der Bitte, dieselben unter „Sprechsaal" zu veröffentlichen; denn es ist mir bekannt, daß Ihre geschätzte Zeitung keine antisemitischen Tendenzen verfolgt. In dem 4. Blatte ihrer Ausgabe Ufr. 258, datiert vom 4. November 1903 schreiben Sie, daß der Tierschutzverein eine Eingabe an die zuständige Behörde gegen das Schächten machen wird! Ferner heißt es . Wenn wird endlich dieser Grausamkeit ein Ende gemacht werden? Für und gegen das Schächten der Tiere ist von großen Gelehrten schon genug gesprochen und geschrieben worden, und dabei ist man zu folgender Ueberzeugung gelangt: Das Schächten bezweckt eine vollständige Blutentleerung eines Tieres, wodurch das Fleisch desselben für die Gesundheit des Menschen bekömmlicher ist und sich bedeutend länger konservieren läßt, als wenn das Tier auf eine andere Art getötet wird! Ein Urteil darüber zu fällen, welche Todesart siir ein Tier eine beffere und angenehmere ist, wird nun in erster Linie Sache von Gelehrten sein, die ihr Studium diesen Fache gewidmet haben, und von diesen Herren ist die Mehrzahl zur Ueberzeugung gelangt, daß es genau aufs selbe herouskommt, wenn man ein Tier totschlägt oder schachtet! Sobald ein Tier so geschächtet wird, wie es der israelitische Ritus vorschreibt, so ist dies die schnellste und schönste Todesart für das betreffende Tier Im selben Alugen blick, wo das Tier geschächtet ist, hat es auch alle Besinnung verloren und die nachträglichen Bewegungen sind eben nur noch die Zuckungen der Nerven! Als Beweis hierfür gilt der Versuch, den man vor einigen Jahren in einem der größten Schlachthäuser Elsaß-Lothringens gemacht hat, und dies war folgender: Man trennte einem Kalbe den Kopf vom Rumpfe und steckte demselben unmittelbar sofort einen Finger in den Mund und der Kopf des Kalbes sog noch eine kurze Zeit am Finger, als ob man statt einem Kopf ein lebendes Kalb vor. sich hätte! Dieser Versuch wurde von einem Tierarzt angeführt! Also, wenn ein Tierschutzverein das sein will, was sein Name sagt, dann soll er darauf ausgehen, Tiere zu schützen und nicht aber vorschreiben wollen, wie dieselben nach ihrer Art und Auffassung getötet werden sollen, um dem Menschen als Nahrung zu dienen! Ja, wenn schon diese Aufgabe sich ein Tierschutzverein gestellt hat. dann wende er sich gegen die Jagd und besonders gegen die sogenannten Sonntagsjäger; denn, wenn schon der Mensch berechtigt ist, ein Tier zu töten, um dessen Fleisches wegen, mit welchem moralischen Recht ist es dem Menschen gestattet, ein Tier aufs geradewohl an irgend einer beliebigen Stelle — wie es sich gerade trifft — zu verletzen und dann sehr oft Stunden lang von Hunden und Treibern verfolgen zu lagen, bis es erschöpft zusammenbricht! Wo ist da die größere Tierquälerei? Ein Tierschützler: 4. AI., Straßburg. Würzburg. Kürzlich fand in Würzburg im Platzschen Garten eine große Versammlung des „Jungliberalen Vereins" fiir Bayern statt, die unsere Beachtung verdient. In derselben sprach Prof. Tr. Sigismund Günther von der technischen Hochschule in München, langjähriger Reichstags- und Landtagsabgeordneter, und führte u. a. folgendes aus: „Gleiches Recht für alle muß auch im Verkehr untereinander gelten. Nur der stramme Parteimann ist gerecht auch gegen andere, insofern er Respekt für' seine eigene Ueberzeugung erheischt. Tie betrübendste Erscheinung der Gegenwart ist es, daß im Parteileben — wo noch 1871 bis 1878, als der Sozialismus und Antisemitismus zugleich auf der Bildfläche erschienen, ein gewisses Maß von Einverständnis möglich war — dieses gleiche Recht heute nicht mehr anerkannt werden will. Heute glauben diele, mitLiberalismus aus Kündigung zu zeitweisem Gebrauch anskommen zn können; das ist aber eine völlige Verkennung. Jene Krankheit, daß man einen Teil des deutsche» Volkes ausscheiden zu dürfen glaubt, ist nicht so sehr der Konitzer Radau-Antisemitisnnls, als jener feine salon-Antisemitismus, der sich vielfach findet. Als großes Verdienst wird es dem despotischen Minister Monteglas angercchnet, daß er einen protestantischen Wirt in München zugelassen habe. Umso schlimmer, wenn heute ein stadtrat einen Juden als Lehrer nicht anstellen zu können vermeint. Für diesen Psendoliberalismus gilt: die Rhodus, hie sa11a man soll den Liberalismus nicht nur als anerzogenes Glaubensstück zeigen, sondern sich den Mann anschauen, nicht jeine Religion, seinen Standund seine Herkunft; sonst hat der Gegner recht, wenn er sich über den gegenwärtigen Liberalismus lustig macht." Posen. Ein hiesiger städtischer Lehrer ist des Amtes enthoben worden. Er hat sich antisemitischer Bestrebungen schuldig gemacht und zwar sind die von ihm getanen Aeußerungen im Geschichtsunterricht gefallen. Oesterreich-Nngarn. Wien. Das „Jllustrirte Wiener Extrablatt'" schreibt: Wir werden um Aufnahme folgender Erklärung ersucht: „Der Unterzeichneten Bereinsleitung ist von verschiedenen Seiten die Meinungsäußerung zugekommen, daß sich der Verein zur Abwehr des Antisemitismus aufgelöst habe. Dem gegenüber wird hiermit erklärt. daß diese Meinung auf einem Irrtum beruht und der Verein noch fortbesteht. Etwaige Zuschriften sind an den Bicepräsidenten Herrn Dr. Josef Freiherrn v. Seiller, Hof- und Gerichtsadvokat, Wien, I. Bezirk, Dorotheergasse Nr. 7, zu richten. Verein zur Abwehr des Antisemitismus." Budapest. Die Subvention der Pester isr. Kultusgemeinde. Der hauptstädtische Magistrat zog gestern das Gesuch der Pester isr. Kultusgemeinde, welche — wie berichtet — die Erhöhung der städtischen Subvention von 40000 Kronen auf 8000V anstrebt, in Verhandlung. Auf Antrag des Magistratsrats Dr. Stephan BärczY beschloß das Magistratskollegium. die der Kultusgemeinde zu gewährende Subvention in zwei Teile, und zwar in eine Kultussubvention und in eine Subvention für den Religionsunterricht zu erteilen. Demgemäß erging an die kompetenten Magistratssektionen — die juridische und die Unterrichtssektion — die Weisung, eine Vorlage über die Höhe der zu votierenden Unterstützung zu erstatten. Chotebor (Böhmen). Auf dem hiesigen jüdischen Friedhofe wurden in einer der letzten Nächte mehrere neue große Grabsteine umgeworfcn und zerschlagen. Bisher fehlt jede Spur der Täter, siir deren Eruierung die jüdische Gemeinde eine Belohnung von 200 K. ausgesetzt hat. Tie gerichtlichen Erhebungen sind im Zuge. Schweiz. Der 8. November war ein Fest für die schweizerische Judenschaft, die Einweihung und Eröffnung des „Schweizerisch-Israelitischen Altersasyls". Ueber die Geschichte dieser Anstalt, die überaus vom Edelsinne und Solidariatätsgefühle unserer Schweizer Glaubensgenoffen zeugt, ein anderes Mal. Das nunmehr fertige Asyl ist ein Prachtbau und eine Zierde des Surbtales, in dem sich die beiden historischen, jüdischen Gemeinden der Schweiz, Endingen und Lengnau befinden. Es hat Platz für- 35 Jnsaffen und sind bereits 12 Alte darin aufgenommen. Als Berwatter und auseltern sind gewählt, Herr Lederer, ftüher eligionslehrer in Kochen, und Frau. Die Einweihungsfeierlichkeiten, an denen sich auch die Bertteter der Regierung, der Kantons- und Ortsbehörden und der Geistlichkeit beteiligten, nahmen einen glänzenden Verlauf. Sie begannen mit einem Festgottesdienste in der Synagoge zu Lengnau, an dem Herr Rabbiner Dr. Littmann. Zürich, die Weiherede hielt und Herr Lehrer Schachnowitz aus Endingen mit seinem Kinderchore mitwirke. An dem Bankette, das am Nachmittage im Gasthofe „zur Krone" stattfand, nahmen etwa 150 Personen teil. Die offiziellen Bertteter der Regierung sprachen in schönen Worten der Liebe und Toleranz den Dank ihrer Behörde aus und entboten der Anstalt und den Schweizer Israeliten ihren Gruß. Möge die 'Anstatt als Denkmal der Liebe und der Opferwilligkeit der Schweizer Juden noch weitere gute Wirkungen mit sich bringen. Zürich. Die oft gut unterrichtete „N. Zürch. Ztg." verösfentlicht nachträglich eine Mitteilung, die in den weitesten Kreisen großes Aussehen erregen wird. Zunächst erfährt man durch das genannte schweizer Blatt, daß der Großherzog von Hessen sich an den Sammlungen für die durch die Revolten so schwer geschädigten Kischinewer Juden beteiligt hat. Aber dieser edle Fürst hat sich mit dieser Geldspende nicht begnügt, sondern er hat dem Tarmstädter Rabbiner Tr. Marx versprochen, dem Zaren Nikolaus, bekanntlich einem Schwager des Großherzogs, die von der offiziellen Tarstellung der Kischinewer Gräueltaten durchweg abweichende Tenkschrift der Kischinewer Opfer ans irgend eine Weise zugänglich zu machen. Tie von beteiligter jüdischer Seite herstammende Tenkschrift sttitzt sich aus ein einwandfreies, dokumentarisch begründetes Material und läßt sie von dem durch Herrn v. Plehwe falsch unterrichteten Herrscher an den besser zu unterrichtenden appellieren. Im 'Kamen der geschändeten Menschlichkeit wäre zu wünschen, daß sich die Meldung des Züricher Blattes vollinhaltlich bestätigte. Frankreich. Paris. In seiner letzten Sitzung beschloß das Zenttalkomitee der Alliance Israelite Universelle ein Bureau in Berlin zu gründen. Ferner wurde ein Ausschuß gewählt, der sich mit der Frage der Einführung der Handarbeit in den Schulen der Allianz befassen wird. Der jetzige Zeitpunkt ist für die Behandlung der Frage deshalb besonders geeignet, weil die jetzt aus der Ecole Normale hervorgehenden Lehrer fähig sind, diesen Unterricht zu erteilen. Dank der Initiative der Herrn Konsul Simon, der für das Lehrerseminar das erforderliche Handwerkszeug gestiftet hatte, ist seit zwei Jahren Tischlerarbeit dort für alle Zöglinge obligatorisch. Bei Herstellung der großen Bibliothek, welche die Allianz soeben auf dem Grundstück der Ecole Normale Orientale erbaut hat, find alle Tischlerarbeiten von den zukünfttgen Lehrern ausgeführt. Rußland. Petersburg. Der Prozeß in S achen der Judenkrawalle, welche sich zur Osterzeit in Kischinew ereigneten, hat dort zwar bei vers ch l o ff e n e n Türen am 6. November begonnen und wird voraussichtlich mindestens 6 Wochen dauern; wenigstens wird amllich die Zeit bis 22. Dezember in Aussicht genommen. Ursprünglich sollten die Verhandlungen in Tiraspol stattfinden, doch ist dieser Beschluß aus unbekannten Gründen wieder umgestoßen worden Daß es übrigens angebrachter gewesen sein würde, einen anderen Platz, als den, in dem die grauenhaften Ausschreitungen vorgekommen sind, als Berhandlungsort zu wählen, liegt wohl auf der Hand. Angeklagt find 37 Personen, darunter 8 wegen Mordes; 500 Zeugen wurden geladen. Den Vorsitz

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