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Neue jüdische Presse · 1903-11-13 · Heft 53 (13.11.1903) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 53 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Fainilienblatt. Nr. 53. Gegner Treitschke, daß dieser sich von seiner Leidenschaft und von einem säst krankhaft überspannten Nationalgefühl dazu fortrcißen ließ, einer Bewegung Vorschub zu leisten, die in ihren Endzielen eine Gefahr für die Kultur Deutschlands und, wie Mommsen hervorhebt, sogar für die deutsche Einheitbildctc, während Mommsen als ein abgeklärter, ruhiger Geist in den Ereignissen das Produkt einer historischen Entwicklung sah, die sich am allerwenigsten durch leidenschaftlichen Haß und durch Gewaltmittel beeinflussen läßt. Tie Betrachtung, welche Mommsen gelegentlich der Auszählung der verschiedenen Nattonalitäten im Staate Eäsars den Juden widmet, erörtert vornehmlich ihre politischen Eigenschaften. Seine Bemerkungen gelten nicht etwa bloß für die Juden der damaligen Zeit; wie überall in Mommsen's Geschichtswerk die Anklänge an die jetzigen Verhältnisse wiederkehren und gerade dadurch die «Schilderung einen besonderen Reiz erhält, so gilt auch das Urteil über die Juden dem jüdischen Volke überhaupt. Er sagt, ESsar habe die Juden gefördert, wesi 'sie ein geeignetes Clement waren, um seinen Ideen zu dienen. „Der Jude, der nicht wie der Occidentale die Pandoragabe politischer Organisation empfangen hat und gegen den Staat sich wesentlich gleichgiltig verhält; der ferner ebenso schwer den Kern seiner nationalen Eigentümlichkeit aufgibt als bereitwillig denselben mit jeder beliebigen Nationalität umhüllt und bis zu einem gewissen Grad der fremden Volkstümlichkeit sich anschmiegt, der Jude war eben darum' wie geschaffen für einen Staat, welcher auf den Trümmern von hundert lebendigen Politien erbaut und mit einer gewissermaßen abstrakten und von vornherein verschlissenen Nationalität ausgestattet werden sollte." Tie Bemerkung, daß der Jude sich gegen den Staat gleichgiltig verhält, dürste wohl dahin einzuschränkcn sein, daß er den Staat nicht wie andere Nationen als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zweck betrachtet. Die Juden haben cs niemals versucht, durch Eroberungen ein- Weltreich zu gründen. Es liegt dies auch im Wesen der jüdischen Anschauung. Das heilige Land war ihnen nicht zu politischer, sondern zu religiöser Betätigung gegeben worden, es wurde ihnen verliehen als ein Mittel zur Verwirllichung der Lehre. Und insofern kann auch der bekannte, von den Antisemiten vielfach ausgeschlachtete Ausspruch Mommsen's, daß die Juden ein „Ferment des Kvsmopolitismus und der nationalen Tekomposition" gewesen seien, nicht als ein Tadel aufgefaßt werden. In dem Dasein des jüdischen Volkes liegt ein Hinweis darauf, daß noch etzoas Höheres existtert als der Staat, daß es Ideen giebt, welche über die nationalen schranken hinausgehen und der Menschheit gemeinsam sind. Daß die Juden Natronaigefühl besaßen, sogar in sehr hohem Maße besäßen, das beweisen die Freiheitskämpfe der Makkabäer, beweist noch mehr der letzte Heldenkampf gegen die Uebermacht Roms: aber mit diesem Nationalgefühl verband sich bei dem Judenimmer das Bewußtsein, daß er nicht bloß für die Freiheit und für den heimischen Boden tämpste, sondern auch für den Glauben und für das -höchste Heiligtum der Menschheit. Und daß dieses Gefühl in der Seele des Juden noch mächtiger lebte, das zeigt der Opfermut, und die Begeisterung, mit welcher unsere Vorfahren für diese geistigen Güter in den Tod gingen,' als sic den nationalen Mittelpunkt längst verloren hatten. Seine Anschauungen ' über die Juden hat Mommsen, wie erwähnt, auch auf die Juden der Neuzeit angewendet. In seiner im Jahre 1880 erschienenen Gegenschrift gegen Treitschke „Auch ei» Wort über unser Judentum" gibt er zu, daß sie auch im germanischen Staat ein „Element der Tekompositton" seien, und zwar der Telomposition der deutschen Stämme. Aber er erkennt darin einen Vorteil, weil eine deutsche Nationalität nur durch Verschmelzung der einzelnen Stämme entstehen könnte, ein Prozeß, der eben durch die Juden befördert wurde. Trestschke hatte in mehreren Artikeln in den „Preußischen Jahrbüchern" den Antisemitismus als die „natürliche Reaktion des germanischen Bolksgefühls gegen ein stemdes Element", als „den Ausbruch eines tiefen, lang verhaltenen Zornes" verteidigt und hatte damit den Antisemitismus salon- -fähig gemacht; seine Tätigkeit als Universitätslehrer sorgte dann dafür, daß die deutsche Studentenschaft den deutsch-nationalen Antisemitismus auf ihre Fahne schrieb. Gegen diese Auffassung Treitschke's wendet sich Mommsen in der erwähnten Schrift, indem er cinestells Treitschke den Mangel an Verantwortungsgefühl vorwirst, den er durch die Veröffentlichung fener Arsikcl bewies, und andrerseits seine nationale Engherzigkeit bekämpft. „Von der deutschen Natton -wird noch allerlei mehr abfallen als die Kinder Israels, wenn ihr . heutiger Bestand nach Tacstus Germania durchkorrigiert wird." „Und so wenig, wie die Nachkommen der französischen Kolonie in Berlin geborene Franzosen such, so wenig sind ihre jüdischen Mitbürger etwas anderes als Deutsche." Das ist eben der Unterschied: für Treitschke waren die Juden „Fremds"; nach Mommsen sind zwar Verschiedenhesten vorhanden zwischen ihnen und den Germanen, aber diese Verschiedenheiten sind nicht schlimmer als-die zwischen den einzelnen deutschen Stämmen bestehenden, und das Vorhandensein der Juden hält er nicht für ein Unglück, er ist vielmehr der Ansicht, daß „die Vorsehung weit besser als Herr Stöcker iegriffen hat, warum dem germanischen Metall für eine Ausgestaltung einige Prozent Israel beizusetzen waren." Mit tiefer Entrüstung wendet sich Mommsen gegen die Antisemitenpetition der Zöllner und Genossen, welche verlangten, daß die Inden von allen obrigkeitlichen Stellungen ausgeschlossen werden und ihre Verwendung im Justizdienst, namentlich als Einzelrichter, eine „angemessene Beschränkung" erfahren sollte, wobei sie in einem besonderen Begleitschreiben an Bismarck betonten, daß die Staatsrcgierung im stände sei, diese Bitte lediglich auf dem Wege der Verwaltung ohne Zuziehung der gesetzgebenden Faktoren zu gewähren. Sein sittliches Gefühl empört sich gegen diesen Betrug, gegen eine Forderung des „Fanatismus, welcher schließlich auch das Gefühl der Ehre und der Ehrenhaftigkeit angreift." Seine Mahnungen haben leider wenig gefruchtet, und die Forderungen der damaligen Antisemitenpetition werden heute von autoritativen Stellen vertreten. Was die Stellung der Juden zu der antisemitischen Bewegung betrifft, so wünschte Mommsen, diejenigen, die nicht durch Gewisscnsbedcnken davon zurückgehalten werden, möchten zur „Ehristenheit" übertreten, worin sich heute der Charakter der internationalen 'Zivilisation zusammcnfasse; denn „außerhalb dieser schranken zu bleiben und innerhalb der Nation zu stehen, ist möglich, aber schwer und gefahrvoll." Außerdem wünscht er auch eine Beschränkung der spezifisch jüdischen Vereine, joweit sie nicht religiöse Dinge betreffen. Er hofft, wenn auf beiden Seiten jeder das Seinige tue, werde der Ansisemitismus überwunden iverben. Er hat sich später noch einmal gegen den Antisemitismus ausgesprochen, gegen diese „schauerliche Epidemie, die unsere Kultur um hundert Jahre zurückgeworfen hat." Seine Stimme ist verhallt, wie die so manches anderen Geisteshelden. Der Einfluß Treitschke's war größer als der Mommsens, wie das schlechte meistens stärker auf die Massen wirkt, als das Gute. Wir Juden aber werden dem Manne, der sich unserer Rechte so unerschrocken annahm, wenn ihm auch für das Wesen des jüdischen Glaubens naturgemäß das volle Verständnis abging, stets eine dankbare Erinnerung bewahren. Schülerziihlrmg in Frankfurt a. M. Das hiesige Statistische Amt veröffenllichte vor wenigen Monaten in Heft V seiner „Beiträge zur Statistik" die Ergebnisse der Schülerzählnng, die, sämtliche öfsentlichc und Privat-Schulen unsrer Stadt umfassend, am 30. November 1900 stattgetnnden hat. Die für den Volkswirtschaftlcr sehr interessante Arbeit hat rn der Tagespresse noch nicht die gebührende Würdigung gefunden. Wenn wir uns anschicken, hier einige Ziffern aus dieser Statistik wiederzugeben, so geschieht es vor allem, weil 'sie beweisen, daß der Bildüngstrieb, der dem jüdischen Stamme stets innewohnte, auch heute noch seine ungebrochene Kraft betätigt. Tabelle I. EesamtbrvSlkcrung daruitt. .Schüler in o/o der Bevölkerung m. u>. zus. m. w. z„s. Evang. 175909 11704.11318 23022 13,9 12.4 13.1 Kath.' 88457 4800 4820 9620 11.1 10.6 10,9 Israel. 21974 1654 1512 3166 15.3 13.5 14.4 Uebrigc 2649 109 80 189 7,9 6.3 7,1 288.989 18267 17730 35997 13,1 11,9' 12.5 _ Tabelle I zeigt uns, daß zu der Gesamtzahl der schüler die Juden einen den Durchschnitt nicht unwesentlich übersteigenden Prozentsatz stellen; sie liefern 14,4,Prozent der Bcvöllerungszahl, während der Durchschnitt nur 12,5- Prozent beträgt und z. B. bei den Katholiken auf 10,9 Prozent sinkt. Indessen würde man sehr fehlgehen, wenn man diese Erscheinung etwa aus einen größer» Kinderreichtum der Juden zurückführcn wollte. Es kommt hier lediglich in Betracht, daß die jüdischen Kinder in weit größerer Zahl höhere Schulen besuchen, in denen sie nicht nur 8 Fahre, sondern 9 Jahre und länger -festgehalten - werden. - Tie hier folgende Tabelle II zeigt dies in deutlichster Weise: Tabelle H. Höh. Schulen Mittelschul. Bürgerschul. °i0 »Io »io Evg. Schüler (innen) 4342 52.1 2744 75.5 15936 66,3 Kath. „ „ 1477 17,8 679 18,7 7464 31,1 Ist. „ „ 2446 29,3 179 4,9 541 2,2 Uebrigc » , „ 66 0,8 33 0,9 90 0.4 8331 3635 24031 _ Hieraus ergibt sich, daß die Juden zu den Schülern der höheren Anstalten mehr als \Fi stellen. Ihre absolute Ziffer geht mit 2446 über die Zahl der katholischen Schüler — 1477 — um rund 1000 hinaus, obwohl bei der Einwohnerzahl rund 88 000 Katholiken 21000 Juden gcgcnüberstehen. Ter Einwand, daß diese ungeheure Differenz der größeren Wohlhabenhesi der Juden zuzufchreiben sei, liegt sehr nahe, erklärt aber diese Erscheinung doch nur zum kleinsten Teil. Jeder, der etwas Einblick in Frankfurter Verhältnisse hat, weiß, daß die hiesige haute finance zu einem guten Teil aus Juden besteht; an einem Börsenplätze hat das auch seine historische Begründung, so sehr dies aber etwa in's Gewicht allen könnte, wenn man z. Bdie Ergebnisse unsrer 'städtischen Einkommensteuer nach ihrem konfessionellen Ursprung sondern wollte, so wenig kann cs als Haupt- oder gar alleiniger Faktor da in Betracht kommen, wo cs sich um die Gesamtheit der jüdischen Bürger handelt. Auch bei ihnen kann durchschnittlich nicht von Wohlhabenheit die Rede sein; die Mehrzahl kämpft schwer um ihren Unterhalt. Wenn dennoch mehr als Dreiviertel aller jüdischen Schulkinder höhere Schulen besuchen, so ist das eben ein glänzendes Zeugnis der Opjcrwilligkcit seitens der jüdischen Eltern, die sich so manchen Genuß versagen, um nur ihren Kindern eine höhere Bildung verschaffen und damit den Weg zu einer höheren Lebensstellung bahnen zu können. In einer Zeit, in der der Kampf um die Frage „simultanschule oder Konfessionsschule" auf der ganzen Linie mit aller Heftigkeit geführt wird, ist es nicht ohne Interesse zu sehen, wie bei uns diese Dinge liegen. Tabelle llk gibt uns hierüber genauen Ausschluß. Tabelle in. Jüdifchc Schulcn Simnltanschulcn m. W. IN. W. Höhere Schulen 645 479 699 623 Mittelschulen . - — 52 127 Bürgerschulen 195 171 63 112 840 650 814 862 zusammen 1490 1676 Bei den israelitischen Knaben überwiegen die Schüler der konfefsionclten Anstalten diejenigen der Simultanschulen um ein wenig (840 gegen 814); bei den Mädchen sind die letzteren bedeutend im liebergewicht (650 gegen 862). Es stimmt das mit der jo oft gehörten und gründlich falschen Anschauung überein, daß Mädchen „nicht so viel Hebräisch" zu lernen brauchen. Als wenn es bei den Mädchen, den künftigen Müttern, den Erzieherinnen der kommenden Generationen nicht mindestens ebenso wichtig wäre, sie aus den üucnctt jüdischen Schrifttums Verständnis und Begeisterung für das Judentum schöpfen zu lassen, statt ihnen in spärlichen „Religionsstunden" irgend einen Katechismus als schwächliches Surrogat einzutrichtern. Zum Schluffe folge hier noch eine Tabelle, die die Verteilung auf die einzelnen jüdischen Schulen ergibt. Tabelle IT. m. W. zuf. Schulcn der Israel- Neligionsgesellsch. 347 224 571 Philantropin 304 158 462 Israelitische Volksschule 195 171 366 Institut Heineniann — 98 98 846 651 1497 -- M. A. L. Ileber das Wesen des Judentums. Sehr geehrter Herr Redakteur! Für die mir übersandten Programmatischen Zeilen freundlichen Dank. - Methodisch, pädagogisch gehaltene; in überzeugender Weise das Wesen des Judentums enthüllende „Arbeiten", wie Sie sinnig den Ausdruck wählen, möchten Sie gern für Ihre geschätzten Leser und Leserinnen. Ein „Wesen" durch Worte umgrenzen, um so - für einen Begriff, der rätselhaft uns erscheint, durch tönende Worte einen Gedanken zu geben, während in Wirklichkeit nur neue Rätsel so geboren wurden, ist das nicht die Tantalusarbcit des gesamten Menschenstrehens, seitdem^ der Mensch auf Erden wandelt. „Wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein", so faßte diese Erscheinung der seltene Meister der Poesie 'mit der blühenden Kraft seines, diese Welt in der summe ihrer Erscheinungen klar durchdringenden Geistes in meisterhafte Prägnanz. Kann das Wesen des Judentums in methodischer, in pädagogischer, und in überzeugender Weise denn gegeben werden! Es könnte scheinen, als sei die Hinzufügung „in überzeugender Weise" schlimmstenfalls eine Verletzung, zugefügt dem Wesen des Judentums, im günstigsten Falle überflüssig. Doch dem ist nicht so; betrachten wir nur die Verbindung, die das Wesen des Judentums eingehen soll, mit Methodik und mit Pädagogik, uns will diese Doppelehe nicht recht zusagen. - Gestatten sie mir, geehrter Herr, zuerst einmal die Rolle des „Schadchen" zu spielen, und den außergeivöhnlichen Umständen entsprechend, lassen Sie mich auch ein außergewöhnliches Schadchen sein. Sie kennen doch wohl den bekannten, bessergesagt, den gewöhnlichen Schadchen? sagt fragend der den Schadchonim nicht holde polnische Rav zu dem polnischen Cdelinann? Nein, erwidert mit Kopfschütteln der Nichtjude. „Wissen Se," sagt der Rebbe, „e Mensch, der zwei junge Menschen zusammenbringen will, lügt er do e bissel und dort e bissel, solang, bis.se sennen einig, das nennt mer e Schadchen."

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