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Neue jüdische Presse · 1903-11-13 · Heft 53 (13.11.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 53 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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6e1te'4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 53. führt der älteste Präsidmt des Odessaer Gerichtshofes W. W. Dawhetow. Petersburg. Der Minister des Innern, von Plehwe, hat die Einberufung eines allrussischen Rabbiner- Kongresses in Grodno gestattet. Aus de« Vereine«. Hannover. Der Verein zur Förderung des Gartenbau- und Handfertigkeitsuntcrrichts in den jüdischen Volksschulen hielt kürzlich seine Generalversammlung ob, aus der sich ein Bild von der Tätigkeit des Vereins entnehmen ließ. Der Verein besteht seit 1885 und ist bestrebt, die Liebe zum Handwerk und zum Gartenbau unter der jüdischen Bevölkerung - zu vermehren. Zu diesem Zwecke hat er hier eine Bildungsanstalt errichtet, in der von Fachleuten Unterricht in Papp-, Schnitz- und Hobelarbeit erteilt wird, ferner einen Schulgarten, den die »Schüler eigenhändig bebauen. Mit der Gartenpflege ist auch Bienenzucht verbunden. An dem Unterricht beteiligen sich sowohl die Seminaristen wie die Bolksschüler, erstere deshalb, um in ihrer späteren Lehrtätigkeit die erworbenen praktischen Kenntnisse überallhin in jüdischen Volksschulen zu verbreiten. Memel. sBortrag desHerrn Dr.Beermann-Jnsterburg.j Keiner der Redner, die je im hiesigen „Verein für jüdische Geschichte und Literatur'" gesprochen haben, darf sich rühmen, einen so großen Zuhörerkreis um sich versammelt zu haben, als der hier allbekannte Redner, der am Sonntag im Thiel'- schen Saale über „Tolstoi als Essäer" sprach. Die Essäer sind eine alte jüdische Sekte, die unter einem anderen Namen zur Zeit des Propheten Jeremias gegründet wurde. Die Essäer fühlten sich angewidert vom babylonischen, griechischen und römischen Luxus. Sie sahen, daß sich hinter äußerlich eleganten Formen eine fürchterliche Herzensroheit verbergen kann. Sie mieden deshalb den Umgang mit welllich gesinnten ^Leuten und zogen sich, wo es angängig war, in die Wüste zurück. Ihr Grundsatz war: „Wenig bedürfen bringt der Gottheit am nächsten." Ihre Liebe zum andern Geschlecht war eine streng platonische, deshalb konnte sich diese Sekte nur (wie die heutigen Skopzen) durch eine eifrig und geschickt durchgeführte Propaganda fortpflanzen. Mit religiösen Zeremonien waren das Bad und das Mahl verknüpft. Namentlich das letztere galt ihnen als etwas Helliges, Mystisches (Abendmahl). Irdische Besitztümer hiellen sie aber für schädlich. — Tolstoi hat die sozialen Grundsätze der Essäer ftir die heutigen Zustände verarbeitet. Was er „Urchristentum" nennt, könnte man ebenso „Urjudentum" nennen. Dem Redner whnte reicher Beifall. ~ Budapest. Der Ungarische Israelitische Handwerks¬ und Ackerbauverein) hat in seiner unter dem Präsidium des Abgeordneten Dr. Armin Neumann stattgehabten Ausschußsitzung den Beschluß gefaßt, eine Ackerbau-Kvlonie zu kreieren. Die Sitzung, an welcher auch die Mitglieder des' Tamenkomitees mit der Präsidentin Frau Jakob Fürst de Maroth teilnahmen, nahm folgenden Verlauf. Vor der Tagesordnung gedachte der Präsident pietätvoll der letzthin verstorbenen Ehren- und Ausschußmitglieder Mexander Ritter v. Lederer, grau Dr. Armin schönberg und Sigmund Beer, Heren Andenken protokollarisch verewigt wurde. — Laut Bericht des Sekretärs sind dem Vereine an Legaten und Stiftungen zugekommen: von weiland Joses Hatvany-Deutsch 1000 Kr., von welland Moriz Ritter v. Adler 2000 Kr., von weiland Frau Dr. Armin schönberg 500 Kr., von S. L. Breitncr als jährlicher Stiftungsbeitrag 500 Kr.; an spenden: von Jakob Hirsch und den Erben weiland Ignaz Hah's je 200 'Kr., von Dr. Lazar samuel 100 Kr. und an Kranzspenden im Wege des „Pester Lloyd" 2765 Kr. — In Ergänzung dieses Berichtes überreichte grau Jakob Fürst de Maroth den Betrag von 1400 Kr. mtt der Meldung, daß die Mttglieder des Damenkomttecs Frau Julius Beck de Madaras und Frau Jakob Weltner je 200 Kr. als gründende Mttglieder spendeten und sie selbst zur Vermehrung ihrer bestehenden Sttftung 1000 Kr. widme. Frau Sigmund L. Breitncr überreicht gleichfalls den Betrag von 212 Kr. als zu ihren Händen erlegte Sttftung und Mitgliederbeiträge. Den edelmütigen Spendern wurde Dank vottert. — Der Bericht über . die Betelligung des Vereins an der Lehrlings- und Gesellenarbeits-Ausstellung, insbesondere, daß von 103 Vereinszöglingen vierundfünszig prämiiert wurden und dem Vereine settens der Ausstellungs-Jury für seine erfolgreiche Mitwirkung und für seine Verdienste um die Lehrlings-Ausbildung Dank und Anerkennung vottert wurde, dient zur erfreulichen Kenntnis. — Sekretär David Kemeny berichtete sodann über die behufs Namensmagharisierung der Vereinszöglinge eingeleiteten Schritte, worauf aüs Antrag des Präsidenten beschlossen wurde, dem Ministerialrat Alexander v. Selley für die Beseitigung der bezüglichen bureaukrattschen Schwierigkellen den Dank des Vereins auszusprechen. — In Betreff der Ackerbaozöglinge nahm der. Ausschuß zur Kenntnis, daß gegenwärüg 20' derselben in staatlichen Ackerbanschulen und 10 zur Probepraxis in Oekonomiey untergebracht sind; ferner wurde auf Anttag des Ackerbaukomitees im Prinzip beschlossen, zur Errichtung einer den Vereinszwecken dienenden Oekonomie-Anlage entsprechenden Grundbesitz anzukaufen. Schließlich wurden auf 'Antrag des Schulkomitees an 20 befähigtere Zöglinge der staatlichen höheren Metall- und Baugewerbeschulen, der mechanischen Fachschule, der Kunstgewerbeschule und der.Kesmarker Webeschule sttpendicn im Gesamtbettage von 3000 Kr. votiert. Personalien. Frankfurt a. M. Herr Julius Obernzenner feierte -vor 8 Togen das Fest des 25jährigcn Bestehens seines aus den bescheidensten Anfängen entstandenen und durch seinen rastlosen Fleiß, strengste Redlichkeit und weitschaucnde Intelligenz heute zur glänzendten Blüte gebrachten Geschäftes. Herr Obernzenner hat diesen Ehrentag in einer ganz der Güte und dem strengen Pflichtbewnßtsein eines Charakters entsprechenden Weise gefeiert; er hat 72 Wohllättgkeitsvereinen größere summen überwiesen und seinem Personal, soweit es länger wie 6 Jahre ber ihm ist, das ganze Jahresgehalt als Extta-Geschenk ausbezahlen lassen. Berlin. Aus Anlaß ihrer goldenen Hochzeit, die am 30. v. M. stattfand, haben der Rentter Louis Kühne in Berlin und seine Gemahlin sowohl der Stadt Elbing als auch der hiesigen Shnagogengemeinde je 500 Mark zu milden Zwecken überwiesen.. Frau Kühne ist eine geborene Aschenheim und in Elbing geboren und erzogen. Königsberg, 3. November. Kommerzienrat Isidor Eohn ist heute ftüh nach längerem Leiden im 71. Lebensjahre gestorben. Eohn, eine in Königsberg wegen seiner Wohltätigkeit und Liebenswürdigkeit allgemein hoch angesehener Mann^war Mitbegründer und Inhaber der Bernsteinwerke «tantten und Becker, und hatte sich während seines langjährigen Wirkens dort die Liebe seiner Arbeiter in hohem Grade erworben. Beim 25jährigen Jubiläum der Firma Stantien und Becker, aus der er schon frühzeitig wegen seiner Kränklichkeit ausscheiden mußte, wurde er zum Kommerzienrat ernannt Auch war er Ritter des königlichen Kroncnordens. Der Verstorbene war ferner Mitglied des Vorstandes be§ Armenunterstiitzungsvereins und Vorsteher der synagogengemeinde. Unna, 7. November. Als ständiges Mitglied des israelitischen Schulvorstandes ist Herr Lehrer Mendel Hierselbst von der königlichen Regierung ernannt worden. . ' Csongrad (Ungarn). Hier fand am 1. November die feierliche Installation des neugcwählten Rabbiners, früheren Professors am Bndapester Rabbinenseminar Dr. Michael Guttmann statt. Der Rabbiner wurde beim Tempeleingang vom Präsidenten der Kullnsgemeinde Komttats-Oberphysikns Dr. Anton Boör mit einer schwungvollen Begrüßungsrede empfangen und in den Tempel geleitet, wo er seine Antrittsrede hielt. Mogilno. Anläßlich des zwanzigjährigen Bestehens der Firma Z. Lewin Söhne haben die Inhaber dieser Firma Leopold und Max Lewin der stabt und der israelittschen Gemeinde 3000 Mark zu Gemeinde- und Wohllättgt'eitszwecken überwiesen. AmMon. Ei« Schüler Spinozas. Erzählung aus dem Amsterdamer Ghetto. Von Hennh Rosenbaum. (Fortsetzung.) XV., Mevrauw ter Borg hatte die ttcf erschütterte, junge Braut ihres Sohnes noch am Todestage Mutter Rubens ausgesucht, und da Gerta das Haus nicht verlassen wollte, solange es noch die Leiche der lieben Toten barg, war sie als tteu sorgende Mutter an ihrer Seite geblieben. Tann, als man den schmucklosen Sarg, dem Gerta nicht einmal eine Blume beifügen durfte, aus 'dem melancholischen. Friedhof des Ghettos begraben hatte, nahm Frau Rate die stille, traurige Gerta mit in ihr Haus. Mtt feinem Empfinden hielt die mütterliche Holländerin die zahlreichen Beileidsbezeigungen von ihr fern, um ihren Schmerz nicht immer von Neuem wieder auszuwühlen. Ueberhaupt schien das prächtige, große Rhederyaus ans der Heerengracht nur aus Rücksicht für das schöne, ttaurige Mädchen zu bestehen. Die zahlreichen Gäste, die es sonst füllten, hielt man fern und die ter Borgs selbst entsagtem jedem Vergnügen, um beständig um Gerta sein zu können. Mit jener vornehmen Toleranz, die man gerade in den gebildeten, holländischen Famllien so sorgsam pflegt, redete Frau Rate ihr zu, Trost bei Gott zu suchen und nickte Gerta ermutigend zu, wenn sie den Weg nach dem Ghetto einschlug, um dort in dem alten Gotteshaus Ruhe zu suchen. Eine bange Angst vor wellerem kommenden. Unheil, die sie sich nicht zu deuten wußte, die nichts mtt dem stillen, tiefen 'schmerz um die tote Großmutter gemein hatte, quälte und bedrückte Gerta. Und nur in den gewaltigen Mauern des portugiesischen Tempels, den sich vor Jahrhunderten die ver-. ttiebenen spanischen Juden nach dem Muster des ersten Gotteshauses in Jerusalem erbaut hatten, ließen ich diese hangen Gedanken bannen. Wie liebe, langentbehrte Heimaüuft umfing es re in den engen, alten Gassen des Ghettos, die ihr einst so häßlich und feindselig erschienen waren. Ueberall nickten ihr gute, bekannte Gesichter freunlich zu, liefen die Kinder heran und gaben ihr die Hände. Kam sie dann zurück in das ter Borg'sche Haus, dann warf sie sich in ihrem großen, hohen; von Frau Rate sorgsam geschmückten Zimmer auf das Bett und schluchzte vor Sehnsucht nach den alten, niedrigen Räumen in der Fodebree und nach etwas unsagbar Schönem, was sie dort zurück gelassen . hatte. Manchmal wurde die Sehnsucht so stark, daß ie die verlassenen Wohnräume der toten Großmutter aufsuchte. Aber die Totenstille in den leeren Räumen scheuchte sie bald wieder fort. Von Jan war gleich ein lieber, langer Brief gekommen, voll von Zärtlichkeit für sein „süßes, kleines, schwergeprüftes Liebchen", dem er sich mehr denn je sehnte, endlich ein trautes Heim bereiten zu dürfen. Leider gestattete ihm aber augenblicklich sein Geschäft nicht, abzukommen. Wer in spätestens drei Monaten käme er nach Holland und dann nähme er eine Gerta am liebsten gleich mit heim, schrieb er. Das junge Mädchen legte das flüchtig durchlesene Blatt so hastig aus der Hand, als hätte es glühendes Eisen berührt. Das tiefe, peinigende Angstgefühl, das sie seit ihrem Eintritt in das ter Borgsche Haus drückte, überkam sie mit verstärkter Gewalt. Warum, hätte sie nicht zu sagen gewußt. Viel 'später als Gerta erwartet hatte, kamen dann auch ein paar Zeilen von Dr. seelig, den Frau ter Borg im Namen ihres „Töchterchens" von Mutter Rubens plötzlichem Tode benachrichtigt hatte. Er versicherte Gerta seines aufrichtigen Mitgefühls an dem jähen Verlust, der sie. betroffen hatte, in warmen Worten. Dann wies er noch tröstend darauf hin, daß es doch ein Naturgesetz sei, ioenn die Jugend das Alter begrabe, sie, Gerta, sei noch bevorzugt von Anderen, denn ihr ständen jederzeit liebevolle und ergebene Freunde zur Seite, zu denen zu rechnen auch er sich zur Ehre schätze. Seine,,bereitwilligen' Dienste ständen ihr nach seiner bald erfolgenden Rückkehr stets zur Verfügung. Er würde sich-dann auch erlauben, sich persönlich von ihrem Befinden zu überzeugen. Mit einer Empfehlung an Mevrauw ter Borg Unterzeichnete er dann als „Ihr ergebener Wam Seelig." . Gerta las diesen Brief, den ebenso gut jeder wohlwollende Fernstehende geschrieben haben konnte, mehrmals, sie suchte irgend etwas Liebes, Eigenes zwischen den Zeilen und fand es nicht. Nicht einmql darauf wies sie der Arzt hin, Trost im Glauben zu suchen. Sie lachte bitter auf. Er war wohl 'überhaupt froh, der Sorge für ihr ferneres Ergehen durch ihren Aufenthalt bei den ter Borgs enthoben zu sein. Sie dachte an seine heftige Zurückweisung während seiner Krankheit, stolz warf sie den Blondkopf in den Nacken. . _ „Auch gut, Herr Dr. Adam seelig. Es muß auch so gehen. Dann sind wir zwei eben fertig," sagte sie zu sich selbst. Mevrauw ter Borg wußte sich ihr urplötzlich verändertes Benehmen nicht zu deuten. Gerta hatte sich aus ihrer stillen, haltlosen Trauer aufgerasfr und suchte ihren Bekannten nicht mehr scheu aus dem Wege zu gehen. Stolzer und ernster zwar trat, sie den Menschen entgegen, aber das ^wetzte wie ein neuer reizvoller Hauch um ihre zarte Schönheit. Selbst Mary Pater, die sich bei dem Tode; Mutter Rubens als Gertas aufrichttge Freundin erwiesen hatte, vermochte nicht in deren verschlossener Seele zu lesen. XVI. Gestorben war Adams Liebe zu Gerta nicht, wie er in seiner Rekonvaleszentenzeit, als alle Lebenskräfte nur matt in ihm pulsierten, geglaubt hatte. Wer reiner, und selbstloser war sie geworden, sein mit der körperlichen Gesundheit erstarkender Wille bildete eine feste schranke gegen ein abermaliges Ueberhandnehmen seiner Leidenschaft. Erfuhr Gerta um seine Empfindungen für sie, so war dadurch in jedem Falle ein Konflikt für sie geschaffen, den er ihr ersparen wollte, eben weil er sie liebte. Arm würde sein Leben auch ohne sie nicht sein, so wenig wie es arm gewesen war, ehe ihr Lichtbill» es erfüllte. Genußfroh nahm er die ihn umgebende Schönheit, in sich auf. Volltrinken wollte er seine seele davon, damit er davon zehren konnte im düstern Ghetto, wo er die neugesammelte Kraft verwerten wollte zum Besten der Aermsten. In diesem Planen und Genießen ttaf ihn.die Kunde von Mutter Rubens Tode. Die liebe, alte, vermittelnde Frau war tot. — Gerta war bei den ter Borgs. — Das Schicksal hatte gesprochen. Die Antwort, die Wam Seelig dem Schicksal gab, war der ruhige, freundschaftliche Kondolenzbrief an Gerta. Mehr als Freundschaft, Wohlwollen und Dienstferttgkeit durfte er Frau Rates' Töchterchen ja nicht mehr beweisen. Ein Hinweis auf Trost im Glauben Israels hieße das junge, schwererschütterte Gemüt des geliebten Mädchens vielleicht noch mehr verwirren, weil er es dadurch in einen Gegensatz. . zu seiner neuen Umgebung brachte,..

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