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Neue jüdische Presse · 1903-11-06 · Heft 52 (6.11.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 52 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 52. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Eeite 8. Judentums ohne Zweifel bei dem Aufschwung unserer Industrie und unseres Handels auf eine Abwanderung nach dem Westen zurückzuführen. _ Lstcrode i. Pr., 23. Oktober. sDer hiesige israelitische Frauenvereinj hat von dem Herrn Oberprästdenten die Erlaubnis zur Veranstaltung einer Verlosung von geschenkten kleineren Gebrauchsgegenständen erhalten, deren Erlös wohltätigen Zwecken, insbesondere zur Unterstsitzung weiblicher Armer mosaischen Gaubens unserer Stadt dienen soll. Zweibrücken. Ein eigenartiger, äußerst seltener Rechtsstreit schwebt zur Zeit vor dem hiesigen Landgericht. Die israelitische Gemeinde Zweibrücken, vertreten durch Herrn Rechtsanwalt Justizrat Rosenberger hat gegen den Bezirksrabbiner vr. E. M e y e r die Klage auf Auflösung des Dienstvcrtrages angestellt, weil nach Behauptung der Gemeinde der Herr Bezirksrabbiner die ihm obliegenden dienstlichen Verpflichtungen nicht erfüllt und auch andere nicht näher gegebene Gründe für die Lösung des Vertragsverhältnisses vorliegen. Wie wir der „Pfalz. Presse" entnehmen, hat die Kultusgemeinde sich zunächst beschwerdeführend an die königliche Regierung und an das Kultusministerium gewandt, woraufhin die königliche Regierung dem Bezirksrabbiner ihre entschiedene Mißbilligung kundgegeben und schließlich auch angedroht habe, daß die Genehmigung zur eventuellen Dienstentlassung nicht versagen werde. Dabei wurde aber von seiten der Verwaltungsbehörden zugleich entschieden, daß das zwischen dem Bezirksrabbiner und den Knltusgemeinden bestehende Bertragsverhältnis rein zivilrechtlicher Natur sei und das die Dienstentlassung nur nach den zivilrechtlichen Normen erfolgen könne. Die Kultusgemeinde Zweibrücken hat darauf dem Bezirksrabbiner die Dienstentlassung erklärt und. da derselbe nicht hiermit einverstanden war, Auslösungsklage beim Zivilgericht erhoben. Nakel. Herr Kaufmann I. Lesser von hier hat dem „Jüdischen Fr a u e n v e r e i n" ans Anlaß des Todes seiner Schwiegermutter 1000 ./l. überwiesen, bereit Zinsen alljährlich am Todestage der Verstorbenen zu wohltätigen Zwecken verwendet werden sollen. Das Vereinsvermögen hatte am Schluß des Rechnungsjahres einen Bestand von 6013 -M. Ter Verein zählt 77 Mitglieder. Wreschen. Hier wurde ein jüdischer G ef I ü g e l h ü n d l e r von einer unbekannten Person überfallen und durch einen schlag so schwer verletzt worden, daß er zwei stunden später verstarb. Ms der' Tat verdächtig ist ein Knecht ües Ermordeten verhaftet worden. Könitz. Nunniehr ist. auch der Nachtwächter und Amtsditner Vergin aus Siegers in Untersuchungshaft genomnien, weil er dringend verdächtig ist, am Tode des Schriftsetzers Lcwi mitschuldig zu sein. V. ist verheiratet und Vater von 8 Kindern. Jnowrazlaw. In einer gemeinschaftlichen Sitzung haben Vorstand tlnd Repräsentantenkollegium beschlossen. mit dem Bau einer neuen Synagoge baldmöglichst zu beginnen. Das neue Gotteshaus wird auf dem Neuen Markt auf dem eigenen Bauplatz der Genrcinde erbaut werden. Außer der inneren Ausschmückung sind die Kosten auf 120000 Mark veranschlagt. Rußland. Petersburg, 3. Nov. Aus Warschau wird berichtet: Am 30. Oktober sammelte sich vor den: Rekrutenaushebungsgebäude eine Volksmenge, teils Wehrpflichtige, teils Neugierige; die Mehrzahl darunter waren Juden. Es kam zu einem Straßenkrawall. Als die Polizei einschritt, leistete die Menge Widerstand. Vier Verhaftungen wurden vorgenommen, dagegen nieniand verwundet. St. Petersburg. Der hiesige Berichterstatter der „Times" berichtet über einen Geheimerlaß des Ministers des Innern, dessen Inhalt darauf hinausläuft, daß die Behandlung der Juden durch die Gouverneure der Provinzen in vielen Fällen eine strengere gewesen sei, als das Gesetz gestattet. In einigen Fällen habe sich der senat sogar genötigt gesehen, zu erklären, daß die Gouverneure ungesetzlich vorgegangen seien. Eine solche Erklärung schädige die Autorität der Gouverneure. Man glanbl aber keineswegs, daß die Absicht des Erlasses sei, die Gesetze zu mildern, sondern vielmehr, die Gouverneure vor einer Kritik dadurch zu sichern, daß man .einen Slppell der Juden an den «enat in Zukunft schwieriger gestaltet. Warschau. Eine sehr interessante Statistik über die Beschäftigung der jüdischen Bevölkerung im Westgebict veröffentlicht der halbamtliche „Warschawsli Tnewnik". Es erweist sich, daß die Zahl der jüdischen Arbetter ans den Fabriken tm Ansiedelungsrayon des Noidwcstgebiets 22 270, des südwestgebiets 9596 und in Südrnßland 2058 'Mann beträgt. Was das Handwerk anbetrifft, das die Juden der genannten Gebiete betreiben, so entfällt ^der stärkste Prozentsatz mit 38,71 Prozent ans die Schneider, alsdann folgen Schuster mit 17,04 Prozent und diverse Gewerke mit 11,57 Prozent. Ter Prozentsatz der jüdischen Fabriken wird tm Rordwestgebiet auf 51, im Südwestgebiet auf 33,9 und in Südrnßland aus 23,9 Prozent veranschlagt, lieber die Verbreitung des Ackerbaues unter den Inden werden folgende Angaben gemacht: Tie Zahl der landwirtschaftlichen Kolonien beträgt 301 mit einem Landbesitz von 100107 Teßjatin Land und 68 959 Seelen. Tas Wachstum der jüdischen Bevölkerung finden wir durch, folgende Zahlen ausgedrückt: in der Periode von 1850—1860 wuchs die jüdische Bevölkerrnng um 11 Prozent, 1870 um 13,4 und 1897 um 14,01 Prozent. Inden 114 Städten des Weichsel-, gebiets belief sich die jüdische Bevölkerung in 66 Städten aus 50 Prozent und in Warschau aus ein Trittel der Bevölkerung. Elisabethgrad. Das hiesige Amtsblatt macht bekannt, daß der Arzt vr. Josef L>. Stein wegen Sammlung von Schekeln zu zionistischen Zwecken laut Gouvernements-Entscheidung zu 100 Rubel Strafe oder 7 Tagen Gefängnis verurteilt worden ist. Italien. Florenz. Der König von Italien hat in San Rossorc eine Teputation von Juden unter Führung des Oberrabbiners Margitlies ans Florenz empfangen und sich eingehend erkundigt, wie weit die Aktion zur Begründung eines jüdischen Gemeinwesens in Britisch-Ostafrika gediehen ist. Ter König erklärte, daß die Lösung der modernen Jndenfrage nur durch Gründung eines Judenstaates erzielt werden könne, und zeigte sich über die Bestrebungen und Arbeiten der Zionisten wohlinsormiert. Nachdem der König sich über die Resultate des letzten Baseler Kongresses erkundigt hatte, befragte er die Teputation über die Zusammensetzung der Kommission, die auf Vorschlag Tr. Herzl's zum Studium der Kolonisierungs-Fähigkeiten Ost-Afrikas delegiert ist. Ter König nahm mit Befriedigung die Mitteilung aus, daß auch ein italienischer Delegierter, Dr. Dessau aus Bologna, Mitglied der Kommission sei. _ Zum «Schlüsse ließ sich der König über die bisherigen Verhandlungen Tr. Herzl's mit der Türkei Bericht erstatten. Die Audienz währte eine halbe Stunde. Ans den Vereinen. Frankfurt a. M. Im Nachlaß Zwi hielt am Mittwoch vor 8 Tagen Herr Siegfried W o h l f a r t h einen sehr gediegenen 'Vortrag über „Kaddisch und Keduschoh". Nach der jüdischen Älnschauung^besteht der Tienst, den der Mensch Gott, seinem Schöpfer und Erhalter, zu leisten hat, aus 2 Teilen; aus einem mehr vorbereitenden Dienst, den die Tfilloh, das Gebet, in sich faßt und aus dem Tienst, den das ganze tätige Leben, die Art, wie wir unsere Pflichten ausführen, enthält. Tas jüdische Gebet will keine Bitte im einfachen Sinne sein, vielmehr soll durch die Tfilloh der Mensch zu Gottcsgedanken und zum Nachdenken über sich selbst, über sein Tun und Lassen angeregt werden; bedeutet ja das Wort Tfilloh (von piteil) „suchen, denken". Tfilloh-Gedanken oder Gedanken, die wir aus der Tfilloh schöpfen, waren es, die unser Volk ans seinem Goluswege stets begleitet haben und ihm die moralische Kraft verliehen, über das Leben sich zu stellen und mit dem „Schmäh Jisroel" auf den Lippen den Scheiterhaufen zu besteigen. Tie Hauptbestandteile unserer Tfilloh nun sind Kaddisch und Keduschoh; ja, sie bilden augenscheinlich den Zweck des Tfilloh-be-zippur (Gemeindegottesdienstj, denn nur bei Zusammensein von mindestens 10 Männern dürfen diese Gebete gesprochen werden. Wenn wir uns nun die Bedeutung von Kaddisch und Keduschoh vergegenwärtigen, so finden wir in ihnen den Hauptgedanken und das Hauptziel des jüdischen Lebens, wie es nach unserer Thora aufgcfaßt werden soll. Kaddisch ist dasjenige Gebet, das darum fleht, „der Name Gottes möge alsbald, in unseren Tagen, anerkannt und geheiligt werden", und wenn dieses Gebet von den Hinterbliebenen an der Bahre eines teueren Tahingeschiedenen gesprochen wird, so ist es ein Ausdruck des jüdischen Gottvertrauens und Gottergebenheit, wie er gewaltiger und überwältigender nicht gedacht werden, kann. Keduschoh wiederuni ist die Tfilloh (das suchen) der Gotteserkenntnis. „Seiner Herrlichkeit ist voll die Erde", ist der Kernpunkt ihres Inhaltes. Taß es unsere höhere Aufgabe ist, durch Gotteserkenntnis, die nur durch das Studium unserer Thora erlangt werden kann, und durch ein Leben im Sinne der Thora unser Leben zu einem heiligen zu machen, daraus verweist der erste satz der Keduschoh: „Wirwollen Teilten Namen verherrlichen auf Erden." Diese Heiligung des göttlichen Namens erfüllen wir nur durch die Heiligung unseres Lebens, indem wir es im Geiste unserer Thora cinrichten und der Gedanken, die uns unsere Tfillohs einprägen wollen, stets eingedenk bleiben. So erfüllen wir das Gebot „Seid heilig, denn heilig bin ich, euer Gott." Frankfurt a. M. Aus Abönnentenkreisen geht uns die Mitteilung zu, daß am hiesigen Platze bereits ein jüdischer Männergesangverein unter dem Namen „Freie Chorvereinigung", gegründet von Mitgliedern des Synagogenchores der Neuen Gemeinde-Synagoge am Börneplatz, seit dem 20. November 1901 besteht. Genannter Verein hat in dieser kurzen Zeit schon zwei größere Konzerte veranstaltet und bei der kürzlich stattgehabten Feier des Amtsjubiläums Sr. Ehrwürden Herrn Rabb. Dr. Horovitz in der „Frankfurt-Loge" in hervorragender Weise mitgewirkt. Der Verein besteht gegenwärtig aus ca. 50 aktiven und ebensoviel passiven Mitgliedern und erfreut sich steter Zunahme. Das diesjährige Konzert mit Ball findet unter Mitwirkung bekannter Solokräfte am 5. Dezember in den Räumen der „Frankfurt-Loge" statt, und steht zu erwarten, daß. gestützt aus frühere Erfolge, das Konzert einen, vom künstlerischen Standpunkt aus befriedigenden Verlauf nimmt. Hierfür bürgt die bewährte musikalische Leitung des Musikdirektors Ferd. Bischoff. Die Gesangsproben finden Donnerstag abends 9 Uhr im Hotel Diel, Hanauer Landstraße, statt, woselbst auch die Aufnahme neuer Mitglieder erfolgt Berlin. Die unentgeltlichen Fortbildungskurse des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur werden auch in diesem Jahre stattfinden. Sie beginnen am Montag, den 2. November, abends 8) - Uhr in den Räunicn der Jüdischen Lesehalle, Oranienburgerstraße 28, pari. Herr Dr. Wohlgemuth doziert jeden Mvntag von 8(4—9(4 abends. Einführung in die leitenden Ideen des Judentums; Herr Prediger Tr. Bleichrode jeden Mittwoch hebräische Sprache, 8—0 Uhr Kursus für Anfänger, 9—10 Uhr hebräische Lektüre, und Herr Dr. S. Fuchs jeden Donnerstag, von 8(4—9(4 Uhr, jüdische Geschichte. Anmeldungen nehmen entgegen Tr. Gustav Karpeles, Knrsiirstenstraße 21, und Benas Levy, Fasanenstraße 93. Hamburg. Die Gesellschaft für jüdische Vo lkskunde hielt gestern abend ihre diesjährige Generalversammlung in Gossows Gesellschastshaus (Schauenburgerstraße) unter dem Vorsitz des Predigers Tr. Rieger ab. Ter Vorsitzende begrüßte die Anwesenden und teilte mit, daß die Gesellschaft, deren Zweck die Sammlung und Herausgabe von jüdischen Märchen, Sagen usw., die auf das jüdische Volksleben Bezug haben, sei, immer mehr an Mitgliederzahl zunehme. Einen fast unersetzlichen Verlust habe die Gesellschaft dadurch erlitten, daß der Begründer und langjährige Vorsitzende derselben, Herr Rabbiner Dr. Grunwald, seinen Wohnsitz nach Wiert verlegt habe, doch werde Herr Tr. Grunwald nach wie vor seine Kräfte der Gesellschaft widmen und hoffentlich auch die Redaktion der Mitteilungen der Gesellschaft behalten. Sodann wurde nach längerer Debatte beschlossen, die Eintragung der (Gesellschaft in das Vereinsregister und damit die Rechtsfähigkeit derselben zu erwirken. Eine längere Debatte rief die Frage der zukünftigen Gestaltung der Mitteilungen der Gesellschaft hervor. Es wurde von Seiten des Vorstandes betont, daß sich dadurch, daß der Sitz der Gesellschaft nach wie vor sich in Hamburg besindet, während der Redakteur Herr Tr. Grunwald in Wien seinen Sitz hat, sich mancherlei Schwierigkeiten ergeben würden, da der Vorstand sich doch vor allen Dingen einen gewissen Einsluß auf die unter dem Namen der Gesellschaft erscheinenden Truckschriftcn sichert! müsse. Nach einer längeren Tiskussion, an der sich die Herren Friedenheim.Teutschländer, Dr. Toeplitz Osfenbiirg und Levinson nsw. beteiligten, witrde der Vorstand beatiftragt, Herrn Dr. Grunwald zu ersuchen, sämtliche au ihn gelangenden Eingänge für die Gesellschaft sowie die Mitteilungen vor der Drucklegung dem Vorstand zur Elnsiryt vor-ulegen. Des weiteren wurde beschlossen, die Bibliothek und die Sammlungen der Gesellschaft nach dem am l. April 1904 zu eröffnenden neuen Logenheim ati der Hartungstraße zu verlegen. Bei den sodann vorgenommeneii Borstandswahlen wurden die Herren Rabbiner Dr. Löwenthal und Gustav Tuch in den Vorstand neu gewählt. Dortmund. Der Gesamtvorstand des Vereins „Israelitisches Altersheim in Westfalen" hatte sich am 25. Okt. zu einer Sitzung im „Lindenhofe" Hierselbst versammelt. Ten wichtigsten Gegenstand der Tagesordnung bildete die Beschlußfassung über die Inangriffnahme des Ashlbaues. Es lagen dem Vorstände die Pläne des in Gailingen am Bodensee errichteten Badischen Landesasyls „Friedrichsheim" vor. welche als Nnterlagc für den diesseits projektierten Bau sehr beachtenswert erschienen. Der Vorstand beschloß, im Frühling nächsten Jahres auf dem in Nnna liegenden Vereinsgrundstücke, tvelches die staatliche Größe von über 10 Morgen hat. mit dem Ban zu beginnen. Derselbe soll zunächst für etwa 40 Insassen errichtet werden. §ei»Mton Ein Schüler Spinozas. Erzählung aus dem Amsterdamer Ghetto. Von Henny Rosenbaum. (Fortsetzung.) Mutter Rüben war sofort munter. Alte Leute haben keine tiefe, traumschwere Müdigkeit voti sich zu schütteln. Sie las in dem bleicheit Gefickt der jungen Enkelin tiefe Erschütterung.

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