Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 52 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692349--00533-2694929- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. Gegenteil die T c m p e 1 w e i h c! — Das große Werk ist vollendet. Eine glänzende Volksversammlung faßt der Tempel und die Herrlichkeit Gottes erfüllt ihn. Der weiseste aller Könige tritt zum Mare hin, die Krone auf dem Haupte und in fürstlichen -schmuck gehüllt zur Ehre Gottes. Volkskrast und Bolksglück, irdische Freude und tiefreligiöser Sinn, menschliche Lustz .und himmlische Wonne vereinigten sich hier in nie erreichter Harmonie! Ter König selbst hält die Weihercde, groß angelegt, in erhabenen Zügen, aber in jeder Hinsicht klassisch, ein unerreichtes Meisterwerk der Rhetorik. Unter den großen Gesichtspunkten, welche die Weihcrede berührt, findet sich auch folgender Passus: „Und auch den Ausländer, der nicht von Deinem Volke ist, und er kommt aus fernem LandeumDeines Namenswillen —denn sie werden hören von Deinem großen Namen und Deiner starken Hand und Deinem ansgestreckten Arme — und er I o mm t und betet in diesem Hause, s o höre Du im Himmel und tue alles, um was der Ausländer zu Dir ruft; damit alle Völker der Erde Deinen.Namen erkennen. Dich zu fürchten, wie Dein Volk Israel."' Wahrlich, wahrlich, eine solch „königliche Predigt" verdient niedriger gehängt zu werden zum beschämenden und lehrreichen Excmpel für die modernen Kulturnationen, bei denen der Chauvinismus seine wüsten Orgien feiert! — Vollends wird man sie erst zu würdigen verstehen, wenn man sie im Milieu der damaligen Volks- und Zeitverhältnisse betrachtet. Es möchte einen bedünken, als hätte da die Geschichte einen Sprung von über 3000 Jahren gemacht. Das königliche Bekenntnis sener feierlichen Stunde adelt nicht nur den weisen Salomyn, sondern das ganze Volk. Ihm wird dadurch das Zeugnis einer edlen Sittenbildung ausgestellt, der Stempel einer unstreitbar hohen Kulturstufe ausgeprägt! (Schluß folgt.) Samson Raphael Hirsch in Ungar«. Von M. E Philipp Fischer, Rabbiner zu Devavanya in Ungarn. (Schluß). Ueberhaupt verbreitet sich der Ruhm und die Anerkennung Hirschs Tag für Tag mehr und mehr in Ungarn. Mit diesem gehet auch ein fortschreitendes Studium seiner Werke und Anerkennung und Annahme seiner Ideen Arm in Arm. Und dieser fortschreitende Einfluß Hirsch'schen Geistes ist nur mit Freuden zu begrüßen. Denn nur die Huldigung Hirsch'scher Prinzipien kann' die einem entscheidenden Momente entgegcngehende ungarische Orthodoxie davor bewahren, daß sie nicht Beute einer der beiden Extreme im ungarischen Israel wird: Des seglicher modernen Bildung sich feindlich entgegenstemmenden Chassidismus oder der an das Judentum, ans wahre Judentum, nur^durch das leicht zerreißbare Band einer Jomkipur-stunde oder des Kaddischsagens geknüpften Neologie. Obiges ist eine Wahrheit, der schon vor einigen Jahren ein begeisterter Anhänger des Hirschianismus in einer von ihm vcröffenllichten, in ausgezeichnetem Style geschriebenen ungarischen Brochüre Ausdruck verliehen hat. Wir meinen die unter dem Titel: „A zsido vallas a modern korbau" (Die jüdische Religion in der modernen Zeit) erschienene*) Schrift des Herrn Elias Friedmann. In der Vorrede schreibt der geehrte Versos) er: „Auch wollte ich die Wahrheit dessen vergegenwärtigen; daß der religiöse Glaube wohl zu vereinbaren sei mit der . weltlichen Bildung. Dieses Letztere wähnte ich dadurch am ehesten zu erreichen, indem ich den beiden eben charakterisierten itztrcmen in der ungarischen Judenheit die wahrhaft großartige Gestalt Hirschs, der doch auch unserer Zeit angchörte, als eine solche vorzustellen mich bemühte, die Thoragelehrsamkeit mit moderner Bildung harmonisch vereinigend, zugleich Großmeister auf dem Gebiete weltlicher Wissenszweige und Vertreter des wahren Judentums war." — Auch sonst befreunden sich selbst noch aus der alten Schule hervorgcgangcne Rabbiner immer mehr und mehr mit den Hirsch'schen Ideen, machen sich mit seinen Schriften immer bekannter, wie dieses schon daraus ersichtlich ist, daß man in den in neuerer Zeit erschienenen Werken agadischen Inhaltes häufig auf Citate aus Hirschs Werken und Benützung und Anwendung der dort gegebenen Ideen trifft. So findet man z. B. in dem agadischen Teile des Werkes „Likutc Schelaumauh" von meinem sel. Großonkel gk. Salomo Klein gew. Oberrabbiners in Zentra, Seite 104, b. die treffliche symbolisierende Erläuterung Hirschs zitiert, die derselbe zu dem Befehle Gottes giebt, daß man aus den Pfannen der untergegangenen Rotte Kvrahs einen Ueberzug für den Mar bereiten soll. (S. Hirsch, Pent.-Com. IV. B. *) Erschienen im Jahre 1899, M. Szipet. Frankfurter Israelitisches FamilieMatt. M. fl.7t 3 und Psalm.-Com. 42) 1.) — Seite 111, b. wird wieder eine in Hirschs Psalmenkommentar zu 34, 1 enthaltene etymologische Erklärung verwendet. — In einem anderen Werke des erwähnten Verfassers wird wieder die herrliche Etymologie Hirschs zu dem Worte: N'siim, welches im Hebräischen bekanntlich zugleich Fürsten und Wolken bedeutet, zitiert. ' (Eß s'paud. Paus. 5658, S. 17, b.) Selbst in dem köstliche agadischc Erklärungen enthaltenden Werke eines langjährigen Schülers von R. Mosis Loser fl A., in dein „M'atch Jaussef" des N. Josef Fisch finden wir S. 27, b. die tiefsinnige, seither fast zum geflügelten Worte gewordene Exegese Hirschs zu II. B. M. 25,8 agadisch verwertet und von einem der größten Schüler des Verfassers des „Ehassam Sauser", von N. Fciwel Plaut s. A. gctv. Rabbiners zu Groß-Sürany und Verfasser des immense Gelehrsamkeit verratenden und 12 dicke Bände ausmachenden talmudischen Werkes „Likute chowor ben chajim", worin der Verfasser auch wertvolle Beiträge zur Biographie seines großen Meisters liefert, einem Studiengenossen des Verfassers des „Match Jaussef", weiter ansgebauet. Mch ist vor zwei Jahren in dem zu Waitzcn in Uegarn erscheinenden rabbinischcn Fachblatte „Tel Talpijanß" 10. Jahrgang. S. 45 eine bishin nur handschriftlich vorhanden gewesene, hebräisch abgcfaßte „T'schüwah" von R. Hirsch veröffentlicht worden. Das Antwortschreiben ist an meinen Vater, den Herrn Amran Fischer, Rabbiner in Gyönk gerichtet und befindet sich gegenwärtig in meinem Besitze. Das Schreiben ist aus Frankfurt a. M. 5639, 1. Kislew datiert und beanttvortet mehrere an Hirsch gestellte Fragen in „Jnjou hiekriw korban b'läu mclach usw." — Dieses Schreiben beweist, daß Hirsch nicht nur auf dem Gebiete der jüdischen Religionsphilosophie der Maimonides unseres Zeitalters genannt werden darf, sondern daß er mich ein Großmeister der althergebrachten Methode in der talmudischen Forschung war. Dasselbe erschien mit den Randglossen des Einsenders, des Herrn Rabb: A. Fischer und mit denen des Oberlciters des erwähnten Blattes, des Herrn I. Silberstcin, Rabbiner in Waitzen, versehen und erregte iit_kcr Talmudgelchrten-Welt Ungarns ein solches Ausfehen, daß sich eine große publizistische Kvntoverse mehrerer Rabbinen und Talmudgelehrten ihrem Erscheinen anschloß, die in -den folgenden Nummern des T. £■' zur Aussprache gelangte. Zum Schluß sei noch erwähnt, daß Schreiber dieser Zeilen im.Begriffe ist, durch) Herausgabe seiner ungarischen im Hirsch'schen Geiste gehaltenen Synagogal-Neben und seiner freien Umarbeitung eines Teiles vom Ehanrew einen Vorschub für die Verbreitung des Hirschianismus unter seinen Glaubensgenossen in Ungarn zu leisten. Den Schreiber d. Z. leitet die Erfahrung, die er an sich gemacht und die er am Schönsten in den Worten Goethe's über . Shakespeare wiedersindct: „Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich aus Zeitlebens ihm eigen; und wie ich mit dem c r st e n Stücke fertig war, st and ich wie ein Blindgeborener, dem eine WunderhanddasGesich t in einem Augenwlick schenkt. Ich erkannte, ich fühlte aufs lebhafteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert. — Alles war mir neu, unbekannt u ii b das ungewohnte Licht machte mir A u g e n s ch m e r z e n. Nach und nach lernte ich sehen, und Dank sei meinem Genius, ich fühle noch immer lebhaft, was ich gewonnen Hab e." Aus aller Welt. Deutschland. Fechenheim bei Frankfurt a. M. Am 28. Oktober veranstaltete die christlich-soziale (-antisemitische) Arbeiterpartei im Laale „Zum Kaiser Friedrich" ihre erste öffentliche Versammlung, in der Herr Lic. thcol. Mumm, Berlin, über das Thema referierte: „Was wollen die Christlich-sozialen?“ Er wies in seiner Rede daraus hin, daß edle und monarchisch gesinnte Männer, wie Wagner und Stöcker, es laut in alle Lande verkündet hätten, daß gegenüber den unchristlichen Mächten des Mammonismus und Kommunismus, nur der christliche Sozialismus helfen könne. Leider seien diese Männer ohne Nachfolge geblieben, dennoch gäbe es kein zu spät. _ In der Diskussion bedauerte Herr Pfarrer Stoppel das Fernbleiben der Bürgerschaft Fechenheims, der wir auch ein weiteres Fernbleiben wünschen. Grotz-Karben. Ein großer Teil der Judenhcit dieser Gemeinde lebt in deni Glauben, daß die Zukunft der Fudenheit bei Hintenansetzung der konfessionellen Tradition in der Ausgleichung der äußersten Grenzen der Reform mit allgemeiner Einheit und Gleichheit zu suchen sei. Die Folgen bleiben natürlich nicht aus. Erst kürzlich verlobte sich ein;unges Mädchen — «elma Eahn — mit Zustimmung und im Hause ihrer Eltern mit einem evangelischen Eisenbahnarbeiter. . Nr. 52. Höchst i. Odenwald. Die Vollendung des Synagogenneubaues schreitet bei dem günstigen Wetter rüstig vorwärts. Die Einweihung wird voraussichtlich im Februar stattsinden. Berlin. Herr Moritz M a n h e i m e r und Gattin, deren Hochherzigkeit die hiesige jüdische Gemeinde die zweite Atterversorgungs-Anstalt (Schönhauser-Allee) und das Hospital (Siechenhaus) dankt, haben 10 00 00 Mark für ein Kinder-Genesungsheim in dem Soolbad Eimen (bei Akagdeburg) gespendet. Eharlottenburg. Wegen Freiheits-, heranbun g hatte sich 'gestern der Synagogendiener Isidor Rawitzer aus Charlockenburg vor der ersten Strafkammer am Landgericht II zu verantworten. Dein Vorstande des Synagrgenvereins zu Charlottenburg gehört als zweiter Vorsitzender der Rentner Beutner an. In dieser Eigenschaft liegt es ihm ob, an den Wochentagen die Zeit für die Abhaltung der üblichen Gottesdienste zu bestimmen und die erforderlichen Anordnungen dafür zu trefsen. Am Sonnabend, 25. Juni, hatte er den Abendgottesdicnst, der sonst später stattfand, bereits für Nachmittag 5 Uhr (!) angesetzt. Er hatte den'Synagogendiener von dieser Anordnung in Kenntnis gesetzt; er fürchtete aber, Rawitzer könne dies vergessen und nicht zu rechter Zeit die Türen öffnen. Um dieser Möglichkeit vorzubcugen und allenfalls auch se.bst die Türen der Synagoge öffnen zu können, nahm er den Schlüssel einer Scitcutür, die sonst als Notausgaug diente, an sich, allerdings ohne dem Synagogendicuer etwas davon zu sagen. Dieser suchte lange Zeit nach dem fehlenden Schlüssel, und da er ihn nicht fand, so band er die unverschließbare Tür von innen mit Stricken zu. Als Rentner Beutner am Sonnabend nachmittag in der fünften Stunde die Synagoge durch die Seitentür betreten wollte, konnte er sie nicht öffnen. Während er sich an der Tür zu schaffen machte, kam der Synagogeudiener hinzu und rief sofort wutentbrannt: „Sie sind es also, der mir den Schlüssel gestohlen hat! Sie kommen hier nicht eher fort, als bis die Polizei da ist!" Damit schloß er den zweiten Vorstand im Borgarten der Synagoge ein und lieh ihn nicht eher heraus, als bis ein Polizeibeamter erschien, worüber eine halbe Stunde verging. Der Angeklagte behauptete, daß niemand berechtigt gewesen sei, den Schlüssel an sich zu nehmen außer ihm, da er allein für den wertvollen Inhalt der Synagoge verantwortlich sei. Der Rabbiner Dr. Kroner und der Rendant Salomons bekundeten aber, daß dem Rentner Beutner an ben Wochentagen tatsächlich die erwähnten Funktionen oblagen und daß er bei deren Ausübung der Vorgesetzte des Angeklagten war. Der Verteidiger warf ein, daß es sich doch hier um den Sonnabend handele, der für die Juden'doch nicht zu den Wochentagen zähle, erhielt aber darauf die Antwort, daß. der Sonnabend Nachmittag fürdie Inden nicht mehr als jeder Wochentag gelte. (!) Der Staatsanwalt beantragte 14 Zage Gefängnis, der Gerichtshof zog aber in Betracht, daß das Vergehen des Angeklagten sich gegen einen Vorgesetztenrichtete, was besonders strasve:schärfend wirke, und erkannte auf einen Monat Gefängnis. München Unter sehr zahlreicher Anteilnahme von Leidtragenden verschiedener stände ist der praktische Arzt Herr Jonas B i l l i g h e i m e r zu seiner letzten Ruhestätte geleitet worden. Ter Verstorbene, der ein Alter von 74 Jahren erreichte, war 40 Jahre lang als praktischer Arzt in Eppingen in Baden tätig. Als badischer Bezirks-Assistenzarzt nahm er an dem Feldzüge 1870/71 teil und tat sich hervor in der Pflege kranker und verwundeter Krieger. Die Kriegsdenkinünze 1870/71 und die Kaiser-Wil- Helm-Erinnerungsniedaille lohnten seine Verdienste im Felde. Vor einigen Jahren hatte er sich nach München in den Ruhestand zurückgezogen. Breslau. Im Anschluß an dieIsraelltische Alters v ersorgungs anstalt auf der Kirschallee ist von dem Rittergutsbesitzer Julius Schottländer ein Schwesternheim gegründet worden. Dasselbe hat seinen Platz neben der genannten Anstalt am Ende der Kastanienallee erhalten, hat aber seinen offiziellen Haupteingang von der Kirschallee, aus. Auf die Ausbildung jüdischer Krankenschwestern wird neuerdings von jüdischen Kreisen besonderer Wert gelegt. Die im jüdischen Krankenhause ausgebildeten Schwestern sollen teils in der Anstaltspflege, teils in der Privatpflege Verwendung finden. Posen! Nach einer Darstellung im „Posener Tageblatte" waren in der Provinz Posen im Jahre 1867: 4.26 v. H. und 1900: 1,87 v. H der Bevölkerung Juden. Sie haben sich von 1867 bis 1900 in der Provinz um 46,07 v. H., im Regierungsbezirk Posen um 47.46 v.H. und im Regierungsbezirk Bromberg um 43,51 v. H. verringert. Eine ausgesprochene Vorliebe für die größeren Städte ist Eigenart der Juden, da dort ihre Neigung für Handel und Gewerbe mehr beftiedigt wird. Aber auch die Städte mit mehr. als 20 000 Einwohnern zeigen eine numerische Abnahme. Auf die Juden entfielen 1867: 11,17 v. H. der Bevölkerung, 1900: 4.64 v. H. So z. B. sind sie in der Stadt Posen von 1867 bis 1900 um 15,67 v. H. und in der Stadt Äromberg um 17.58 v. H. zurückgegangen. Zur Erklärung dieser Konfessions- Verschiebungen kommen offenbar auch wieder Wandererscheinungen in Betracht. Da die.Seelenzahl der Juden im preußischen Staate in der angegebenen Zeit um 25,28 v. H. gestiegen Ist, so ist der Rückgang des