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Neue jüdische Presse · 1903-11-06 · Heft 52 (6.11.1903) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 52 (6.11.1903)
Date
1903-11-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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FvÄnkrfuvtev Zsrlltlüisches J:flintltcublött. NeLaküon und Haupt-Erpedriion: FrsEfurl ». Ml. Bergerstraße 25, parterre. -«4m- Herausgeber: Sa ly Geis. Ro. 52. Freitag, de» 16. VLesoLva» 5661 (6. November 1966). No. 52. s»= s et Abonnementspreis ML 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen SV Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) 'Nostzeitungskiste 8741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband M. 1.50 vierteljährlich (Ausland ML 2.—). a a A Jnsertionspreis für die viergespaltene l Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile ML 1.—, im kleinen Anzeiger (Famllien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, ML 5.— biS 8.— das Tausend. ts Patriotismus und Chauvinismus. Von Albert Wahrmund. Just ein Vierteljahrhundert ist nun dahin, seitdem unser geliebtes deutsches Vaterland mit der antisemitischen Seuche „beglückt" ward. Während wir uns bis zur Stöckerschen Hetzkampagne ruhig als deutsche Bürger gefühlt, besonders nachdem wir kurz zuvor unfern Blutzoll bei der großen nationalen Einigung des glorreichen Jahres 1870 beigetragen, erscholl plötzlich wie ein schriller Pfiff aus der nächpen Umgebung das Losungswort: Hie Arier, hie Semiten, hie Deutsche, hie Juden! Der Rassenantisemitismus erhob sein Lügenhaupt, breitete sein Lügennetz in Wort und Schrift aus; Presse, Volksversammlungen, Flugschriften und Parlament stellte man in den Dienst der „guten Sache", die zum Heile des Vaterlandes beitragen sollte. Die schnöde Verleugnung wohlbegründeter Rechte, die kränkende Mißachtung unserer mit dem Herzblut besiegelten vaterländischen Gesinnung, die srechdreiste Art, mit der der Rassenantisemitismus sich über vor aller Welt ofsenliegenoe Tatsachen hinweg,etzte, mußte naturgemäß verbitrern, verbittern nicht nur die Angehörigen unseres Judentums, sondern alle Freunde des Rechtes und der Wahrheit. Es ist erhebend, zu sehen, wie die Hetzarbeit der Antisemiten eine ansehnliche Schar wackerer Kämpen und edler Verfechter der unantastbare» Menschenehre und Gerechtigkeit auf den Plan rief. Es waren nicht so sehr unsere persönlichen Fr eunde als vielmehr wahre Patrioten, deren, man noch in Ehren gedenken wird, wenn längst die geschichtlichen Akten über den traurig blöden Judenhaß des abgelaufenen Vierteljahrhunderts geschloffen sind. Eines aber darf noch heute behauptet werden: Trotz aller rührigen Abwehrtätigkeit, die edle Männer und führende Geister dem Antisemitismus gegenüber entfaltet, ist das Gift des Judenhasses in die breitesten Schichten unseres Volkes gedrungen, der latente Antisemitismus in seiner tausendfältigen Abstufung ist vorhanden und schwerer faßbar als der Radau-Ahlwardismus. Das immer exklusiver ausgestaltete Studentenleben hat seit mehr als zwanzig Jahren dazu beigetragen, einen Beamtenstand mit bedenklich antisemitischer Färbung zu schaffen, was durch zahllose Belege aus Leben und Erfahrung dargetan werden kann. So entstanden jüdische Studenten-, Turn- und Gesangvereine als notwendige Folge des Gesetzes vom Gegendruck. Natürlich sprechen unsere Antisemiten all diesen Vereinen deutschnationales Empfinden, ja auch nur die Möglichkeit eines solchen ab. Die Erfahrung hat gelehrt, wie man hier mit Vernunstgründen nicht beikommen kann; der Arzt kann die Arznei wohl reichen, der Kranke jedoch muß sie erst nehmen. Wir wenden uns deshalb nur au jene, die außer der Vaterlandsliebe auch noch etwas von allgemeiner Menschenliebe wissen. Ihnen kann bewiesen werden, wie hoch bei uns der Patriotismus eingeschätzt wird, welch erhabenen und hehren Inhalt die jüdische Religion diesem Begriffe gibt. Zugleich aber ergibt sich der Gegensatz bezw. die Scheidung der edlen Vaterlandsliebe von demunedlen , wüsten Chauvinismus! Wie aus Sparsamkeit häufig Geiz, aus Freigebigkeit Verschwendung, aus Freiheit Willkür, aus vernünftiger Strenge Tyrannei wird, kurz wie jede Bildung in Verbildung übergehen kann, ebenso vermag das Nationalitätsgefühl in Chauvinismus zu entarten, in welcher Form es freilich bloß eine Karrikakur vorstellt. Es ist nicht der Juden Schuld, wenn dieses Zerrbild auf Völker und Staaten verderblich eiygewirkt, das Verhältnis großer und mächtiger Kulturnationen zu einander getrübt und dazu beitrug, die politische Spannung zu erzeugen, welche wir schlechthin heutzutage als „die allgemeine Weltlage" bezeichnen. Man denke an die Wirren der Balkanhalbinsel, die erst vor wenigen Wochen die Welt um neue Schreckenskunde bereichert; man denke an den Sprachenstreit in Böhmen und Oesterreich, an den Nationalitätenhader in Cisleithanien; man denke an den Drei- und Zweibund des europäischen Festlandes. Wer will den Anteil ermessen, den das überspannte Nationalitätsgefühl an all diesen Erscheinungen hat? Und wer möchte bestreiten, daß es besser wäre, dergleichen wäre uns erspart geblieben? Die Vaterlandsliebe ist ein in der Natur des Menschen tief begründetes Gefühl, sie ist sozusagen ein inneres Bedürfnis. Naturgemäß liebt der Mensch die Scholle, auf der er geboren und die ihn nährt, das Haus, in dem er erzogen wird, die Personen, die Umgebung, unter denen er aufwächst und lebt, das Land, dessen Luft er atmet, das Volk, mit dem er die gleiche Sprache, die gleiche Geschichte, die gleichen Lebensbedürfnisse, die gleichen Lebensgewohnheiten teilt. Sie alle fühlen sich bald als eine zusammengehörende Gemeinheit, als eine Vielheit, die in ihren Zielen eine Einheit darstellen muß, kurz als eine große Familie. Dieses natürliche Gefühl ist Gut der Gesamtmenschheit, also auch des Juden. Kein Volk hat es sich selb st gegeben, keine Nation hat mithin auch das Recht, ein Vaterlandsgefühl der anderen Brudernation abzustreiten, zu mißgönnen oder abzuleugnen. Und dieses natürlichste aller Zugeständnisse verlangen auch wir Juden. Wo man nationales Empfinden uns be st reitet, da ist entweder grenzenloser Haß und boshafte Tücke die Quelle der Gesinnung, oder aber man verkennt die Geschichte und Erfahrung vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende, welche von Judentum und Judenheit das gerade Gegenteil bezeugen. Das Nationalitätsgefühl und -Bewußtsein wurde in Israel sozusagen von seinem ersten Stammvater an eingepflanzt und gepflegt. Im Geiste schon sah Abraham ein Volk, das ihm entblühen sollte, er blickte mit leiblichem Auge das Land, welches seine Nachkommen tragen wird. Zu den ersten und seligsten Verheißungen zählten jene, wo Land und Volk dem Stammvater zugesichert ward. Und wie ein teures Vermächtnis ging das große Versprechen an Sohn und Enkel weiter, wurde dem zweiten und dritten Patriarchen erneuert, die es als trostreiche Profetie mit in's Grab nahmen. Das schöne Bild von Land und Volk spricht auch aus Moses Worten, die er des öfteren an seine schwergedrückten Brüder in Egypten richtet, der Gedanke an Palästina durchweht seine Prophezeiungen, erhebend und stärkend, ja beglückend für die noch immer in Sklavenketten Schmachtenden. Und mit den verlockendsten Tönen wird dieses Land gepriesen, als ein Land wo „Milch und Honig fließt," als ein Land, das die herrlichsten Früchte zeitigt. JsraelsollteseinBaterlandliebenlernen noch ehe es dasselbe gesehen, noch ehe es dessen Boden betreten. Als er - sehnenswertesZiel, als ein hohes Ideal ward ihm der Besitz eines solchen Landes hingestellt! Ist 'dies nicht die kräftigste Pflege von Vaterlandsliebe, eine -schule im Patriotismus? — Das Volk soll ein Land besitzen, Gott braucht für sein Gesetz ein Volk, aber ebenso auch für das Volk ein Land, in dem das Gesetz Wirklichkeit werde. (Siehe Hirschs Pentateuchkommentar.) Als aber Moses an der Landesgrenze seinen sehnlichsten Wunsch versagt fand, als sein höchster Gedanke, Kanaan zu betreten, durch Gottes unerbittliches Machtwort nicht in Erfüllung gehen durfte, da rafft die heiße Sehnsucht sich nochmals zu einem diesbezüglichen Bittgebet auf. Und wir können es so recht nachfühlen, wie sein Jniieres erbebte, wre seine Seele zuckte, als es hieß: Schaue es an mit d-cinen Augen; denn bu sollst nicht hinüberziehen! Aus dem tränenfeuchten Auge des großen Führers dort oben auf der Pisgaspitze, aus dem seelenschmerz, der ihm die Brust durchwühlt, spricht ein Patriotismus, wie er schöner und erhebender aus keinem Vaterlau dsliede tönt. Die -strafe für das kleingläubige Volk, welches Kundschafter ausgesandt, nicht in's gelobte Land zu kommen, war mindestens ebenso groß, als das Verhängnis der -10jährigen Wüstenwanderung. Wie gerne hätte man diese Strapazen hingcnommen, wäre jenes Strafmandat nur rückgängig gemacht worden! Als aber Josua das neue Geschlecht in's Land führte, war dem Entarten des Nationalitätsgefühls sofort auch ein kräftiger Riegel vorgeschoben. Die Amochthonen verlieren ihr Land nur wegen ihrer heidnischen Gräuel, wegen ihrer sittlichen Verderbnis und Verkommenheit. Beim Zuge durch den Jordan geht die Bundeslade voran, sie ist das Erste, welches den heiligen Boden betritt. Unter ihrem Wahrzeichen zieht Israel in's Land. Zeigt das Volk sich üer neuen Heimat nicht würdig, übt es Gräueltaten gleich den ausgestoßenen Völkerschaften, so trifft es dasselbe Los. Israel hatte so nur ein bedingtes'.Herrenrecht am Vaterlands; es sah stets die Wage der Gerechtigkeit, der strafenden Vergeltung über seinem Haupte schweben. Sobald es die Bahnendes Gottesgesetzes verläßt, wird ihm das Land entzogen. Ist bei diesem Bewußtf ein, beidiesem Gefühl der unbedingten Abhängigkeit noch Raum für den Ehauvinismus? Mer noch mehr! Selbst wenn das Volk Gottes Weisungen befolgt, ist das Land nicht sein Eigentum. Nur zu Lehen trägt es den Boden. „Das Land kann nie auf immerdar verkauft werden; denn mein ist die Erde, denn Fremdlinge und Beisassen seid ihr b e i m i r!" (3. B. M. 25,23.) Mit diesen markanten Worten ist dem überschäumenden Nationalgefühl in der Tat aller Boden entzogen. Der angeführte Satz knickt dem dünkelhaften Stolze der Chauvinisten mit kräftigem Drucke die Spitze ab. Welche Bescheidenheit müßte ein Volk zieren, das s o l ch e Ideen zu seinen Staats grundsätzen zählt! Wie entgegenkommend, ia demütig herablassend, muß es erscheinen gegen den Einwanderer, gegen den Fremden, der das Land durchzieht oder sich ansässig machen möchte. Kein „Fremdengesetz" hindert ihn daran; kein „Ausweisungsbefehl" kann ihn treffen. „Mein ist das Land; Fremdlinge seid ihr alle bei mir!" — — — Kein Wunder, daß die „Fremdengesetze" des Pentateuch vom Geist der Milde getragen und durchweht sind, kein Wunder, daß da anempfohlen wird, den Egypter „nicht zu verschmähen, da wir einmal Fremdlinge in seinem Lande gewesen." also dort Gastrechte genossen. Als die vollständige Besitznahme des Landes Kanaan ihren weihenden Abschluß fand in der Errichtung eines Gottesheiligtums in Jerusalem, als diese Stadt mit dem festgebauten Tempel dauernd zur religiösen Zentral- und sammelstätte erhoben ward, da richtete man feinen Blick ebenfalls nach außen zu den Weltvölkern. Gerade damals hätte aber der Chauvinismus einsetzen können! Die nationale Einigung war vollzogen. Israel steht in seiner Vollkraft da! Rings im Lande Glück und Frieden. Das Getreide wächst in Hülle und Fülle. Jeder wohnt friedlich bei seinem Weinstock und Feigenbaum. Wie leicht schlägt da das Selbstgefühl in Ueberhebung um, die Fremdes und Fremde verachtet und ächtet! — Wer nein, welch erhebendes, ja ergreifen'des Bild gewährt uns hier im i 1 1 3 | ■VÜ ' ■J :4

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