Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 51 (30.10.1903)
- Date
- 1903-10-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Beirthen (Oberschlesten). Nach langen Kämpfen haben die neuerungssüchtigen Elemente der Gemeinde es durch gesetzt, daß die Anschaffung und Aufstellung einer Orgel Leschloffen worden ist. Oesterreich-Ungarn. Etztcrgom. Im Kreise der hiesigen israelitischen Gemeinde wurde vom Advokaten Dr. Zoltan B erenh i eine Bewegung initiiert, welche dahin geht, in der Synagoge die daselbst noch teilweise benützte deutsche Sprache in der Liturgie und Predigt durch die ungarische Sprache zu ersetzen. Diese Bewegung hat nun Erfolg gehabt, indem die ausschließliche Benützung der ungarischen Sprache im Gottesdienste beschlossen worden ist. Rußland. Petersburg. Die »Nowosti" berichtet: Bei einer Audienz im Mdiz-Kiosk hat der Botschafter einer Großmacht (gemeint ist Rußland) dem Sultan die Erklärung abgegeben, daß seine Regierung nichts dagegen habe, wenn die Türkei den Juden den ganzen Teil Palästinas jenseits des Jordans im Osten und alle westtichen Teile, die von den christlichen Pilgern nicht besucht werden, gewähren würde. Daraufhin wurde der Zionistenprästdent Dr. H e r z l nach Konstäntinopel berufen. . In südrussischen Städten, in denen Juden in großer Anzahl leben, wie Odessa, Nikolajew, Elisabethgrad, Krementschug. Tiraspol und Kischinew, sind. Wie die »Daily Mail" aus Odessa meldet, Drohungen im Umlaufs an den Juden werde gründliche Rache genommen werden, falls einer der an den Vorkommnissen in Kischinew Beteiligten dem Militärgericht zur Besttafung überwiesen werden sollte. Die Polizei §Iaubt nicht, daß es sich hierbei um leere Drohungen andelt. Die Behörden haben Grund zu der Vermutung, daß die fanattschen rohen Elenrente sich bereits zur Rache für den Fall organisieren, daß die . Rädelsführer von Kischinew hingerichtet werden sollten. Aus Kischinew wird gemeldet, dag dort gegen 200 Juden während der letzten 14 Tage unter der Anklage der Verbreitung aufrührerischer Schriften verhaftet worden sind. , Amerika. Washington. Präsident Roosevelt nahm von Zionisten in Baltimore eine jüdische Nationalflagge . entgegen. Es ist wohl das erste Mal, daß ein Staatsoberhaupt amtlich mitteilt, es nehme die jüdische Flagge entgegen. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Am 21. er. eröffnete der Verein Nachalaß Zwi seine Veranstaltungen mtt einem Vortrage des Herrn Jsaac Breuer: „Ein Rückblick auf das Jahr 5663". Der Vortragende erklärte einleitend, daß es ihm bei seiner Darstellung nicht sowohl ans eine Aufzählung äußerer Vorgänge, als auf das Verständnis der geschichtlichen Entwicklungsgänge ankomme, aus denen wir die großen geisttgen und polittschcn Strömungen unserer Tage vom Standpuntt des Judentums unter einem einheitlichen Gesichtspunkte zu betrachten haben. Der Redner schilderte die von Dcscartcs ausgegangene Umwälzung in den Geisteswisscuschaften, wodurch die bisherige, einheitliche religiöse Anschauungsweise der Menschheit vollständig gespalten und eine gewalttge Kluft zwischen Wissenschaft und Religion, Krittk und Dogma geschaffen wurde. In gleicher Weise habe ein andrer großer Mann, Luther, die Trennung der Politik von der Religion geschaffen und aus jenen doppelseitigen Gegensätzen seien im tiefen Grunde auch die Erscheinungen erwachsen, deren zufällige Gestaltungen^ uns heute beschäftigen: Der Babel-Bibel-Streit sowohl wie die Bibelttitik, Reform, Antisemitismus und last not least Zionismus und jüdische Kunst. Die „Reform", die über ein halbes Jahrhundert in der westeuropäischen Judcnheit ihre nivellierende Herrschaft ausübtc, hat bewiesen, daß es ihr unmöglich sei, ein existenzfähiges Judentum an Stellendes überlieferten Judentums hinzustellcn. seit kaum 10 Jahren beginnt nun wieder eine neue Bewegung sich innerhalb der jüdischen Gesamtheit auszudehnen, eine Bewegung, die ganz aus dem Antisemitismus erwachsen sei, nämlich der „Zionismus". Auch dieser Bewegung. gegenüber habe der gesctzestteue Jude, Stellung zu nehmen. Die moderne Wissenschaft unterscheidet zwischen Religion und Polittk. Es sei wohl richtig, daß bei den anderen Konfessionen die Vertreter der Religionen in der Polittk meistens rcattionär gewesen seien, doch sei mit den Ideen des Judentums so sehr der Fortschritt der Menschheit verwachsen, daß sich die jüdische Art hier wirklich nicht mit der der anderen Religionen vergleiche» lasse. Im Judentumc bleibt für alle Zeit Religion uird Polittk eins. Diese 2 Faktoren trennt nun der Zionismus, indem er die Polittk der Religion voranstellt, und gegenüber der Kluft, die innerhalb der Judcnheit die verschiedenen religiösen Auffassungen wie Ja und 'Nein von einander trennt, das Nationale als alle vereinendes Band'in den Vordergrund schiebt. Dem gesctzestreuen Judentum aber sei das Nattonale ein aller- Frarkfurter Israelitisches Familienblatt. Rr. 51. dings nicht zu übersehendes, aber gegenüber dem Religiösen ganz untergeordnetes Moment. Es sei ein Zeichen von beispiellosem Idealismus, wenn aus diesen prinzipiellen Gründen die große Mehrheit der russischen Rabbincn, obgleich in einem brennenden Hause sitzend, doch die 'gebotene Retterhand zurückwies. Ihrem Beispiele folgend, müsse auch die deutsche Orthodoxie sich gegenüber der Bewegung ablehnend verhalten. So stehe denn das gesetzestreue Judentum da, unbeschädigt von den Stürmen ' der Zeit; jeder Fortschritt der Zeit bringt uns nur näher seinen lichten Höhen. Und so hat uns auch die Beschäftigung mit dem modernen Geistesleben nur dem Judentum näher gebracht. Voranleuchtend lvar uns darin Samson Raphael Hirsch s. A., in dessen Bahnen zu wandeln, die Aufgabe des Vereines Nachlaß Zwi ist. Dem Vortrage schloß sich eine sehr erregte Diskussion über die Stellung des gesetzcsttcucn Judentums zum Zionismus an. Der Sprcchsalartikel in unserer vorigen Nummer gibt bereits eine Anzahl Argumente wieder, die von orthodoxer, zionistischer Seite ins Feld geführt werden, warum es Pflicht sei, der zionistischen Bewegung anzugehören. Es wurde außerdem in der Diskussion noch auf die furchtbare Not der osteuropäischen Juden hiugcwiescii. Bezüglich des Vorwurfes der Trennung der Religion und der Politik, wurde angeführt, daß von einer solchen Trennung bei dem Zionismus gar nicht die Rede sein könne, ■ denn der Zionismus wolle nichts, als alle Juden vereinen, um allen unterdrückten Brüdern eine rechtlich gesicherte Heimstätte zu erwerben. Auch der Behauptung des Herrn Breuer von einer Ablehnung des Zionismus seitens der russischen Rabbiner wurde in der Diskussion widersprochen und dem entgcgengestcllt, daß in einem „Daath harabbonim" betitelten Broschüre sich 110 Rabbiner für den politischen Zionismus ausgesprochen haben und überdies die Rabbiner, die sich nicht ausgesprochen haben, noch lange nicht zu den Gegnern zu zählen sind. Wenn die deutsche Orthodoxie sich der Bewegung fern halte und so darauf verzichte, ihren Einfluß in die Wagschalezü werfen, so lade sie einefurchtbare Verantwortung auf sich, wenn die Bewegung zum Ziele führt sowohl wie im entgegengesetzten Falle. Herr R o s e n h e i m wies darauf hin, daß es zwei verschiedene Standpunkte gebe, von denen aus man einem Anschluß der Gesetzestrcucn an die Bewegung das Wort reden könne: einen rationalistischen und einen mehr mystischen. Der letztere, der auf den providentiellen Charakter der gewaltigen Bewegung Hinweise, könne für den gesetzcstreucn Juden nicht ausschlaggebend sein, der seine Taten nach klaren prinzipiellen Erwägungen, nicht nach dunklen Ahnungen zu regeln habe. Der rationalistische Standpunkt fuße auf der Tatsache, daß die Mehrheit der russischen Juden streng sromm, also die Möglichkeit gegeben sei, die ganze Bewegung, die ja eine Volksbewegung ist, völlig im Geiste des gesetzestteuen Judentums zum Ziele zu führen. Herr Rosenheim hält das für ein ungeheures Unternehmen, zu dem der deutschen Orthodoxie die Führer fehlten. Mit einem Manne wie s. R- Hirsch an der Spitze und Mit einem Stabe von Offizieren und Unteroffizieren gleichen Kalibers, könne ein solcher geistiger Rieseukampf vielleicht gelingen. Solange aber diese Vorbedingungen nicht erfüllt seien, solange vor allem eine kraftvolle Organisation fehle, die gegenüber den Grundüberzeugungen des Nationalju^cntums nicht müde werde, die eigene abweichende Ucberzeugung laut und osfcn — kräftiger als der Misrachi bisher es getan — zu bekennen, solange könne cs nach des Redners Ansicht kein gewissenhafter gesetzcstteuer Jude verantworten, junge unreife Elemente der faszinierenden Beredsamkeit der zionistischen Führer, auszuliefcrn. In seinem Schlußworte verteidigte sich der Referent gegen die in der Diskussion erhobenen Einwände. Gleich Herrn Noscnhcim wurde er von der erregten Versammlung imnier wieder durch lebhafte Zwischenrufe unterbrochen. Der Vorsitzende sprach am Schlüsse die Ueberzeuguug aus, daß auch diese Diskussion auf beiden «eiten eine Klärung der eigenen Anschauungen herbeigeführt habe und darum von Segen sei. Die Versammlung fand erst um Mitternacht ihr Ende. Frankfurt a. M., 28. Oktober. Vor wenigen Tagen wurde hier, angeregt von Mitgliedern des Synagogenchors der Israelitischen Religion sgesellschaft, ein Männergesangverein gegründet, dem am Gründungstag über 30 Herren — Chormitglicder und gleichgesinnte Freunde — als aktive Mitglieder beittaten. Zum Dirigenten des neuen Vereins wurde Herr C h o r d i r i g en t P a p p er l e gewählt; der Vorstand besteht aus den Herren Aron Klibansky, Vorsitzender; Obercantor Pesachowitsch Gordon, Robert Aron und Max Stern. Das Vereinslokal befindet sich im Hotel Diehl Der Vereinsabend findet regelmäßig Montag Abends 9 Uhr statt. Die neue Vereinigung bietet nicht nur denjenigen Gesinnungsgenossen, welche die Gesangskunst pflegen wollen, eine willkommene Stätte, dieselbe ist auch der erste Schritt zur Verwirklichung des Gedankens, der s. Zi. bei der Jubiläumsfeier der Schule geäußert worden, einer Vereinigung ehemaliger Schüler und Schülerinnen. Der Vereinsveittag ist für aktive Mitglieder auf Mk. 6.— festgesetzt. Passive Mitglieder zahlen einen fteiwilligen Beittag (Mindestbeitrag Mk. 3.—) in beliebiger Höhe. Frankfurt a. M. Der »Montefiore" Verein »für die idealen Interessen jüdischer junger Leute" eröffnete die Reihe seiner diesjährigen Darbietungen am Mittwoch Abend mit einer musikalisch-deklamatorischen Soiree. Das den großen Saal sowie sämtliche Nebenräume der Suppenanstalt bis auf den letzten Platz füllende Publikum nahm das geschickt zusammengestellte und von hervorragenden Künstlern ausgeführte Programm mit außerordentlich lebhaftem Beifall auf, und es meldete sich eine große Anzahl neuer Mitglieder, ein Beweis, daß der von der Bereinsleitung beschrittene Weg allseitig Anklang findet. Die von dem Vorsitzenden gemachte Mitteilung von der Emrietung passender Räumlichkeiten für Lese- und Bibliothekzimmer sowie Klublokal (Seilerstr., Loge zum Franks. Adler) wurde von den Mitgliedern außerordentlich freudig begrüßt. Die Eröffnung der Räume erfolgt demnächst, sobald eine würdige Einrichtung beschafft ist. Frankfurt a. M. Der Verein »Allgemeine israelitische Volks-Küch e in Jerusalem" hat Herrn August Nachmann, Hier, Elkenbachsttaße 6, wegen seines steten, großen Jnreresses ftir die ideellen Zwecke des Vereines zu seinem Protector ernannt. Herr Nachmann hat dieses Ehrenamt übernommen und bittet seine jüdischen Mitbürger bei Gelegenheit auch dieser so segensreich wirkenden Institution zu gedenken. _. Für unsere Frauen. Von Frau R. M. Das wiederum vor uns aufgeschlageue erste Buch Moses mit seinem reichen Inhalte, der altbekannt und doch ewig neu uns die ehrwürdigen Gestalten der Stammväter und -Mütter vor Augen führt, gibt, besonders in seinem Anfänge, uns einen Begriff von der Bedeutung, welche die Frauen in ihrer Eigenschaft als Gattinnen und Mütter in der Geschichte der Bibel eiuuehmcn. Als Gott dem Abraham mit dem inhaltreichcn Worte des heutigen Wochenabschnittes: „Werde zum -Segen," die höchste Lebensaufgabe gegeben und er freudig dem au ihn ergangenen Rufe folgte, ging er nicht allein. Die treue Gehilfin, mit der ihn die innigste Liebe verband, verließ mit ihm die Heimat, um fern von allem, was ihr bisher lieb gewesen, sich ganz ihren Pflichten als Gattin zu widmen, da Mutterglück ihr bis dahin versagt war. Auch von ihr heißt es: „Ich werde sie segnen" und sie selbst stellte sich die Aufgabe, ihrcnc Gatten zum Segen zu werden. Wahrlich ein hohes Ziel, dein nachzustreben es sich lohnt. Um dieses aneiferuden Beispiels willen, vertiesen wir uns einmal in den Inhalt her wundervollen Sidra^ des uns vorliegenden Buches, machen wir sie zur «abbatunterhaltung für uns .selbst und unsere Töchter, und die Würde der uns darin entgegcntretendeu Fraueugestalten wird sicher auf empfängliche jugeicdlichc Gemüter ihren Einfluß geltend nrachen. Wie tief ergreifend ist die Selbstverleugnung, mit der Sara dem über alles geliebten Gatten, um ihin seinen Herzenswunsch zu ermöglichen, in . Hagar eine zweite Gattin zuführt; mußte sie doch befürchten, sich selbst ihm dadurch zu entfremden. Doch daran dachte sie nicht, und in der Tat erwuchs ihr auch in Hagar keine Nebenbuhlerin, wie wir später aus der Untröstlichkcit Abrahams bei ihrem Tode ersxhen; dafür spricht auch die würdige Bestattung in einer für elvi ge Zeiten erworbenen, Grabstätte. Welche Bedeutung ihr noch als Mutter eines eigenen Sohnes ward, geht daraus hervor, ' daß nicht durch Abrahams Erstgebornen sich die göttliche Verheißung erfüllen konnte, sonder», daß auch das mütterliche geistige Erbteil und ihr Einfluß auf die Erziehung des künftigen Stammvaters eines Volkes in Betracht komme, derselbe also nicht nur Abraham's, sonder» auch Sara's Sohn seiil müsse. Welch ein Geist mit Sara in ihrem Zelte gewaltet und wie öde es nach ihrem Ableben darin geworden, beweist die Trauer Jsaks über den Verlust der hochbetagten Mutter. (Sr war kein aus mütterliche Fürsorge angewiesenes Kind mehr, und dennoch konnte' der reife Mann den Schmerz um die Mutter nicht verwinden, bis ihm durch seine Gatttn Trost ward. Wieder steht eine Frau vor der hohen Ausgabe „zum Segen zu werden", deren sie sich durch Tugend und Herzensadel würdig erweist. Mit Rebekka zog ■ auf's neue der Geist der Liebe in 'das -verödete Haus, Jsak führte sie in das Zelt seiner Mutter, sie entzündete darin wiederum die häusliche Herdflamme, deren -Schein erleuchtend und erwärmend in das ttostbedürftige Herz des Mannes fällt, der in der Gatttn Dcsatz für die Mutter sucht und findet. Auch heute gehört es zu den Pflichten der jüdischen Hausftau, die Gottesslamme zu entzünden und das Haus zu erleuchten durch das Licht der Religion,' damit es zu einem Heiligtume werde, denn die Frau beseelt das Haus mit ihrem Geiste. Nur wer sich dieser hohen Bestimmung vollbewußt ist, kann derselben gerecht werden und dazu bedarf es außer dem guten Willen, noch des aneifernden Vorbildes, wie wir solches iic dein Buche der Bücher wiederholt finden. Das Studium desselben zeigt uns den Weg, aufichem wir des Lebens höchstes Ziel erreichen können. Uns und anderen zum Segen zu '