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Neue jüdische Presse · 1903-10-30 · Heft 51 (30.10.1903) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 51 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 51 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. werden. Heilige Pflichten sind den Frauen an's Herz gelegt, mit deren Wichtigkeit jede Mutter die Heranwachsende Tochter vertraut machen sollte, damit sie frühzeitig lerne ihren künftigen Beruf mit Ernst zu erfassen und sich bestrebe, dem Ruhme des Biedcrweibes Ehre zu machen, das das Salomonische Lied so herrlich preist. Tann wird sich der Spruch für alle Zeiten erhalten: „Eine schöne tugendhafte Frau gleicht der Hellen Flamme aus dem heiligen Leuchter." AuiMon. Ein Schüler Spinozas. Erzählung aus dem Amsterdamer Ghetto. Von Henny Rosenbaum. (Fortsetzung.) Gerta, die aus der erdrückenden Nüchternheit des Ghettos kam, fühlte sich in Klartjes Heim unsäglich Wohl, umsomehr, da sie auch sür Henry Arendsohu ein willkommener Gast war, der das liebliche Mädchen, das berufen schien, den leeren Platz im Herzen seiner Gattin auszufüllen, mit offener Sympathie begrüßte. Die Gäste und Freunde der Arendsohns hatten Gerta schnell zu ihrem erklärten Liebling erhoben. Und da diese noch zu unbefangen und unerfahren war, um hinter bezeigter Freundlichkeit etwas Anderes zu vermuten als den Ausfluß wahren Empfindens, war sie von aller Entgegenkommen beglückt. Sie hatte eben noch keine Ahnung von dem scharfen, nüchternen Rechengeist, der aus den Kontoren der Handelsherren in deren Familien und von diesen in ihren geselligen Verkehr übertragen wird. Frau Klartje, die in diesen Kreisen aufgewachsen war, betrachtete diesen Rechengeist als etwas selbstverständliches und fand keine Notwendigkeit, Gerta, die all ihren Lebensbedingungen nach nie von dieser Spekulationssucht verletzt werden konnte, besonders darauf aufmerksam zu machen. Tie harmlose, weltfremde Mutter Rüben, die voll großmütterlicher Zärtlichkeit nie auf den Gedanken gekommen wäre, man konnte „ihr Goldchen" anders als mit Liebe betrachten, dachte erst recht nicht daran. Und Adam Seelig -schwieg. Es waren bittere Stunden der Selbstcinkehr für ihn gekommen. Wenn er all sein Tun und Lassen nachprüfte, hatte er da Gerta wirklich nur erziehen wollen, wie sein Amt war? Oder hatte er sie zu sich Heraufziehen und sie jenem Andern entziehen wollen? Der Arzt war ehrlich genug gegen sich, das Letztere zu bejahen. — Tn sollst nicht begehren deines Nächsten Weib!! — Jedes Menschen Seele birgt Klippen und Untiefen. Adam Seelig, der tatkräftige Apostel der Selbstverleugnung, rang verzweifelt mit dem göttlichen Gebot. Er hatte mehr als Tausende Anderer ■ den Menschen von seinem Sein geopfert. Darum hatte er auch ein größeres' Recht auf Glück, selbst wenn er einen Andern dabei schädigte, klügelte er. Und — „Tu sollst nicht begehren deines Nächsten Weib," antwortete sein unbestechliches Gewissen. Man kann nicht ein ganzes Leben der Stimme seines Gewissens folgen, — wie er es getan hatte, ohne daß diese Stimme eine gewaltige Macht wird. Und diese Macht siegte auch diesmal wieder über alle Einwände seines stürmisch begehrenden Herzens, Adam Seelig wollte entsagen. Mer es ging über seine menschliche Kraft Wie bisher täglich und stündlich mit Gerta zu verkehren und jede Regung ihres Herzens und Geistes zu überwachen. Sie mußte versuchen, sich selbst mit junger Kraft die rechten Wege im Leben zu bahnen. Er konnte ihr kein selbstloser Berater mehr sein. Er strengte seine Arbeitskraft bis zum Aeußersten an. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit befaßte' er sich mit Plänen zu neuen, wohltätigen Einrichtungen und belehrenden, gemeinverständlichen Vorträgen. Er war so in Anspruch genommen, daß er nicht einmal die Mahlzeiten mehr regelmäßig inne hielt. Kam er später als üblich heim, dann war Gerta in der Stadt bei Klartje oder Frau ter Borg und er erfuhr nur durch Mutter Rüben, daß sie inunter war „wie c Bögelche." Er selbst sah sie tagelang nicht. Er war eisern hart gegen sich und zwang seine Sehnsucht nieder. Gerta selbst langweilte sich jetzt, wenn sie daheim war, mehr als früher. Abgesehen davon, daß sie jetzt Vergleiche anstellen konnte, war es dort durch Adams-beständige 'Abwesenheit sehr still. Irgend etwas fehlte ihr, ohne daß sie gewußt hätte, was. Wenn sie an Seelig dachte, geschah das mit einer quälenden scheu, die sie sich dahin deutete, daß ihr beständiges Amüsieren kaum im Sinne des ernsten 'Arbeiters sein würde, «ie machte sich dann hastig von dem Gedanken an ihn los und dachte an die lustigen, schwatzenden Herrn, die zu Klartje kamen, ihr hübsche Dinge sägten und Blumen brachten. 'Manche von ihnen hatte sie besonders gern. Mer sie hütete sich, ihnen das zu zeigen. Sie hatte'überraschend schnell die Kunst des leichten Flirts 'erlernt. Mer soweit war sie doch noch nicht Weltdame geworden, um ihre unbefangene Freude über dargebrachte Huldigungen geschickt verbergen zu können. So glitt sie Miriam, die ihr gerade das schwere Haar ordnete, mit einem Freudenschrei unter den Händen fort, als ihr Mutter Rüben hercinkommend sagte: „Draußen is e Knecht, mei Leben. Der hat Blumens und e Ausrichtung for Dir." Gerta eilte leichtfüßig hinaus und nahm dem harrenden Tiener das reizende Blumenarrangement ab, das ihr Eharlie Pater, der Bruder einer ihrer neuen Freundinnen sandte. Außerdem ließen Mynheer Solms Pater und Mevrauw Pater Gerta bitten, am 'Abend ihr Gast zu sein. Und Jevrauw DJ,' ary unterstützte die Bitte ihrer Eltern durch ein kleines Briefchen, in dem sie ihrer Freundin mitteilte, daß man mit Rücksicht auf Gertas Trauer nur ganz en petit comite zusammen wäre. Tie junge Dame sagte mit einem würdevollen Kopfnicken ihr Erscheinen zu. Erst als der Diener schon fort war, fiel ihr ein, daß sie bisher am Freitag 'Abend noch nie von Hause abwesend war. Mit sichtlicher Verlegenheit schmeichelt sie deshalb um Mutter Raben herum. „Bist Du bös, Großinntterle, daß ich heut fortgehe?" „Jh, bist Tu e Narr geworden, mei Engelchc? Ich weiß, jung Bögelche singt nur mit jung Vögelche. Geh in Gottes Namen," antwortete die gute, alte Frau. Gerta war sehr erleichtert und begann vergnügt zu schwatzen. Tie Paters waren überhaupt furchtbar nett zu ihr. Tie Mary konnte schon garnicht mehr ohne sie auskommen. Und der Mynheer Eharlie War lustig. Was der alles zu erzählen wußte von Paris, wo er zwei 'Jahre gelebt hatte, bis er in das Geschäft seines Vaters eintrat. Es sollte übrigens nach seiner DAeinung garnicht so weit her sein mit den schönen Französinnen. Ihn hatte wenigstens keine ernsthaft fesseln können. Miriam war ihrer jungen Herrin unmutig in's Wohnzimmer gefolgt. Insgeheim schalt sie Gerta eine „meschuggene Jothcle", die nie still sitzen konnte. Laut sagte sie in spitzigem Ton: „Es is immer e Okookim gewesen, der Eharlie Pater. Ter kauft ke Blume for nmsonsten." „Ja, Miriam, ich glaube auch, daß Eharlie klug ist," nickte Gerta unbefangen. „Ich Hab mer das anders gedenkt," widersprach das alte Mädchen herb. „Ich Hab mer gedenkt, c goldene Hand tißt mer leichter als e silberne." Und als Gerta betroffen schwieg, stichelte Mirianr weiter. „Se tun sich abber ach gutt zor Pernoße, Jevrauw Gerta. Se komme in e schmalztopf, wenn Se mit'n Pater Ehaßne machen." Das war sogar für die gutmütige Mutter Rüben zu viel. „Miriam, Tu bist e Asisponim," ries sie empört. „Solch e Ehutzze zu Haben gegen mei gutes Kiird." Gerta hatte Miriam erzürnt den Rücken gewandt; aber sie erwiderte ihr nichts. Sie war an die bissigen Ausfälle ihrer Dienerin bereits gewöhnt. In der ersten Zeit hatte sie Tr. Seelig nach solchen stets erklärt, die neidische Person, die kein noch so freundliches Entgegenkommen entwaffnen konnte, entlassen zu wollen. Aber sein: „Ich dachte kaum, daß Sie so früh schon die Geduld verlieren lvürden," machte sie imnier lvieder in ihrem Vorsatz wankend. Jetzt war sie an Miriams '.Art gewöhnt, aber ein gutes Teil ihrer Unbefangenheit hatte sie darüber verloren. Früher hatte sie den Armen des Ghettos, mit vollen Händen gegeben. Sie gab auch jetzt noch, aber ohne rechte Freude daran zu haben. Tenn als sie der Großmutter einmal in Miriams Gegenwart erzählte, daß all die armen Leute ihr zeigten, wie gern sic sic mochten, hatte Miriam höhnisch gesagt: „Se wissen ach, warum se so gutt 'mit Sie sind, Jevrauw." Seitdem sah Gerta die Armen anders an. Selbst bei denen, die wirkliche Sympathie für sie hegten, glaubte sie tlug verhehlten Egoismus zu bemerken. Nach Miriams letzter Bemerkung wollte derselbe verwirrende Schatten des Mißtrauens auch gegen ihre neuen Freunde in ihrem Herzen Platz greifen. Aber den verjagte zum Glück noch ihre Vernunft. Tie Paters waren doch selbst reich. Tie hatten doch nicht nötig nett zu ihr zu sein, blos weil sie Geld hatte. Tas war nur Mirams Bosheit, die das vermutete. Gerta wurde schnell wieder heiter. Sie freute sich furchtbar aus den Mend. Miriam mußte sie sorgsamer frisieren als sonst, lind sie wählte eine ganze Weile nach der passenden Toilette. Ihre Tienerin, die dadurch länger als sonst aufgehalten wurde, ließ es nicht an spitzigen Bemerkungen fehlen. Aber Gerta wollte sich die Laune nicht verderben lassen. Ten ganzen Tag über war sie lustig und hüpfte umher wie ein Stieglitz. Und die liebe, goldene Großmutter, die ihrem „Plaganderchen" nicht ein Bischen böse war, küßte und umschmeichelte sie so, daß die alte Frau das „Schusselchen" ordentlich abwehren mußte. Endlich wurde es dunkel und Gerta machte sich zum Gehen bereit. „Mieu, Großmutterchen. Ich wünsche auch gut schabbes." __ In diesem Augenblick trat Adani 'seelig ins Zimmer. Gerta hatte ihn fast öine Woche nicht gesehen, denn eine Anzahl Typhusfälle im Ghetto, Seite 5. die bei der dichten Bevölkerung leicht epidemisch ausarten konnten, nahmen Ihn stark in ■ Anspruch. Um so mehr, als es auch galt, bei den Gesunden aus hygienische Vorbeugungsinittel zu dringen, ein Beginnen, das bei der Unwissenheit und Lässigkeit der Betreffenden mühevoll und zeitraubend war. Tr. Seelig, der eben seine Sprechstunde beendet hatte, ließ sich ermattet in einen Sessel gleite». „Warten Sie noch einen Augenblick, Gerta. Ich komme mit zur Schul." Er zogseine Uhr. „Es ist ja auch noch zu früh." „Ich gehe heut nicht in den Tempel." Sie sprach trotzig, um ihre leise Scham zu verbergen. „Wo gehen Sie denn jetzt gegen Abend noch hin?" „Ich bin eingeladen bei Paters." Ter Arzt wollte etwas erwidern, aber er überlegte, daß er dazu kein Recht mehr hatte. Wozu auch-? Jan ter Borg würde von seiner jungen Gattin nicht verlangen, daß sie den Schabbes hielt. Mochte also Gerta Rüben tun, was sie wollte. 'Als diese keine Antwort erhielt, blickte sie scheu zu ihm hinüber. Seine großen Augen sahen sie tief schmerzlich an. Und auf eininal bemerkte Gerta, wie schmal des Arztes Gesicht geworden war, wie lcichenhaft fahl es sich von dem alten, braunen Sessel abhob. Ein heißer Schreck durchfuhr sie. „Sind Sie trank, Herr Doktor?" Ihre Stimme war leise und weich gewesen. „Ich habe nur etwas Kopfschmerz." Gerta zögerte noch immer zu gehen. Aber ihre Anwesenheit schien peinigend auf den Leidenden zu wirken. „Gehen Sie immer, Kind." — Er unterbrach sich. Diese Anrede paßte nicht mehr ans die ßchöne, junge Dame in der eleganten Gesellschaftstoilettc. „Gehen Sie immer, Gerta. Wir haben ja doch verschiedene Wege," vollendete er dann brüsk. Sein Ton hatte sie verletzt. Sie ging mit kurzem Gruß hinaus. Tann auf dem Wege überlegte sie, ob es denn wirklich solch ein großes Verbrechen >var, daß sie heute vom Hause fortging. Mußte Tr. seelig darum so herb zu ihr sein, sie anschauen schmerzlich und verachtungsvoll wie eine Verlorene? Sie hatte allen Grund ihm böse zu sein. Und das soUte er auch merken. Aber da sah sie sein bleiches, mildes Gesicht; vor sich. Wie er'vorhin, als er im Stuhl saß, an ihren lieben, guten Vater in seiner Leidenszcit erinnerte. Wie dieser war er immer gut und freund^ lich zu ihr gewesen, auch dann, wenn sie ihn wissentlich verletzt hatte. Warum eigentlich? Was ging sie ihn an, das trotzige, undankbare Kind eines wildfremden Menschen. Und plötzlich dämmerte in ihr eine Ahnung auf von der Seelengröße des Mannes, der fiir sich nichts, für andere alles tat, den selbst die Bosheit einer Miriam unbegeisert ließ. Sie kam sich auf einmal erbärmlich klein vor. Ihre strahleud selbstzufriedene Heiterkeit fand sie heut auch bei den lustigen Paters nicht wieder. XII. Es war lange nach Mitternacht, als sie nach Hause kam. Sie öffnete leise die Tür und wollte sich, um die Großmutter, mit der sie das Schlafzimmer teilte, nicht zu stören, im Wohnzimmer entkleiden. Ein immer wiederkehrendes Röcheln und Stöhnen ließ sie erschreckt inne halten. Sie lauschte und stellte fest, daß die unruhigen Laute aus Tr. Seeligs Schlafzimmer drangen. Ohne einen 'Augenblick zu überlegen, öffnete sie die Tür und ging, das Licht in der Hand, hinein. Ter Arzt saß ausgerichtet in seinem Bett und starrte die Eintretende verständnislos an. Um seine Schläfen hatte er ein tvekßes Tuch gebunden. „Herr Tottor, ist Ihnen etwas? Ich hörte sie nebenan so furchtbar stöhnen." Er antwortete nicht gleich. Auf dem Stuhl vor seinem Bett stand eine Schüssel mit Wasser, in der Leinwandstreisen lagen. Er hatte sich wohl Kompressen machen wollen. Tas Gesicht war feuerrot. Gerta sah sofort, daß er schwer krank war. Eine jäh aufflammende Angst preßte ihr das Herz zusammen. Sie beugte sich zu Adam herab. „Kann ich Ihnen etwas helfen, Herr Toktor?" Ihre Stimme bebte. Seine fiebernden Hände umspannten schmerzhaft ihre feinen Gelenke. Es war, als hätte ihre Nähe den Bann des Fiebers urplötzlich gebrochen. Sein Blict wurde bewußt. Mit gewaltiger Anstrengung versuchte er, sich zusammeln. „Gerta, Kind, wie komnien Sie hierher," sagte er heiser. „'Als ich nach Hause kam, hörte ich Sie stöhnen. sie sind krank, Herr Toktor. Ich möchte Ihnen so gerne helfen." . ' „So gerne, Gerta? Tann legen Sie einen Moment Ihre kühle Hand auf meine heiße Stirne." sie wollte tun, wie er verlangte. Ta stieß er sie heftig von sich. „Gehen Sie! Fort! Rühren Sie mich nicht an. Sie nicht! Höre» Sie nicht, Gerta, Sie sollen gehen! Ich will sie hier nicht sehen. Ich kann Sie nicht mehr sehen. Gehen Sie! Lachen Sie, mit Eharlie Pater, mit Jan ter Borg. Sie sind das Leben, ich bin der Tod. Fort, fort."

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